17.08.10
00:13 Uhr

#Next10 Conference — Der Social Media-Dreisprung: Stowe Boyd

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Next10

An English language version of this post is available over at between drafts.

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Stowe Boyds Präsentation auf der Next10 Conference läßt sich wie folgt zusammenfassen. Das, was wir als Social Media wahrnehmen, setzt sich zusammen aus verschiedenen Medien und Kanälen, das ist offensichtlich. Aber es lassen sich drei klar abgrenzbare Phasen erkennen, im Verlaufe derer diese „Mediensozialisierung“ vorangetrieben wurde von sehr unterschiedlichen Entwicklungen und Kanälen. Eine Historizität, die oft nicht oder nicht mehr wahrgenommen wird — was den Titel der Präsentation “The Social Media Blur” motiviert.

Der Vortrag:

Die erste Phase, Ende der 90er Jahre, wurde eingeleitet von Blogs, geschrieben von „ein paar hundert Leuten“, die als „verrückte Randgruppe“ (und schlimmeres) bezeichnet wurden, auch und gerne von den Mainstream-Medien. Diese Phase, und das war damals alles andere als offensichtlich, sollte eine enorme Wirkung haben, die jedoch erst mit Verzögerung einsetzte. Eigentlich sind Blogs alles andere als “social”; tatsächlich ließen sie sich besser beschreiben mit ihrem alten Etikett der „persönlichen Publikation“. Aber Blogs hatten einen gewaltigen Einfluß sowohl in Bezug auf eine „Demokratisierung“ der Medien als auch hinsichtlich einer veränderten Wahrnehmung dessen, was den sozialen Diskurs konstituiert. Aus jeder und in jede Richtung: Boyds Beispiel ist die Online-Ausgabe der New York Times, bei der es zunehmend unsinnig wird, zwischen „Artikeln“ und „Blogeinträgen“ unterscheiden zu wollen.

Die zweite Phase war der Aufstieg der sozialen Netzwerke. Die bereits jetzt nahezu allgegenwärtig sind, und deren Partizipationskurven in der Tat auf dem Weg zu sein scheinen zu tatsächlicher Ubiquität. Wenn Boyd erwähnt, daß Tweens „fast jede Minute ihres Tages, in der sie wach sind, mit Social Networks verbunden sind“, mag er den NYT-Artikel “If Your Kids Are Awake, They’re Probably Online” im Hinterkopf haben, den ich hier und hier schon mal erwähnte. Trotz ihrer gigantischen Mitgliederzahlen bestehen diese Netzwerke aber nach wie vor aus persönlichen Beziehungsgeflechten in den Größenordnungen eines klassischen sozialen Umfelds, nicht aus Organisationen, deren „Sendungen“ von Mitgliedern empfangen werden, und das ist hinsichtlich “social” das wesentliche an dieser Phase.

Die dritte Phase ist das, was Boyd „den Aufstieg der Streams“ nennt: Micro-Streaming, Micro-Blogging, Mini-Feeds und Services wie Twitter, die genau dafür und für nichts anderes konzipiert sind. Von entscheidender Bedeutung für die Beschaffenheit des sozialen Diskurses und für die Art und Weise, wie wir Informationen wahrnehmen, ist ihr “open model”, ein asymmetrisches Follower-Modell, das schon im Verlaufe weniger Jahre RSS-Feeds als primäres Mittel für den Zugang zu Informationen ablösen konnte. Diese Phase hat einen starken Einfluß darauf, wie neue Geschäftsmodelle funktionieren, und auf den Aufstieg von “Social TV” — wo Menschen nicht nur in Echtzeit Sportveranstaltungen verfolgen und darüber tweeten, sondern die Unterhaltungsindustrie auch versucht, diese Streams wieder zurückzufüttern ins eigene Netzwerk. Und dies alles hat auch einen großen Einfluß darauf, wie wir miteinander verbunden sind und wie wir Identität schaffen.

Zwei aktuelle Entwicklungen erwähnt Boyd, die all dies noch weitertreiben. Die erste besteht aus Streaming Apps, die zunehmend die Informationen und Inhalte (Bilder, Videos, Zeitungsartikel etc.) in den Stream integrieren und gleich dort zur Verfügung stellen als ein “Web of Flow”, wie Boyd es nennt, wo alles durch das Tempo des Streams pulverisiert wird, mit einer Archivschicht unterhalb des Streams.

Die zweite Entwicklung besteht darin, daß all dies, wiederum, zur Zeit auf eine Weise in Hardware und Software integriert wird, mittels derer diese Streams bald nicht mehr durch „Geräte“ oder „Applikationen“ ausgeliefert werden, sondern so vollständig und fundamental in unsere Hard- und Softwareumgebungen integriert sind „wie der Finder auf Apple-Computern“.

Menschen, die an genügend Tagungen und Konferenzen teilnehmen, verleihen oft ihrem Mißfallen Ausdruck darüber, daß sie denselben Sprechern und Sprecherinnen immer wieder begegnen, aber daß bestimmte Sprecher und Sprecherinnen immer wieder eingeladen werden, geschieht oft aus einem guten Grund. Nichts von dem, worüber Stowe Boyd in seiner Präsentation sprach, ist tatsächlich „neu“, aber es ist die Perspektive, die von hohem Wert ist. Ein Schwindel erfaßt diejenigen, die damit beginnen, der „vergessenen Geschichte“ von Social Media nachzuspüren, oder zumindest sollten sie davon erfaßt werden. All dies spielte sich ab in einem Zeitrahmen von kaum zehn Jahren. Und nicht nur ist das alles bloß der Anfang, wir sind immer noch in der Beschleunigung begriffen, relativ zu jeder technischen oder gesellschaftlichen Bezugsgröße, die uns einfällt, einschließlich der Beschleunigung selbst. Dazu kommt, daß „Integration“ — genau wie in der Computerarchitektur — nicht nur Elemente integriert, sondern unseren sozialen und mentalen Lebenswelten auch Abstraktionsebenen hinzufügt, die tiefgreifenden Einfluß darauf haben, abermals, wie wir uns im sozialen Raum bewegen und wie wir Identität schaffen.

