30.11.10
10:51 Uhr

Montagspredigt: wikileaks oder Euer Emoticon kotzt mich an!

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Harte Worte, liebe Gemeinde, ich weiß. Aber wie will man sonst diese schwüle Sülze durchbrechen, die Ihr alle um Eure zarten Seelchen gelegt hat? Wie will man noch zu Euch vordringen, zu dem, was Euch wirklich bewegt, Euch wirklich ausmacht? Ihr Diplomaten, Politiker, Marken, Agenturler, Social Medianer, Mitmenschen?

Ironie versteht keiner mehr, Satire ist nah der Verdammnis, Sarkasmus verboten (kann ich verstehen). Ironie und Satire müssen mit dem Namen eines berühmten Kabarettisten gelabelt sein, Scherze müssen mit einem Emoticon abgeschlossen werden, damit man weiß, nun darf, nun soll, nun muß man lachen …

Nur nichts ranlassen an die Seifenblasen-Hülle des sozial-medialen Rückgrates. Alle müssen politisch-korrekt sein, alle müssen langweilig-höflich sein. Niemand darf mehr die Wahrheit sagen. Niemand über die Stränge schlagen. Niemand ehrlich sein, zu seinem Gegenüber!

Ein gerüttelt Maß an Polarisierung aber ist wichtig. Wer versucht, es allen recht zu machen, macht es keinem recht. Je weiter und breiter die Positionierung, desto beliebiger die Botschaft!

Wie aber soll sich dann etwas ändern in der Welt? Erst wenn die Menschen erkennen, wofür sie da draussen wirklich stehen, werden sie erkennen, daß sie sich selbst ändern müssen, und nicht die eigene Marken- und Pressearbeit.

Menschen wollen sich weiterentwickeln, da hilft meist nur die ungeschminkte Wahrheit, konstruktiv dargebracht.

Vertraut den Menschen, daß sie nicht so denken wie Ihr. Vertraut den Menschen, daß sie anders sind als Ihr und Euch doch nichts Böses wollen. Vertraut und Euch wird vertraut.

Wieviel mehr haben wir von wikileaks gelernt über die amerikanischen Diplomaten als über unsere Politiker? Das ist doch spannend, erkenntnisbringend, unbezahlbar. Und ebenso deutlich könnten die Wissenssprünge in jedem ehrlichen Gespräch zwischen zwei Menschen, jedem Dialog via Facebook, etc. sein, würden wir alle uns nicht hinter Fratzen verstecken, tagtäglich, hinter Emoticons, hinter Masken, PR-Artikeln, PR-Millionen, Presse-Zensur und Selbstzensur …

Laßt die Menschen Euren Spiegel sein, lernt aus ihren Reflektionen. Erkennt Licht und Schatten. Zieht Konsequenzen. Werdet der Mensch in den Augen der Nächsten, zu dem auch Ihr aufblicken wollt. Und behandelt einander, wie Ihr selbst behandelt werden wollt!

(P.S.: Aus terminlichen Gründen rutscht diese „Montagspredigt“ ausnahmsweise auf einen Dienstag.)

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13 Kommentare

  1. frank

    Hach, Ralf. Das ist doch wieder nichts halbes und nichts ganzes. ;-)

  2. Komm mach

    Ich bin ebenfalls für ein Mindestmaß an Ehrlichkeit, aber es ist nunmal gesellschaftlicher Konsens, sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner – der Höflichkeit – zu verständigen. Dies ist wohl hauptsächlich denen geschuldet, die mit Wahrheit nicht viel anfangen können… Aber mal ehrlich: Kommunikation ohne Regeln? Das kann nicht gutgehen.

  3. ralf schwartz

    @Komm mach
    Ich denke, es hat auch ein wenig mit Nähe zu tun, damit, sich ein wenig auf den anderen einlassen.

