17.10.09
14:53 Uhr

Jack Wolfskin eröffnet den Abmahn-Herbst!

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Ein Gastbeitrag von Ralf Schwartz, mediaclinique

Mit Jack Wolfskin vergreift sich wiedermal eine weltweit agierende und sich selbst für integer haltende Marke an den kleinsten und schwächsten Gliedern des Long Tail. Jack Wolfskin, dessen Logo eine Wolfstatze ziert, untersagt allen Anbietern von Pfoten(!)-Designs die Verwendung derselben, denn Jack Wolfskin sieht seine Markenrechte verletzt!

Lernen Anwälte und PR-Menschen eigentlich nichts aus den Vorgängen der Vergangenheit? Wiedermal sind Abmahnanwälte im Namen einer Marke unterwegs, um ihr den Garaus zu machen. Wiedermal riskiert man wegen fragwürdiger Markenschutzbemühungen einen PR-Gau und das Image einer wertvollen Marke.

Vollkommen unverständlich (und unlogisch) bedroht Jack Wolfskin nicht nur Dawanda – als Hort der verbrecherischen Umtriebe junger Mütter und Stick-begeisterter Damen – mit Abmahnung (der Brief der Anwälte liegt uns vor), sondern mahnt auch die Dawanda-Member fliegenpilzle und Dasaba direktmal ab!

„Ich hab heute eine Abmahung von Jack Wolfskin im Briefkasten gehabt 991 Euro.“, schreibt fliegenpilzle am 14.10., 18:35 Uhr, im Dawanda-Forum.

„Huhu, jetzt sind wir schon zwei. Ein 859 € Einschreiben hat mir der Postbote heute gebracht.“, schreibt Dasaba an gleicher Stelle am 16.10., 13:20 Uhr.

Welchen Sinn das macht, weiß wohl nur ein sehr einsamer Wolf, denn wenn die Produkte doch von der Dawanda-Site entfernt werden, gibt es keinen Case mehr! Dann muß niemand mehr einzeln abgemahnt und mit Strafe/Gebühr belegt werden! Oder geht es wie immer nur darum, sich nett was nebenher zu verdienen?

„Call off the Wolves, Jack!“

Auch den Shop von Jolyon Yates hat Dawanda geschlossen – weil er Katzenpfoten-Sticker und -Taschen dort verkaufte! Nachdem er bei Dawanda auf Granit biß, schrieb er an den Wolfskin CEO und dessen Anwälte (erhielt aber keine Antwort): „Call off the Wolves, Jack!“.
Auch sein Facebook-Post (nur Fans) von Freitagmorgen, 09:58 Uhr, blieb bisher unbeantwortet!

Hier ein direkter Vergleich der Wolfstatze von Jack Wolfskin (links) und der Katzenpfote (seiner Katze Princess) des Jolyon Yates (rechts):

Jw_pawprints
Courtesy Jack Wolfskin
und Jolyon Yates.

Es gibt einfach keine wirkliche Verwechslungsgefahr, oder? Rechts Senfflecken, die aus einem Karussel auf den Asphalt tropften, rechts ein schreiendes Baby mit Augen und geröteten Wangen. Come on, Jack!

Verständlicherweise macht sich Jolyon lustig über die Wolfskin-Aktion:

It turns out that despite only being formed in 1981, Jack Wolfskin GmbH & Co. KGaA (now the world’s biggest outdoor retailer) owns the rights to cat’s paws. Now, who would have thought that!?
I must let the ancient Egyptians, Walt Disney and the Pink Panther know at once!

Mit einer Analogie führt er die Aktion vollends ad absurdum:

Now, I appreciate for example that Apple (or say Blackberry !) must protect it’s brand-mark – stopping people from using brand-marks that resemble it’s own .. particularly within the technology field. Last time I looked however, my local fruit shop still sold Apples (and Blackberries !) and what’s more – from boxes with images of Apples (and Blackberries !) printed on them.

