02.09.10
10:12 Uhr

Der Große Brockhaus oder Vom Ende einer Zeit

Ich bin mit den verschiedenen Ausgaben des Brockhaus groß geworden. Als Kind haben mir die älteren Ausgaben immer besser gefallen als die neuen, sie waren irgendwie exotischer, befriedigten eher meine Neugier auf das Unbekannte als die aktuellen Ausgaben. Das lag vielleicht auch daran, daß die alten Bücher immer so schön, nun eben, alt waren, zerlesen, teilweise vergilbt. Irgendwie wirkten sie geheimnisvoller. Und standen bei meinen Großeltern.

Vor fast genau zwei Jahren schon wunderte ich mich in “Warum der Brockhaus nicht Wikipedia ist”, daß der Brockhaus seiner Zeit hinterherhinkt. Freute mich zwar, daß er eine DVD brachte, empfand dies aber als Umweg auf dem Wege ins Netz.

Leider ist der Brockhaus immer noch nicht in der Realität angekommen – wie so manche große alte Marke und Institution. Das ist schade – vor allem aber wäre es zu verhindern.

Die 30 Bände der Enzyklopädie kann man für schlappe 3.000 Euro erwerben. Das Werk bekommt durch diese Preisstellung eine leichte Entrückheit aus der Realität unserer Tage. Der Mythos bleibt – allerdings wohl nur bei jenen, die mal einen Band in Ruhe zu Hause genießen konnten.

Teurer wird es gar, wenn man den Bezug über 30 oder 60(!) Monate streckt. Eine wahrlich abwegige Alternative in diesen schnellebigen Zeiten. Integriert ist ein – ständig aktualisierter – Online-Zugang. Immerhin. Über die 3.000 Euro tröstet er nicht hinweg.

Spannender klingt da schon die DVD, die – gleichen Inhalts (340.000 Stichworte, etc.) wie der Druck – nur 99,95(!) Euro kostet. Druck scheint teuer, die Verlage können ein Lied davon singen. Im Zweifel resultiert der hohe Preis aus der geringen Auflage, wen wunderts!? Das Leseerlebnis ist zwar moderner, aber kein Vergnügen im Buch-Sinne.

Und nun – wer rät’s? – die App “Der Brockhaus multimedial mobil 2010″! 39,99 Euro, mit 150.000 Stichworten knapp die Hälfte der Gesamtausgabe.

Gemerkt? Eine App für 40 Euro! Warum sollte ich die kaufen? Warum sollte ich nicht einfach online gehen, denn das bin ich heute immer (entgegen der DVD-lobenden Kritik von spektrumdirekt: “ein hervorragendes Nachschlagewerk auf der Festplatte, denn schließlich ist man ja nicht immer online”), und mit Google, wikipedia, twitter, facebook, etc. das Wissen der Welt in Echtzeit verfügbar haben?

Warum sollte ich mir noch eine dieser 3 Brockhaus-Varianten antun?

Warum verschenkt (Freemium) der Brockhaus nicht den mobilen Zugang? Warum bringt er nicht eine Leistung zu den Menschen, die sie über ein Update auf die DVD oder gar die Buchform nachdenken läßt? Warum erlaubt er nicht die massenhafte Verbreitung von Grundfunktionen? Warum schafft er nicht Services und Dienste, die dem Nutzer den besonderen Nutzen des Brockhaus näherbringen?

Warum merkt der Brockhaus nicht, was die Stunde geschlagen hat? Warum wächst der Brockhaus nicht über sich hinaus? Hat er immer noch nicht verstanden, daß es ihm um die Vermittlung, Verbreitung und Demokratisierung von Wissen gehen müßte? Und nicht um den Verkauf von Büchern und DVDs?

Manchmal ist es wirklich beängstigend, mit welcher Betriebsblindheit (um dies mal passiv gegen die aktive Ignoranz abzugrenzen) alteingeführte Unternehmen durch die Zeit stolpern.

Ist seine Zeit für immer vorüber? Und dies gerade in einer Zeit, in der wir alle Hilfe brauchen, die wir bekommen können bei der Kategorisierung, Bewertung, Priorisierung, Aufbereitung und Zurverfügungstellung von Wissen? Oder bekommt der Große Brockhaus nochmal die Kurve?

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13 Kommentare

  1. Mathias Schindler

    Deine Grundannnahme ist falsch. Die DVD “Brockhaus multimedial” ist nicht die Brockhaus-Enzyklopädie. Die Wurzeln des BMM sind der 15-bändige Brockhaus.

