21.11.11
13:52 Uhr

Montagspredigt: Pampers – Wenn das große Geschäft ein klein wenig zum Himmel stinkt

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Update 23. November, 08:58Uhr:

Mir liegt nun eine offizielle Stellungnahme von Procter. Ich denke, man kann sie als Bestätigung meines Posts verstehen, oder? Widerspruch – oder gar Antworten auf etwaig entstandene Fragen – kann ich nämlich nicht entdecken.

Hier also die Stellungnahme, die mir von Sandra schriftlich zur Veröffentlichung freigegeben wurde:

Sehr geehrter Herr Schwartz,
Pampers liegt die gesunde und glückliche Entwicklung aller Babys auf der Welt sehr am Herzen. Um diese bestmöglich garantieren zu können, schließt sich Pampers auf globaler und lokaler Ebene mit unterschiedlichen Partnern zusammen, die genau dieses Ziel auch verfolgen. UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, ist dafür genau der richtige Partner.

Seit 2006 unterstützt Pampers UNICEF, um Tetanus bei Neugeborenen in den Entwicklungsländern zu besiegen. Durch die gemeinsame globale Kampagne von Pampers für UNICEF können 100 Millionen Mütter und ihre Babys vor Tetanus geschützt werden. Die Kampagne wurde in den letzten Jahren in 26 Ländern durchgeführt, in denen Tetanus bei Neugeborenen noch immer ein Problem ist. In zwei von diesen 26 Ländern, (Myanmar und Uganda) bestätigte die WHO 2010 die Eliminierung von Tetanus bei Neugeborenen. In weiteren sieben Ländern, die von Pampers unterstützt werden, sollen die Impfkampagnen bis Ende 2011 komplett abgeschlossen werden, sodass der Bestätigungsprozess zur Eliminierung von Tetanus bei Neugeborenen über die WHO in die Wege geleitet werden kann. Aber immer noch sind 130 Millionen Mütter und ihre Babys in 39 Ländern von der tödlichen Infektion bedroht. Tetanus betrifft die Ärmsten und Schwächsten der Bevölkerung, die meist in nur sehr schwer zugänglichen Regionen in den ärmsten Ländern der Welt leben und kaum Zugang zu einer qualifizierten Gesundheitsversorgung haben.

Der Betrag von 0,053 Euro entspricht genau den Kosten einer Impfdosis, die benötigt wird, um diese Mütter und ihre Babys gegen Tetanus zu schützen. Mit der Aktion konnte Pampers die Impfdosen zur Verfügung stellen und auch die Lieferung der Impfdosen unterstützen. Ausserdem konnte Pampers dazu beitragen, in der Öffentlichkeit genügend Aufmerksamkeit zu schaffen für ein Thema, das in den industrialisierten Ländern so nicht mehr präsent ist.

Pampers wird auch in Zukunft im Rahmen der Initiative „ 1 Packung = 1 lebensrettende Impfdosis“ einen Betrag an UNICEF spenden, der zum Beispiel den Kosten einer Impfdosis entspricht, denn die Zusammenarbeit von Pampers und UNICEF ist langfristig angelegt.

Mit freundlichen Grüßen,

Sandra Broich

Public Relations Germany, Austria and Switzerland
Baby Care/Fabric Care”

“Vielen Dank für die ausführliche Antwort”, hatte ich darauf geantwortet.

Inzwischen gibt es auch eine ‘Antwort’ auf die Pampers-Aktion von Jonas: er hat eine Facebook-Page eingerichtet, auf der man seine Meinung hinterlassen kann!
Also: Hinterlaßt auch dort Eure Meinung oder ‘liked’ die Seite!

Ursprünglicher Beitrag:

Gerade laufen sie wieder auf allen Kanälen, diese feinen Pampers-Spots, in denen sich die Marke wiedermal als Lebensretter geriert.

1 Packung = 1 lebensrettende Impfdosis
Mit jedem Kauf einer Packung Pampers mit Aktionslogo spenden wir den Gegenwert einer Tetanus-Impfdosis an UNICEF”
, schreibt Procter dazu auf der Website.

Wie gut und wichtig diese Aktion für Procter ist, sieht man an der Ausweitung der Aktion schon im nächsten Satz: “Sie helfen auch mit jedem Kauf einer Packung Ariel, Lenor, Swiffer, Mr. Proper, Antikal und Febreze mit UNICEF-Logo bzw. aus dem UNICEF-Aktionsdisplay”.

