09.08.11
10:05 Uhr

Montagspredigt: Weltbankrott, Hungersnot, Fruchtfleisch oder nicht

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Natürlich muß weiter geworben werden, natürlich muß weiter konsumiert werden. Natürlich müssen damit die deutschen Arbeitsplätze gesichert werden. Natürlich brauchen wir deutsche Panzer und Patrouillenbote in Ostafrika. Aus Deutschland, diesem Land, von dem nie wieder ein Krieg ausgehen sollte.

Marken und Produkte, die Persönlichkeiten, nachhaltig und ökologisch sein und Charakter haben wollen, sollten sich vielleicht dennoch einmal Gedanken über ihren Platz in der Welt machen.

Kann man eigentlich noch „Freunde oder Feinde des Fruchtfleisches“ suchen – ohne sich nah am Rande der Ironie zu fühlen? Ohne sich selbst als sarkastisch oder zynisch beschimpfen lassen zu müssen?

Wie kann man sich da noch nach einem harten Agentur- oder Marketing-Tag gemütlich in den Lazyboy vor dem B&O-Fernseher fallen lassen?
Einem Agentur- oder Marketing-Tag, an dem man von @off_the_record darauf („Sorge in Ostafrika: Hoffentlich schafft’s der DAX!“) hingewiesen wird:

Nur damit mal die Relationen am heutigen Montag klar werden, siehe Titanic. und btw, eine Welt in der der Nachbar…http://goo.gl/bBh9z

Natürlich läuft die Kampagne schon länger, die Afrikaner hungern erst seit gestern, unser aller Schulden haben wir nicht in den letzten 20 Jahren angehäuft, und wenn die Marke sich nicht für sich selbst engagiert, wer sollte es dann tun!?

Auch Marken, Agenturen und Manager könnten sich den großen Fragen des Lebens stellen. Könnten einen relevanten Platz im Leben der Menschen einnehmen. Könnten ihren Intellekt, ihre Intuition und Imagination zur Lösung der größeren Probleme einsetzen. Könnten Relevanz, statt Redundanz, beweisen. Könnten ihren Teil dazu beitragen, sich selbst unersetzlich zu machen, in einer Welt, die nicht die beste aller Welten ist.

Marken könnten Menschen helfen, die auf dem Zahnfleisch gehen. Marken könnten Freunde und Supporter der Menschen sein. Sie könnten Menschen und ihre Schicksale ernstnehmen. Statt sich – manchmal habe ich wirklich den Eindruck – über ihre wahren Probleme lustig zu machen, indem sie sich Gedanken über Fruchtfleisch machen.

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19 Kommentare

  1. Florian

    Natürlich leben wir hier auf einer Insel der Glückseligen. Und zwar nicht nur räumlich, sondern auch im Laufe der Zeit, wenn man bedenkt, wie angenehm unser Leben ist im Vergleich zu unseren Vorvätern.
    Aber heisst das, wir müssen, bloss weil es anderen anders (oder sagen wir es ruhig, aus unserer Sicht schlechter) geht, uns ein eigenes kleines MexicoStadt im Badezimmer einrichten? Nur noch trocken Brot, und auch das bitte in schlechter Laune essen?

    Ich glaube nicht. Auch hier und heute darf noch gefeiert werden. Es darf geliebt, geheiratet, ja sogar Kinder dürfen in diese böse Welt gesetzt werden. Man darf sich über Tore freuen oder über den Abstieg des Vereins weinen.

    Diese Krankheit des Weltschmerzes, diese „German Angst“, diese Einstellung, dass am deutschen Mitleid bitte die Welt genesen soll, das darf gerne mal aufhören. Wir sind immer ganz groß darin betroffen zu sein, nur tun möchte man eher nicht soviel. Spenden ja, aber vor Ort für Ruhe sorgen? Nachtisch, und in Afrika verhungern die Kinder?

    Mitleid ist sowieso eine Regung, die durchaus zweischneidig ist: Fragen Sie mal einen Behinderten, ob er ihr Mitleid möchte. Die Antwort ist ein klares Nein! Denn Mitleid definiert eine Wertung: Mir gehts gut und dir gehts schlecht und das bleibt auch so.

    Mich tröstet dann immer, dass es Untersuchungen darüber gibt, wie glücklich Menschen sind. Und es zeigt sich, dass in diesen ganzen armen Ländern, die Menschen durchweg glücklicher sind, als wir hier bei uns im Überfluss.

    Darauf einmal mit Fruchtfleisch, bitte.

  2. Vroni

    … über ihre wahren Probleme lustig zu machen, indem sie sich Gedanken über Fruchtfleisch machen.

    „Lustig machen“ ist etwas übertrieben. Kam mir nicht so vor.
    Aber deutlich zu neugierig sind sie. Sie fragen, ob man früher eine Zahnspange hatte. Ghört sich des.

  3. ralf schwartz

    @vroni Zeit die Spange gar die unbewußte Prädisposition gegen Fruchtfleisch?

  4. ralf schwartz

    Und hier kommt das ‚g‘, um aus Zeit ein Zeigt zu machen. Sorry.

  5. Vroni

    Mein Punkt war nicht die mögliche medizinische Prädisposition.
    Mein Punkt war, ob es in Ordnung ist, Verbraucher offiziell so neugierig auszufragen.

    Demnächst kommen Microsites daher für Milch- und Fruchtspeiseeis und fragen einen offiziell nach Laktose-Intoleranz, Flatulenz, oder Ekel vor Milch aus. Irgendwann sind dann komplette Orthopädie-Anamnesen, Mode-/tor- oder echte Krankheiten bei den Herstellern im Datenbänkle. Ne oder.

