09.08.10
13:22 Uhr

Top-Agentur Websites und ihr Flash-Dilemma

Agenturen lieben Apple. Zwar zieht mit der Controller-Ratio gelegentlich auch die graue PC-Maus in den Agenturalltag ein, aber die wahre Liebe gilt Apple und seiner funktionellen Ästhetik. Zudem wurde innerhalb der Agenturen über Jahre wenn nicht Jahrzehnte ein digitaler “Apple-Workflow” für Layouts, Production und Post-Production geschaffen, was (damalige) Probleme mit Datenformaten und -übernahme minimiert.

Der zweite Liebling von Agenturen heißt Flash, eben jene Entwicklungsumgebung von Adobe, mit der schon bunte, bewegte Animationen auf Websites gezaubert werden konnten, als andere unkreative Werbeamateure sich noch textbasiert mit “hässlichem HTML” herumschlugen.

Flash war so etwas wie die Präsentationsplattform und digitale Verkörperung kreativer Agenturarbeit. Kleine mittelständische Unternehmen schauten oft ein wenig neidisch auf die tollen, kommerziellen Flash-Websites mit damaligem “Will-Haben-Faktor”, die nicht immer suchmaschinen- und navigationsfreundlich, aber dafür unheimlich “eigenständig”, multimedial und teuer daherkamen.

Es verstand sich von selbst, dass auch die Agenturen selbst bei ihren Webauftritten voll auf Flash setzten. Da wurde schon das Klicken von Menüpunkten mit der Maus zum Fummelspiel, alles im Dienste der spielerischen Kreativität. Ich erinnere mich noch gut an eine Website-Version von Springer & Jacoby von 2003, bei der die zentrale Navigation eher einem interaktiven Puzzlespiel glich -mit extrem hohem Nervfaktor, wenn man “nur” ein paar Informationen wollte.

Aber der Flash-Trend hält sich hartnäckig im Agenturumfeld, offensichtlich weil Differenzierung und kreative Abgrenzung in Design und Webauftritt immer noch stark mit dieser Entwicklungsumgebung verknüpft wird.

Das Dilemma ist nun allerdings, dass Apple und Flash (Adobe) keine richtigen Freunde mehr werden wollen. Das gilt insbesondere für die mobilen Plattformen, bei denen iPhone und iPad schlicht nichts anzeigen, wenn eine Flash-Website besucht wird. Schauen wir also einmal auf die Startpages einiger Top-Kreativagenturen (Ranking w&v 2009). Wie stark ist der “Flash-Faktor” auf den jeweiligen “Home-Pages” und gibt es ggf. bereits eine spezielle Mobile-Version?!

DDB Germany
Kein Flash, aber großes Javascript-Video als zentraler Einstieg. Der iPhone-Besuch auf der Website belegt allerdings: das Video lässt sich via IOS 3.x nicht abspielen. Keine spezielle Mobile-Version.

Scholz & Friends
Sehr text- und infolastige Page, Flash in geringem Umfang als Werbebanner. Keine spezielle Mobile Version, aber voll funktional, bis auf die Werbebanner, die Apple iPhones und Pads -wie üblich- mit einem “fragenden Legostein” als Platzhalter quittieren.

Jung v. Matt
Die Vollflash-Könige mit vielen bunten Bildern und stark therapeutisch wirkender, beruhigender Klassikmusik als Autoplay. JvM stellt mobilen Website-Besuchern aber eine eigene Mobile-Version ihrer Website zur Verfügung, die das animierte Gebimmel und Gebammel iPhone- und iPad-freundlich abstellt.

Ogilvy Deutschland
Wenn Jung von Matt die Könige des Vollflash sind, dann ist Ogilvy mit ihrer Seite mindestens der würdige Kronprinz. Mobile Apple-Nutzer dürfen sich aber über eine “IOS-freundliche” Anpassung freuen, die den Inhalt sichtbar macht.

