10:51 Uhr
Montagspredigt: wikileaks oder Euer Emoticon kotzt mich an!
Harte Worte, liebe Gemeinde, ich weiß. Aber wie will man sonst diese schwüle Sülze durchbrechen, die Ihr alle um Eure zarten Seelchen gelegt hat? Wie will man noch zu Euch vordringen, zu dem, was Euch wirklich bewegt, Euch wirklich ausmacht? Ihr Diplomaten, Politiker, Marken, Agenturler, Social Medianer, Mitmenschen?
Ironie versteht keiner mehr, Satire ist nah der Verdammnis, Sarkasmus verboten (kann ich verstehen). Ironie und Satire müssen mit dem Namen eines berühmten Kabarettisten gelabelt sein, Scherze müssen mit einem Emoticon abgeschlossen werden, damit man weiß, nun darf, nun soll, nun muß man lachen …
Nur nichts ranlassen an die Seifenblasen-Hülle des sozial-medialen Rückgrates. Alle müssen politisch-korrekt sein, alle müssen langweilig-höflich sein. Niemand darf mehr die Wahrheit sagen. Niemand über die Stränge schlagen. Niemand ehrlich sein, zu seinem Gegenüber!
Ein gerüttelt Maß an Polarisierung aber ist wichtig. Wer versucht, es allen recht zu machen, macht es keinem recht. Je weiter und breiter die Positionierung, desto beliebiger die Botschaft!
Wie aber soll sich dann etwas ändern in der Welt? Erst wenn die Menschen erkennen, wofür sie da draussen wirklich stehen, werden sie erkennen, daß sie sich selbst ändern müssen, und nicht die eigene Marken- und Pressearbeit.
Menschen wollen sich weiterentwickeln, da hilft meist nur die ungeschminkte Wahrheit, konstruktiv dargebracht.
Vertraut den Menschen, daß sie nicht so denken wie Ihr. Vertraut den Menschen, daß sie anders sind als Ihr und Euch doch nichts Böses wollen. Vertraut und Euch wird vertraut.
Wieviel mehr haben wir von wikileaks gelernt über die amerikanischen Diplomaten als über unsere Politiker? Das ist doch spannend, erkenntnisbringend, unbezahlbar. Und ebenso deutlich könnten die Wissenssprünge in jedem ehrlichen Gespräch zwischen zwei Menschen, jedem Dialog via Facebook, etc. sein, würden wir alle uns nicht hinter Fratzen verstecken, tagtäglich, hinter Emoticons, hinter Masken, PR-Artikeln, PR-Millionen, Presse-Zensur und Selbstzensur …
Laßt die Menschen Euren Spiegel sein, lernt aus ihren Reflektionen. Erkennt Licht und Schatten. Zieht Konsequenzen. Werdet der Mensch in den Augen der Nächsten, zu dem auch Ihr aufblicken wollt. Und behandelt einander, wie Ihr selbst behandelt werden wollt!
(P.S.: Aus terminlichen Gründen rutscht diese “Montagspredigt” ausnahmsweise auf einen Dienstag.)
13 Kommentare
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 30. November 2010 um 11:11 Uhr
Hach, Ralf. Das ist doch wieder nichts halbes und nichts ganzes. ;-)
Am 30. November 2010 um 11:59 Uhr
Ich bin ebenfalls für ein Mindestmaß an Ehrlichkeit, aber es ist nunmal gesellschaftlicher Konsens, sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner – der Höflichkeit – zu verständigen. Dies ist wohl hauptsächlich denen geschuldet, die mit Wahrheit nicht viel anfangen können… Aber mal ehrlich: Kommunikation ohne Regeln? Das kann nicht gutgehen.
Am 30. November 2010 um 12:07 Uhr
@Komm mach
Ich denke, es hat auch ein wenig mit Nähe zu tun, damit, sich ein wenig auf den anderen einlassen.
Im Netz ist das viel schwieriger, da man den anderen nicht sieht (wie im Büro oder in der Straßenbahn) bzw. nicht hört (Telephon), denn sehen und hören trägt natürlich noch eine Menge mehr Information als das bloße geschriebene Wort.