  6. ralf schwartz

    Jetzt neu: Man muß denen nicht antworten, Vroni.

  7. Vroni

    Ein MaFo-Versuch im Gewand des Dialogs mit dem Kunden.

    So und etzt wieder zum Weltschmerz.

  8. ralf schwartz

    Mehr – oder weniger – ist Social Media auch nicht ;)

  9. Vroni

    Hallo?

    Jetzt neu: Man muß denen nicht antworten, Vroni.

  10. ralf schwartz

    Hallo!

  11. mark793

    Marken könnten Menschen helfen, die auf dem Zahnfleisch gehen. Marken könnten Freunde und Supporter der Menschen sein

    Also diese protoreligiöse Erwartungshaltung, dass Marken uns gegen alle Unbilden des Daseins zu unterstützen hätten, scheint mir doch etwas weltfremd. Für die Marke Disney hat der frühere CEO Michael Eisner es mal so ausgedrückt: „Wir retten hier nicht die Welt – wir machen Familienunterhaltung.“ Das muss man nicht sympathisch finden, aber wenigstens ist es ehrlich.

  12. ralf schwartz

    @mark793 Ich mache in diesem Falle keinen Unterschied zwischen Marke und Unternehmen.

    Du mußt mal ‚Supercapitalism‘ lesen, wo die Unternehmen eigentlich herkommen. Das waren noch Zeiten als sie sich um ihre Mitarbeiter, die Kunden, die Gesellschaft kümmerten, und mit der Politik zum Guten der Menschen zusammenarbeiteteten. Natürlich auch zu ihrem eigenen Nutzen, blöd ist man ja nicht. Aber man war schonmal altruistischer, fairer und gerechter als Unternehmen.
    Ohne jetzt ein Riesenfass aufmachen zu wollen ;)

  13. Vroni

    Ne Ralf,
    jetzt mal im Ernst.
    Natürlich muss man nicht auf diese Microsite gehen, bzw. muss man rausgehen, wenn einem das nicht passt, nach zu Privatem, Körperlichem ausgefragt zu werden.

    Es jedoch machohaft so hinzustellen, als wäre es nur mein persönliches Problem, ist nicht besonders redlich. Wo wir grade bei Fairness der Unternehmen sind, bitte auch etwas fairer in der Gegenrede sein.

    Viele lassen sich aber hallo jedem Zipperlein ausfragen, pusten naiv Daten auf Sites bzw. die Unternehmen nutzen diese naive Bereitwilligkeit aus. Findest du das integer? Mir wäre lieber, Unternehmer würden, bevor sie großartig den Planeten retten, erst einmal solche verdeckten IM-Anschleimungen beenden. Das wäre Rettung in klein. Wird aber nicht vorkommen, schätze ich. Eher kommt vielleicht vor, dass sie sich groß Weltrettung mit Fruchtfleisch auf die Fahne schreiben. Das willst du doch. Welchen Begriff gibt es dann nach „Whitewashing“, „Greenwashing“ daür? „Rescuewashing“?

  14. ralf schwartz

    @Vroni Dachte, Du kennst mich nun lang genug, um zu wissen, das weder in meinen Worten, noch in mir ein Macho steckt.

  15. mark793

    Ralf, dass Du eigentlich Unternehmen meinst, wo Du Marke schreibst, ist mir auch klar. Ich habe genügend Firmenchroniken gelesen (und auch an der einen oder anderen mitgeschrieben), um zu wissen, dass shareholder value und kurzfristige Profitmaximierung nicht immer und überall die oberste Priorität hatten.

    Aber wenn man sich fragt, was sich an den Rahmenbedingungen geändert hat, dass bestimmte unternehmerische Handlungen (wie etwa Werkswohnungen bauen), die vor 150 Jahren Wettbewerbsvorteile brachten, heute vom Kapitalmarkt abgestraft würden oder aus anderen Gründen nahezu undenkbar geworden sind, landet man auch als Nichtmarxist über kurz oder lang bei der Systemfrage. Oder man lässt eben den Deckel auf dem Fass und redet nur über Symptome. Für alles weitergehende ist womöglich Deine Klinik ohnehin der geeignetere Austragungsort. ;-)

  16. ralf schwartz

    @mark793 Vielleicht muß man gar nicht die Systemfrage stellen, sondern nur ein wenig auf die heutigen Trends, wie Nachhaltigkeit, CSR, etc., schauen. Da kann viel Hoffnung drinstecken, daß Menschen sich von ihren Unternehmen und Marken nicht mehr jedes Produkt, jede Produktionsmethode, jeden Egoismus gefallen lassen, sondern sich von ihnen ein altruistischeres Denken wünschen – und andersdenkende Unternehmen auch gerne mal abstrafen.

    Wir werden sehen, wohin uns die lineare Fortsetzung traditionellen Denkens führt – und wohin uns das Denken und Handeln modernerer Unternehmensführung führt.

  17. Vroni

    Die Trends?
    Hören alle hinten mit „-washing“ auf.

  18. Daniel

    Sehr guter Post, wenn auch nicht so tief und lang wie man sich wünschen könnte. Aber schön auf den Punkt gebracht. Danke!

  19. Granini sucht Freunde und Feinde « blogiraffe

    […] aber sie ging im Trubel der vergangenen Tage einfach unter. Letzten Montag wurde ich dann dank Werbeblogger Ralf wieder an die Online-Kampagne von Granini „Sind sie Fruchtfleischfreund oder -feind“ […]

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