    Im Pinzip kannst du wegen dieser falschen Annahme das Posting in die Tonne treten – davon abgesehen hast du völlig recht, dass die Markenkommunikation von Brockhaus vor der Übernahme durch Bertelsmann grottig war. Besser wird sie aber nicht: Wissenmedia hat “nur” die Inhalte und die Marke Brockhaus übernommen, nicht die Marke Meyers. Darum wird das Meyers Taschenlexikon wohl, wenn ich das richtig sehe, ab 2010 als “Brockhaus das Taschenlexikon in 24 Bänden plus DVD-ROM” laufen – für 179 Euro.

  2. Christian Schneider

    Deiner Meinung nach ist der Brockhaus der Realität entrückt, weil er Geld kostet, während beispielsweise auf Wikipedia kostenlos im Netz zugegriffen werden kann. Der Vergleich hinkt natürlch gewaltig: Der Brockhaus ist ein echtes Lexikon, dass von fachlich versierten Redaktionen betreut wird und deshalb auch fundierte Inhalte bietet. Und solche Redaktionen kosten nun einmal Geld. Bei Wikipedia hingegen kann jeder mitschreiben, egal ob er Ahnung von der jeweiligen Materie hat oder nicht. So sehen viele Artikel inhaltlich auch aus. Ehrenamtliche Autoren kosten kein Geld, deshalb kann Wikipedia unentgeltlich verbreitet werden. Dasselbe gilt für andere Internetmedien wie Facebook oder Twitter.
    Wer Qualität will, der muss dafür bezahlen. Das ist überall im Leben so, auch bei Wissensmedien.

  3. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Ralf: Alleine schon aus Gründen eines bestimmten Markenprofils beim Brockhaus kann ich nicht empfehlen, jede Gratiskultur mitzumachen, nur weil das schön euphemistische Wort des “demokratisierten Wissens” fälschlicherweise mit Gratiskultur verbunden wird.

    Wohl aber ist es auch richtig, dass eben dieser Markenkern vom Brockhaus nicht wirklich konsistent an den verschiedenen Stellschrauben des Marketing in den neuen Medien austariert ist. Mal, hüh, mal hott ist jedenfalls ziemlich irritierend.

    spiegel.de/netzwelt/...

  4. Henning Meyer

    @Ralf: Entschuldige, aber dieser Text ist – ganz im Gegensatz zu vielem, was ich sonst so von Dir lese – ziemlich platt. Die Antwort auf Deine Frage, warum Brockhaus/Bertelsmann seine Inhalte nicht einfach verschenkt, weißt Du doch genau.
    Wenn Du aber auch die Lösung zu dem dahinter stehenden Problem kennst, dann solltest Du Dich unbedingt mit dem Unternehmen in Verbindung setzen und ihnen ein Erlösmodell präsentieren, das es erlaubt, die Inhalte gratis abzugeben und gleichzeitig eine vielköpfige Lexikonredaktion zu unterhalten. Ich bin mir sicher, damit rennst Du offene Türen ein.

  5. ralf schwartz

    Ich antworte man allen Kommentatoren zusammen: Ihr habt natürlich alle ein bißchen Recht. Danke für die Hinweise.
    Für mich aber wird es nicht besser, wenn multi nicht enzy ist, sondern eher noch extremer.
    Und natürlich ist Gratis nicht gut, aber ich meine auch nicht, daß Brockhaus seine Bücher verschenken soll, sondern idealerweise eine Anwendung, einen Service, einen Nutzen entwickelt, der gratis angeboten wird und damit gleichzeitig den Wunsch weckt, upzugraden, sei es multi oder enzy.

    Es gibt doch genug Beispiele, wie man mit Freemium lockt und gleichzeitig bindet. Der Mix macht es – und nicht das Extrem. Weder ALLES verschenken noch ausschließlich 3.000 Euro Produkte anzubieten ist die Lösung.

    Brockhaus kann sich ja melden, Henning, dann entwickeln Brockhaus, Du und ich etwas zusammen.

  6. Mathias Schindler

    Irgendwie ist diese Debatte ein, zwei Jahre zu spät. Der SpiegelOnline-Netzwelt-Artikel ist vom 1. April 2008 (über eine tragische Sache, kein Aprilscherz).

    Im März 2009 erwarb Cornelsen die (rauchenden) Reste von BIFAB, die nicht im März 2008 an Bertelsmann verkauft worden waren.

