01.09.10
17:00 Uhr

Stayfree: Von der Feuchtigkeit, die nicht aufkommen will

„Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Mißverständnisse“ war ein Satz, den ich insgesamt gar nicht mal so schlecht fand — trotz seiner unfreiwilligen Komik war und ist er auch heute noch quicklebendig und mit dem o.b.-Produkt nach wie vor assoziiert. Ein memetischer Klassiker und Snowclone, der mit einer Variable („Die Geschichte von X ist eine Geschichte voller Mißverständnisse“) oder zwei Variablen („Die Geschichte von X ist eine Geschichte voller Y“) fest in unseren Sprachschatz eingegangen ist. Laut Google überflügelt er beispielsweise zahlenmäßig deutlich Yogurettes „Ich stehe sogar manchmal nachts auf und hole X”, wird aber im Gegenzug ebenso deutlich geschlagen von „Dann klappt’s auch mit dem X“ von Calgonit.

Und nun versucht BBDO, Toronto, mit seinen Spots für Stayfree ein neues Kapitel in der Geschichte der Menstruationsprodukte aufzuschlagen.

Da ich mich beim besten Willen nicht entscheiden kann, welchen der drei Spots ich lieber posten möchte, nehme ich einfach alle drei:

“My medical degrees—my ma insisted that I keep them up.”

Stayfree—A Date With Trevor

“I thought I‘d put the finishing touches on these toys I make for underprivileged kids overseas.”

Stayfree—A Date With Ryan

“Yeah, just got those from the publisher. You can have one! Hm… better make it two, one for mom.”

Stayfree—A Date With Brad

Und wer sich die naheliegende Frage stellt: Ja, alle drei — Creative Director, Art Director und Copywriter hinter diesen Spots — sind Kerle. Im Prinzip ja nicht unwitzig, aber mehr in der Art von „haha schaut her, wie witzig ich bin” als wirklich witzig. Die Klischees selbst sind im Prinzip nett inszeniert und erinnern mich an den Aufsatz aus Mythologies von Roland Barthes über die Welt des Wrestling als ein “spectacle of excess [that] offers excessive gestures, exploited to the limit of their meaning”: “As soon as the adversaries are in the ring, the public is overwhelmed with the obviousness of the roles.”

Trotzdem, zünden will es nicht so recht. Erstens finde ich die Spots viel zu antiseptisch (haha) und vollständig unerotisch (trotz all der Feuchtigkeit) und insgesamt auch viel zu hölzern und unbeholfen gesprochen und gespielt. Gut, Models sind nicht berühmt für ihre Schauspielkunst, aus Gründen, über die sich spekulieren läßt. Aber ein wenig mehr Mühe hätte nicht geschadet. Die Ich-Perspektive ist mir nicht geheuer; irgendetwas daran erscheint mir windschief, aber dazu müßte ich noch einmal Teresa De LauretisAlice Doesn’t zum Thema “Technologies of Gender” in Film und Kameraführung lesen. Apropos: Ich bin mir auch nicht ganz sicher, inwieweit Trevor, Ryan & Brad durchaus eher Männer- als Frauenphantasien bedienen, vielleicht gewinne ich ja in den Kommentaren darüber Aufschluß. Und überhaupt: Was den Kerlen hinter den Spots natürlich mal wieder nicht einfiel, war, einen weiteren Spot mit der „perfekten Frau“ zu drehen — denn nicht alle Menschen, die Menstruationen haben, stehen automatisch auch auf Kerle.

Aber das nur nebenbei :-)

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8 Kommentare

  1. Christian

    Unter schwulen Männern wäre der Absatz sicher enorm, ob es bei Frauen funktioniert? Die Unterschiede zwichen Mann und Frau, in dem Bereich, verschwinnden ja zusehens, laut einschlägiger Studien.
    Ich hoffe hier demnächst zu erfahren wie effektiv die Fleichbeschau unter den Käuferinnen ausfällt.
    Auffällig und einprägsam ist es auf jeden Fall. ^^

  2. eddi ist wieder neidisch

    deutlich spassiger als ein Standard Side by Side im werbeblock. und meine Frau hat mir direkt in den Schmerbauch gezwickt :( Mehr muss man wohl nicht sagen.

