06.09.11
11:50 Uhr

Die FDP versteht von Politik ebensowenig wie von Markentechnik

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„… als Marke habe die FDP momentan „generell verschissen“, das sei die Meinung der Bürger“, meint Wolfgang Kubicki laut Spiegel.

Das sieht Herr Kubicki wohl zu positiv. Nicht als Marke hat die FDP „generell verschissen“, sondern generell hat sie „generell verschissen“! Niemand in der Bevölkerung wird über das Problem der ‚Marke‘ FDP nachdenken.

Vielleicht hat er grundsätzlich das falsche Buch von Domizlaff, dem Erfinder der Markentechnik, gelesen, nämlich „Propagandamittel der Staatsidee, … Mit diesem Buch wollte er sich bei Reichskanzler Heinrich Brüning als Werbeleiter des Deutschen Reichs für die Weimarer Republik empfehlen“ (ebd).

Vielleicht hat er auch den Titel des richtigen Buches fälschlicherweise überinterpretiert: Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Vertrauen beruht auf Handlung, beruht auf Erfahrung, auf Zuverlässigkeit. Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens ist keine Lotterie mit Alternativlosen, sondern harte Arbeit!

Vielleicht müßte man Herrn Kubicki und der FDP einfach mal erklären, daß Marke nicht alles ist, daß die Marke ohne Inhalt(e) auch nicht mehr als ein Stück lila Papier ist – alles und nichts.


Vielleicht aber denkt Herr Kubicki auch an andere Markentypen mit denen er ursprünglich punkten wollte: FDP als reine Plakette, als Duftmarke, Wasserstandsmarke, Hundemarke, Briefmarke, Rabattmarke, …

Vielleicht spricht das aktuelle Zitat des Domizlaff-Archivs gar in weiser Voraussicht die FDP direkt an:

Der markentechnische Dilettantismus unserer Zeit beruht nicht auf Ideenarmut, sondern auf dem Mangel an einem kritiksicheren Wissen, mit dem man die Spreu von dem Weizen zu trennen vermag.
Domizlaff: Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens, 2005, S.136″

Auch in der FDP müßte man die Spreu … hm … also wohl grundsätzlich neu anfangen: das öffentliche Vertrauen gewinnt man mit einem überlegenen Produkt, einer einzigartigen Mischung, einer Innovation, einer Problemlösung, mit einem Nutzen, mit Werten, mit Zielen, mit Taten statt Worten, mit Sinn, Bedeutung, Relevanz.

Das öffentliche Vertrauen gewinnt man mit Ehrlichkeit, mit Geradlinigkeit, mit Ecken und Kanten, mit Rückgrat und Mut, mit Zukunftsfähigkeit.

Das öffentliche Vertrauen gewinnt man als heutige FDP nicht mit Authentizität. Das Thema ist durch. Die FDP wird ihr Personal komplett auswechseln müssen. Wird sich selbst komplett auswechseln müssen. Dieses aktuelle Personal steht für die falschen Werte, für die falsche Zielgruppe.

Denn die FDP hat ua. die falschen Testimonials zu ihren Helden erklärt. Zuviele Silvanas, zuviele Doktortitel, zuviele Vorteile für zuwenige auf dem Rücken zuvieler Menschen.

Politik ist eine Berufung – des Dienens, nicht der Selbstbedienung. Politik ist Lebenswerk, nicht Lebensabschnittsgefährte bis einem die Industrie den Vorstandsposten andient, da man ihr wohlgedient hat, Herr Rösler.

Das öffentliche Vertrauen gewinnt man, indem man nicht auf das öffentliche Vertrauen schielt. Sondern mit Zivilcourage seinen Weg geht. Einen Weg, auf dem man selbst vorangeht. In Richtung eines Zieles, das größer ist als man selbst. Einen Weg, der die Menschen wieder inspiriert, und sie deshalb gerne folgen. Einen Weg der steinig ist, und Leistung abverlangt.

Die wohl wichtigsten Learnings für die FDP als Partei, als Karrieresprungbrett, als Marke und Unternehmen:

Die Marke muß zuallererst das Unternehmen selbst durchdringen!

Die Marke muß (vor)gelebt werden!

Die Marke selbst muß liefern, nicht die Menschen!

