19.01.11
00:39 Uhr

Alles alternativlos!

Wenn´s brennt, muss eben gelöscht werden. Alternativlos. Und weil es in unserem System überall brennt, sind unsere Handlungsentscheidungen in Folge auch alternativlos. Punkt. Wenn Staaten oder Banken sich nur so hoch verzocken, dass ihr Versagen ganze Volkswirtschaften mit in den Strudel zieht, dann müssen wir sie eben auch tot noch am Leben erhalten. Alternative? Fehlanzeige.

Wenn marktwirtschaftliche Systeme zunehmend mehr das Vertrauen der Bürger verlieren und nationale Staaten und ihre Institutionen nur einflusslos zuschauen können, wie die Finanzwelt sich selbst zerfrisst, dann ist das zwar beklagenswert, aber alternativlos. Wer A sagt, muss auch B schlucken. Könnte man meinen.

Und auch in der Werbung wird immer mehr alternativlos. Wer Kunden will, muss werben. Möglichst viel, möglichst aufmerksamkeitsstark, möglichst hartnäckig. Tun die Unternehmen es nicht, frisst der Wettbewerb sie auf. Wer will das schon?! Also wird weiter geworben mit Mediadruck und Gießkanne; irgendwo wird die Botschaft schon landen.

Das Internet hilft uns sogar bei einer fatalen Entwicklung, die uns ohne das Internet zwangsläufig in eine Art Werbesackgasse geführt hätte. Transportwege, Vervielfältigung und Austrahlung von Botschaften kosten fast nichts mehr, also knallen wir auch alles an Werbung raus, was geht. Und mit dem Internet sind es nicht mehr nur die kapitalstarken Unternehmen, die es sich überhaupt leisten können, Werbemedien zu bespielen. Heute kann das jeder. Und jeder tut es auch. Das Internet ist eben nicht nur für die Schöngeister oder Netzromantiker gemacht. Es lebt nun einmal in und damit mit der Wirtschaft. Alternativlos?

Übrigens auch alternativlos: soziale Netzwerke kommerzieller Prägung, die Daten von uns wollen. Der Deal ist klar. Kostenlose Nutzung für die Mitglieder einerseits, anderseits als Gegenleistung für den Plattformbetrieb Daten, Daten, Daten. Für die Werbung natürlich. Manche sagen sogar für bessere Werbung, weil sie zielgenauer sein kann und uns nur das zuliefert, was uns wirklich interessiert.

Sehr treffend gewählt ist das “Unwort des Jahres 2010” also “alternativlos”. Es beschreibt den Zustand kategorischer Handlungszwänge wunderbar und gibt gleichermaßen eine scheinbare Rechtfertigung für teilweise vollkommen absurde, aber eben angeblich alternativlose Entscheidungen.

Tatsächlich gibt es immer Entscheidungsmöglichkeiten. Aber der Strom des Gewohnten ist schon längst zum Fahrwasser des Gewöhnlichen geworden. Taktische Bequemlichkeit im Korsett zwanghafter und zweifelhafter Regeln regiert die westliche Konsumwelt. Dabei wollen nicht nur einflussreiche Menschen ihre erworbene Komfortzone erhalten, auch Unternehmen und Staaten richten sich darin ein.

Sogar Parteien sind “alternativlos geworden. Programmatisch weichgespült und wahltaktisch zersetzt brechen sie ihr eigenes Profil und damit ihren “Markenkern” für die Machtbeteiligung auf, in der sie anschließend alternativlose Entscheidungsvorgaben des Weltsystems umsetzen.

Keine Frage, wenn es brennt, muss gelöscht werden. Das ist in der Tat ziemlich alternativlos als unmittelbare Reaktion. Warum es immer wieder in der Hütte brennt, ist allerdings die viel entscheidendere Frage. Und da dürfen die Antworten alles andere als “alternativlos” sein. Auch wenn sie uns mit Nachdruck aus der scheinbaren Komfortzone reißen werden.

In diesem Sinne euch ein gutes neues Jahr 2011 und…Alternativen los!

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11 Kommentare

  1. frank

    Man stelle sich vor euer Blog brennt und keiner löscht. Da könnte richtig fruchtbarer Boden entstehen.

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Flüssiges oder Überflüssig ist dabei aber ein wesentlicher Unterschied. Wie bei deinem Kommentar aus der Blognachbarschaft.

  3. frank

    Innerer Zwang halt.

  4. Vroni

    Empfehle “shitstorm” als nächstes Unwort für 2011.

  5. mark793

    @Vroni: Ja, ein heißer Kandidat. Es müsste auf dem Sektor heuer aber noch ein bisschen mehr passieren als ein paar Irritationen über den Verbleib der Domain nerdcore.de. ;-)

  6. Raoul

    Das leidige an dem Wort “Alternativlos” und einigen genannten Beispielen ist ja die Ohnmacht, die diese ausstrahlen. Und in Ohnmacht steckt das Wort “Macht”, gegen die scheinbar keion Kraut gewachsen zu sein scheint. Abseits dieser Machtfragen gibt es immer eine Alternative, so wurde ich jedenfalls erzogen und das macht das Leben dann auch wieder spannend,verschiedene Wege auszuprobieren, ähnlich den Alternativrouten im Navisystem.

  7. Facebook ist alternativlos « Schokokäse

    [...] gesamten Beitrag gibts beim Werbeblogger. Mein persönliches Unwort des Jahres: Facebook. [...]

  8. Vroni

    Dieser Blogbeitrag ist preaching to the converted.
    Werber mögen dieses Wort 100% weniger als es die Nistgermanen der Sprachschützer eh schon tun.

    Wenn einem Werber nix mehr einfällt (er also keine Alternativen mehr hat sondern Verstopfung), dann kann er sowieso nach Hause gehen. Oder?

  9. Konstantin

    Alternativlos? Noch nie gehört. Es gibt immer Alternativen :)

  10. Thomas Matti

    Alternativlos könnte man auch durch die Zahlen 0815 ersetzen.
    Ich komme zwar nicht direkt aus der “klassischen” Werbebranche.
    Aber halt. Vielleicht doch. Immerhin bin ich Konsument. Und warte doch immer so lange bis ich wieder mal auch ganz für mich allein flüstern kann “Geil gemacht”.
    Aber. Fehl-Anzeige. Studierte Diplomierte weissichnichtwas machen Werbung. Sitzen in der Politik. Und an den meisten Schalthebeln der Wirtschaft.
    Ausgestattet mit einem schönen Rucksack “Alternativlos 0815″ von der Uni. Was soll da schon dabei rauskommen?

    Aber es gibt da ja auch noch die Idealisten. Ruhelosen. Die möchten dass andere Geil und Super denken und sagen wenn sie wieder mal einen Auftrag fertiggestellt haben.
    Egal ob in der Wirtschaft. Politik. Im Bereich Creativ oder wo auch immer. Wünsche auch ein gutes 2011 und weiterhin viel Erfolg.

    Ein tolles Blog in das ich (nicht mangels alternativen, man muss halt suchen und finden) immer gerne wieder reinschaue. ;-)

  11. Montagspredigt: D64 | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    [...] Verlags- und Medien-Industrie sind von innen zu heilen, zu wandeln oder gar neu zu erfinden, dazu sind sie viel zu satt. Ebensowenig wie eben die [...]

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  • ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
  • Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
  • ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
  • ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
  • ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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