23.08.10
14:44 Uhr

Internet-Convenience. Der bequeme Knopfdruck auf Kosten der Freiheit

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Das Wired-Magazine stößt mit lautem Headline-Getöse eine breite Diskussion mir der These an, dass das browsergestützte Web (im Massenmarkt) an Bedeutung verliert und titelt:

The Web Is Dead. Long Live the Internet

Der Leitartikel beleuchtet dabei sowohl das tendenzielle Verhalten der Internet-Nutzer (beschrieben durch den Wired-Chefredakteur Chris Anderson) als auch die strategische Ausrichtung großer Marktteilnehmer wie Google, Facebook, Apple oder auch der Medienkonzerne mit ihren Content-Angeboten (analysiert durch Co-Autor Michael Wolff).

Dabei beobachten Anderson und Wolff exakt das, was auch ich in verschiedenen Artikeln im Werbeblogger feststelle:

As much as we love the open, unfettered Web, we’re abandoning it for simpler, sleeker services that just work.
by Chris Anderson

Chaos isn’t a business model. A new breed of media moguls is bringing order — and profits — to the digital world.
by Michael Wolff

Die Unterscheidung der Begriffe „Web“ und „Internet“ hat dabei durchaus Sinn. Das Web der universellen, offenen, browsergestützten Nutzung weicht zunehmend einem servicebasierenden Modell der Internetnutzung, welches sowohl für die Nutzer als auch für die kommerziellen Anbieter attraktiv ist und sich daher selbst beschleunigt. Facebook beispielsweise ist heute keine „Website“ im ursprünglichen Sinn mehr. Vielmehr ist Facebook (selbst wenn es browserbasiert genutzt wird) ein komplett eigener und geschlossener Layer sozialer Interaktion auf Basis vieler kleiner „Apps“ und „APIs“.

Mit den mobilen Endgeräten und Plattformen von Android, IOS4, webOS (Palm) etc. wächst parallel ein riesiger Markt heran, der diesen Layer mit einer eigener Benutzeroberfläche in Form von Apps bedient. Damit werden immer mehr Menschen „online“ sein und das Internet für einzelne Services nutzen, ohne den Browser zu bedienen.
Die Verführung zu mehr „Convenience“, zu mehr Komfort und einfach zugänglichen Einzelservices funktioniert dabei bestens und besonders dann, wenn sich die Konzentration auf wenige große Internet-Player weiter so darstellt.

Die von Wired dargestellten Entwicklungen werden innerhalb der aktiven Netzgemeinde natürlich nicht nur zustimmend angenommen, denn sie machen deutlich, wie sehr große Teile des offenen Webs zu in sich geschlossenen Einzelparzellen mutieren. Auch ich persönlich sehe diesen Trend als sehr kritisch an, allerdings ist es für mich andererseits unbestritten, dass die „Profifunker“ unter den Webbies mit weitreichender Medienkompetenz eben in der Minderheit sind. Der Großteil will keine Rädchen, mit dem Programme und Funktionen erst aus dem „Äther“ gefischt werden müssen sondern schlicht einen Knopf zum „Anschalten“.

Die meisten Menschen lieben die Auswahl, hassen aber die Entscheidung, sie suchen zwar Individualismus, folgen am Ende aber in der Masse doch nur dem neuen digitalen Konformismus einer Retweet-Generation, die in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter kultiviert wird und als App in mobile Hardware geflanscht wird. Der Zugang ist bequem, schnell und hochattraktiv für kommerzielle Betreiber, die ihre Dienste am Ende durch Werbung refinanzieren wollen und müssen, zielgenau, wirksam, messbar und außerhalb der inflationär ins Bodenlose gefallenen Preise für Display-Ads im Browser.

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3 Kommentare

  1. J. Martin

    Die Wired-Graphik ist so gründlich irreführend, daß es an Manipulation grenzt. Und während ich zwar auch vehement gegen Walled Gardens bin, halte ich die Entwicklung nicht für so dramatisch, wie Anderson uns glauben machen möchte, und sein allgemeines Argument, wie soll ich es formulieren, für nicht ausreichend substantiiert.

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @J. Jep,die wired-Grafik ist vollkommen irreführend und mit Abstand der schlechteste „Teil“ des Artikels. Dramatisch ist der Artikel für mich allerdings nicht, nur durchaus richtig beobachtet und über den Tellerand der eigenen Mediennutzung geschaut.

  3. Ab in die Wolken, in den Dunst. Und dann in die Traufe? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    […] wollen in die Cloud. Vor allem die beiden Königskinder der IT, Microsoft und Google (Apple ist eigentlich auch schon dabei), die zwar gemeinsam gen Himmel schreien, aber wohl in alter Tradition nicht zueinander kommen […]

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
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