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11 Kommentare

  1. tuennes

    Die FDP nennt es ein Markenproblem, da sie immer noch glaubt, dass ihre Wahlschlappen nur mit schlechter Kommunikation und mit schlechter Personalauswahl zu tun hat. Das ist der totale Trugschluss. Meiner Meinung nach ist das Problem der FDP inzwischen, dass sehr viele Menschen merken, dass die FDP ein veraltetes „Produkt“ anbietet. Neoliberalismus bedeutet nicht die Freiheit des einzelnen, sondern – ganz sozialdarwinistisch – nur die Freiheit des (wirtschaftlich) stärkeren. Das will keiner mehr, und insofern ist die FDP inzwischen überflüssig.

  2. Michael

    Sehr viel Emotion, recht wenig Information, aber das trifft wohl die volksweite Einstellung zur FDP.
    – nicht die FDP, sondern Hr. Kubicki hat das gesagt
    – seine Aussage war, daß Personalwechsel nicht reichen, sondern die Inhalte der FDP überarbeitet werden müssen
    – Marke ist vor allem Leistungsversprechen und Differenzierung, dann erst die passende Kommunikation dieser – das genau sind die Inhalte einer Partei (und die Probleme der FDP), womit er also mit Marke nicht ganz unrecht hat
    – wenn man sich die Politik der FDP anschaut, dann war die Partei noch nie für Reiche und Neoliberalismus, sondern einfach für Leistung und deswegen für Freiheit, zwei Dinge, die dieses Land im globalen Wettbewerb dringend wieder braucht, aber ganz offensichtlich nicht will
    – insbesondere wie hierzulande mit Leistung umgegangen wird, macht mich nachdenklich; man siehe nur die schlechten Scherze zu Steve Jobs überall, der ein Sinnbild für uneigennützige, absolute Leistung ist

    my2c

  3. ralf schwartz

    Marke ist ersteinmal garnichts, sondern entsteht durch Handlungen des Absenders in den Köpfen der Menschen. Idealerweise sind diese Handlungen Taten und nicht nur Worte, Werbung, Kommunikation. Idealerweise keine Versprech(ung)en, sondern Erfahrungen des Empfängers mit dem Produkt selbst, mit einer Leistung.

    Erst Politik machen, dann Marke werden.
    Man kann nicht nicht kommunizieren. ;)

  4. Vroni

    Lieber Michael,
    das ist doch grade das, was nicht stimmt (nicht kongruent ist) und daher an der FDP aufstößt:

    1. Das Gerede von Leistung („Leistung muss sich lohnen“)
    wurde und wird punktgenau und richtig vom Volk als hohler, turbo-getriebener Euphemismus für „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ verstanden.

    2. Das Beschimpfen des Volkes, es ruhe sich aus und sei in der spätrömischen Dekadenz angelangt, es solle doch wieder Vorbild sein, wird von der FDP-Spitze selbst ad absurdum geführt. Wenn Dekadenz heißt „degeneriert, verweichlicht, tatenlos, geistiger Stillstand“ :-) dann ist sie selbst im höchsten Maße spätrömisch dekadent.

    Das, was die FDP seit Möllemann/Westerwelle produziert hat, ist 18% heiße Werbeluft mit purer Optik und nichts dahinter plus fehlendes Walk the Talk. Die Ortholiberalen, die sich FDP-nah fühlen, stöhnen seit geraumer Zeit nur noch.

    Mit der heißen Werbeluft kann sie sich allerdings problemlos in die Reihen vieler „Marken“ einreihen, die ihre Akzeptanz-Probleme versuchen, mit Design und flotten Sprüchen zu lösen. Und darf sich als „Marke“ fühlen. Allerdings als eine lausige.

    – Marke ist vor allem Leistungsversprechen und Differenzierung, dann erst die passende Kommunikation dieser …

    Falsch. Das ist eine strategische Positionierung.

    Nicht, dass es die nicht geben sollte, viele Unternehmen haben gar keine. Wäre also schon fein. Und danach kommt lange nix, und dann erst mal das Profil, das daraus entsteht. (Auch das haben viele Unternehmen nicht, sie wabern profillos herum = keiner weiß, was sie für Besonderheiten haben, sie sind Mittelmaß, glatt, stechen nicht heraus).

    Ein Profil ist gut, jedoch noch etwas sehr Rationales. Aber man kann sich freuen, wenn man eins hat. Viele haben wie gesagt, keines. Auch die FDP ist profillos, glatt.

    Marke ist, was durch deren Reden und Taten in den Köpfen und Herzen positiv und negativ allmählich entsteht. Gefühle, Bindungen.

