16:19 Uhr
Publikation 2.0: Nun fast in echt
Wired/Adobe—Wired Magazine Goes Digital
Laut Adobe ist dies ein “prototype [that] runs across different device types with Adobe AIR.” Damit ist diese Demonstration von Wired und Adobe keine Konzeptstudie wie das Mag+ von Bonnier & BERG oder das Sports Illustrated Tablet Demo, aber trotz dieser technischen Erläuterungen erscheint es mir zweifelhaft, ob all das, was der Clip vorführt, zum Beispiel im kommenden April auch wirklich auf Apples iPad läuft.
Nachdem sich die Gemüter über das iPad erhitzt und wieder abgekühlt haben — und hier möchte ich auch noch einmal hinweisen auf die exzellente Zusammenstellung und Analyse von Venessa Miemis — besteht die zur Zeit interessanteste Frage darin, ob das iPad Verlagen und Pressehäusern lediglich darin assistiert, ihre potemkinschen Geschäftsmodellfassaden noch für ein paar Jährchen aufrechtzuerhalten, oder ob es ihnen tatsächlich eine Plattform bietet für innovative und wirtschaftlich zukunftsträchtige Publikationsformate.
Probleme gibt es, so oder so, genug. Ich teile nicht jede Kritik am iPad hinsichtlich der Entwicklung und der Auswirkungen eines Splinternet, aber luftdicht abgeschlossene Systeme — Nordkorea oder der iPhone | App | Store kommen in den Sinn — haben eine natürliche Neigung zur Zensur. Und es beruhigt nicht mein Gemüt, wenn Apple im Vorfeld des iPad-Release, welches ja „praktisch alle“ iPhone Apps verdauen können soll, eine Säuberung stalinistischen Ausmaßes vornimmt und 5000 “Blue Apps” aus dem ohnehin schon neo-puritanischen App Store entfernt, um ihre Plattform zielgruppengerecht von TechGeeks der 2010er (iPhone) zur NuclearFamily der 1950er (iPad) zu migrieren. Einschließlich der vertrauten kapriziösen Entscheidungen darüber, welche Apps und Unternehmen von der Säuberung betroffen sind und welche nicht.
Ebenfalls alles andere als vertraueneinflößend sind die finanziellen Verrenkungen der New York Times, die über ihre delirierenden Preisvorstellungen von bis zu $360 pro Jahr für ein Abo der NYT iPad App mit Apple in den Clinch gegangen sind. Auch wenn ich alles andere als ein Fan von Gawker Media bin, hier schließe ich mich an:
Even by the standards of the old-fashioned Times, it would be shockingly retrograde to charge such a huge sum for internet content to protect the fading print edition. It would also be self defeating, exploding the paper’s best chance yet to charge readers for its digital product.
Was ich gerne einmal sehen würde, sind Wirtschaftlichkeitsstudien oder Business-Modelle für hochwertige Magazine oder Zeitungen mit exzellenten redaktionellen und journalistischen Inhalten für reine Mobil-Digital-Abos ohne Print-Zombies, die sich in deren Knöchel verkrallen und Schritt für Schritt für Schritt mitgezerrt werden müssen in eine unsichere ökonomische Zukunft, während sie sich große Fleischstücke aus den digitalen Waden herausbeißen.
Aber bei der Wirtschaftlichkeit spielt neben Abo-Modellen natürlich auch die Werbung eine große Rolle. Um Creative Director Scott Dadich aus dem Clip zu zitieren:
The advertising is as important as the editorial in all of our magazines, and especially in Wired. People come to Wired for the authority of the edit and the richness of the experience to learn about new products and services that our advertisers provide.
Hier sehe ich zwei Herausforderungen auf digitale Zeitungen und Magazine zurollen:
· Zum einen hochwertige Werbung einzubinden, die tatsächlich einen Mehrwert für Leserinnen und Leser bietet, statt in kürzester Zeit aus Kreativpreisgeilheit oder Einfallslosigkeit heraus zu einem Clon der vertraut-allgegenwärtigen Flash-Zappeleien zu degenerieren, die nicht nur keinen Mehrwert bieten, sondern auch oft so kontraproduktiv wie möglich sind.