Aber die Beschleunigung der Beschleunigung könnte nicht das einzige Problem sein, mit dem wir es zu tun haben, und vielleicht nicht einmal das bedeutendste. Zum einen gibt es diese gewaltigen Anstrengungen im globalen Maßstab, wirtschaftlicher, politischer, rechtlicher Natur, zur Initialisierung einer „Restauration“, die das Potential hat, alles auseinanderzureißen und viel mehr als nur Informationen zu pulverisieren — so, als würden wir mit exponentiell zunehmender Kraft gleichzeitig aufs Gas und auf die Bremse treten. Zum anderen ist da die Beobachtung, daß unsere grundsätzliche Kommunikationsweise diesen Veränderungen Widerstand entgegenzusetzen scheint und mit unseren rasant evolvierenden Kommunikationsmitteln zunehmend in Konflikt geraten könnte.

Zur Zeit sieht es ganz so aus, als würden wir uns der Antwort auf die Frage „Wohin gehen wir von hier?“ mittels Rennen & Taumeln nähern, und das auf zunehmend sportive Weise.

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7 Kommentare

  1. #Next10 Conference—Three Leaps Into Social Media: Stowe Boyd | between drafts

    […] Die deutsche Version dieses Eintrags gibt es drüben beim Werbeblogger. […]

  2. erz

    Gesellschaftliche und technologische Revolutionen beschleunigen nicht unendlich. Zumindest in einer historischen Perspektive nicht. Auf Phasen der gemäßigten Adaptation neu entwickelter Kulturtechniken folgen Phasen des Wandels, Paradigmenwechsel, aus denen wieder Phasen der „Ruhe“ folgen. Bei jeder Revolution mögen die Teilnehmer gedacht haben, dieses mal sei alles anders, aber ich bleibe bis auf weiteres noch skeptisch. Nicht zuletzt, weil viele der Beobachtungen der Hype-Verkäufer schlicht einer verzerrten Wahrnehmung entspringen. Insbesondere dann, wenn immer die gleichen Nasen auf Tagungen die confirmation bias noch verschlimmern (das letzte ist eine verallgemeinerte Behauptung – ohne auf den Tagungen gewesen zu sein, möchte ich doch annehmen, dass gruppenpsychologische Prozesse dort nach bekannten Mustern ablaufen).

  3. J. Martin

    @erz Die historische Entwicklung, die ich hier als Maßstab anlege, ist der Übergang vom Mittelalter zur Renaissance. Gesellschaftliche und technologische Revolutionen können nicht unendlich beschleunigen, das ist klar, aber wenn die Entwicklung radikal genug ist, können sie so lange beschleunigen, bis von der „alten Welt“ kein Stein mehr auf dem anderen steht — QED. Assistiert von restaurativen Strömungen, versteht sich, hier wie dort. Und was heißt „Hype“ … Du unterstellst, daß ich diese Beschleunigung ausschließlich positiv beurteile, aber das ist tatsächlich nicht der Fall. Wenn der Übergang vom Mittelalter zur Renaissance ein Maßstab ist, dann können diese Entwicklungen in großen Teilen der Welt von einem Moment zum anderen in langanhaltend alptraumhafte Szenarien umschlagen. Und wenn es tatsächlich so kommen sollte, was ich nicht hoffe, tippe ich eher auf früher als auf später.

  4. Uwe Baltner

    Ob man das nun Slow (Social) Media nennt oder anders, es gibt doch bereits eine Rückbesinnung auf die Qualität in der Kommunikation und ein Schwimmen gegen den reißenden Informations-Kontakt-Like-Strom.

    Der bewusste Verzicht auf die neuen Kommunikationsmittel ist jedoch keine Dauerlösung, daher werden wir wohl den beschriebenen Widerstand aufgeben und neue, der Technologie angepasste Kommunikationsweisen entwickeln. Ich denke, die Integration der Streams ins tägliche Leben wird evolutionär geschehen, nicht mit einem Big Bang. Die Fähigkeit zu filtern und auszublenden wird dabei eine entscheidende Rolle spielen.

  5. Sabine

    Schönes Startbild. Erninnert mich an Altermedia.

  6. Was wurde eigentlich aus … der Sports Illustrated für das iPad? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    […] Infrastrukturen und dürfte letztendlich auch nicht stark genug sein, um in dieser dritten Phase der Social-Media-Revolution mit seinem Prinzip des “Walled Garden” gegen das “Web of Flow” […]

  7. In eigener Sache: Praxisworkshop: „Facebook & Co. in der Corporate Communication“ bei der Akademie des Deutschen Buchhandels | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    […] (siehe dazu z. B. Stowe Boyds Next10-Präsentation und meinen Blogeintrag auf Englisch oder Deutsch). Wohin die Reise geht, das ist noch völlig offen. Social Media könnte, genügend […]

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
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  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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