Ja, eine komplette und fragwürdige Überreaktion des deutschen Marktführers, bei dem man die eigenlich nett gemeinte Einladung auf der Website ab heute wohl als Drohung auffassen muß: „Lernen Sie uns kennen!“.

Nicht zu vergessen die Anwälte, die – wie immer bei solchen Aktionen – über ihre eigenen Ziele hinausschießen: „Fachliche Qualität und strategisches Vorgehen ermöglichen den Blick für das Ganze und die Entwicklung optimaler Lösungen.“ – „Wir sehen unsere Aufgabe darin, das auch unter kaufmännischen Aspekten beste und sinnvollste Resultat für unsere Mandanten durchzusetzen.“ (beides unter ‚Philosophie‘)

Hier möchten wir noch kurz mit einem Shop-Bild der Damen Dasaba und fliegenpilzle die immense Gefahr demonstrieren, die von ihnen, den Abgemahnten ausgeht:

Jw_dasaba
Screenshot courtesy Dawanda und Dasaba.
Jw_fliegenpilzle
Screenshot courtesy Dawanda und fliegenpilzle.

Wie unsicher muß sich ein Jack Wolfskin fühlen, um gegen diese Damen Abmahnungen zu versenden? Wieviel können sie ihm wirklich schaden? Wieviel kann Jolyon Yates‘ Princess Jack Wolfskin schaden?

Und vor allem: Wie geht es weiter bei Jack? Sind dies die nächsten Opfer von Jack und dessen Anwalts-Rudel?

Jw_wolfsbrueder
Wolfsbrüder – „… artgerechte Hundeerziehung in ihrer gewohnten Umgebung“.

Jw_katzenstation
Katzenstation – „… ist jetzt für Katz und Mensch viel gemütlicher. Sicherlich ersetzt das kein Zuhause, in dem man sich abends schnurrend an seinen „Dosenöffner“ kuscheln kann, aber es ist besser, als allein, hungrig und krank draußen in der Kälte auszuharren.“

Jw_vaunaev
Vauna eV – „wenn’s um Wildtiere geht“.

Wie wir auf diese kommen? Nun, wir haben sie gegoogelt – so wie Anwälte heute anscheinend Geld verdienen …

Wir wünschen Jack Wolfskin, daß er der Intuition eines erfolgreichen Unternehmers alle Ehre macht und erkennt, wie weit er sich von einer sinnvollen Verteidigung seiner Marke entfernt und sich auf den unberechen- und unkalkulierbaren Weg eines PR-Gaus und Markenimage-Desasters begibt.

Idealerweise sollten alle Verfahren eingestellt, die Damen und Jolyon im Zweifel rehabilitiert und entschädigt werden, Jack Wolfskin sich entschuldigen und in Zukunft auf Anwälte/Berater hören, die ihm der Zeit und den Möglichkeiten angemessenere Ratschläge erteilen!

Wir wünschen Dawanda, daß sie erkennen, daß die Mitglieder ihr höchstes Gut sind, daß man sich für sie einsetzen, sich vor sie stellen und mit ihnen für Recht und Gerechtigkeit kämpfen muß!

Wir wünschen auch diesen Anwälten, daß sich langsam herumspricht, wie die Welt im Web 2.0 funktioniert, daß man mit Kommunikation, Respekt und Gesundem Menschenverstand „sinnvollere Resultate“ für seine Mandanten erzielen kann als mit der Abmahnkeule!

Hier – der Vollständigkeit halber  – die Ereignisse (bis ich von Jolyon hörte) in chronologischer Folge:

01. Oktober: Datum des Briefes der Kanzlei Harmsen Utescher an Dawanda, bestimmte Produkte aus dem Dawanda-Sortiment bis 08. Oktober zu entfernen, sonst würde Dawanda „kostenpflichtig in Anspruch genommen“.