· Zum anderen hochwertige Werbung einzubinden, die tatsächlich einen Mehrwert für Leserinnen und Leser bietet, aber ohne dabei der Public-Relations-Magiergilde noch mehr Raum und Gelegenheit zu geben für ihre Zaubervorstellungen, in denen sie werbliche Inhalte in redaktionelle verwandeln und umgekehrt.
Aber das muß natürlich alles nicht funktionieren, oder zumindest nicht so bald. Denn wenn diese tolle neue Welt der digital-mobilen Medien mit Zensurorgien, printinduzierten Preisschlammschlachten und Adobe-AIR-befeuerten Autos beginnt, die auch nur das machen, was 360°-Ansichten in Flash-gestützter Autowerbung seit gefühlten Dezennien tun, sollte auch ein Szenario nicht überraschen, in dem dieser Markt nach einer kurzen Anlaufphase implodiert. Und wie es mit diesem Geschäftsmodell dann weitergeht, wird ganz davon abhängen, ob die Implosion winselnd vonstatten ging oder mit einem großem Knall.
15 Kommentare
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- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
- Ralf Hillmann: Da kann ich nur sagen, die Bezeichnung Video-Perle passt einfach perfekt. Da soll noch einmal jemand behaupten Werbung habe nichts...

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Am 24. Februar 2010 um 16:38 Uhr
Die vertraut allgegenwärtigen Flashzappeleien verschwinden aber doch mehr udn mehr von der Bildfläche und das ist auch gut so, denn eigentlich kann man mit Flash nur ein paar Segmente bedienen.
Am 24. Februar 2010 um 16:42 Uhr
@Dude Das stimmt. Letztendlich ist natürlich nicht die Technik dafür verantwortlich, was damit passiert, sondern wie sie genutzt wird. Ich hoffe wirklich, daß der Weg, den Flash ging, nicht von den neuen Techniken für die Tablet-Medien repliziert wird.
Am 24. Februar 2010 um 16:43 Uhr
Was Flash betrifft, dürfte es ohnehin schwierig werden mit dem iPad. ;-) Aber auch mit anderen Techniken gilt: kein Entwicklungswerkzeug ist so gut, dass es nicht auch für schlechte Werbung eingesetzt werden wird.
Am 24. Februar 2010 um 16:44 Uhr
@J: Ha, gleicher Gedanke, fast zeitgleich gepostet :-)
Am 24. Februar 2010 um 16:45 Uhr
@Roland Hehe, in der Tat :-)
Am 25. Februar 2010 um 15:37 Uhr
“eine Säuberung stalinistischen Ausmaßes”
16 Mio Menschen töten oder 5.000 Apps löschen. Same, same. Steve, setz dich doch auf die Saunabank da ganz oben. Genau da, wo Josef und Adolf schon sitzen. Ernsthaft, seit wann sind solche Genozid-Anspielungen in so einem Rahmen wieder salonfähig?
Am 25. Februar 2010 um 16:20 Uhr
@Björn Daß Du hier mit Adolf, Genozid und Saunabänken auffährst, macht lediglich deutlich, daß Dir der Unterschied zwischen einer strukturell motivierten (und in diesem Fall absolut gängigen) Metapher und einer inhaltlich motivierten Metapher ebensowenig bekannt ist wie der Unterschied zwischen stalinistischen Säuberungen und Genozid. Aber das direkt proportionale Verhältnis zwischen Ignoranz und Lautstärke hat ja noch nie an Salonfähigkeit eingebüßt.
Am 25. Februar 2010 um 17:16 Uhr
stimmt, du hast recht. holodomor-anspielungen natürlich. ich finde die metapher deplaziert, das wollt ich zum ausdruck bringen. vielleicht versteh ich sie auch nicht, soll stalinistisch in deinem strukturell motivierten kontext “besonders gründlich” bedeuten? und nur weil etwas gängig ist muss man es noch lange nicht verwenden.
