08:12 Uhr
Die Sprachlosigkeit der Agenturen – am Beispiel JvM
Die Zeit hat Karen Heumann, “Strategiechefin der Agentur” JvM interviewt. Leser stellten Fragen, die Karen beantwortete.
(Anmerkung: Ebenso wie bei Bullshit-Bingo – Der Network-Mediaagentur liebstes Spiel geht es auch hier nicht um den Protagonisten selbst, sondern seine Funktion als pars pro toto seiner bzw. ihrer Branche.)
Ich finde es schade, daß Agenturen keine Antworten haben auf drängende Fragen, daß sie sich um Antworten drücken, statt Stellung zu beziehen. Vielleicht hätte Karen Antworten gehabt, wenn man sie denn gefragt hätte – das aber war wohl nicht die Idee des Formats.
Es ging los mit ‘Werbung ist kreativ, wenn sie kreativ ist und verkauft’ wie ich es hier (einmal) ketzerisch zusammenfassen möchte.
Vielleicht sollte der ADC den Agenturen zu Hilfe eilen und ihnen ihr Produkt erklären helfen. Die Definition klingt nicht spannend, nicht differenzierend. ‘Verkaufen’ mag das Endziel sein, das macht die Definition aber nicht besser. Die Welt ist ein wenig komplexer und sie dreht sich auch unter den Füßen der Werber immer schneller als daß man heute noch mit den Sprüchen von gestern die Welt von heute und morgen erklären könnte.
A propos Sprüche von gestern: “Grundsätzlich arbeiten wir nicht für politische Parteien und für die Rüstungsindustrie”, sagt Karen im Interview. Einfacher geht es nicht. Die Agenturen machen es sich ein wenig zu einfach.
Wer heute für Atomenergie arbeitet, macht damit automatisch Politik, auch wenn er meint, wer nicht für Parteien arbeite, habe sich damit der Politischen Frage entledigt.
Wer heute für Atomenergie arbeitet, arbeitet gleichzeitig für die Rüstungsindustrie. Denn wer für bestimmte Industrien arbeitet, arbeitet damit mindestens für die Rüstungszulieferindustrie.
Dies zu leugnen ist ungefähr so als würde man behaupten, man arbeite nur für die Markenindustrie, niemals aber für Handelsmarken. Denn was denkt man, wo die ganzen Produkte der Handelsmarken produziert werden, wenn nicht bei den großen Markenartiklern selbst.
“Die deutsche Werbung ist wirklich viel besser geworden.” – Da muß man nur den Fernseher an der nächsten Ecke aufschlagen, da fällt einem die bessere Qualität entgegen, und aus dem Gesicht. Auch erkennt man die Qualität eindrucksvoll in der Geschwindigkeit, mit der immer mehr Menschen ins Web abwandern, die traditionellen Medien ob ihrer Qualität Begleitmedien werden. Die Krise der traditionellen Medien ist auch eine Krise der Agenturen und der Werbung – auch wenn letztere dies nicht wahrhaben wollen.
“Wir möchten nicht nur verkaufen, wir möchten auch unterhalten.” – Siehe ‘die deutsche Werbung ist wirklich viel besser geworden’.
Dann macht es doch endlich! Statt kreativ(!) nur für die großen Festivals zu sein.
Kreative Werbung beginnt bei der ‘Erziehung’ des Werbungtreibenden, ihn davon zu überzeugen, daß auch kreative(!) Werbung (mehr als) verkauft(!)!
“Werbung ist ja nichts, was einen noch fies verführt. Dafür sind wir alle zu aufgeklärt – hoffe ich.” – Berühmte letzte Worte einer ganzen Branche.
18 Kommentare
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 28. April 2011 um 11:29 Uhr
Welche drängenden Fragen genau sollen es denn sein?
Bitte den Autor um Nennung.
[Kriege bei vagen Angriffen gegen wen auch immer, ob gegen Journalisten, die de fakto oder gefühlt nicht in der Lage sind, drängende Fragen zu stellen, weil sie vielleicht zugegebenermaßen tatsächlich blöd, beflissen oder unfähig sind - oder gegen Agenturen, die halt einfach der Schwanz sind, mit dem der Unternehmerhund bellt ^^ einen unsympathischen Konkretheitsfimmel.]