Heimat Berlin
Noch so eine Vollflash-Attacke, die allerdings komplett die Ausgabe auf Apple Mobiles verhindert. Der Standard-Systemhinweis, dass ein Flash-Plugin benötigt wird, tröstet wenig. Das gibt es für Apple-Devices ja auch gar nicht. Heimat-Berlin hat also keine Web-Heimat ohne Flash.

Serviceplan
Ähnlich wie bei DDB ist ein zentrales Showcase-Video via Flash am Start, welches via iPhone schlicht nicht dargestellt wird. Kein Error, kein Hinweis, kein alternativer Link. Gleiches gilt für die Musik, die Serviceplan dem Besucher als Autostart um die Ohren haut. Der Rest der Startseite ist hingegen ohne Einschränkungen auch mobil aufrufbar.

Kemper Trautmann
Vollflash. Und keine Alternative für Apple-Mobile-Besucher. Das kann und darf eigentlich nicht mehr sein, auch wenn der Besucherhinweis, dass Flash benötigt wird, nett auf der Hinweistafel platziert wird.

BBDO
Ein Hybrid mit animiertem Flash-Bildteaser und ansonsten “i”-kompatiblem Code. Die animierte Bildserie in Flash wird beim Besuch mit dem iPhone in ein statisches Bildelement transformiert. Bleibt die Frage, warum man die animierten Bilderserien nicht gleich anders löst und auf Flash verzichtet…

Grabarz & Partner
Wie sehr Agenturen Apple lieben, zeigt uns Grabarz. (Es gab auch einmal Zeiten, da sah das noch ganz anders aus…) Allerdings erlaubt sich auch Grabarz, nicht Flash-fähige Besucher komplett aus seinem Webangebot zu kicken (siehe Bild oben) und bietet keine mobile Alternative.

Lukas Lindemann Rosinski
LLR macht wohl am deutlichsten klar, was ich einleitend mit der alten Website von Springer & Jacoby meinte. Vollflash. Natürlich. Bei der Historie als ehemalige JvM-Bastion. Kreativ? Eher ja, ok. Benutzerfreundlich? Sicher nicht. Die Mausspielchen, um an Informationen via animiertem Menu zu gelangen, sind einfach nur nervig.
Und was für die mobilen Apple-Besucher viel schlimmer wiegt: Es gibt keine Mobile-Version, die gesamte kreative Idee knallt ohne Flash gegen die Wand.

Fazit:

Die Mehrheit der überprüften Agentur-Websites setzt nach wie vor auf 100% Flash. 4 von 10 Agenturen bieten den mobilen Besuchern dabei keine Alternative. Apple iPad und iPhone-Nutzer können die Website schlicht nicht besuchen, was angesichts des stark wachsenden Apple-Marktes in diesem Segment mindestens unverständlich ist. Mit Grabarz und LLR präsentieren sich zudem zwei Agenturen mit einem sehr umständlichen Navigationskonzept, das den Zugang zu Inhalten der Website unnötig erschwert, auch wenn der kreative Ansatz ein Differenzierungsmerkmal ist.

Da ich gerade dabei bin: in einem nächsten Beitrag befasse ich mich dann mit der Positionierung der Agenturen zwischen Orchester, trojanischem Pferd und Personality-Show.

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21 Kommentare

  1. ralf schwartz

    Jaja, die großen Agenturen. Wein predigen, aber selbst Wasser trinken. Gute Beobachtung.
    (Und Erleichterung bei mir, daß ich bei leadmarke.de eine m.Version habe :)

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Ralf eine Mobile-Version ist natürlich schön und bandbreitenschonend, aber die erste Prio sollte schon darauf liegen, ob iPad und iPhone Besucher überhaupt den Content sichten können.
    Oder so wie im Werbeblogger die eingebetteten (Youtube)-Videos via Klick anschauen können, trotz Flash…

  3. ramses101

    Also wenn Apple meint, Flash abschaffen zu müssen, ist das ganz alleine ein Problem von Apple. Nicht die Agenturwebsites haben dieses Dilemma, sondern Apple. Bzw. Apple-Nutzer. Aber das weiß man vorher. Ich kauf mir doch auch kein Elektroauto und beschwere mich dann bei den Tankstellen, dass ich es da nicht aufladen kann.

