07.12.10
00:40 Uhr

Brotlose Schreiberkunst? Bloggen ist kein Geschäftsmodell.

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Robin Meyer-Lucht macht sich neu Gedanken. Sein allgemein kommuniziertes berufliches Profil stellt sich dabei ungefähr so dar wie die Tätigkeit vieler Blogbetreiber mit größerem Archiv (um nicht “größere” Blogs zu sagen).

[...]Robin Meyer-Lucht, Dr.oec. HSG, Jahrgang 1973, ist Strategieberater, Medienökonom und Autor. Er betreibt das Strategieberatungsinstitut Berlin Institute und ist Herausgeber des Mehrautorenblogs CARTA [...]

Ja, natürlich geht es beim Thema “Carta” auch um das Geld. Oder genauer gesagt: …um die Refinanzierung einer Publikation, die nach klassischen Ertragsbewertungen nicht wirtschaftlich ist. Bloggen, oder besser das “Schreiben”, ist eben ein Aufwand, der sich meistens zwischen, vor und nach der hauptberuflichen Aktivität des Blogautors einstellt – oder eben nicht.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass der Blogbetrieb auch beim Werbeblogger keiner vernünftigen kaufmännischen Analyse standhalten kann. Als Berater an anderer Stelle würde ich aus reiner Ertragssicht vom Betrieb des Werbeblogger abraten. Zu viel Zeit, kein ROI, kein direkt messbarer Benefit, jedenfalls nach harten betriebswirtschaftlichen Messindikatoren der kurzfristigeren Art.

Warum also bloggen? Warum also Schreiben? Die Frage stellt sich nach meiner Erfahrung oft so gar nicht. Ich blogge, ich schreibe, weil ich Freude daran habe, Gedanken jenseits von Quickshots bei Facebook oder Twitter mit anderen Lesern zu teilen. Und ebenso gilt für mich: je mehr Leser an meinen Gedanken teilnehmen, desto mehr freut es mich. Aber eine  maßgebliche berufliche Ent- und Verwicklung mit der eigenen Publikation habe ich mir abgewöhnt.

Nicht der Werbeblogger bestimmt meinen Publikationsrythmus sondern ich selbst und ich weiß, dass ich auch für meine Co-Autoren spreche, wenn die tägliche Arbeit, mit der sie ihr Geld verdienen, zurecht absolute Priorität hat.

Im Moment kommt vieles auch bei uns zusammen. Fast könnte man sagen, dass der Umfang, in welchem unsere Autoren professionell beauftragt sind daran messbar wird, wie viel bzw. wie wenig wir hier im Werbeblogger zum Schreiben kommen. Natürlich nur fast, denn wenn Schreiben eine Leidenschaft ist, dann schreiben wir eben auch hin und wieder zu Zeiten, wo andere vielleicht Squash, Golf, Computer oder Karten spielen. Oder Fernsehen. Oder Twittern. Oder bei Facebook die Wirkung ihres aufgebauten Social Graphs verifizieren. Oder ein bisschen von allem.

Betrachten wir einmal hart die wirtschaftliche Seite. Als Berater der fortgeschrittenen Art (andere sagen Senior Berater), verdienen wir an einem Tag das Geld, was vielleicht monatlich via z.B. Google Adsense beim Werbeblogger eingefahren werden könnte. Ich muss aber dabei auch gestehen: Ich mag Adsense nicht auf dem Werbeblogger, Linktausch-Aktionen und Affiliates der Penny-Fraktion ebensowenig. Ich finde, es passt irgendwie nicht zum Werbeblogger. Dafür nehmen wir lieber mal exklusiv einen einzigen Werbekunden im Monat! auf, bei dem wir wissen, dass es sowohl dem Publisher als auch dem Werbekunden eine besondere Aufmerksamkeit beschert. Oder wir unterstützen eine Aktion, eine Veranstaltung oder einfach eine subjektiv gute Idee, weil wir sie selbst gut finden.

Diese Haltung hat gar nichts mit professioneller aktiver Vermarktung zu tun und mancher mag sagen, dass die medienerfahrenen Profis, die hier den Werbeblogger befüllen, ihr postuliertes Wissen bei der Vermarktung ihrer eigene Publikation ad absurdum führen. Ich sehe das anders. Die Stundenlöhne, mit denen wir am Markt unser Brot (und manchmal ein bisschen mehr) verdienen, wird der Werbeblogger in Refinanzierung auf absehbare Zeit nicht liefern. Punkt. Übrigens müssen die Stundenlöhne dafür noch nicht einmal sehr hoch sein. Bloggen ist kein Geschäft, jedenfalls nicht im Vergleich zu anständigen Honoraren bzw. Tagessätzen, die man normalerweise und bei guter Arbeit am Markt erreichen kann.