Am 25. Februar 2010 um 17:29 Uhr
@Björn Alles klar: Das ist ein berechtigter Einwand und eine gute Frage. Ich denke darüber nach und antworte heute abend in Ruhe.
Am 27. Februar 2010 um 16:48 Uhr
Wenn ich mir das Szenario nicht auf einem Tablet
sondern in der Größe eines Flipcharts vorstelle,
dann wird es richtig spannend.
Abrufbare-Audiodateien könnten große Teile des
Texts ersetzen.
Die Verschmeldung von Text, Audio, Bild und Video
mit Verlinkungen zu Webseiten, direkten Anklopf-
und Kontaktmöglichkeiten zu den Autoren oder live
Gedanken mit anderen Lesern austauschen..
Am 1. März 2010 um 11:29 Uhr
@DL Ich bin nicht sicher, ob Touchscreens die richtige Interface-Technik für Flipcharts wären (mal davon abgesehen, daß kapazitive Displays dieser Größe sich zur Zeit nicht realisieren ließen). Dazu kommt, daß ab einer bestimmten Displaygröße die Armlänge zu kurz wird, um den nötigen Abstand und den nötigen Überblick zu behalten. In Minority Report wurde dieses Problem mit Hilfe „berührungsloser“ Technik gelöst, nämlich Steuerung durch Gesten. Zwar gibt es bereits erste konzeptuelle Prototypen gestengesteuerter Interfaces, aber “Hitting Mainstream Soon” mit praktischen Anwendungen und Massenfertigung für Flipcharts o. ä. halte ich für ein bißchen zu optimistisch …
@Björn Ich nehme an, daß eine Verwechslung der politischen Säuberungen z. B. mit dem Holodomor dadurch befördert wird, daß im Deutschen der Unterschied zwischen “purge” und “cleansing” verlorengeht. Der Unterschied zwischen „Stalinschen“ und „stalinistischen“ läßt sich ebenfalls leicht übersehen. Gemeint — und die Anspielung auf das stalinistische Nordkorea war auch Teil dieser Metapher — sind spezifische Formen struktureller Paranoia mit spezifischen Handlungsmustern, die sich im Umfeld politischer und wirtschaftlicher Machtkonzentrationen ausbilden können. Ist die Metapher in diesem Kontext überzogen? Natürlich. Aber sie ist nicht überzogen in dem Sinne, wie eine inhaltlich motivierte Metapher dies wäre, und sie sollte auch polemisch sein aus Gründen, auf die ich heute etwas ausführlicher in meinem Blogeintrag auf between drafts eingehe.
Am 1. März 2010 um 11:34 Uhr
[...] den Kommentaren zu meinem Werbeblogger-Eintrag „Publikation 2.0: Nun fast in echt“ wurde die Frage aufgeworfen, ob im Umfeld korporierten Handelns, wo es lediglich um materielle [...]
Am 8. März 2010 um 12:25 Uhr
[...] York Times über die Köpfe der Online-Verantwortlichen hinweg bizarre Abopreise von bis zu $360 im Jahr für die iPad-App durchsetzen wollen. Eine Wiederholung allerdings ganz im Sinne von Marx’ [...]
Am 9. März 2010 um 14:14 Uhr
Die Umstellung auf hochwertige Werbung mit Mehrwert stelle ich mir schwierig, aber nicht umöglich vor.
Als Leser absolut wünschenswert!
Empfehlen wir auch in unserer Linkliste:
http://bit.ly/bFTSoF
Am 12. April 2010 um 14:38 Uhr
[...] Dazu gesellt sich Apples Zensurmaschinerie, die nicht nur von mir “capricious” und “stalinesque” genannt wird, und deretwegen (von T-Mobile mal ganz abgesehen) mir ein iPhone nicht ins Haus kommt. [...]