31.05.11
10:15 Uhr

Wer billig kauft, darf nichts erwarten. Und ist selber schuld.

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Ist das wirklich so? Und kann sich ein Anbieter bei Versagen seiner Kerndienstleistung darauf ausruhen, dass er doch den großen Billigheimer macht und seine Kunden aber auch gar nichts an Qualität oder gar Service erwarten dürfen? Bei mir klopfen da- wie öfter einmal- zwei Herzen in der Brust…

Nehmen wir z.B. die aktuelle Situation um die Scheißkeime in frischem Gemüse in Norddeutschland. Deutschland gibt im Verhältnis zum Einkommen seiner Bürger einen immer kleineren prozentualen Anteil für Nahrungsmittel aus. Deutschland will immer billiger futtern und die Discount-Kultur folgt sogleich. Am Anfang dieser Kette müssen die Erzeuger, also die landwirtschaftlichen Betriebe unter immer härteren Bedingungen liefern, was Erde und Natur so hergibt. Vielleicht kommt der eine oder andere Lebensmittelschaffende da auch auf die Idee, schlampiger, rotziger, trotziger und unsauberer zu arbeiten. Vielleicht geht es ihm selbst schon richtig an die Existenz, Arbeitsplätze sind in Gefahr, der Lebensstandard vieler Menschen steht auf dem Spiel. Vollkommen degenrierte Dünger- oder Futterstrategien können die Folge sein, mit fatalen Folgen für die Verbraucher. Darwin´s „Fressen oder gefressen werden“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung.

Kann sich ein Bauer dann aber zu seiner Entlastung darauf berufen, dass das Volk frische Grundnahrungsmittel wie Milch und Eier, Butter und Brot, Salat, Tomaten oder Gurken mittlerweile auch im Portemonnaie weniger wertschätzt als Gummiteddies, Pizzas oder Burger? Soll der Bauer aus Protest hektoliterweise frisch gewonnene Kuhmilch zurück auf die Felder sprühen? Oder soll er vielleicht einfach mal Scheiße in die Gegend streuen, damit der Verbraucher, die Politik und andere wissen, wo der Hammer hängt? Oder kalkulieren die Bauer, die Erzeugergemeinschaften bzw. ganze Teile der Nahrungsmittelindustrie gar den Schwund als „kaufmännische Strategie“ gleich mit ein? Haben wir Verbraucher Schuld, weil wir billig wollen?! Geiz ist geil, solange der Keim die anderen befällt? Die Rabattgeneration frisst sich selbst?!

Ganz sicher kann man den Menschen keinen Vorwurf machen, dass sie grundsätzlich ihre Haushaltskasse im Blick haben, mal ganz davon abgesehen, dass nicht jeder die Freiheit hat, mal eben für Grundnahrungsmittel das Doppelte zu bezahlen, damit die Grundqualität von Waren und Gütern irgendwann dadurch vielleicht besser wird. Vor allem dürfen die Menschen eines erwarten, wenn sie für den ausgewiesenen Preis kaufen:

die zugesicherte Kerneigenschaft des Produktes (oder der Dienstleistung) muss in Ordnung sein, ohne Scheiße, ohne Haken, ohne Fäulnis.

Vielleicht gibt es für mehr Geld das Fleisch noch zarter, den Wein noch kultivierter, das Auto noch komfortabler, den Flug noch angenehmer, aber das Produkt darf in der Substanz nicht gesundheitsgefährdend sein oder zum Sicherheitsrisiko werden. Und letzlich muss eine Gurke eine Gurke bleiben, ein Auto fahren und ein Flieger fliegen, egal wie teuer oder billig es ausgewiesen ist.

Will sagen: wenn, wie beispielhaft von Ralf beschrieben, die zugesichterte Kerndienstleistung bei einem Billigflieger (sicher und zuverlässig von A nach B fliegen) aus welchen Gründen auch immer nicht erfüllt wird, dann erfordert es auch und gerade beim Billigheimer außerordentliche Maßnahmen im Hinblick auf Kulanz und Service. Es ist dann auch wirklich völlig wurscht, wieviel der Kunde vorher bezahlt hat. Der Anbieter hat den Preis zuvor auf dem Markt angeboten und sollte gerade als Billigheimer im Kern seiner Marke darauf achten, dass sein letzter Kern nicht verloren geht.

9 Kommentare

  1. ralf schwartz

    @Roland zum Fettgedruckten: Schön gesagt! Danke.

  2. ramses101

    Grundsätzlich gebe ich dir recht: Wenn man etwas vom Discountfleisch erwarten können sollte, dann doch wenigstens Keimfreiheit (kann doch so schwer nicht sein, Geschmacksfreiheit geht schließlich auch).

    Aber was wurde im Beispiel des Billigfliegers denn _nicht_ erfüllt? Wenn ich das richtig verstanden habe, ist die Situation doch erst dadurch entstanden, dass mit der Maschine irgendwas nicht in Ordnung war und sie aus Sicherheitsgründen nicht abgehoben ist.

  3. Vroni

    Bei den Keimgurken bin ich der Ansicht, dass es gut sein kann, dass es Biogurken waren. Sie würden dann (ab er nur dann!) nicht in deine These passen.

