26.08.11
13:15 Uhr

Im Visier: Amir Kassaei kritisiert die Konsumgläubigkeit der eigenen Branche

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Das quantitative System hat abgedankt


Was hat die Marketing- und Werbebranche zu verantworten, wenn wir nicht nur beim staatlichen Sektor, sondern auch in Privathaushalten zunehmend mit ernsthaften Schuldenproblemen zu kämpfen haben?! Beim gestrigen ZDF-Talk mit Markus Lanz wurden zu den Live-Äußerungen von Talk-Gast Amir Kassaei, Kreativ-Chef von DDB, folgende Zitate eingeblendet:

„Unser Job ist es, Leuten Sachen zu verkaufen, die sie nicht brauchen.“
„Die Werber sind Schuld an der Krise, weil sie jahrelang Scheiße für Gold verkauft haben.“

Er spricht von Glück, von Wert(e)definitionen und der (konsumrelevanten) Frage, wie die Menschen ihre Glücksdefinition verändern (sollten). „Ist Glück die Suche oder die Sehnsucht auf das, was ich nicht habe […], oder ist Glück das, was ich besitze und nur nicht erkenne.“ Während dieser Worte rutscht Lanz schon unruhig auf seinem Stuhl herum, denn in der Tat hören sich die Ausführungen nach Predigten eines Werbe-Gutmenschen an, der diese Weisheiten wohl kaum in seinem eigenen Job umsetzen könne. Kassaei kontert, dass rückblickend die beste Werbung und das erfolgreichste Marketing immer „auf einer relevanten Wahrheit“ beruhe, nicht ohne nebenbei ein wenig Werbung in eigener Sache für seinen Vorzeigekunden „Volkswagen“ zu machen.
Ein „perverses Gebilde“ nennt er sich zum Abschluss dieses marken- und konsumphilosophischen Ausflugs, um anschließend das Thema wieder zu verlassen und über seine Lebensgeschichte zu berichten.

Man kann von Amir halten, was man will. Vielleicht fällt er dem einen oder anderen Branchenkollegen, der für seine Agentur um das tägliche Überleben kämpft,  mit seinen werbeethischen Metaausflügen auch mächtig auf die Nerven. Aber im Kern hat er Recht, egal ob es um das Ansehen und die Positionierung von Agenturen, werbliche Verführung bzw. Täuschung oder die Beliebigkeit von Markenarbeit und Produkten geht.

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15 Kommentare

  1. Patrick Breitenbach

    Ich frage mich ernsthaft warum Kassaei nicht als weltweiter Kreativchef einer weltweit agierenden klassischen Werbeagentur endlich das dreckige Handtuch wirft? Das wäre die vermisste Konsequenz die seinen markigen Fernsehstatements auch tatsächlich mal Glaubwürdigkeit verleihen würde.

    Dumm nur, dass er dann aber nicht mehr so schnell in Fernsehsendungen eingeladen werden würde. Wenn ihm die Werbung tatsächlich so auf den Senkel geht, könnte er doch jetzt als Kreativer locker irgendwo irgendetwas anderes wertvolles, kreatives, spannendes machen. Film, Fernsehen, Kunst oder Kultur. Von mir aus auch Produktentwicklung oder noch besser irgendwelche sozial sinnvollen Projekte. Von mir aus eine komplett eigene Ideenagentur. Whatever. So klingt das Gegrantel der letzten Zeit eher wie ein Junkie der auf die bösen Drogen und die böse Welt schimpft sich aber dabei genüsslich einen Druck nach dem anderen setzt. Entweder verändert Kassaei sich und seine Branche (oder entzieht sich ihr) und redet erst anschließend darüber wie er es macht. Oder er macht eben bitte stillschweigend weiterhin gut- bis bestbezahlt das was er in den letzten Jahrzehnten eben am besten konnte: Alchemie, oder wie Kassaei sagen würde: Scheisse in Gold verwandeln

    Ich wünsche ihm jedenfalls ernsthaft den Mut endlich mal ganz loszulassen. Dann und auch wirklich erst dann würde ich ihm seine innovativ anmutende Haltung auch wirklich abkaufen. So klingt das alles für mich eher noch nach perfider Weichspülreklame.

    Aber wer weiß welch großartiger kreativer Masterplan da tatsächlich hintersteckt. Oder was meint ihr?

