16.12.09
09:55 Uhr

Sind wir nicht alle ein bißchen uncool?

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Montag war ich bei der Düsseldorfer AIDS-Hilfe-Gala in Düsseldorf. Während mein Blick zu Anfang über die Gäste schweifte, fiel mir wieder ein, was Brian Eno vor kurzem im Prospect Magazine so zusammenfaßte:

There’s a whole generation of people able to access almost anything from almost anywhere, and they  don’t have the same localised stylistic sense that my generation grew up with. It’s all alive, all “now,” in an
ever-expanding present, be it Hildegard of Bingen or a Bollywood soundtrack. The idea that something is uncool because it’s old or foreign has left the collective consciousness. (Hervorhebung durch mich)

Genau so kam es mir vor bei den zu versteigernden Werken der Künstler, beim Alter und der Provenienz der Gäste und ihrer abendlich-festlichen Garderobe. Es gab keine vorherrschende Richtung, keine Logik, kein in diesem älteren Sinne schlechtes Bild. Die Gäste waren grundsätzlich ‚gut‘, aber sehr unterschiedlich angezogen. Nichts davon konnte man uncool nennen.

Während man früher Menschen instinktiv und augenzwinkernd als uncool ‚diskriminierte‘, freute man sich heute über die Vielfalt, die einen umgibt. Keine Mode, die einen einengt.

Noah Brier hat eine ähnliche Beobachtung für die Musik gemacht, als er feststellt, daß zwei von drei Liedern, die er im Radio hörte, in der neuen Guitar Hero Edition enthalten sind, Hits aus den letzten 30 Jahren, die mancher durch Guitar Hero zu ersten Male erlebte. Es gibt keine uncoole Musik.

Ich selbst hielt es eher mit Diva, die meint, der Kommerz muß sich der Musik unterordnen, nicht die Musik dem Kommerz. Immer noch uncool ist für mich das Kommerzielle.

Sind die Zeiten des Uncoolen wirklich vorbei? Ist alles erlaubt? Ist alles gut? Ist uncool zu sein das neue cool sein, wie Noah meint? Gibt es nichts uncooles mehr?

Eine Meta-Ebene des Un/Coolen?

Vielleicht haben wir inzwischen erkannt, daß es wichtigeres gibt, als die Welt in cool und uncool zu unterteilen. Vielleicht haben uns Internet und Long Tail tatsächlich verändert und uns etwas gelehrt, ohne daß wir es bewußt wahrnahmen.

Unabhängigkeit, Individualität und Ungeduld sind uns wichtiger als die Überlegungen zu cool und uncool? Uncool sind Grenzen, Limitierungen, beschränkte Horizonte? Vielleicht haben wir bemerkt, daß Vielfalt wichtiger ist als modisch-schnellebige, kreative Einfalt bzw. Einfallslosigkeit.

Uncool ist Musik, die nicht von einer Künstlerpersönlichkeit kommt, sondern aus der Retorte, dem Massencasting mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, alle – und damit keinen wirklich – ansprechen zu wollen?

Uncool sind Kreativ-Wettbewerbe, die heute noch immer eine Jury und nicht den Konsumenten entscheiden lassen, was kreativ ist und was Wirkung hat?

Uncool ist Werbung, die es nicht zum Viral bringt. Uncool ist Werbung, die Monologe hält, von der Kanzel predigt statt sich unter das Volk zu mischen?

Uncool ist all das, was nicht die neuen Möglichkeiten des Mobilen, des Digitalen und Interaktiven nutzt? Uncool ist all das, was nicht unsere neue Unabhängigkeit, Individualität und Ungeduld unterstützt?

Uncool ist all das, was uns sagt, was wir tun sollen, wie wir aussehen sollen, wie wir ausgehen sollen, was wir hören, anziehen, sagen sollen? Uncool ist all das, was uns wieder abhängig, gleichgeschaltet und geduldig machen will?

Uncool ist all das, was uns immer noch weismachen möchte, es gäbe tatsächlich ein cool- und ein uncool-sein?

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4 Kommentare

  1. Lesetipps für den 16.12.2009 | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

    […] Sind wir nicht alle ein bißchen uncool? Ralf Schwartz philosophiert im werbeblogger über Moden und Trends im Zeitalter des Realtime Web. […]

  2. Nele

    Durch die Webvielfalt sind wir sicherlich tolleranter geworden, aber auch oberflächlicher und unkonzentrierter.

  3. ralf schwartz

    @Nele
    Man muß versuchen, Vielfalt qualitativ zu begreifen, nicht quantitativ. Dann entfällt das Argument des Oberflächlichen und Unkonzentrierten automatisch.

    Zudem gehen Oberflächlichkeit und fehlende Konzentration von einem selbst aus und der eigenen Befindlichkeit, nicht von äußeren Anlässen. ;-)

  4. Andreas

    Erinnert mich an die Werbung von Milla its cool man

Eure Kommentare

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  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
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