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Ramses Jo, Apple hat das Dilemma auch, klar. Aber wenn es doch nun einmal so ist, dass die i-Teile kein Flash können, ist es sicher keine gute Idee der Agenturen, den Apple-Kunden ihre “Doofheit” auch noch vorzuhalten.
    Außerdem glaube ich völlig unabhängig von Apple, dass Flash tatsächlich eher früher als später einem “Standard” weichen wird.

  5. ramses101

    @Roland: Dass Flash nichts für die Ewigkeit ist, ist klar. Aber es sollte schon durch einen technischen Standard verdrängt werden und nicht durch Steve Jobs. Es ist ja nicht so, dass das iPhone kein Flash könne – Apple will es einfach nicht. Mit dem Jailbreak ist das bei dem iPhone 4 aber kein Problem. Wie andere Sachen auch.

    Bezeichnend eigentlich, dass man sein (!) Telefon erst knacken muss, um ihm grundsätzliche Dinge zu ermöglichen. Ist mir ein Rätsel, warum das so viele Leute mitmachen.

  6. Mike

    neue-digitale.de funktioniert mit und ohne Flash gleich. Schönes Ding!

  7. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Mike Na, das gibt dann ja gleich Punkte als menschlicher Link-Hub. Sie sind dir gegönnt :-).

  8. Mike

    Die meisten Pitchbewerber werden vermutlich vom iPad aus gesucht. Da könnte eine fehlerhafte oder gar fehlende Darstellung der Arbeiten ein Grund zur Disqualifizierung sein. Oder auch nicht.

  9. Armin

    Wenn schon eine “Mobile site” sollte die aber auch vernuenftig gehen, zumindest auf meinen Android/Chrome geht die JVM mobile site nicht und ich bekomme nur eine schwarze Seite.

    Mal davon abgesehen, warum die Beschraenkung auf Apple? Auf den meisten Android Phones duerfte zumindest heute Flash auch noch nicht gehen, da das erst mit 2.2 gekommen ist (und das ist von sehr vielen Herstellern/carriern noch nicht freigegeben/aktualisiert worden).

    Klar, hier geht es nur um die Agenturen, aber wenn die Agenturen dann auch fuer ihre Kunden solchen Websites bauen…

  10. ramses101

    Bei mir (Android/Opera) funktioniert die JvM-Seite.

  11. jokerman

    200.000 Android-Geräte werden täglich verkauft und nochmals soviele andere Geräte die Flash unterstützen. Warum zur Hölle sollen jetzt allen wegen iPad und co auf Flash verzichten?

    Und wer behauptet das HTML5 Flash ablösen wird, der weiß leider auch nicht das HTML5 so einiges nicht kann zb. Livestream etc. Die Liste ist echt Lang. Werbern dürften ohne Flash-Banner das Geschäft vollständig wegbrechen. Einfach mal googlen.

    Also wir reden hier von minimum 5-10 Jahren, bis HTML5 Flash wirklich ablösen könnte.

    Und um eines nicht zu vergessen ist das “open screen projekt” in dem sich namenhaften Mobile-Software Hersteller, Browser-Entwickler und co zusammen geschlossen haben und nun Flash in Ihre Produkte einweben, sprich Flash wird kein Plugin mehr sein. Siehe Chrome usw.

    Nicht immer alles glauben was Stevie Boy so erzählt, der hat auch gesagt das niemand Bücher an elektronischen Geräten lesen will. Der Markt hat auch da ganz anders reagiert und Kindle und co sind (zumindest in den USA) ein riesen Erfolg. Nun siehe da, jetzt gibts iBook. :-))

    Zum Thema aber noch eins. Wir haben Flash-Elemente und unteranderem einen Produkt-Konfigurator mit aller Hand Funktionen. Das würde aber mit HTML5 nicht gehen, da eine Datenbankverbindung derzeit nur mit Flash möglich ist.

  12. jokerman

    Vergesst bitte auch nicht, das Flash sich ja auch weiter entwickeln wird. Es wird durchsuchbar (seo) werden, es wird mit Windows-Shortcuts funktionieren und wie oben beschrieben, wird es bereits in Mobile-Software und Browser (Firefox,Chrome etc) einprogrammiert, so das es kein plugin mehr ist.