  4. vieti

    Ihr wisst ja, Geiz ist Geil. Nicht nur bei Saturn, sondern auch bei Aldi, Netto und co. Ich selber kaufe nie wieder Medion Produkte, auch wenn sie öfters „Testsieger“ bei Computer Bild sind. Bei mir gehen die Dinger ständig kaputt…

    Noch ein Wort zu „Qualität hat seinen Preis“: ist halt genau wie beim Frisör. Zahle ich jetzt 10 Euro und verzichte auf jede Dienstleistung, oder zahle ich eben meine 25 Euro und bekomme ich die Haare gewaschen. Da gehe ich lieber weniger zum Frisör und habe mehr „luxus“ :)

  5. Eddi hat Systemfehler

    Eigentlich ist es egal, ob es eine Biogurke war oder GARKEINE Gurke, sondern vermutlich was ganz anderes. Viel bedenklicher finde ich, dass unsere Lebensmittelkette systembedingt so „optimiert“ ist, dass Gurken aus Spanien, Äpfel aus Neuseeland und Radieschen aus Argentinien kommen. Das Problem liegt nicht singulär beim Acker, den Plückern, Bauern, Lieferanten, Einkäufern, Händlern oder beim Billigkäufer, der seine immer wertloseren Euronen auf den Tresen legt, sondern beim Gesamtsystem. Aber vor dieser Konsequenz wird halt immer der …. eingezogen und fleissig auf Einzelgliedern der Kette herumgezetert. Das ist Klasse, denn wenn eines der Glieder abgefeiert ist, dann fliegt mit Sicherheit schon beim nächsten Glied die Sicherung raus und der ganze moralinsaure Spaß kann von vorne beginnen. Ich freu mich drauf und hoffe, davon auch hier lesen zu dürfen. Bis dahin werde ich mich weiter bemühen, ein guter Mensch zu sein. So wie alle hier. Was anderes bekommen wir ja auch nicht hin.

  6. Vroni

    Das sehe ich ähnlich.
    Die Kette ist zu global, zu komplex. Braucht es nicht. Esse z. B. schon seit 15 Jahren keine Kiwis mehr aus Neuseeland, es ist einfach Blödsinn, das Zeug über 2/3 der Erde hierher zu verfrachten. Mit Tee & Kaffee sollte man als Verbraucher eigentlich ähnlich verfahren, wer wirft den ersten Stein …

    Bio − nicht Bio
    Es ist nicht Wumpe ob Bioprodukt oder nicht. Ein Bioprodukt hat zum Kern dazu ein zusätzliches Produktversprechen: absolut naturverträglicher Anbau plus größtmögliche Schadstofffreiheit von Pestiziden et alii. Dafür wird mehr deutlich gezahlt. Dann hat es das bitte auch einzulösen.

    Meine persönliche Haltung zu Bio ist nochmal eine andere: dass es Bio überhaupt nicht bräuchte, wenn Lebensmittel & Baumwollhemden vernünftig angebaut werden und nicht herumgekarrt werden würden. Früher ging man auf den Wochenmarkt, fertig. Da hat es auch kein Bio gebraucht. Ab und an geht mir sogar das Gedöns um Bio stark auf den Wecker, kommt es der Erfahrung nach in meinem persönlichen Lebensumfeld häufig von hypochondrisch veranlagten Personen, die zwar sehr darauf achten, was sie zu sich nehmen, denen es aber herzlich wurscht ist, ob neben ihnen andere Sch …. fressen müssen. Also eine sehr egozentrierte Spezies. Ist aber nur meine persönliche Meinung, die nichts daran ändert, dass Bio ein Produktversprechen, das, ob berechtigt oder nicht, teuer bezahlt wird. (Man beachte die raffinöse Doppelsinnigkeit des letzten Satzes…)

  7. Maren

    Das Problem bei Bio-Produkten ist meiner Meinung nach immer noch die Bezeichnung. Schließlich ist nicht alles wirklich „Bio“, was sich so nennt. So werden immer noch gespritzte Produkte von Testern gefunden und „an den Pranger“ gestellt. Was bleibt ist nicht der Gang zum „Bioregal“ in der großen Kette, sondern zum Bauern nebenan. Wenn ich den Bauern dann auch noch als Menschen mag, bezahle ich gern mehr, weil ich seine Arbeit sehe. Sollte ich keinen Kontakt zu Bauern haben ist es mir auch egal, wie seine Familie durchkommt und welchen Gewinn er erzielt. Hat man das Geld, sollte man sich also auch an die regionale Landwirtschaft binden und das gibt sowohl ein gutes Gefühl, als auch einen klaren Standpunkt zu „globalen Kiwis“.
    Was sonst dazu zu sagen bleibt ist, dass JEDER Dienstleister/Verkäufer ein Produkt mittlerer Güte und Beschaffenheit abzuliefern hat und zwar per Gesetz.

  8. vero-buxmann

    Also ich bin der Meinung, dass jeder Mensch bei sich im Kleinen anfangen soll, umzudenken. Und zwar umdenken für die Zukunft und die nachfolgenden Generationen. Wer nur an seinen monmentanen Vorteil (also alles schnell und billig)denkt, wird dazu beitragen, dass die Welt immer schlechter wird. Also als Resumee von diesen Beiträgen: saisonal und regional einkaufen, Verpackungen einsparen, nicht jede Plastiktüte mitnehmen, weniger Fleisch essen, Fisch aus nachhaltiger Züchtung ohne Antibiotika (da muss man z.B. auf Garnelen verzichten), auf nachhaltige Produktion achten etc. etc.. Man kann viel tun und dann wird vielleicht alles besser!

  9. Kühlkost: teuer und nicht ohne Risiken » News und Tipps für Verbraucher

    […] Allerdings sollte man beim Kauf von Lebensmitteln nicht nur auf den Preis achten, denn nicht nur werbeblogger.de meint, dass man von einem Billigkauf nicht viel erwarten […]

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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