  3. Shermin

    Sorry… muss mich gerade etwas erholen. Wurde beim Ansehen von Trevor, Ryan & Brad gerade von wilden Lachkrämpfen geschüttelt.
    Ja, auch ich finde diese stumme Perspektive der Kamera irgendwie unheimlich, ansonsten kann ich die Werbung aber einfach mal nicht ernst nehmen. Gerade durch die hölzerne Steifheit, die absolut überzeichneten Klischees und die schauspielerischen Leistungen, die mich an Sätze wie “Warum liegt hier eigentlich Stroh?!” denken lassen, wirkt die Werbung ganz witzig und angenehm anders.
    (Mal ehrlich – wer nimmt denn Binden- oder OB-Werbung wirklich ernst? Ich kann mich an keine erinnern, die nicht abfällig oder hämisch von Freundinnen kommentiert wurde…)

    Und um die Fleischfrage zu klären: die ToyBoys reizen mich jetzt nicht wirklich – aber ich weiß auch nicht inwiefern ich eine durchschnittliche Frau zur Bewertung solcher Dinge sein will. ;-)
    Und irgendwer findet ja scheinbar auch den letzten Wimpster aus der Coke Light Werbung toll oder gar Justin Bieber…

  4. Heike Haupt

    Ich bin eine Frau, soweit ich das beurteilen kann und ehrlich gesagt machen mich die Typen schon ein wenig an, zumindest so lange sie nicht reden…Die Texte für die Typen sind unglaublich hohl und langweilig und passen so super gar nicht in den ganzen Spot. Außerdem haben die wohl verpasst, dass es wirklich wenig Frauen gibt, die heutzutage noch Slipeinlagen benutzen. Die meisten nehmen nämlich Tampons und eventuell nehmen einige dann noch ne Slipeinlage dazu.Mir hat aber immer Klopapier gereicht. Und wirklich gut wäre es mal mit praktikableren Lösungen, wie der Lunette, zu werben. Das könnte von mir aus dann in die eklige lustige Schiene gehen ;) .Denn es gibt Einiges, was auch an Tampons unglaublich nervt und irgendwie macht mich der Satz: Wenn ichs könnte, würde ich das gerne selber durchmachen! unglaublich auf die Palme. Welche Frau hat sich da bitte nicht gerade derbe verarscht gefühlt? Ales in allem ist das ganze lächerlich, aber nicht wirklich lustig, auch wenn ich die Jungs vielleicht nicht von der Bettkante stoßen würde…aber in der Realität wären die auch nur was fürn Seitensprung. Wer nimmt denn so aalglatte Typen schon ernst ;) Wie sagt die Mami da so schön? Gold, was glänzt, kann man nicht essen.

  5. TilmannVonWelt

    Das Konzept ist 1zu1 geklaut von brawny man
    youtube.com/watch?v=...

  6. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Bei diesen heißen Typen kommt keine Feuchtigkeit auf

    [...] des Monats stellte J. Martin von den Werbebloggern die neue Kampagne für Stayfree, eine Damenbinde, vor. Er fand sie antiseptisch und unerotisch. Letzteres kann ich nur bedingt [...]

  7. Update: Stayfree und die Feuchtigkeit, die nicht aufkommen will | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    [...] der lesenswerten Kommentare zu meinem Artikel über die Stayfree-Spots letzte Woche wurde zunächst einmal klar, daß die „Idee“ für diese Spots [...]

  8. Links zum Sonntag (I) | tom berger

    [...] Stayfree: Von der Feuchtigkeit, die nicht aufkommen will … über Männer in Frauenwerbung [...]

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Eure Kommentare

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
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