    Bevor hier ein Bild gezeichnet wird, das Flash-Websites nicht mehr state-of-the-art sein mögen, der soll bitte auch bedenken das Geräte, die grundsätzliches im Internet schlicht und einfach verbieten, auch nicht state-of-the-art sind.

    Die vielen Jailbreak iphones (habe mal was von 35% gelesen) die dann unteranderem auch Flash können, zeigen doch, das die Menschen Flash lieben. Und mal ehrlich, sieht das nicht einfach klasse aus? >>> adidas.com/de/homepa...

  13. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @jokerman ich glaube aus Prinzip ganz besonders Steve Jobs nicht, was er alles erzählt. Ist mir ein wenig zu durchsichtig, was Apple da stets an das eigene Werbemarktinteresse koppelt.
    werbeblogger.de/2010...
    Das gilt auch für Flash. Apple hat eben auch kein wirtschaftliches Interesse, dass Flash-Werbung weiterlebt.

    Aber das interessiert alles den “normalen” iPad und iPhone-Kunden nicht. Der wundert sich ggf. nur, wenn er die Website seiner Agentur nicht aufrufen kann und das muss einfach nicht sein. (Geht ja auch wunderbar parallel, wie es z.B. JvM zeigt.)

  14. jokerman

    @Roland

    Meinst du nicht, das dieses Thema “Oh der hat eine Flash-Webseite, wie schlimm” etwas zu sehr überbewertet ist? Solange Flash der Standard im Internet ist, solange darf man sich über die wirklich wenigen Ausreißern, in Form von iphone/ipad/ipod, nicht die Arbeit der Agenturen so mit häme überziehen.
    Versteh mich nicht Falsch, bin weder Mitarbeiter einer Werbeagentur noch sonst irgendwie damit verworren.

    Es geht nur darum, das dieses “Flash-Problem” sehr überspitzt dargestellt ist. Wir können darüber reden und diskutieren, warum einige Agenturen keine Mobile-Variante ihres Webangebots haben (mit oder ohne flash ist wurscht) oder warum einige Agenturen immer noch auch IE6 optimiert sind.

  15. ramses101

    Dann würde ich aber eine Fehlermeldung ausgeben, die klipp und klar Ross und Reiter nennt: iPad und iPhone lassen die Darstellung dieser Seite nicht zu. Warum soll ich mir von einer Apple-Strategie irgendwas diktieren lassen? Dass das für die User ärgerlich ist, ist mir klar.

    Aber sie sollten dann auch wissen, dass ihr Sonnenscheinunternehmen daran Schuld ist.

  16. jokerman

    @ramses

    Super-Idee!! :-))

  17. niLS

    Für Jung von Matt möchte ich noch den Bewegungsmelder ins Rennen werfen: http://jvm-neckar.de
    Bei dieser Eigenentwicklung wurde W3C ganz groß geschrieben.

  18. jaketothebone

    “das den Zugang zu Inhalten der Website unnötig erschwert” – ach ja richtig. Das hier ist ja der “Beraterblogger”. :D

    Übrigens: Kolle Rebbe funktioniert sowohl auf iPhone als auch auf iPad. Hattet ihr irgendwie leider ignoriert.

  19. Viele Websites großer Agenturen taugen nicht als Kompetenz-Belege für gekonnte Online-Kommunikation | Berufung selbststaendig

    [...] im Fazit des Artikels Top-Agentur Websites und ihr Flash-Dilemma im Werbebogger angeführt, sperren fast die Hälfte der untersuchten großen Agenturen mobile [...]

  20. ralf schwartz

    Have a look at “The World’s Worst Agency Websites (For IPhones and IPads)”: adage.com/digitalnex...

  21. Andi74

    Leider ist Apple in der heutigen Zeit viel zu mächtig ! Deswegen kann man es auch wenig beeinflussen. Leider !

    Danke für den Artikel

    Gruß Andi

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  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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