28.09.10
14:10 Uhr

Was wurde eigentlich aus … der Sports Illustrated für das iPad?

Die Republik ist zur Zeit voll der Echos aus wichtigen politischen Debatten, allen voran Integration und Hartz, im Zuge derer mir die Zukunft des Publishing als eines meiner Lieblingsthemen — einige Aspekte dazu in meinen letzten Blogeinträgen hier und hier — fast schon ein bißchen deplaziert erscheint. Aber nur fast. Denn die Wahrscheinlichkeit, daß Verlage und Verwerter freie Kreative, Journalistinnen und Journalisten und Urheberrechtsinhaber ganz allgemein aus allen Medienbereichen in politischen Hinterzimmern in aller Stille über den Löffel barbieren, weil dem Widerstand im Zuge anhaltender politischer Vorzimmertumulte immer mehr Zähne gezogen wurden, ist keinesfalls gering. Während wir uns zum Beispiel auf der einen Seite darüber freuen, daß Unternehmen und Corporate Publisher sich den Neuen Medien und dem damit zwangsläufig verbundenen „Loslassen“ allmählich öffnen, ist zum Beispiel den Verlagen keine Maßnahme zu bizarr, um neue und native Formen der Distribution von Nachrichten in den Neuen Medien und damit neue und native Formen des Nachrichtenjournalismus überhaupt zu strangulieren. Und bei der einen oder anderen Kuschelveranstaltung mit Disziplinen wie Gegenseitiges Langstrecken-Schulterklopfen stellt sich auch die Frage, auf wen in dieser kritischen Auseinandersetzung letztendlich Verlaß sein wird — wo es sich doch so schön und warm liegt unter dem Deckchen von Politik, Verwertern und Verlegern.

Speziell für Verleger war ja, wir erinnern uns, das iPad die Erlösung, und Steve Jobs der Messias. Wir alle warten weiterhin gespannt, was daraus wird. Und aus all den tollen neuen Publikationsmodellen — chick, slick, smart, wandlungsfähig und unwiderstehlich — auf dieser Plattform, die das Geschäftsmodell des iPad möglich macht.

Zum Beispiel die Sports Illustrated iPad App!

Wir erinnern uns:


Sports Illustrated—Tablet Demo 1.5

Vor ein paar Tagen hieß es nun: Portrait-Modus ade. Dazu Josh Quittner, Gast-Editor für die iPad-Version der Sports Illustrated:

For the first time, we’re offering the SIpad Edition in landscape (horizontal) mode only. If a reader flips it into portrait (or vertical) mode, he’ll get a message telling him the page is only offered in a horizontal layout.

Nach vielen bunten Worten wie “optimal experience” und “innovating by concentrating on that one view” und “smaller download” kommt Quittner zum Thema:

And last, but not least, doing away with the vertical view allows us to economize on resources. The brunt of the iPad issue falls on the shoulders of our designers—they’re the folks who, in one magazine after another here at Time Inc. and elsewhere, are the people who suddenly added an extra day to their already busy weeks.

Mehr Designkräfte werden dafür nicht an- und abgestellt. Zum einen, weil sie sich über das Apple-Modell laut Quittner nicht refinanzieren lassen, zum anderen, weil diese Designkräfte sich anderen neuen und aufregenden Produkten auf anderen Plattformen widmen sollen.

Für all jene Verlage, die das iPad als lang erwartetes Neues Geschäftsmodell für die Neuen Medien gefeiert haben, wartet offenbar der eine oder andere ganz böse Kater. Oder ist das zu pessimistisch? Immerhin, das iPad könnte sich prinzipiell durchaus als schwimmfähiger Rettungsring für Publisher erweisen, da es ganz spezifisch dort ansetzt, wo das Problem liegt, nämlich bei der Distribution. Als echte Lösung, fürchte ich, ist Apples iPad und das Tablet-Modell als solches jedoch nicht radikal genug. Es liefert keine Anlässe für notwendige Veränderungen in den anhängigen Infrastrukturen und dürfte letztendlich auch nicht stark genug sein, um in dieser dritten Phase der Social-Media-Revolution mit seinem Prinzip des “Walled Garden” gegen das “Web of Flow” auf Dauer zu bestehen.

Als wäre es verabredet gewesen, wurde gestern, wenige Stunden nach dem Entwurf dieses Eintrags, die iPad-App für den New Yorker angekündigt. Der Trailer ist, keinesfalls unerwartet, witzig und nett anzuschauen:


Jason Schwartzman Introduces The New Yorker iPad App

Das schauen wir uns dann in ein paar Monaten noch einmal an und vergleichen es wieder mit der Wirklichkeit. So richtig fortschrittlich ist das alles aber jetzt schon nicht. Jede Ausgabe muß einzeln in der App gekauft werden. Wer den New Yorker bereits auf toten Bäumen abonniert hat (mein New Yorker-Tote-Bäume-Abo ging schon vor langer Zeit denselben Weg wie Time Magazine, SciAm, c’t, iX, Zeit oder AJW), muß die iPad-Ausgaben trotzdem extra kaufen. Kottke nennt es die “Convenience Fee”. Für die Print-Abonennten gibt es zwar eine “optimierte” Web-Interface-Version der Ausgabe (nicht identisch mit der iPad-Ausgabe), die im Offline-Modus aber nicht funktioniert. Way to go, New Yorker, way to go.

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4 Kommentare

  1. Icke

    “Denn die Wahrscheinlichkeit, daß Verlage und Verwerter freie Kreative, Journalistinnen und Journalisten und Urheberrechtsinhaber ganz allgemein aus allen Medienbereichen in politischen Hinterzimmern in aller Stille über den Löffel barbieren, weil dem Widerstand im Zuge anhaltender politischer Vorzimmertumulte immer mehr Zähne gezogen wurden, ist keinesfalls gering. ”

    Was! Für! Ein! Satz!! Allein ich verstehe ihn nicht, obwohl ich ihn wieder und wieder und wieder lese.

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @icke :-) Wenn ich mal zitieren darf:

    “Denn die Wahrscheinlichkeit, daß Verlage und Verwerter freie Kreative [...]in aller Stille über den Löffel barbieren,[...]ist keinesfalls gering.”

    Verschachtelter Satz? Ja. Wahr? Auch.

  3. Alex

    Und ich bin mal gespannt auf Freitag. Da erscheint die Autobild-iPad-App… mal schauen was Axel Springer so bringt – iPad soll ja der Burner sein….

  4. J. Martin

    @Alex Ah, danke für den Hinweis! Da bin ich auch gespannt.

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Eure Kommentare

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  • ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
  • Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
  • ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
  • ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
  • ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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