02.09.11
14:07 Uhr

Das hat Hamburg gerade noch gefehlt. Social Media Kampagne „HH-WG“ abgebrochen.

{lang: 'de'}

Die Stadt Hamburg hat als eine der bedeutenden Medienstädte Europas leider diverse Social-Media-Federn lassen müssen inkl. einigen Hundertausend Euro an wirkungslos verpufften Sponsoren- und Steuergeldern.

Kurz umrissen, ging es bei der Social Media Kampagne „hh-wg“ um ein Stadtmarketing-Projekt, bei dem vier Nicht-Hamburger über ein Jahr lang in einer 200 Quadratmeter Edel-WG direkt an der Reeperbahn gratis wohnen und als Gegenleistung kräftig via Twitter, Facebook & Co. ihre Erlebnisse publizieren und „kreative Menschen für die Stadt begeistern“ sollten. Kosten der Kampagne: gut 530.000 Euro, wovon die Hamburg Marketing GmbH einen Anteil von rund 279.000 Euro übernehmen sollte.
Aus der Privatwirtschaft beteiligten sich OTTO, die Sparda-Bank und Radio HH an diesem Projekt, Agentur ist Revolutions Advertising GmbH.

Zur Präsentation des Projektes im Mai 2011 wurden auch diverse Blogger informiert und Social-Media-Aktivisten eingeladen, am 01. September sollten die Gewinner von eingereichten Bewerbervideos einziehen. 3 von den 4 zukünftigen Bewohnern sollten zusätzlich einen Jahresvertrag/Job bei den drei Partnerunternehmen erhalten.

Die Hamburg Marketing GmbH unter Führung von Geschäftsführer Thorsten Kausch sah sich kurz vor dem Startschuss wegen der zunehmenden öffentlichen Kritik an dem Projekt gezwungen, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Da die Sponsorentruppe rund um OTTO allerdings keine Lust verspürte, nunmehr das Gesamtinvestment zu übernehmen, ist das Projekt nun D.O.A., Dead On Arrival.

Mich persönlich ärgert diese Entwicklung sehr, weil sie die im Grundsatz guten, wichtigen und notwendigen Ideen modernen Stadtmarketings frühzeitig tötet durch fehlendes kommunikatives Fingerspitzengefühl der Initiatoren, aberwitzige Budgetierungsdimensionen und diverse handwerkliche Fehler bei der Kampagne selbst.

Natürlich muss eine Stadt, die für junge Talente attraktiv bleiben will, auch das Mediennutzungsverhalten dieser Menschen berücksichtigen. Zweifellos ist Social Media gerade im Stadtmarketing ein ganz spannendes Thema mit Wirkungspotenzial. Aber eine halbe Million Euro für eine Edel-WG und wenig Transparenz bei den kommunikativen Auflagen und Verpflichtungen der Bewohner?

Was passiert z.B., wenn ein Bewohner der WG kritisch berichtet und aus PR- und Markensicht problematische Themen der Hansestadt aufnimmt? Hat er diese „Freiheit“ überhaupt?

Ist es wirklich zeitgemäß, wenn junge Berufseinsteiger und Kreative eine durchgestylte Schmuck-WG (gut 2000 € Kaltmiete monatlich) beziehen und sich innerhalb der Szene St-Pauli/Reeperbahn wie im hedonistisch-selbstgefälligen Elfenbeinturm ausgestorbener Alt-Werber aus den Achzigern des vergangenen Jahrhunderts fühlen dürfen?!

Ist das wirklich das Bild, welches Hamburg seinen jungen Kreativen übermitteln will?!

Mit einem Programm der Hamburg Marketing GmbH, das z.B. jungen Kreativen bei der Beschaffung und Vermittlung von bezahlbarem Wohnraum hilft, hätte man einen deutlich wirksamerer Kampagnenkern schaffen können, sowohl kommunikativ als auch sozial. Solche Aktionen tragen ein Weiterleitungs-Gen in sich, lassen junge Menschen aufmerksam werden und stimulieren auch die Mundpropaganda im Digitalen. Ein entsprechendes Kampagnendach inkl. Anlaufstelle im Web und sinnvoll angedockter Social-Media-Elemente sowie die breite Einbindung der Parteien als Unterstützer wäre das solide Fundament. Und auch Sponsoren wie OTTO hätten sich im Rahmen ihrer Recruitment-Aktivitäten positiv einklinken können.