Am 28. April 2011 um 11:57 Uhr
@vroni Gerne, kann ich verstehen.
Mußt nur den Rest des Textes nach Deinem Zitat lesen. ;)
Und natürlich die intellektuelle Übertragungsleistung erbringen, daß ich nur die Antworten wiedergebe, die Fragen sind im Video!
Am 28. April 2011 um 12:12 Uhr
Nö. Soviel Transferleistung schafft mein armes Gehirn heut und morgen nicht mehr. Muss grad an zwei Positionierungen schreiben und an episch dichtende Kunden straffe Konzepte raushauen. Da kann ich nicht auch noch nachdenken, was Dichter Nebel wohl genau gemeint haben könnte.
:-)
(Hint: steht wohl stellverteretend für die meisten im fordernsden Beruf steckenden Leser hier: Schreibe an sie so, dass man dich sofort versteht und nicht so wie im Proseminar “Die Weißwurscht im Lichte der verschiedenen Senftheorien”)
Am 28. April 2011 um 18:46 Uhr
@vroni Interessant. Anderen die Schuld geben, wenn man selbst Konzentrationsschwäche hat. ;)
Am 29. April 2011 um 10:42 Uhr
Ich finde, dass eben genau die großen und angesagten Agenturen mitunter die enttäuschensten Werbebeiträge liefern. Wenn es um einen Preis geht, liefern sie gute Arbeit ab. Den Rest der Zeit ruhen sie sich auf dem Ruhm aus, den sie irgendwann einmal für eine super Kampagne erhalten haben.
Am 29. April 2011 um 14:29 Uhr
Es hat wirklich was mit Fremdschämen zu tun, wenn wir davon ausgehen, daß Frau Heumann die Sprecherin der “besten” Werbeagentur Deutschlands ist.
Wenn ich mir die Sprecher/innen der anderen Branchen und deren Flaggschiffe ansehe, kommt Frau Heumann schlecht weg. Gelinde gesagt.
Ein lebendes Klischee im schwarzen Rollkragenpulli, das sich traurigerweise selbst bestätigt.
Es ist gespielte, gemurkste Glaubwürdigkeit, und keine echte Traute…. Nein, nicht für Rüstungskonzerne… (dafür aber für RWE). Es treibt einem die Schamröte ins Gesicht.
Sie findet keine einzige Antwort, bei der man als Branchenmitinsasse denkt: “Ja, das hat sie jetzt gut formuliert. So ist es.”
Am 29. April 2011 um 16:11 Uhr
@Fred Aus allen von Dir genannten Gründen ist sie dann doch perfekt als pars pro toto der organisierten Agenturen, die es den kleineren Agenturen so schwer machen, ein positives Image sich aufzubauen. Man wird halt immer wieder in den gleichen Sack gestopft wie die veröffentlichte (Pseudo-)Branchenmeinung.
Am 29. April 2011 um 18:27 Uhr
Ich habe mir mal gedacht in die Werbebranche. Ich habe dabei überlegt, man würde auch Werbung für Produkte machen, welche möglicherweise den Menschen schaden. Zb. irgendwelche Lebensmittel, oder Produkte des täglichen Bedarfs irgendwelche Cremes etc., whatever, da wäre auch möglicherweise was gesundheitschädliches dabei wenn man sehr sehr genau hinschauen würde. Oder dass erst viel später rauskommt das manche Produkte gesundheitsschädlich sind, Langzeitwirkung halt. Und wenn ich weiß, dass Produkte gesundheitsschädlich sind, würde ich mich weigern Werbung dafür zu machen. Man kann es sich aber sicher nicht so einfach leisten, seine Kunden zu selektieren “sorry ist gesundheitsgefährlich” und die Kunden können ja gar nichts dafür, die ganze Welt ist dafür verantwortlich was schädlich ist und was nicht. Man kann auch nicht seine Dienste für Plastikhersteller verweigern, oder Mineralwasser Produzenten, nur weil sie gar nicht wissen was in der Plastikflasche des eigenen Produktes drinnen ist “ist ja geschützt und geheim”, zb. Bishenol A, welches krebserregend ist und uns langsam aber sicher aussterben