    “Brockhaus” ist heute kein eigenständige entität mit eigener Redaktion mehr (und vermutlich auch keinem eigenen Text-Stamm), sondern ein Imprint von Wissenmedia, deren Lexikonredaktion nun halt auf zwei Klaviaturen spielen darf.

    boersenblatt.net/313...
    boersenblatt.net/297...

    Bezeichnend war das grüne Licht des Kartellamtes, das den Lexikonmarkt für zu klein erklärte, um überhaupt kartellrechtlich kontrolliert werden zu müssen.

    boersenblatt.net/318...

  7. ralf schwartz

    Na, dann hatten sie doch ein bzw. zwei Jahre Zeit, etwas auf die Beine zu stellen, was (nicht nur) mich (wieder) begeistert und an meine alte (also jugendliche) Faszination anknüpft – oder gar eine neue zum Leben erweckt. Eine Faszination, die sich um Bücher, Lesen, Wissen(sgier) dreht(e) …

  8. Julian

    @Christian Schneider : Wer ein wenig versiert ist, weiß längst, dass Wikipedia Brockhaus schon vor einiger Zeit sowohl im Umfang, als auch in der Qualität abgelöst hat…

  9. ramses101

    @Julian: Das ist Quatsch und der ist zum Beispiel auf die “Debatte” zwischen Inkludisten und Exkludisten zurückzuführen. Dadurch müssen nämlich (logischerweise) sowohl Umfang als auch Qualität permanent schwanken.

  10. Luis

    Wikipedia in allen Ehren: Es ist Fast-Food-Wissen. Schnell zu bekommen, aber teilweise auch von unterschiedlicher Qualität.

    Dass man da Mitschreiben kann klingt einfach, demokratisch. Dafür muss man auch seine Einträge verteidigen. Das habe ich selber gemerkt, denn schnell werden die gemachten Änderungen wieder zurückgesetzt. Und das kostet Nerven.

    Davon mal ab, find ich die Artikeleingabe bei Wikipedia alles andere als Newbie-Freundlich.

    Das sind die Schwachstellen, wo ich als “Professioneller Wissensanbieter” ansetzen würde. Wenn die Manager mal verstehen würden, dass man nicht die DVD oder die App anbietet, sondern einen Dienst bereitstellt von einer vertrauenswürdigen Quelle, sehe ich auch eine Chance für einen wirtschaftlichen Erfolg.

  11. Christian Schneider

    @Julian: Ich kenne Wikipedia und weiß deshalb, dass die Qualität vieler Artikel unterirdisch ist – sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Bei einem Angebot, das im Wesentlichen auf die Mitarbeit von interessierten Laien setzt und ohne Fachredaktionen auskommt, wird das auch kaum zu vermeiden sein.

    Oftmals setzen sich bei Wikipedia nicht die sachlich richtigen Einträge durch, sondern diejenigen, die von einer Mehrheit der Mitautoren befürwortet werden. In einem Meinungsforum wäre das ok, aber bei einem Portal, dass sich als Enzyklopädie bezeichnet, ist dieses basisdemokratische Prinzip problematisch und wirkt sich zwangsläufig negativ auf die Qualität aus.

    Wikipedia dürfte sicherlich nicht das letzte Wort in Sachen Online-Lexika sein. Die Schwächen von Wikipedia böten kommerziellen Anbietern elektronischer Nachschlagewerke genügend Raum für wirtschaftlichen Erfolg.

  12. Julian

    @Christian: Ok, verstehe… Diese Insides habe ich natürlich jetzt nicht, bin davon ausgegangen dass man Journalismus trauen kann ;) Aber Gegenteiliges wird mir immer öfter bewiesen :-p

  13. BrothelPianist

    @christian ich weiss aus eigener erfahrung, wie in vor-online-zeiten in lexikonredaktionen auch nur mit wasser gekocht wurde (nehme an, es ist heute eher noch schlechter, schon weil nicht jeder 3.000 € für den brockhaus anlegen wird).
    da haben haben alle möglichen studis zu themen artikel verfasst, die nicht unbedingt in ihr fachgebiet fielen, zb die germanistikstudentin, die medizinische artikel verfasst hat, nur weil ihre schwester stationsärztin war… bei wikipedia weiss ich wenigstens, dass manche infos mit vorsicht zu geniessen sind. man kann sich eben gerade heute nicht mehr blind auf die kompetenz einer marke verlassen…

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
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