07./08. Oktober: Dawanda reagiert und räumt bestimmte Angebote frei von „Tatzen“ bzw. „Tatzenspuren“. (Bellythecat am 14.10., 10:35 Uhr: „Ich und textilfashion haben vor knapp 1 Woche ein Schreiben von Dawanda bekommen, daß unsere Angebote mit Pfoten beendet wurden. Begründung: Jack Wolfskin hat das Markenrecht auf die Tatze und sie hätten ein Schreiben derer Anwälte vorliegen.
Unsere Pfoten ähneln aber in keinster Weise der JW Tatze. Zudem haben wir entdeckt, daß trotzdem noch viele Pfotenartikel hier drin sind, sogar identische.“)

14. Oktober, 14:02 Uhr: Nach Bellythecat melden sich andere im Forum. Mehr als mit dem folgenden auf die besorgniserregenden Vorkommnisse zu reagieren, fiel Dawanda leider nicht ein. Wenn es ernst wird, ist man als Dawanda-Mitglied anscheinend doch nur eine Nummer und stört das Geschäft:

Hallo Ihr,
leider ist es wahr und wir mussten einige Produkte, die Pfoten darstellten, von der Seite nehmen. Gerade im Fall von Pfotenabdrücken ist das sehr ärgerlich und ich kann ziemlich gut nachvollziehen, wenn das schwer zu verstehen ist.
Wir wurden vom Markeninhaber kontaktiert, der uns eine Liste mit den beanstandeten Produkten vorlegte. In diesen Fällen mussten wir handeln.
Wir können und dürfen Verkäufern keine Rechtsberatung geben. Ich möchte Euch aber dazu raten, Euch zu informieren welche Merkmale Abbildungen von Pfoten erfüllen müssen, damit das Markenrecht nicht verletzt wird.
Wenn ihr sicher seid, dass keine Marken- oder sonstige Rechte verletz werden, könnt Ihr Eure Produkte selbstverständlich weiter über DaWanda anbieten.
Liebe Grüße

Peggy

Vielen Dank, Dawanda, die gesamte Verantwortung an die Mitglieder
weiterzureichen: „Euch zu informieren … , damit … Markenrecht nicht
verletzt wird. Wenn ihr sicher seid, …, könnt Ihr …
selbstverständlich … über DaWanda anbieten.“

*Ende des Artikels*

Einige Updates wurden anschließend veröffentlicht, die wir nun aus Gründen der Übersichtlichkeit an das Ende des Beitrages stellen:

(Update III)
Wie schon vermutet, nimmt Spiegel Online nun auch das Thema auf. Danke für den Quellenlink, Herr Lischka.

(Update II)

Keine 48 Stunden nach Erscheinen dieses Artikels hat Wolfskin für heute Nachmittag (laut Meedia) eine Pressemitteilung angekündigt. Mal sehen, ob sie sie hierhin schicken oder wir sie googeln müssen.
Mittlerweile verweisen laut Icerocket alleine über 70 Blogs auf diesen Artikel. Das ist enorm viel in der kurzen Zeit. Vielen Dank allen Aktiven an dieser Stelle.

Inzwischen gehen wir von mindestens 5-6 Abmahnungen aus. Wie viele Shops ohne Abmahnung geschlossen wurden, kann uns nur Dawanda sagen, die wir bereits am Sonntag kontakteten. Dawanda wollte sich daraufhin bereits telefonisch bei uns melden, was sie bisher nicht getan haben.
Die taz ist soeben mit „Jack Wolfskin gegen Hobby-Designer: Wenn die Wildnis abmahnt“ online gegangen.