Aber nun zurück zu Carta. Ich finde, Carta ist es gelungen, öfter einen guten Beitrag zur Diskussion über neue Medien, Datenschutz und weitere politische Felder zu leisten. Robin Meyer-Lucht schreibt nun:

Carta braucht jedoch eine neue Konzept- und Finanzierungsrunde.

Ja, vielleicht braucht Carta das. Aber vielleicht brauchen sie auch eine Klärung darüber, in welchem Umfang rein betriebswirtschaftliche Ertragsbetrachtungen für eine Publikation gelten können, die -bei allem Respekt- weit hinter Klick- und Visitzahlen zurückliegt, die andere Verlagspublikationen schon zur Aufgabe bewegt haben. Oder anders formuliert: Welchen wirtschaftlichen Beitrag zum Lebensunterhalt soll Carta zukünftig den beteiligten Autoren grundsätzlich ermöglichen? Könnte die Publikation auch nur annähernd den Zeit- und Arbeitsaufwand vergüten, den die Autoren immer wieder jenseits ihrer beruflichen Haupttätigkeit zur Verfügung stellen?!

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7 Kommentare

  1. Raoul

    Das die reine Bloggerei nicht dazu geeignet ist einen “normalen” Broterwerb zu substituieren, dass unterschreibe ich sofort. Daran ändern auch die Modelle a la Flattr und Co. nichts. Das Grundproblem liegt meines Erachtens darin begründet, dass es sehr schwierig ist aus einem Blog ein Produkt zu generieren. Das Geschriebene ist in der Regel von kurzer Informationsdauer, mitunter Redundant und eine Vermarktungsmöglichkeit letztendlich auf Bannerwerbung im überschaubaren Stil reduziert.
    Vielleicht gibt es ja einen mir noch unbekannten Blog, der es schafft seinen Blog als Produkt zu positionieren und daraus Kapital schlagen kann.

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Raoul Ja, das wäre mal eine interessante Gedankenübung. Was braucht es, um ein Blog zu einem “Produkt” zu machen, mit allem drum und dran…

  3. Patrick Breitenbach

    “Was braucht es, um ein Blog zu einem “Produkt” zu machen, mit allem drum und dran…”

    Eine sexy positionierte Marke.
    Differenzierung zu allem anderen Kram in der Nähe.
    Gute Ideen für Nischenprodukte mit hohem ideellen Wert. (siehe TED)
    Handels-/Vertriebs-/Medienpartner.
    Oder alternativ ein bisserl Kapital.
    Genug eingefleischte Fans.
    Inszenierung.

    Noch was? :-)

  4. Christoph Kappes

    Vielleicht ganz kurz der Hinweis, dass wir von Carta dankbar sind für jede weitere Sicht.
    Ich ganz persönlich sehe das monetäre Thema wie Roland. Meine Beraterhonorare sind auf einem solchen Level, dass ich keine Honorare brauche, schon die Abrechnung erscheint mir unwirtschaftlich. Das ist aber sicherlich nicht so beim Gros der Autoren. Das Ziel wäre, sie wenigstens so (schlecht) zu bezahlen wie bei Print-Medien.
    Unsere Diskussion bei Carta geht aber weniger um Autorenhonare, das wird evtl von aussen falsch wahrgenommen. Es geht um Ressourcen, um eine regelmässigen und hochwertige Betreuung sicherzustellen sowie ein paar grundlegende Produktgedanken.
    Bitte ggf bei Carta am Artikel diskutieren. Wir freuen uns über Input.

  5. Raoul

    @Patrick Breitenbach

    Und ein Produkt das sich tatsächlich verkaufen läßt, auch und gerade über traditonelle Offline-Kanäle. Der Blog, der dann wahrscheinlich diese Edikettierung dann über Bord geworfen, als Marke, als Produkt mit Produkten.

  6. Patrick Breitenbach

    @Raoul: Verstehe ich nicht so ganz. Also von der Satzstellung her. :-)

  7. Reini Rossmann

    Hmm, also ich sehe das nicht so. Natürlich kann man mit einem Blog oder generell mit einer Webpräsenz, die kein eigenes Produkt anbietet nicht Reich werden, aber zum Broterwerb KANN es sehr wohl ausreichen. ( Natürlich sind die Anforderungen an Brot sehr unterschiedlich und hängen von der Lebenssituation ab).

    @ Raoul: Ein Blog ist ein Produkt bzw. eine Dienstleistung mit allem was man aus der Marketing-Welt kennt – Nutzen, Zielgruppe, Konkurrenz, Differenzierung. So wie Patrick Breitenbach ausgeführt hat. Und das sobald dieser im Netz steht.
    Wenn man natürlich nur News von anderen Seiten abschreibt dann bietet man einfach keinen differenzierten Nutzen und hat keine Chance.

    Und ja, mit einem Blog oder einer Seite wird es in der Regel schwer – ich brauche dazu mehr Seiten und Blogs…

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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