Da viel Geld bereits versickert ist, dürfte es für eine Korrektur der Kampagne wohl zu spät sein. Für einen neuen Anlauf auf Basis der gelernten Erfahrungen wird es allerdings mehr als Zeit.

Keine Tags vorhanden

8 Kommentare

  1. ralf schwartz

    HH ist überall. Im Ruhrgebiet machte Dieter Gorny immer mal wieder gern Furore mit solch bekloppten, geldverschlingenden Projekten (siehe verschiedene Posts bei den Ruhrbaronen).
    Traurig, traurig, daß sowenig Ahnung in D. immer noch so teuer bezahlt wird.

  2. Bob Pflokschaf

    Wofür braucht man noch mal junge Kreative in seiner Stadt?

  3. Sebastian

    Mensch, die Aktion wäre ja fast an mir vorbeigerauscht. Und dabei hab ich sie selber „erfunden“ :D

    In einer Stadtmarketing-Kolumne für Dresden schrieb ich am 28.01.2010 eine Idee auf, bei der als WG übrigens eine Plattenbauwohnung in Dresden herhalten sollte.. Mein grob kalkuliertes Budget war jedenfalls um einiges kleiner! Inhaltlich war der Ansatz aber gleich :D

    konzeptspeicher.de/2... (Ab Absatz „Stadtschreiber-WG“)

    NEIN; das ist kein Vorwurf, dass eine Idee geklaut sein könnte! Ich schließe mich nur der Kritik von Roland an, dass die Aktion ziemlich bind und alls andere als „kreativ“ konzipiert wurde.

  4. ramses101

    Es ging nicht um die „jungen Kreativen“, sondern darum, dass in Hamburg 2000 Lehrstellen unbesetzt bleiben.

    Über die Location kann man streiten, wäre mein einziger Kritikpunkt gewesen.

    Alles andere war Politik und eklige Medienmeinungsmache.

    Die Erkenntnis nach einem Jahr war: Marketing kostet Geld. Huch.

    Da hat Hamburg mal wieder schön gezeigt, dass eigentlich gar keiner wirklich will. Und die Sponsoren (ausgerechnet OTTO – wie viel vom Jungfernstieg und der Elbphilharmonie haben die finanziert?) werden sich das merken und sowas spricht sich rum. Aber ja nicht erst seit gestern.

    Ich zitiere mal Grebe: Hallelujah Berliiiiin!

    (Nein, ich bin nicht mit der Aktion verbunden, ich finde nur den Umgang mit der Agentur peinlich.)

  5. Matt

    Wie schlau Ihr alle daherredet.

    „Ein entsprechendes Kampagnendach inkl. Anlaufstelle im Web und sinnvoll angedockter Social-Media-Elemente sowie die breite Einbindung der Parteien als Unterstützer wäre das solide Fundament. Und auch Sponsoren wie OTTO hätten sich im Rahmen ihrer Recruitment-Aktivitäten positiv einklinken können.“

    Das schreit nach „bingo“ und ich würde gern sehen, wie das jemand trotz Betonköpfen in den Parteien funktionierend aufstellen will.

  6. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Matt Eine Herkules-Aufgabe, in der Tat. Dass aber selbst viele Personen aus den Regierungsparteien der (hauseigenen) HH Marketing GmbH keine Fürsprecher des Projektes waren, zeigt mir, dass da was in der internen Kommunikation nicht stimmt. Und dass Thorsten Kausch als Geschäftsführer vom frisch beauftragten „Ober-Geschäftsführer“ von Albedyll scheinbar zurückgepfiffen wurde, nachdem der öffentliche Druck anstieg. Kein gutes Zeichen.
    Aber vielleicht kam da auch jemand unter die Räder, weil „mitten im laufenden Verkehr“ plantechnisch gebaut wird und wurde.
    welt.de/print/die_we...

  7. eAward Blogger

    Eigentlich eine coole Idee, aber hätten 500’000 Euro Budget den Nutzen jemals aufwiegen können? Komisch dass man das immer erst hinter her merkt…Social Media heisst zwar lernen, aber wenn das Lernen eine halbe Million kostet und eigentlich niemand richtig dafür ist ist das schon ein wenig peinlich.

  8. MM

    „Mit einem Programm der Hamburg Marketing GmbH, das z.B. jungen Kreativen bei der Beschaffung und Vermittlung von bezahlbarem Wohnraum hilft, hätte man einen deutlich wirksamerer Kampagnenkern schaffen können, …“

    Hierfür wurde vor über einem Jahr eine eigene Institution geschaffen:
    kreativgesellschaft....

Eure Kommentare

Feed
  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop