22.08.11
15:03 Uhr

Montagspredigt: Social Media und deutsche Markenarbeit – Zwei Welten prallen aufeinander

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Deutsche Markenarbeit – das ist traditionelle Kommunikation. Monolog. Monolog von der Kanzel herab. Von der Kanzel herab mit erhobenem Zeigefinger. Witzlos.

Woher soll der deutsche Markenarbeiter es auch besser wissen? Entweder er steckt noch in den Kinderschuhen – obwohl er so schnell gewachsen ist, daß seine Hosen nicht mehr den Boden, auf dem er eigentlich stehen sollte, erreichen können. Oder er verantwortet solch ein Konzerngebilde – egal ob Produktion oder Kommunikation -, daß die letzten Social Media Jahre noch nicht in seinen Gesichtskreis vorgedrungen sind – vor lauter „s(h)itting inside the cubicle instead of thinking outside the box“. Social Media ist hier nur pars pro toto für das Neue, den Wandel und Fortschritt.

Deutsche Markenarbeit ist Spiegelbild deutscher Konzerne, deutscher Manager, deutscher Arroganz und Ignoranz.

Bei der deutschen Markenarbeit geht es nicht um Kreativität, Innovation und Wandel. Geht es nicht darum, der neugewonnenen Individualität, Unabhängigkeit und Ungeduld der Menschen dort draussen vorbildlich voranzugehen, sie zu inspirieren. Geht es nicht um Kommunikation, um ihrer selbst willen, nicht um das Austesten von Grenzen, nicht um das Entdecken neuer Horizonte. Es geht ganz klar um, wie Bernd M. Michael es einst so schön formulierte, Profit – das erste Ziel einer Agentur.

Nicht mehr und nicht weniger. Mitnichten geht es um die Marke. Deutsche Markenarbeit ist ein Scherz, denn als allererstes leidet unter ihr, was sie eigentlich retten soll: die Marke selbst. Denn Profit als Priorität sorgt für Stagnation, braucht das Festhalten an gelernten, etablierten und abgeschriebenen (Denk- und Organisations-)Strukturen, erfordert Kostenminimierung und nicht Qualitätsmaximierung.

Die Marke braucht Wandel, sie braucht Vielfalt, sie braucht Kommunikation, Kooperation und Kollaboration. Die Marke braucht Kreativität und Innovation. Die Marke braucht den Dialog. Ebenso wie die deutsche Markenarbeit.

Vor allem aber braucht sie Mut. Den Mut zur Wahrheit, zur Ehrlichkeit. Den Mut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Den Mut, sich Fehler einzugestehen. Den Mut, auch einfach mal die Klappe zu halten. Den Mut, eben nicht für jedes Problem nur eine Lösung zu kennen. Den Mut zur eigenen Individualität, den Mut zur individuellen Lösung.

Deutsche Markenarbeit braucht den Mut zum Risiko. Den Mut zu Qualität und Kompetenz. Den Mut zu Relevanz. Den Mut zu Diskurs und Authentizität.

Den Mut, die richtigen Dinge zu tun – und diese Dinge dann auch richtig zu tun. Den Mut zur Selbsterkenntnis. Den Mut, andere um Hilfe zu bitten, die sich damit auskennen. Den Mut, anzuerkennen, daß komplette Geschäftsmodelle am Ende sind, daß sie auch nicht mit neuem Logo und Social Media zu retten sind.

Die deutsche Markenarbeit muß erkennen, daß sie längst nicht mehr existent ist, in Agenturen, in Unternehmen, in Medien, in ihren eigenen Verbänden. Sie ist nur noch Phantom. Symptom einer Krankheit. Legende.

Die deutsche Markenarbeit muß erkennen, daß Social Media nicht die Lösung für jedes Problem da draussen ist. Vor allem nicht, wenn die deutsche Markenarbeit Social Media noch nicht verstanden hat.

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9 Kommentare

  1. Frank Langer

    Wie wahr! Nicht nur auf Social Media anwendbar!

  2. ralf schwartz

    @frank Sondern? Worauf noch?

  3. Frank Langer

    Versuch mal jemanden zu erzählen, das Lokalfernsehen auch zwei, drei Zuschauer hat und es abseits vom klassischen 30 Sekünder jede Menge Möglichkeiten gibt.

  4. Von Marken und dem Recht der Allgemeinheit | trau.kainehm

    […] der Montagspedigt danke ich noch einmal Tom Klose für seinen Vortrag am Webmontag 31, von Marken und Menschen. Eine […]

  5. ralf schwartz

    @frank Schwierig zu glauben, wenn immer mehr Unternehmen und Marketer und Agenturnetworks wissen, daß nur noch globale – und wenn es ginge gar universale – Kampagnen die wahre Wirkung beim Konsumenten entfalten ;)

  6. Frank Langer

    @ralf: eben ;)

  7. Vroni

    Spot-Recycling gibt es nicht nur bei Cola, sondern doch schon längst als Geschäftsidee.*
    Als Film-Footage überall zu haben.

    Das Hauptding ist, dass viele Spots auf der ganzen Welt so gebaut sind, dass man am Schluss nach der mehr oder weniger kreativen Idee alles Mögliche als Produkt oder Logo reinfreezen kann. Ist fast wurscht.

    Das sind dann zwar auch genau die Spots, die es nicht schaffen, dass der Betrachter sich an das hingeklinkte Produkt erinnert, sehr wohl aber an die Story. Was ziemlich doof ist. Ziel verfehlt, Kurve nicht gekriegt.

    * Ziemlich subversiv eigentlich, da auch noch eine Geschäftsidee draus zu machen. Werbehasser am Werk, die auf Langzeit-Aushöhlung der Kreativindustrie setzen? Hehe.
    (Ne, ganz ernst kann ich bei diesem Thema niht bleiben. Toll das mit Hasen, goil. Was war das nochmal für ein Produkt? Wie, und noch ein anderes auch? Habe mir beide nicht gemerkt …)

  8. Vroni

    Einfach neu vertonen, euer Produkt dahinterklemmen, Logo-Freeze, feddisch.

    framepool.com

    framepool.com/player...

  9. Im Gespräch mit Thomas Koch und Ralf Schwartz von Craft & Vision: `Die Agenturen stecken in einer tiefen Depression. In einer regelrechten Sinn-Krise´

    […] Kreativagenturen sollten Psychiater anheuern…”  Oder aber Du Ralf mit Deiner “Montagspredigt: Social Media und deutsche Markenarbeit – Zwei Welten prallen aufeinander.” Trügt mich dies oder liege ich […]

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
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  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
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  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
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