    Wie die beim Volk bezüglich der FDP sind …:
    Mit Sicherheit noch schlechter als bei den anderen drei größeren Parteien.

    Ralf,
    im Grunde d’accord.

    Nur: die Begriffe „Markentechnik“ und „Markentechnologie“ sind alt und passen nicht mehr in die Zeit. Genau das Wort „Technik“ da drin verleitet ja taktik-orientierte Schlauberger, nur kühle „Technik“ anzuwenden, Markenerlebnisse also punktgenau zu „planen“. Und Herz, Gefühl, Bindung dabei zu vergessen. Marken sind nicht komplett kontrollierbar.

  5. ralf schwartz

    @Vroni „die Begriffe „Markentechnik“ und „Markentechnologie“ sind alt und passen nicht mehr in die Zeit. Genau das Wort „Technik“ da drin verleitet ja taktik-orientierte Schlauberger, nur kühle „Technik“ anzuwenden, Markenerlebnisse also punktgenau zu „planen“. Und Herz, Gefühl, Bindung dabei zu vergessen.“

    Genau deshalb wählte ich es ja. Es stellt die Verbindung zum ebenso überkommenen Politikverständnis her. Genau deshalb auch der gute alte Markentechniker-Domizlaff, dessen Propagandalehre in gefährliche Nähen rückt …

  6. Der Giza

    Das Problem der FDP ist, dass Ihr „Markenkern“, der Liberalismus, aktuell vom Wähler nicht nachgefragt wird. „Freiheit, Eigenverantwortung, weniger Staat“ sind nicht die Politikinhalte, die sich die Mehrheit der Wähler wünschen. Stichwort: „Der Kuschelstaat soll sich bitte um alles kümmern.“ Mehr noch. Die eigentlich ganz gute Idee des Neoliberalismus von 1938 ist durch die anderen Parteien zu einem Schimpfschlagwort verkommen. Jedes Diskussion kann mit dem Hinweis „Das ist Neoliberal“ beendet werden. Punkt.

    Die FDP muß also zwingend an der eigenen Identität sowie dem eigenen Profil arbeiten und die Chance nutzen, dass es keine wirkliche liberale Partei gibt.

  7. ralf schwartz

    Richtig. Wer sagt es ihnen? Und: Woher aber sollen die Jungs dort Identität nehmen?

  8. Vroni

    Erstaunlich, dass das Gegentum von Liberalimus immer wieder gleich der „Kuschelstaat“ ist.

    An ihrer Wortwahl erkennt man deren verzweifelte Rückzugsgefechte.

  9. Susanne Peyronnet

    Herrn Kubicki muss man immerhin zugute halten, dass er eine klare Wortwahl pflegt – das ist in der Politik, und schon gar nicht in der FDP selbstverständlich. Entlarvend finde ich jedoch, wie die FDP-Granden und weniger Granden selbst über ihre Partei reden. „Man“ müsse, sagt ihr Juli-Vorsitzender, von „wir“ ist da gar nicht die Rede. Das ist wie Körpersprache – ein Indiz für innere Distanz. Da nützt auch alles Nachdenken über die Marke nichts, wenn die eigenen Leute nicht den Eindruck machen, hinter dieser zu stehen.

  10. Wissentlich

    Michael, die FDP war eben nicht dafür, Leistung zu belohnen. Das zwar auch, und das hat sie immer wieder plakativ verkündet. Was den Leuten aber aufgestoßen ist, war dass die FDP unter Leistung auch Zockerei versteht. Die in realitas gegenüber den Arbeitseinkommen sogar bevorzugt wird. Und wenn bei sinkenden Realeinkommen – was vor allem den mit Arbeitszwang verbundenen Wohlfahrtskürzungen zu verdanken ist – die Zocker aus Staatskassen belohnt werden, dann muss das an der Glaubwürdigkeit zerren.

  11. Moritz Schönleben

    „- insbesondere wie hierzulande mit Leistung umgegangen wird, macht mich nachdenklich; man siehe nur die schlechten Scherze zu Steve Jobs überall, der ein Sinnbild für uneigennützige, absolute Leistung ist“

    Dass Steve Jobs als Unternehmer etwas Großes geleistet hat, ist völlig unstrittig, aber wie hierzulande mit Denken und Sprache umgegangen wird, wenn zum Beispiel der CEO eines Milliardenunternehmens als Sinnbild des Uneigennutzes bezeichnet wird, macht mich nachdenklich.

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