    Im Netz ist das viel schwieriger, da man den anderen nicht sieht (wie im Büro oder in der Straßenbahn) bzw. nicht hört (Telephon), denn sehen und hören trägt natürlich noch eine Menge mehr Information als das bloße geschriebene Wort.

    Man blendet Ausreißer oder Unerwartetes zu schnell, dabei erweitern genau die den Horizont – wenn man Glück hat.

  4. Komm mach

    @Ralf Schwartz
    Ich stimme zu! In der direkten Kommunikation ist es undenkbar auf den Informationsgehalt von Gestik, Mimik, Stimmlage zu verzichten.
    In der digitalen Welt wurde dafür Ersatz geschaffen, da man sonst etwas so wunderbares wie Ironie und Sarkasmus im Gesprochenen hätte belassen müssen.
    In der indirekten Kommunikation ist das etwas anders, sonst hätte die „Titanic“ den Smiley wohl schon vor 60 Jahren erfinden müssen. Wer es versteht, der versteht’s – wer nicht, der nicht.

  5. ralf schwartz

    @Komm mach
    Yep. Der Absender ist immer ein klares Zeichen.

    Da fällt mir ein Interview von fefe ein, der sagt, er will, daß die Leute alert bleiben und nicht alles einfach schlucken. Finde ich sinnvoll.

    Diese Emoticons sind einfach zu einfach …

  6. eddiberlin

    WIKILEAKS und nu?
    Ganz im Ernst: hat hier irgendjemand durch Wikileaks irgendetwas erfahren, was er nicht schon vorher wusste oder zumindest vermutete? Wozu der Aufschrei?

    Zumindest die Informanten und Geheimdienstler sind offensichtlich eines deutlich wacheren Verstandes, als so manche Politiker und ihr Wahlvolk.

    Ich bin beruhigt.

  7. ralf schwartz

    @eddiberlin
    Noch beruhigter wäre ich, man würde daraus lernen und Tacheles miteinander reden.
    Höflichkeit lindert zwar die Stöße (wogegen auch grundsätzlich nichts zu sagen ist), aber ein klares Wort zur rechten Zeit hat auch noch niemandem geschadet. Im Gegenteil.

    Ich hatte es vor ein paar Tagen – ein wenig weltverbesserisch – so formuliert: ralfschwartz.typepad...

  8. Marc Weber

    @eddiberlin
    Dass selbsternannte Propheten im Ausland genau so trantütig wahrgenommen werden wie im eigenen Land, ist schon eine Erkenntnis der ich mir vorher nicht so sicher war.
    Jedenfalls weiß man jetzt, dass Obamas Freundschaftlichkeiten Merkel gegenüber eindeutig diplomatischer Natur sind.

  9. Tobias

    Hheute morgen hätte ich bei dem Satz eines Nachrichtensprechers direkt kotzen können, als die Amerikaner Wikileads vorwarfen, Schuld zu sein, am ganzen Tohuwabohu!

    Das ist wie bei einem Mordfall zu verlangen, dass gefälligst der Zeuge erschossen gehört, weil er den Mund aufgemacht und das Geheimnis verraten hat.

    Ekelerregend!

  10. Tobias

    Heute morgen hätte ich bei dem Satz eines Nachrichtensprechers direkt kotzen können, als die Amerikaner Wikileads vorwarfen, Schuld zu sein, am ganzen Tohuwabohu!

    Das ist wie bei einem Mordfall zu verlangen, dass gefälligst der Zeuge erschossen gehört, weil er den Mund aufgemacht und das Geheimnis verraten hat.

    Ekelerregend!

  11. drikkes

    Man muß die Wahrheit auch erst einmal erkennen können.

  12. René Artois

    Zille hat mal gesagt: „Jeder schließt von sich auf andere und vergißt, daß es auch anständige Menschen gibt.“

  13. frank katzer

    @ralf bin vollkommen deiner meinung. den weichgespülten konsens braucht man einfach nicht auf dauer.

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