11:51 Uhr
Personal-Loyalität in der Agenturszene
Es ist gängiges Erscheinungsbild im Agenturumfeld, dass das Personalkarussell sich stetig und intensiv dreht. Eine bestimmte Fluktuation ist auch ein völlig normaler Prozess nicht nur in der Werbebranche.
Zum guten Ton eines Arbeitnehmer-Lebenslaufes empfiehlt es sich allerdings, das Spiel nicht allzu wechselwütig zu bereiben; 18-24 Monate Beschäftigung bei einem Arbeitgeber sollten es schon mindestens sein, bevor man sich nach neuen Aufgaben umschaut. Denn so schön Erfahrungen in vielen unterschiedlichen Unternehmen sind, sie können auch ein Indikator sein, dass man es an einer Stelle nicht lange aushält, Abwerbungen ggf. allzu offenherzig als nächsten Sprung auf der Karriereleiter sieht oder als warme Dusche im Portemonnaie. Es könnte schlicht der Eindruck entstehen, dass der Arbeitnehmer es mit der Loyalität nicht so ernst nimmt.
Eine ganz ähnliche Verpflichtung hat allerdings auch der Arbeitgeber. Ist einmal das Image einer “Hire&Fire-Agentur” entstanden, wird es schwierig, eine vertrauensvolle und teamorientierte Arbeitsumgebung zu pflegen.
Der Wert einer Agentur und gleichermaßen eines Mitarbeiters wird an den Etats gemessen, “auf” denen gearbeitet wird oder gearbeitet wurde. Die Agentur übergibt nicht selten die komplette Kundenbetreuung in die Hände eines Teams, welche letzlich die Kundenbindung entwickelt und hält. Das ist einerseits ein großer Vertrauensvorschuss, andererseits aber auch eine schlichte betriebliche Notwendigkeit, wenn man als Agentur wachsen will. Ein Chef muss abgeben können, er kann nicht allgegenwärtig sein und ständig den Kontrolletti über seiner eigene Belegschaft mimen. Er muss darauf vertrauen (können), dass seine Mitarbeiter in Beratung und Kreation mit Kundenkontakt nicht “ihr eigenes Spiel spielen”.
Ohne die aktuelle Situation jetzt bei Kempertrautmann werten zu wollen und zu können, erscheint es einem neutralen Marktbeobachter in diesem Kontext doch etwas merkwürdig, was gerade an Meldungen über den Ticker läuft:
Kempertrautmann verliert ein Team von Mitarbeitern, das noch in 2009 als “starke zweite Führungsebene” im Kontext einer Strukturveränderung präsentiert wurde.
Die Hamburger Mannschaft um die Kunden Vaillant, Paulaner, Gaggenau und Comdirect wird nun verstärkt. Ab sofort bildet die Kreative Patricia Pätzold (Creative Director Text) gemeinsam mit Frank Bannöhr (Creative Partner Art) und Julia Krömker (Group Account Manager) die Führungsspitze des Teams.
Eben dieses Team, welches als wichtiger Teil der neuen “Kempertrautmannschaften” aufgestellt wurde, macht sich nun selbstständig, mit finanzieller und personeller Unterstützung des Wettbewerbers “Dessign” in Person von Martin Deß, berichtet das Branchenblatt w&v/kontakter.
Die damalige Umstrukturierung bei Kempertrautmann konnte man durchaus als Vertrauensbeweis an bestehende Mitarbeiter verstehen. w&w zitiert Michael Trautmann:
[...]Das neue Konzept sieht jetzt anders aus: “Wir wollen in die eigenen Leute investieren und unsere möglichen Nachfolger in der Agentur großziehen.[...]
Die Abwanderung des Teams -so oder so- ist für Kempertrautmann bitter, zumal die Planungen für eine Selbstständigkeit der betroffenen Mitarbeiter schon einige Zeit zuvor und in Vollbeschäftigung beim alten Arbeitgeber stattgefunden haben dürften. Auch bleibt die Frage offen, wie Kempertrautmann nun bis zum Jahresende mit den abwanderungsbereiten Mitarbeitern umgeht.
w&v formuliert es eher “neutral”:
Zum 1. Januar des kommenden Jahres soll die Agentur, deren Name bisher noch geheim ist, an den Start gehen. Bis dahin sind die Werber noch ihren Arbeitgebern verpflichtet.
7 Kommentare
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 10. August 2010 um 12:06 Uhr
Bin nun wahrlich auch ein Fan von Treue und fairen Miteinander im Thema “Human Resources”. Aber bevor nicht Bild auch noch mit den Brötchen gesprochen hat, ist es da schwer die Moralpeitsche zu schwingen. Und wenn schon, dieses “neue” Konzept ist doch nicht allzu neu und hat sich in so vielen Fällen nicht als Garant erwiesen. Sollte Kemper nicht selbst Nachfolger von Jacoby werden?
Selbst so tolle Ideen wie bei St. Lukes scheitern wohl langfristig an der Realität.
Am 10. August 2010 um 14:31 Uhr
Die besten Mitarbeiter zu halten, ist schwierig. Schließlich wollen die selbst mal an den großen Trog. Dann kann man höchstens einen Satelliten finanzieren (also sich an der neuen Agentur beteiligen) und sich 25% der Anteile sichern!. So wird der Erfolg der besten Mitarbeiter wenigstens vergoldet.
Am 12. August 2010 um 15:06 Uhr
Dafür bekommt Kempertrautmann dann die besten Mitarbeiter einer anderen Agentur (Wie man heute auf Horizont lesen kann.)
Am 12. August 2010 um 15:22 Uhr
Ja, es ist immer das Gleiche und wird auch so bleiben. Z.B. Peulecke…. ein Jahr bei Heye… große Interviews etc. etc. Söldnertum ist ja an sich nicht schlecht. Nur als Aushängeschild der Branche ungut. Mal gucken wie lang Wolfgang Schneider z.B. bei BBDO bleibt.
Frage, die dabei auch bleibt: Was soll der Kunde dabei denken? Exakt aus diesem Grund würde ich als Kunde im Leben nicht zu einer großen Agentur gehen. Lieber noch Inhouse-Agentur gründen und kleiner Leadagentur 3-Jahres-Vertrag geben.
Aber es gibt ja immer noch die großen Kunden (bei denen auch geheuert und gefeuert und gekündigt wird), die fühlen sich bei der gleichen Mentalität wohl wohl.
Am 14. August 2010 um 17:59 Uhr
@perry krell: was war denn das konzept bei st lukes?
Am 2. Januar 2011 um 22:57 Uhr
@till1: kommt vielleicht ein halbes Jahres zu spät: St. Lukes hatte sich als
Art Stiftung gegründet (Unternehmensform gibt es 1:1 nicht in Deutschland). Jeder feste Mitarbeiter war beteiligt an der Firma. Es gibt ein Buch darüber vom Mitgründer Andy Law.
Am 3. Januar 2011 um 11:20 Uhr
@perry: gut, dass es die emailbenachrichtigung gibt :) werde mir das buch mal besorgen. vielen dank!