24.02.11
09:30 Uhr

Gedanken über die Marke zu Guttenberg

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Eigentlich könnte man meinen, der amtierende Verteidigungsminister zu Guttenberg steht für eine (Marken-)Persönlichkeit, die den Deutschen grundsätzlich gar nicht so gut gefällt, vor allem im breitem Publikum.

Wirtschaftlich von Haus aus privilegiert, eingebettet in ein stellenweise altmodisch anmutendes familiäres Wertegerüst und mit ganz eigener, nassforscher und zugleich selbstverliebter Rhetorik ausgestattet, füllt zu Guttenberg dennoch irgendwie eine deutsche Lücke politischer Führungskräfte. Das neoklassische Rollenbild kann offensichtlich (und im völligen Gegensatz zu seinem Ministerkollegen im Auswärtigen Amt) bestimmte Sehnsüchte im Wahlvolk aktivieren, die möglicherweise länger im Verborgenen schlummerten. Und die potenziell krause Haarpracht von zu Guttenberg verbindet sich dabei ziemlich einzigartig mit einem geglättetem und glänzendem Äußeren, das dazu einen hellen Kopf trägt.

Angesichts der im deutschen Wählervolk oft erwähnten substanziellen „linken Mehrheit“ erstaunt die Unterstützung für die Verkörperung eines irgendwie „erwählten Aristokraten“ um so mehr.

Böse Zungen aus der „Nachbarschaft“ höre ich gerade stellenweise sagen, dass die alte Sehnsucht der Deutschen nach genau diesen Politikerpersönlichkeiten nach langer Zeit wieder „hoffähig“ geworden wäre. Es sei halt nur eine Frage der Zeit, bis man auch sie wieder wählen dürfe, ohne von APOs und anderem Sozialismusgeschwärm im mühsam erspartem, biederem Eigenheim attackiert zu werden.

Die Marke „zu Guttenberg“ ist wirklich ein Phänomen. Sie hat nach potenzierter „Social-Media-Arithmetik“ einen Shitstorm der veröffentlichten Meinung aushalten müssen, der ziemlich einzigartig ist. Jede „normale“ Marke -auch Personenmarke- hätte diese Attacken nicht verkraftet. Vor allem aber hätte die Markenidentität beim „Empfänger“ so Schaden genommen, dass alles Stammeln und Festhalten an der Markenposition zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, weil große Teile der Unterstützerschaft (Kunden) die Gefolgschaft verweigert hätten. Nicht so bei zu Guttenberg. Warum? Das ist, denke ich, wirklich einen Gedanken wert und ich muss gestehen, noch keine abschließende Antwort darauf gefunden zu haben. Habt ihr dazu eine Einschätzung?

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12 Kommentare

  1. Perry

    Er weilt und heilt sich im Windschatten der wahren Schlitzohren: Berlusconi, Mubarak…

    Und ach ja, irgendwo hat die deutsche Seele doch immer auch ein bißchen geschummelt. Der erkaufte/abgeschriebene/zitatrechtlich gemurkste Doktortitel ist ja nun kein Fallbeil, sondern macht den Saubermann doch irgendwo (noch) sympathischer.

    Er hat vor allem keinem geschadet. Was bei sonstigen Politikerthemen, wie Fremdgehen, Unterschlagung, Vetternwirtschaft, ungezügelter Lobbyismus und und der Fall ist.

  2. Christian

    Ich könnte mir vorstellen, dass für weite Teile der Bevölkerung das Thema „Doktortitel“ ein sehr abstraktes, aber dafür nicht sehr relevantes ist.

    Wer braucht denn so einen Titel? Wozu ist der überhaupt gut? Ein besserer Mensch ist man damit sicher nicht. Und wer hat nicht schon mal bei einer Klassenarbeit abgeschrieben?

    Mein Eindruck ist, dass diese Affäre medial so aufgebauscht wird, dass es eine fiese Mischung zwischen eklig und lästig wird. Auf einmal sitzt ganz Deutschland im Glashaus und wirft Steine. Ich will darüber nichts mehr lesen. Vielleicht geht es anderen auch so…

    Dabei erschließt sich mir auch nicht der Zusammenhang zwischen dem Doktortitel und dem politischen Amt. Die Opposition redet von Unglaubwürdigkeit und nicht wahrgenommener Vorbildfunktion, aber mal im Ernst: Welcher Politiker kann diese Attribute für sich in Anspruch nehmen?

    Vielleicht sind das alles kleine Gründe, warum zu Guttenberg von vielen trotz allem geliebt und verehrt wird.

