04.12.10
14:36 Uhr

Wikileaks – der letzte Anschub für Qualitätsjournalismus?

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Wikileaks hat große Außenwirkung erzeugt, ist aber eben (mittlerweile) fast nur noch ein Ein-Mann-Unternehmen, geführt vom Betreiber Assange auf der Flucht. Assange weiß selbst wohl genau, dass es ihm als Organisation nie möglich war, die Vielzahl an Dokumenten und Informationen redaktionell zu sichten und journalistisch einzuordnen. Ebenso weiß er auch, dass es gute Gründe geben muss, warum die Whistleblower ihre Geheimdokumente wie z.B. die US-Hubschraubereinsätze in Bagdad nicht direkt an große Leitmedien übergeben haben. Fürchten und fürchteten die Informanten ggf., dass sie nicht verlässlich mit einem wirksamen Informantenschutz rechnen können? Ahnten die Geheimnisträger bei so viel politischer Brisanz, dass große Verlagshäuser von Regierungen und Institutionen vielleicht zu stark unter Druck gesetzt werden könnten und dadurch ihr publizistisches und journalistisches Credo relativieren würden?

Was ist grundsätzlich daraus abzuleiten, dass ein Unternehmen wie Amazon als technischer Dienstleister Wikileaks die Zusammenarbeit aufkündigte, nachdem der politische Druck anstieg? Amazon jedenfalls begründet seine Entscheidung mit einem Verstoß Wikileaks gegen die eigenen Geschäftsbedingungen, wobei die Frage offen bleibt, warum Amazon dann nicht umgehend nach Veröffentlichung der letzten Dokumente Wikileaks gehandelt hat.

Faktisch dokumentiert die Enthüllungsplattform Wikileaks jedenfalls einen Vertrauensverlust gegenüber allen Publikationen und Verlagen, die sich als Leitmedien in der westlichen Welt verstehen und unabhängigen Qualitätsjournalismus betreiben wollen. Liegt es wirklich am Internet und seiner anarchistischen Struktur ohne zentrales Machtorgan, dass Wikileaks diese Bedeutung bekommen hat? Oder ist es nicht vielmehr so, dass das Grundvertrauen in die Unabhängigkeit der “vierten Gewalt” westlicher Demokratien schon länger erschüttert ist und damit alternative Publikationsformen im Web ihren Zulauf finden?!

Wikileaks hat mit den letzten Veröffentlichungen und Enthüllungen begonnen, “Medienpartnerschaften” einzugehen, also gezielt Leitmedien verschiedener westlicher Nationen wie den Spiegel, den Guardian oder die New York Times ins Boot zu holen. Es gibt vermutlich nicht wenige führende Köpfe der internationalen politischen Klasse, die bereits diese Art der “Partnerschaft” bekämpfen werden. Sollte nämlich die Aktivität Wikileaks tatsächlich international als “illegal” eingestuft werden, dürften die Kritiker auch die beteiligten Medien einer bestimmten Form der Mittäterschaft und Beihilfe zum Geheimnisverrat bezichtigen. Eine Stärkung der Pressefreiheit auch in diesem Kontext wäre also durchaus wünschenswert.

Die Zusammenarbeit von Wikileaks mit großen und namhaften Publikationsmarken ist jedenfalls keine schlechte Entwicklung. Wikileaks kann strukturell nicht nach journalistischen Sorgfaltsgrundsätzen handeln. Dafür fehlt der Organisation schlicht die redaktionelle Manpower. Andererseits hat der klassische Journalismus mit Wikileaks eine vergleichsweise unerwartete, riesige Chance bekommen, öffentliches Vertrauen in einen unabhängigen und wehrhaften Qualitätsjounalismus zu stärken, der für das Überleben von Demokratien unverzichtbar ist.