(Update I) : Knapp 24 Stunden nach Veröffentlichung  ist soviel geschehen, daß wir hier ein kurzes Update geben wollen:

Samstag: netzpolitik.org „Abwahnsinn: Jack Wolfskin mahnt Bastelcommunity ab“ und sichelputzer „Jack Wolfskin, Dawanda und das Recht“ klinken sich früh ein. Unzählige Blogs folgen. Danke!
– Das BVB-Forum schaltet sich ein!
– Die News verbreitet sich über Blogs, rivva und Twitter so schnell, daß die Werbeblogger-Server in der TV-Primetime(!) für 2 Stunden in die Knie gehen, aber nach umgehender Optimierung die Nacht über halten.
– Im Dawanda-Forum sind inzwischen 38 Seiten mit Kommentaren der zurecht erbosten und sich im Stich gelassen fühlenden Dawanda-Shop-Betreiber gefüllt. Nur Dawanda selbst sieht wohl noch keine Veranlassung zur Stellungnahme. Inzwischen wissen wir von bereits 4 Abgemahnten!

Sonntag: Am Morgen spiegeln wir meinen Artikel wieder bei der
mediaclinique
, da die Werbeblogger-Server erneut unter dem Ansturm leiden. Wie soll
das nur Montag werden?

– Um 11:20 Uhr meldet sich Konrad Lischka, Spiegel Online Ressort Netzwelt im Dawanda-Forum und kündigt an, er „recherchiere ein Stück zu den Tatzen-Abmahnung von Wolfskin“. Sehr gut!
– Bei Wikipedia ist der Wolfskin-Artikel inzwischen verlinkt.
– Auch bei icerocket rockt Wolfskin!
– Bei Google ist der Artikel bereits an 3. Position hinter den Company-Sites.
– Erste schon vor Monaten Abgemahnte melden sich bei uns. Da scheint wohl noch mehr im Argen zu liegen bei Wolfskins Marken-Führungspolitik!?

– Eine Welle von Sympathie-Bekundungen schwappt über die Blogosphäre. 99,9% aller Interessierten geben den abgemahnten Privatleuten recht, nur der ewige Nico Lumma, der weltbeste Marken-, Kommunikations- und Social Media Experte, den vodafone und SPD sich leisten konnten, ist der Meinung, die Leute sollen doch die AGB lesen. Dawanda, da sei er sicher, habe damit nichts am Hut und Wolfskin klage nur das ihnen zustehendes Recht ein. Wo kämen wir denn da hin! Punkt. „Jack Wolfskin, die Meute und die AGB“!

Nein, lieber Nico, gaaaaanz falsch: Die heutigen Zeiten, in denen der Konsument weitaus unabhängiger, individueller und ungeduldiger ist als vor dem Siegeszug von Digitalisierung, Mobilität und Internet (und – das solltest Du, Nico, am besten wissen – der Siegeszug hat noch nicht einmal so richtig begonnen!), die heutigen Zeiten also erfordern eine weitaus höhere Sensibilität, Empathie und Intuition von Unternehmen und Marke.

Heute kann man sich nicht mehr unter seinen Konsumenten wie der Elephant im Porzellanladen oder der Fuchs im Hühnerstall bewegen.
Die Konsumenten sind keine amorphe Masse mehr, die kaufen und die Klappe halten soll!

Das müssen auch Unternehmen wie vodafone, JAKO und Wolfskin – und vor allem Berater wie Du – lernen und in ihr täglich Denken und Handeln integrieren.

Und Shop-Betreiber wie Dawanda, die von dieser neuen Unabhängigkeit und
Individualität leben, sollten sich erst recht ein wenig Rückgrat
gegenüber großen Konzernen zulegen, und ihren Kunden erhobenen Hauptes
vorangehen!
Dies also zu den letzten 24 Stunden. Lassen wir uns von den nächsten 24, vor allem vom Montagmorgen, überraschen!)
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702 Kommentare

  1. Jack Wolfskin und die Abmahnwelle: FÜNF FREUNDE 2 Logo | Filmfrage.net Blog

    […] mit dem Firmen-Pfötchen keinen Spaß versteht, zeigte das Unternehmen schon in der Vergangenheit: Ende 2009 wurden mehrfach Privatpersonen abgemahnt, die über das Portal Dawanda selbstgemachte Kissen und Stickvorlagen mit dargestellten […]

  2. SEO

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    Jack Wolfskin eröffnet den Abmahn-Herbst! | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv…

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