    Mir persönlich ist er nach wie vor vor allem eines: Egal.

  3. Tron

    Für mich gibt es da nur eine Erklärung: Dass die BILD weit mehr Macht über die öffentliche Meinung hat als ihr gemeinhin zugestanden wird. Unter dem Deckmantel des belächelten oder beschmutzen Boulevards wird hier Meinung in ganz großem Stil manipuliert.

  4. P. Figge

    Das ist nichts Neues. Gegen A. Springer haben schon die Altvordersten gekämpft.

  5. k

    Ich kann mir das nur so erklären: Die Medien berichten seit Tagen über nichts anderes, die Leute denen das auf den Keks geht formieren sich und stellen sich hinter Guttenberg. Für den Moment scheint damit erstmal alles i.O. zu sein für zu Guttenberg. Ich glaube der Schaden wird auch eher bei der Dachmarke (CDU) liegen. Die steht nämlich garantiert nicht so geschlossen hinter zu Guttenberg wie die Bild-Leserschaft. Da hätte man viel schneller auch von CDU-Seite reagieren müssen. Da wird auf langfristige Sicht Glaubwürdigkeit verloren gehen. Die geplante Überprüfung weiterer Doktorarbeiten etc. zeigt ja, dass das Thema noch nicht gegessen ist.
    Könnte mir gut vorstellen, dass dieser Vorfall nach Belieben wieder aufgewärmt wird, wenn es der Opposition grade passt!

  6. JMK

    Hat sich eine Marke erst einmal eine „Fanbasis“ aufgebaut wird es zunehmend schwieriger diese zu beschädigen. Als Beispiel kann doch Mercedes dienen, die sowohl mit der ersten A-Klasse und vor ein paar Jahren mit der E-Klasse massive Qualitätseinbrüche und zugehöriges PR Desaster zu verkraften hatten. Hat es der Marke geschadet? Nein.
    Ich halte auch nichts von der Mär, dass eine Marke überhaupt wirklich Schaden nehmen. Mir ist auch kein Beispiel bekannt, dass eine bekannte Marke durch PR-Gaus oder durch kurzfristige Mängel Schaden nahm.

  7. Anette

    Ich verstehe nicht wie der gute Herr Gutenberg noch im Amt sein kann. Wie soll man diesen Mann noch vertrauen?! Ich finde das Beste wäre er würde einfach zurücktreten.

  8. Christian Neidhardt

    Wer polarisiert gewinnt ganz klar Feinde, aber halt auch Fans, weil jeder mehr oder weniger gezwungen ist, Stellung zu bezeihen. Das konnte man, in den letzten Jahren ganz oft bei Musikern in gewissen Shows oder in der freier Wildbahn beobachten.
    Ich schätze sogar, dass dies bei den meisten Dingen funktionieren kann, dies wäre eine Überprüfung wert.

    p.s.: Scheiß auf Dr. oder nicht, es interesiert mich nicht und ich kann es auch nicht mehr hören. Alle Menschen lügen, das liegt in ihrer Natur, zählen tut, wie gut sie ihre Arbeit machen.

  9. Die Bundeswehr braucht gute Leute, Werbung und die Medien | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    […] attraktiv finden. Vielleicht zeigt die Diskussion um die Bundeswehrreform im Kontext eines medial dauerbeschossenen zu Guttenberg aber auch eine kontraproduktive Außenwirkung für potenzielle Berufsstarter. Noch im Mai […]

  10. Arne

    Da greift die Konservative-Rechte doch gerne mal gemeinsam mit der Opposition in die Tasche und zettelt kurz vor der Veröffentlichung Guttenbergs Biographie eine Schmutzkampagne an, mit medienpolitischem Super-Gau. Mißtrauensvotum, Friedens-Nobel-Preis, Sarrazin.
    Reformer sind unpolitisch, junge Politiker zu hitzig, Frauen zu lasch, Presse zu doof und Werber zu flach. Mit den Worten von Schmidt: Das ist Tagespolitik!

  11. Klabund

    Tja und jetzt hat sich die Marke selbst liquidiert… das wurd auch zeit.
    Seine Beliebtheit hat mir nur gezeigt, das in Deutschland tatsaechlich unheimlich viele Idioten leben.

  12. Fred

    @Klabund: Meinst du damit jetzt die, die ohne Umlaute schreiben oder die, die wurde ohne „e“ tippen? Oder die, die dass mit das verwechseln? Oder Politik mit Showbiz? Also wie kann man denn bei so einem Thema so radikalst in eine Meinung laufen? ;)

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
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  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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