17:38 Uhr
Wo und wie Ideen sich vermehren
Book Trailer: Steven Johnson, Where Good Ideas Come From
Leider erreicht dieser Trailer für das Buch Where Good Ideas Come From von Steven Johnson nicht die Qualität der RSA Animate-Clips, doch vermag er das Argument kurzweilig zu illustrieren. Brillante Ideen und Lösungen sind keine einsamen Heureka!-Momente, sondern entstehen in einem langsamen Gärungsprozeß, kontinuierlich angereichert mit einer Vielzahl anderer Ideen. Brillante Ideen und Lösungen entstehen im Kontext horizontaler und vertikaler Konnektivität: dem Austausch mit anderen Menschen (Conversation) und dem Integrieren und Zusammenfügen dessen, was es bereits gibt (Bricolage).
Das hat verschiedene Konsequenzen.
Patentrecht
Eine dieser Konsequenzen besteht darin, daß ein amoklaufendes Patentsystem statt innovationsfördernd innovationsverhindernd wirkt. Nicht, daß es früher keine Probleme dieser Art gegeben hätte. In den von Johnson zitierten Salons der Moderne und den Kaffeehäusern der Aufklärung tobte der Kampf um die Urheberschaft von Ideen ebenso wie heute, mit den Auseinandersetzungen zwischen Newton und Leibniz um die Erfindung des Calculus als spektakulärstes Beispiel. Aber das aktuelle Patentsystem ist der veränderten Welt und Medienwelt längst nicht mehr gewachsen und im Grunde völlig unbrauchbar geworden. Ein System, das auf der einen Seite Patent-Trolle und Unternehmen mit metastasierenden Rechtsabteilungen systematisch bevorzugt und auf der anderen Seite kaum noch in der Lage ist, Ideen kleinerer Unternehmen und Einzelpersonen effektiv zu schützen.
Verwertungsrecht
Eine weitere Konsequenz besteht darin, daß ein amoklaufendes Copyright-System statt kreativitätsfördernd kreativitätsverhindernd wirkt. Auch hier gibt es eine lange Geschichte der Auseinandersetzungen, die oft mit dem Stehlen der kreativen Erzeugnisse anderer zu tun hat, aber ebenso oft und vermutlich öfter mit Geschäftsmodellen und Machtstrukturen und/oder korporiertem Banditentum und natürlich generell mit nackter Gier. Ein System, das Verwerter und Verwertungsrechte systematisch gegenüber Urhebern und Urheberrechten bevorzugt und mit dem, was von einigen immer noch gerne nostalgisch-euphemistisch als „politische Lobbyarbeit“ bezeichnet wird, jede Form von Bricolage — das Erschaffen neuer Elemente aus vorhandenen Elementen — zu verbieten sucht. Eine Form der Kreativität, mit der die Unterhaltungsindustrie, Disney allen voran, überhaupt erst so groß wurde, wie sie heute ist. Eine Form der Kreativität, für deren Unterdrückung die Unterhaltungs- und Verwertungsrechteindustrie einen globalen Überwachungs- und Polizeistaat nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern einen solchen praktisch aktiv propagiert.
Börsenrecht
Eine dritte Konsequenz betrifft die Zeit. Ideen und Lösungen, die gemächlich fermentieren und Tragfähiges erst mittel- oder langfristig produzieren, sind dem zeitgenössischen Druck von Börsenkursen, Investorinteressen und Marktanteilen längst nicht mehr gewachsen. Generationen über Generationen von Elektroschrott werden unter diesem Druck in schwindelerregenden Mengen produziert, verkauft und weggeworfen. Was einst Konsumentenmassen waren, sind heute Armeen von Beta-Testern. Natürlich spielt die hohe Innovations-Taktzahl eine Rolle, und letztendlich fahren wir ja auch nicht allzu schlecht damit. Aber die Quote an wertlosem Müll, der unter dem Druck manisch-depressiver Prognosen und geistesstörender Quartalsberichte produziert wird, um dann unter unseren Fingern zu zerbröseln, Marken zu vernichten und die Umwelt zu belasten, die könnte und sollte erheblich geringer sein.
One More Thing…
Und letzteres betrifft natürlich auch die Werbung. In einer Branche, wo sich in der gesamten Werterodierungskette vom Pitch bis zum Plakat alle mit der Zeitdruckkeule schikanierten und drangsalierten, bis dieser Zeitdruck zur Goldenen Berufsnadel wurde, ohne die frau und man gar nicht mehr branchenfähig ist, braucht niemand sich zu wundern über die Berge von bestenfalls mediokrem Mist, der langsam aber sicher auch den letzten Weißraum füllt.
2 Kommentare
Einen Kommentar schreiben
- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

Deutsche Werbe-/Medienblogs
- Agenturblog
- Aisberg
- Automobil Blog
- basd-art.de
- Beers and Ideas
- Bernd Röthlingshöfer
- Blindtext Blog
- Blog von Gwinner
- Cem Basman
- Clap-Club
- Clickpunkt 7
- Connected Marketing
- Creating Tomorrow
- Customer of Hell
- Datenschmutz
- Datenvandalen
- Digital Conversation
- Ferryblog
- Filmjournalisten.de
- Fischmarkt
- Flussaufwärts
- Fontblog
- Fridaynite
- Geistesblitz
- Guerilla Marketing Blog
- i-fekt Blog
- Ingo Kaestner
- Jenriks24phoetry
- JvM/Neckar
- Kreisrot Rundschreiben
- LPMDESIGN Weblog
- MADVERTISING
- Markentechnik Blog
- Marketing Oase
- Massenpublikum
- Medienvirus
- Mobile Zeitgeist
- Neukunden-Magnet
- Nico Zorn
- Nino Worldwide
- Off the record
- OnetoBlog
- Out of office
- Pimp my brain
- Pixelsebi
- praegnanz
- reine Formsache
- Reklame
- seoFM
- Sichelputzer
- Sloganmaker
- SOS SEO
- The missing Link Agenturblog
- Tischthema TV
- VisualBlog
- Werbewahn
- Werbewunderland
- Zielpublikum
- Zorno
- Zweieintel
Englische Werbe-/Medienblogs
Evergreens (teilweise Off-Topic)
Web 2.0 Blogs
Werbeblogger Autorenlinks



Am 25. September 2010 um 17:19 Uhr
Hi Herr Martin,
ich kann die Intention Ihres Beitrags nicht identifizieren.
Was wollen Sie genau ausdrücken? Resignieren Sie vor den Regelwerken und Rechtsbelehrungen? Was ist Ihr Ziel? Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung.
Beste Grüße
Marian Prill
Am 28. September 2010 um 14:10 Uhr
[...] eines meiner Lieblingsthemen — einige Aspekte dazu in meinen letzten Blogeinträgen hier und hier — fast schon ein bißchen deplaziert erscheint. Aber nur fast. Denn die Wahrscheinlichkeit, [...]