Wie formulierte es Frank Schirrmacher noch vor kurzem:

In Deutschland nennen wir das, was wir tun, „Qualitätsjournalismus“, und gemeint ist ein Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert. Zeitungen sind Qualitätszeitungen, weil sie auch dort analysieren, wo vorläufig kein „Markt“ im herkömmlichen Sinn existiert, in der Latenz, in den politischen, wirtschaftlichen und kulturen Tiefenschichten des eigenen Landes und der globalen Gemeinschaft.

Jetzt können sie es wirklich beweisen.

Update: Nachdem Amazon einen Teil der Infrastruktur von Wikileaks abschneidet, folgt ein weiterer großer US-Player mit PayPal (eBay), der mit der Sperrung des Spendenkontos die Spendenflüsse von Wikileaks blockiert.

5 Kommentare

  1. Hallo Wikileaks-Thematik: Gibt es noch mehr als Schwarz und Weiss? - Brainblogger – Denken, Zukunft, Gehirn, Kultur, Evolution

    [...] Eine Replik auf den Beitrag von Roland im Werbeblogger. [...]

  2. Malik

    “Eine Stärkung der Pressefreiheit auch in diesem Kontext wäre also durchaus wünschenswert.”

    Genau so gut, kann dies auch gehörig nach hinten losgehen. Ich bin echt gespannt, welche Auswirkungen dies noch allgemein auf die Gesellschaft haben wird. Der politische Druck scheint grösser zu werden und ich erwarte eher noch weitere fragwürdige Entscheidungen, wie es Paypal und Amazon bereits getan haben.

    Welche Regierung wäre denn ohne Weiteres bereit zuzulassen, dass die Wikileaks Seite von irgendeiner befreundeten Organisation bei ihnen im Land gehostet wird?

  3. Regina Ferramenti

    Was PayPal und Amazon sich da erlaubt haben ist eine riesen sauerei. Sie verurteilen schon bevor überhaupt ein Urteil gefällt worden ist. Ich finde Wikileaks super! Wer mit solchen Informationen nicht klar kommt der soll es halt lassen und seinen Tunnelblick woanders hinrichten.

  4. Franz

    Interessant und ein bisschen beängstigend ist hier, wie die Prozesse im Journalismus sich “um sich selbst drehen”, verselbstständiguen und die Berichterstattung wie “gehetzt” wirkt.
    Denn:
    Journalismus (Wikileads)berichtet.
    Journalsimus (andere “Journale”) berichten über Journalismus (Wikileads).
    Journalismus berichtet über sich selbst (Freiheit des Journalismus)
    Journalimus muss – wie getrieben und ohne Spielraum – über sich selbst, seine Identität, den eigenen Vertreter (Wikileads) sachlich und urteilend bzw. parteinehmend berichten.
    Es ist, als würden die Prozesse eine eigene Dynamik entwickeln, durch die Freiheitselemente der Presse/des Journalismus verloren gehen.

    Und dabei habe ich als jemand, der nicht recherchiert, sondern “en passant” die Meldungen wahrnimt, den Eindruck, diesmal besonders schlecht informiert zu sein. Was genau wird Wikileads vorgeworfen? Wie passt der Begriff “Vergewaltigung” auf die Zusammenhänge, die mit der Anschuldigung bekannt geworden sind? usw.

    Etwas anderes noch, was ich in einem Blog gelesen habe: Inwieweit kann nicht Wikileads auch instrumentalsiert werden von jemanden, der Wikileads Informationen über einen “Gegner” zuspielt?

  5. Der Fall Wikileaks – Zulässige Inanspruchnahme der Pressefreiheit rechtswidriger Geheimnisverrat Recht Rechtsanwalt

    [...] der Veröffentlichung seitens Wikileaks unterstellt – dann konsequenterweise nicht auch von einer Mitverantwortlichkeit der etablierten Medien (wie aktuell Spiegel, The Guardian & Co) ausgehen müsste, die schlussendlich nichts anderes [...]

Eure Kommentare

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