  2. Patrick Breitenbach

    Nachtrag: Und natürlich hat er im Kern nicht ganz Unrecht.

    Wobei wir uns dann auch als Gesellschaft den Spiegel vorhalten müssen und uns ernsthaft fragen: Haben wir tatsächlich keinen eigenen starken freien Willen? (Unmündiger Konsument) Oder wollen wir uns manchmal verar-äh verführen lassen?

    Erst wenn wir diese Frage klar beantwortet haben macht es Sinn über Schutzmaßnahmen und Schuldzuweisungen zu sprechen. Muss die Gesellschaft vor Werbung in kapitalistischen Systemen geschützt werden? Oder kann die Gesellschaft mit Kapitalismus und seiner Kommunikation umgehen?

  3. Vroni

    Es sind immer wieder die gleichen Fragen:
    Kann man ein System verändern, indem man drin bleibt?

    Amir Kassaei glaubt, dass es geht.
    Und warum nicht? Wenn solche wie er gehen, dann wirds aber richtig dunkelgrau.

    Zur Zeit erlebe ich das mit der Nachdenklichkeit und den Werten ebenfalls bei Auftraggebern. Sie sind sehr nachdenklich. Das heißt aber noch nicht, dass sie auch mutig genug sind, neue als richtig erkannte Dinge gleich konkret umzusetzen.
    Ich unterstütze das sehr, doch ich erlebe oft bei ihnen die Angst vor der eigenen Courage.

    Noch schlimmer als den sinnlosen Konsumkram empfinde ich die gestiegene Angst bei Verantwortlichen, Dinge falsch zu machen. Dann doch lieber wieder die gute alte „Nummer sicher“, den Konsumente zu bedröppeln. Diese Angst ist es. Daher geht nichts mehr voran.

    Ein Ex-Kindersoldat und jetzt Marketier & Kreativchef hat zum Thema Angst sicher einen anderen Bezug als geschützt aufgewachsene Dax 30-Manager. Davor habe ich Respekt.

  4. Patrick Breitenbach

    Alles soweit richtig Vroni. Auch ich habe Respekt vor Kassaei und seinen Gedanken. Mir stellt sich nur generell die Frage ob ein General einer Armee in Ausübung seiner Pflicht den Krieg abschafft oder ihn irgendwie besser macht. Oder anders: Ich denke seine kreativen und strategischen Fähigkeiten wären an anderer Stelle besser aufgehoben, vielleicht sogar wirklich auf der anderen Seite (Auftraggeber).

    Egal wer am Ende Recht hat, ich wünsche ihm alles Gute bei seinem Vorhaben, denn er hat sich etwas bewahrt was andere in der Branche nicht mal im Ansatz entwickelt haben.

  5. Vroni

    Ja, vielleicht sollte er mal auf Kundenseite was machen.
    Als wild duck oder als Berater.

    Meine Erfahrung ist die: Viele Werbeleute wären ja gar nicht so, wenn Ihr Kunde nicht so wäre. *duck*

    Das klingt albern + verantwortungsabschiebend + ein bisschen verdächtig nach: Eigentlich sind sie ja ganz anders, aber kommen nicht dazu… :-) Doch Werbung, wie sich derzeit darstellt, ist nun mal das Werk beider, von Agentur UND Kunde.

    Einer muss anfangen, das alte konsumptive Denken zu hinterfragen und die Dinge zu ändern. Bezweifle stark, dass das auf Agenturseite zuerst geschieht. Dazu stehen zu viele einfach mit dme Rücken an der Wand. Dann machst du einfach nicht mehr viel. Kein Spielraum. Angst, die paar Kunden auch noch zu vergrätzen.

    Es ist sicher ein falsches Denken, doch aus der Nummer kommt eine Seite allein einfach nicht raus. Wenn sie dazu noch die schwächere ist: ganz blödes Spiel.

  6. Patrick Breitenbach

    Die großen Agenturnetzwerke verharren in ihren starren Strukturen, man schottet sich mit ihren altbekannten Reklame-Teams (Berater, Grafiker und Texter) bestmöglich vom Kunden ab und somit ist die notwendige Grundlage für eine Veränderung, nämlich ein enges kollaboratives Zusammenarbeiten mit dem Kunden, gar nicht vorhanden. Der Graben ist immens groß und das führt eben dazu dass man den Agenturen heute nicht mehr zutraut als eine verkaufsfördernde Kampagne zu stricken, statt sich gemeinsam mal den Markenkern des Unternehmens vorzunehmen und daran zu feilen und zwar an allen Ecken und Enden.