lässt (so mal in den Raum geworfen). Was ich sagen will ist: Eine Werbeagentur kann “nicht” entscheiden was korrekt und inkorrekt ist. Dafür ist die ganze Gesellschaft verantwortlich. Gehen wir mal noch weiter, wenn eine Agentur A ihre Dienste leisten darf und dafür Geld bekommt, was macht dann Agentur B die kein Geld bekommt? Ist das nicht sozial unfair gegenüber Agentur B, denn Agentur B wird untergehen? Also wenn Gewissensbisse, oder besser gesagt Verantwortung in die Hände von Agentur A gelegt werden sollen, dann dürte Agentur A irhe Dienste gar nicht anbieten. Oder doch nun, Fifty Fifty mit Agentur B teilen. Also bekommt Agentur A und B jeweils 50 Prozent. Und was ist dann mit Agentur C bis Z? Also müssten alle Agenturen gemeinsam den Service für den Kunden anbieten und die Arbeit aufteilen. Dann würde jede Agentur 1 EUR bekommen. Da passt aber dann was nicht, im System. Kooperation ist nicht vorgesehen, man muss doch irgendwie nur für sich kämpfen. :-)
Am 29. April 2011 um 18:35 Uhr
Ich verstehe Dich, aber wenn sich das alle da draussen sagen, wird sich nichts ändern, alles wird immer schlimmer, man schaut nur noch nach dem Geld, wird immer erpressbarer, schiebt alles auf die ‘Sachzwänge’ …
Tatsächlich passiert da draussen ja gerade etwas, das die mitdenkende Agentur nachdenklich werden läßt: die Kunden nämlich wandeln sich, da sich ihre Konsumenten wandeln.
Die Agenturen, die das zu spät begreifen, werden auf der Strecke bleiben.
Am 29. April 2011 um 18:57 Uhr
Hallo Ralf, meinst du eh das Abwandern der Menschen ins Web oder?
Am 29. April 2011 um 19:01 Uhr
Eher, daß die Menschen durch Digitalisierung, Mobilität und Web zu einer nie dagewesenen Individualität, Unabhängigkeit und Ungeduld finden – und merken, daß sie damit sehr gut fahren!
Das beunruhigt Unternehmen – und bald auch unsere Agenturen.
Am 29. April 2011 um 19:05 Uhr
Da habe ich was gutes für dich, da war das eday.at in Wien leider war ich nicht dort, aber die Videos sind online und da gute Diskussionen genau über das von dir erwähnten.
Hier sind die Videos, ich schaue sie gerade, also die Links funktionieren, noch dazu sieht man die Präsentationsblätter rechts neben dem Video. Enjoy. :-) webcast.telekom.at/p...
Am 2. Mai 2011 um 07:24 Uhr
Zur Frage eines “Moralwächterauftrages” von Agenturen haben wir auch schon diskutiert…und alle Bögen -von…bis- gespannt.
werbeblogger.de/2009...
Am 2. Mai 2011 um 09:46 Uhr
@Ralf: Du hast recht, insofern passt eines wirklich zum Video: die Frau ist genauso sympathisch wie ihre Agentur. Es wird nichts beschönigt.
Am 2. Mai 2011 um 16:56 Uhr
@Pixmac… Danke für den Link. Schau ich mir mal in Ruhe an.
Am 11. Mai 2011 um 20:07 Uhr
Wer wie Frau Heidemann mit offensichtlich einer der ersten Antworten selbstreferentiell antwortet, “Werbung ist kreativ, wenn sie kreativ ist . . .” sollte freiwillig sofort seinen Hut nehmen. Den zweiten Teil der Antwort lassen wir mal peinlich berührt unter den Tisch fallen. Werbung verkauft . . . ja, ja, das habe ich als kleiner Junge auch immer gesagt.
Nur frage ich mich immer wieder, wie solche Tieffliger dorthin kommen wo sie sind? Wer mir diese Frage beantworten kann, dem spendiere ich eine Brause!
Am 19. Mai 2011 um 12:16 Uhr
[...] Die Sprachlosigkeit der Agenturen – am Beispiel JvM—Ralf Schwartz, Werbeblogger [...]
Am 30. Mai 2011 um 21:26 Uhr
[...] Die Sprachlosigkeit der Agenturen – am Beispiel JvM—Ralf Schwartz, Werbeblogger [...]