Man blendet Ausreißer oder Unerwartetes zu schnell, dabei erweitern genau die den Horizont – wenn man Glück hat.
Am 30. November 2010 um 12:24 Uhr
@Ralf Schwartz
Ich stimme zu! In der direkten Kommunikation ist es undenkbar auf den Informationsgehalt von Gestik, Mimik, Stimmlage zu verzichten.
In der digitalen Welt wurde dafür Ersatz geschaffen, da man sonst etwas so wunderbares wie Ironie und Sarkasmus im Gesprochenen hätte belassen müssen.
In der indirekten Kommunikation ist das etwas anders, sonst hätte die “Titanic” den Smiley wohl schon vor 60 Jahren erfinden müssen. Wer es versteht, der versteht’s – wer nicht, der nicht.
Am 30. November 2010 um 12:28 Uhr
@Komm mach
Yep. Der Absender ist immer ein klares Zeichen.
Da fällt mir ein Interview von fefe ein, der sagt, er will, daß die Leute alert bleiben und nicht alles einfach schlucken. Finde ich sinnvoll.
Diese Emoticons sind einfach zu einfach …
Am 30. November 2010 um 12:50 Uhr
WIKILEAKS und nu?
Ganz im Ernst: hat hier irgendjemand durch Wikileaks irgendetwas erfahren, was er nicht schon vorher wusste oder zumindest vermutete? Wozu der Aufschrei?
Zumindest die Informanten und Geheimdienstler sind offensichtlich eines deutlich wacheren Verstandes, als so manche Politiker und ihr Wahlvolk.
Ich bin beruhigt.
Am 30. November 2010 um 12:57 Uhr
@eddiberlin
Noch beruhigter wäre ich, man würde daraus lernen und Tacheles miteinander reden.
Höflichkeit lindert zwar die Stöße (wogegen auch grundsätzlich nichts zu sagen ist), aber ein klares Wort zur rechten Zeit hat auch noch niemandem geschadet. Im Gegenteil.
Ich hatte es vor ein paar Tagen – ein wenig weltverbesserisch – so formuliert: ralfschwartz.typepad...
Am 30. November 2010 um 14:34 Uhr
@eddiberlin
Dass selbsternannte Propheten im Ausland genau so trantütig wahrgenommen werden wie im eigenen Land, ist schon eine Erkenntnis der ich mir vorher nicht so sicher war.
Jedenfalls weiß man jetzt, dass Obamas Freundschaftlichkeiten Merkel gegenüber eindeutig diplomatischer Natur sind.
Am 30. November 2010 um 17:53 Uhr
Hheute morgen hätte ich bei dem Satz eines Nachrichtensprechers direkt kotzen können, als die Amerikaner Wikileads vorwarfen, Schuld zu sein, am ganzen Tohuwabohu!
Das ist wie bei einem Mordfall zu verlangen, dass gefälligst der Zeuge erschossen gehört, weil er den Mund aufgemacht und das Geheimnis verraten hat.
Ekelerregend!
Am 30. November 2010 um 17:54 Uhr
Heute morgen hätte ich bei dem Satz eines Nachrichtensprechers direkt kotzen können, als die Amerikaner Wikileads vorwarfen, Schuld zu sein, am ganzen Tohuwabohu!
Das ist wie bei einem Mordfall zu verlangen, dass gefälligst der Zeuge erschossen gehört, weil er den Mund aufgemacht und das Geheimnis verraten hat.
Ekelerregend!
Am 1. Dezember 2010 um 17:46 Uhr
Man muß die Wahrheit auch erst einmal erkennen können.
Am 2. Dezember 2010 um 12:51 Uhr
Zille hat mal gesagt: “Jeder schließt von sich auf andere und vergißt, daß es auch anständige Menschen gibt.”
Am 5. Dezember 2010 um 17:18 Uhr
@ralf bin vollkommen deiner meinung. den weichgespülten konsens braucht man einfach nicht auf dauer.