    Es ist aber tatsächlich ein Henne/Ei Problem. Ich bin ratlos wer wie anfangen muss. Denn gibt es keine Agenturen die etwas anders machen können diese nicht beauftragt werden und umgekehrt. Verzwickt.

  7. eddi geht Basar

    Neben den ganzen Weltverbesserungs-Opportunismen mag ich dem Amir auch seine Kindersoladaten-Story einfach nicht abnehmen. Wer mit einem Gewehr in der Hand dem Tod in die Augen gesehen hat – und dabei den ein oder anderen Freund verloren hat – der betreibt nicht so eine selbstgefällige Inszenierung.

    Ich spreche da aus eigener Erfahrung(„zum Glück“ will ich bei sowas nicht sagen).

    Ich lass mir auf dem Moral-Basar keine seiner Schnäppchen andrehen.

  8. Vroni

    Noja, Patrick,
    im Kleinen, ich bin nur ein kleiner Krauterer, mache ich das: mehr machen als nur den üblichen Krams, weiterdenken. Ich kümmere mich um deren Markenbild, um deren Positionierung. Um deren Glaubwürdigkeit. Sie ist mir wichtig, denn sie ist ja dann auch meine Glaubwürdigkeit.

    Meine Erfahrung nach 5 Jahren (10 Jahre selbständig): Der eine Teil ist verwundert, dass es überhaupt aus meiner Gilde jemanden gibt, der so drauf ist – der andere Teil wundert sich nicht nur, sondern wehrt sich vehement dagegen und will mich nur als Erfüllungsgehilfen, der sich bitte zu bescheiden hat. Marke, Positionierung, tss.

    Ich hab mal ne Rückmail gekriegt von einer Firma, von der ich mich mit Angabe von Gründen versucht habe, mich höflich zu verabschieden (Gründe im Bereich deren sogar für mich zu chaotischen Organisation und im Bereich meiner Fachausrichtung, es war halt aus meiner Sicht kein zufriedenstellendes Matching da), mit memoriertem Wortlaut: „Sie glauben wohl, WIR sind Ihre Dienstleister??!!“
    Soviel dazu.

    Es würde helfen, sich nicht allzuviel Illusionen drüber zu machen, dass Werber oder Designer, die umfassender drauf sind, wirklich von jemandem ernsthaft gesucht werden würden. Nada. Es gibt noch keinen Markt dafür. Vielleicht wird es nie einen geben. Ich habe es wirklich jahrelang versucht.

    Ich denke, im Großen, bei großen Agenturen verhält es sich ähnlich, wenn nicht noch verschärfter: Man will das noch nicht so recht.

    @ eddi geht basar
    Kann natürlich sein.
    Wenn mich so ein Ding seit Kindheit traumatisierte, würde das bei mir ebenfalls mehr Spuren hinterlassen.
    Doch nicht jeder ist gleich.

    Habe mir die Talkshow angeguckt bei Lanz:
    Unser Werbemann wirkt auf mich wie jemand, der diese Dinge noch ganz tief in sich vergraben hat. Für mich wirkt es, als wenn noch nichts verarbeitet war/ist. Das wird noch kommen.

    Habe Berichte von ehemaligen Wehrmachtssoldaten live angeschaut. Das waren über 70jährige Männer, die erst vor kurzem überhaupt ihren Mund dazu geöffnet haben. Die meisten haben erst vor kurzem begriffen, was geschehen ist und haben vorher noch nie geredet. Sie haben dann zum ersten Mal mit den Träänen gekämpft, geweint, waren fassungslos. Erst mit über 70. Die Verdrängung ist wohl eime starke Macht.

    Erfreulich, dass du nicht verdrängst und dir der Dinge bewusster bist. Das macht das Leben nicht einfacher, aber lebenswerter. Danke.

  9. Vroni

    @ eddi geht basar

    Nachtrag: Wer solche Dinge tief in sich abkapselt, wirkt für die Umwelt total normal und funktioniert auch normal, Jahre, Jahrzehnte hinweg. Mit allen Macken und Zeitgeisterscheinungen: als Selbstdarsteller, als Opportunist von mir aus, als Maniker oder notorischer Frauenjäger, vollkommen egal. Die Trauer ist perfekt abgeschnitten.