Kein Wunder, denn bei Pampers scheint man eine einfache Rechnung gemacht zu haben:

01 – Mit “lebensrettend” kann man eindrucksvoll von jeder Müllproblematik ablenken. Denn wer Leben rettet, kann doch nicht am anderen Ende der Welt diese absichtlich zumüllen, oder? Oder doch, wie 2010 hier im werbeblogger beschrieben?

02 - ”Lebensrettende Impfdosis” – Hey, das zieht doch besser als jede Produktoptimierung, die zudem teures Geld kostet, und damit jedesmal ein Renditen-Va-Banque-Spiel ist.

03 – Procter bohrt das Image der Marke auf: “Lebensrettende Impfdosis” – das hört sich irgendwie sinn- und wertvoll an. Und wenn eine Packung Pampers 17,79Euro kostet, dann kann Pampers auch gerne eine Impfdosis spend(ier)en, oder?

Nun, wenn die jungen Mütter wüßten, was Procter auch gar nicht verschweigt, würden sie dreimal überlegen, ob das so ein guter Deal ist. Denn die “lebensrettende Impfdosis” kostet genau 0,053Euro(!), wie im Kleingedruckten steht. Also 5Cent. Von 1779Cent Preis pro Packung.

04 – Um aber den Marketing-Stunt perfekt zu machen, realisiert Pampers gleichzeitig empfindliche Preiserhöhungen, wie die Wiwo dieser Tage in Die dreistesten Mogelpackungen berichtet: “104 Stück für 17,79 Euro: Das war einmal. Nun gibt es für den selben Preis nur noch 96 Stück. Versteckte Preiserhöhung nennt sich diese Änderung der Verpackungsgröße – laut Verbraucherzentrale Hamburg ist es bereits die 4. Preiserhöhung in vier Jahren”.

Die versteckte Preiserhöhung schlägt also mit 1,37Euro zu Buche – mit 137Cent vs der Impfdosis-Spende für 5Cent!

05 – Daß es im Kleingedruckten schon gar nicht mehr wirklich um eine Impfdosis geht, sondern nur noch um “zum Beispiel” die “Kosten für eine Impfdosis”, oder die Klick-Aktionen bei 100 bzw. 200.000 Klicks gedeckelt sind, ist da nur noch Chronistenpflicht.

Ob das funktioniert? Hm, was meint Ihr?
Ob man das den jungen Müttern mal erzählen müßte? Oder gar der Franzi von Almsick, die dieses Jahr die Aktion sponsort?

Trotz der guten Absicht und des noblen Gedankens und der hoffentlich tatsächlichen Hilfe, ist dieses für mich ein großes Geschäft, das ein klein wenig zum Himmel stinkt.

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15 Kommentare

  1. Jan

    Hallo und erstmal vielen Dank für den schönen Artikel. Obwohl es mich jetzt nicht überrascht hat, wenn ein großer Konzern mal wieder sein Image auf Kosten von afrikanischen Kindern aufpoliert und dabei auch noch Gewinn macht. Aber – es ist immer wieder schön zu lesen welchen neuen Trick sie sich diesmal haben einfallen lassen, die großen bösen Konzerne. Obwohl das “du kriegst jetzt weniger für das gleiche Geld ohne es zu merken”-Prinziep mitlerweile ja ein alter Hut ist. Wenn man sich dann dazu den Facebookauftritt von Pampers ansieht mit den ganzen glücklichen Prenzlauer-Berg-Müttern und Babys die einem von der Pinnwand entgegenstrahlen. Dann die Kommentare durchgeht in der sich jede zweite Prenzlauer-Berg-Mutter darüber aufregt, dass sie die ihr versprochenen Coupons immer noch nicht erhalten hat – weiss man – das die aktuelle Pampers Aktion von der Zielgruppe wohl nicht hinterfragt werden wird.
    Aber andererseits, gibt es ja auch genug andere Konzerne, die auch viel Gutes tun und natürlich auch davon profitieren. Nach dem Motto – eine Impfdosis oder keine Impfdosis – kann hier das Credo wohl nur lauten…kaufen!

  2. ralf schwartz

    Es ist immer wieder überraschend, daß auch heute Konzerne damit noch durchkommen. Schon aus Prinzip müßten die Mütter sich abwenden – wie sonst sollen aus ihren Kindern bessere Menschen werden. Keine Prinzipien mehr, kein Rückgrat.

    Im Grunde sorgt genau diese Haltung der Konsumenten dafür, daß Konzerne sich immer mehr rausnehmen …

  3. Don Johnsen

    Natürlich sind eine verdeckte Preiserhöhung im Spiel und natürlich machen Konzerne Marketingmaßnahmen nicht, um die Welt zu verbessern, sondern um Umsatz und Gewinn zu erhöhen. Wenn man aber isoliert die Impfaktion betrachtet, finde ich es trotzdem positiv. Schliesslich würden wahrscheinlich die meisten Käufer, alternativ gar kein Geld für wohltätige Zwecke spenden. Somit dürfte am Ende bei den Kindern immer noch mehr Geld ankommen, als wenn es die Aktion nicht gäbe.

  4. Florian

    Holgi von not-safe-for-work.de... hat neulich noch einen weiteren Spin in die Aktion gepackt: „Wenn Sie keine Pampers-Windeln kaufen töten wir (Procter) ein Kind“ (sinnngemäß). Ich denke das kann man so stehen lassen.

  5. Jürgen

    Hallo,

    Diese Masche ist ja nicht neu und ein weiterer Beleg dafür das wir uns von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft entwickeln. Dabei bleibt die Moral auf der Strecke. Natürlich ist es unmoralisch mit einem derartigen Geschäftsgebahren seine Profite zu erhöhen. Ob durch derartige “Retter des Urwalds” oder dieser “Impfaktion” wirklich irgendwelcher Nutzen entsteht sei noch dahin gestellt. Diese großen Konzerne hätten auch so ganz locker das Geld allgemeinnützlich tätig zu werden.

    Jürgen

  6. Jonas

    Sehr schöner Artikel!

    Ich bekomm sonst immer einen auf den Deckel, wenn ich die Heuchelei solcher Konzerne “anprangere”… So nach dem Motto: Die tuen wenigstens was und so…(wobei 5ct zu 1779ct ja eigentlich fast nichts tun ist…)

    Ich hätte große Lust, eine virale Gegenaktion auf Facebook zu starten: Für jede Mutter (oder jeden Vater), der nicht auf diesen doofen Marketinggag hereinfällt und sich von Pampers abwendet, spendiere ich großzügig eine Tetanusimpfung :-)!

  7. ralf schwartz

    @Don Na, ich sehe eher, daß von einer Packung, also von den min. 137Cent Mehrerlös, 5Cent an die Bedürftigen, 32Cent an Boni der Manager und 100Cent an die Aktionäre gehen.
    Natürlich kann man da weiterhin sagen: Besser als nichts. Aber genau diese fast schon zynische Betrachtung hat uns an den Abgrund geführt, vor dem wir heute stehen.

  8. ralf schwartz

    @Jonas Machen! – Kann aber teuer werden, denn selbst Procter stoppt solche Aktionen bei 100.000 Klicks!
    Aber das wäre eine schöne Aktion, wenn noch irgendein Konzern Fans für sein Page generieren möchte!

  9. ralf schwartz

    @florian Sehe ich auch. Das ist das, was beim Konsumenten als Mechanik unbewußt hängenbleibt. Eine Kommentatorin (bei Facebook) hatte ihr Gefühl geäußert, kaufen zu ‘müssen’, obwohl sie kein Kind hat!

  10. ralf schwartz

    @Jürgen Schön, dieses ‘Marktgesellschaft’.

  11. Jonas

    Sodele…

    facebook.com/pages/P...

    Der erste Schritt ist getan :-)!

    Jetzt nur noch nen Sponsor für die Aktion finden…

    Feel free to join ;-)!

    J.

  12. ralf schwartz

    Hallo @Jonas, eine schöne Sache. Danke. Jetzt müssen wir nur noch Leute darauf aufmerksam machen!

  13. Let the Mini-Shitstorm begin… | PampersPower

    [...] gar nicht sicher, ob die geleistet Spende überhaupt für die Bekämpfung von Tetanus benutzt wird. Werbeblogger hat bereits 2011 zu diesem Thema mit Pampers Kontakt aufgenommen und sich eine Stellungnahme gegen [...]

  14. Montagspredigt: Pampers – Wenn das große Geschäft ein klein wenig zum Himmel stinkt | Testblog

    [...] Montagspredigt: Pampers – Wenn das große Geschäft ein klein wenig zum Himmel stinkt Nov 21, 2011 by roland    No Comments    Posted under: Allgemein Tweet [...]

  15. Mama2012

    Meine Krabbelgruppe fällt schon längst nicht mehr auf Pampers herein, um ehrlich zu sein, wir benutzen die Windeln von Aldi, Rossmann oder Bella Happy, da diese sehr viel günstiger sind und ebenfals 24 Stunden trocken halten.

    Zudem ist es nicht bewiesen, das die Impfung überhaupt wirkt! Eher wird diese eventuell schaden durch das enthaltene Queksilber…

    Aber das ist leider nur unsere Meinung dazu, viele Mütter haben vertrauen zu den Firmen (egal welche).

    LG
    Mama2012

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  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
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