  10. Lorenz

    ontopic: der graben ist vll nicht zu groß, sondern zu klein.

    letztlich ist doch jede agentur ein gewinnorientiertes unternehmen, in einer neoliberalen wirtschaftsepoche, und keine soziale oder kulturelle einrichtung (in die richtung geht die selbstwahrnehmung bei einigen wohl).
    wenn beide auf der gleichen, profitablen seite stehen, wer sollte dann den ersten schritt machen?

    oder ist das, was kassaei gerade macht? als globaler kreativchef eines weltweiten networks, seit gerade mal einem halben jahr.

    bloß weil kassaei in einer deutschen talkshow auftritt, heißt das schließlich nicht, dass er mit seinen ansprüchen (noch) für die deutsche werbung einsteht.
    dass er mit der sturen arroganz hiesiger sowohl unternehmens- als auch branchen strukturen nicht klar kommt, sollte eigentlich seit der niederlegung des adc-vorsitzes, spätestens mit dem gang nach ny, klar sein.

    es bleibt also zu warten, was er in den nächsten jahren effektiv verändern wird.
    (und zu hoffen, dass ihn das trauma solange nicht einholt… 70+ minus 42… sollte reichen;)

  11. Vroni

    „… dass er mit der sturen arroganz hiesiger sowohl unternehmens- als auch branchen strukturen nicht klar kommt, sollte eigentlich seit der niederlegung des adc-vorsitzes, spätestens mit dem gang nach ny, klar sein.“.

    Guter Satz.

  12. buxblogger

    Nun, er weiß sich in Szene zusetzen. Positiv wie negativ. Hochmut kommt vor dem Fall!

  13. tom

    wie auch immer: er hat es geschafft, dass man ihm mal wieder VOLLE aufmerksamkeit schenkt. und mal ehrlich: das die werbung teilweise ziemlich schlehct ist, wissen wir alle. der aktuelle höhepunkt ist ja wohl die weichspüler werbung bei der ein mann soooo begeistert duch die gegen tingelt. das einzige was da weich wird sind die gehirnzellen. und ich frage mich: warum zu geier kommtd as gut an? wo ist die glaubwürdigkeit?
    ich würde so was unseren kunden nicht antun.
    auch wenn er arrogant daher kommt: ein funken wahrheit ist dabei!

  14. brothelpianist

    kassaei arbeitet in einer branche, deren beiträge zum gesellschaftlichen wohl er „scheisse“ findet, die noch dazu schuld am desolaten zustand dieses wohl ist, und in einer tätigkeit, die ihn dazu zwingt, in (für das gesellschaftliche wohl auch nicht ganz zweifelsfreien) TV-shows auf diesen zustand mühselig hinzuweisen – mit dem IHN unwohl machenden nebeneffekt, dass er dabei wieder und wieder durch seine kindheitstrauma durch muss.

    das leben ist hart…

  15. Marketing Hiwi

    Also ich kann mit vielem was Amir Kassaei in der Werbewirtschaft, in Werbeagenturen, aber auch in Firmen, bei Auftraggebern, in der Zusammenarbeit … nachvollziehen und auch verstehen. Während meines Studiums im Gestaltungsbereich hatte alleine das Fach Marketing einen nicht unerheblichen Anteil. Zunächst ein eher knochentrockenes theoretisches Fach, entwickelte sich aber nicht nur bei mir großes Interesse an den umfassenderen Zusammenhängen, Einflüssen und Theorien. Hier nur mal ein, in meinen Augen wichtiger Begriff und Erläuterung, um Amir Kassaei ansatzweise versthene zu können. Es geht unter anderem auch um Glaubwürdigkeit und Nutzen – für den Kunden! Um Nachhaltigkeit, Qualität auf möglichst vielen Ebenen und im Prinzip auch um eine „Entschleunigung“ des als Werber mit aufgebauten Druckes des „Kosumrausches“. Duese „Gewaltspirale“ gegen die für unmündig gehaltenenen Kunden, schlägt nämlich auch zurück in die mit dafür verantwortliche Werbebranche.

    de.wikipedia.org/wik...

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