05.08.10
13:08 Uhr

Die neue Pampers: 10 Jahre für’n Popo!

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Wow, die Rettung der Welt steht kurz bevor:

“Ab der nächsten Woche führt Procter & Gamble auch in Deutschland die neue Pampers-Generation ein. Zehn Jahre lang hat der US-Konzern an der „Dry Max“-Technologie getüftelt, die die Windel Pampers Active Fit nun aufwertet. Für Pampers, die wichtigste P&G-Marke, ist es die gewichtigste Innovation seit 25 Jahren”

schreibt Horizont.

Puh, ’10 Jahre getüftelt’, die ‘gewichtigste Innovation seit 25 Jahren’. Im Zweifel hätte man damit wohl auch das Öl im Golf von Mexiko aufsaugen können, statt sich mit Bloggern zu streiten.

Der Erfolg von Pampers liegt natürlich nur teilweise an eingesetzten Werbebudgets, sondern am Vorwegnehmen relevanter Verbraucher-Bedürfnisse: ’20% dünner’ und ‘mehr Trockenheit’ für Babys Popo, schreibt Horizont. Der Erfolg liegt aber auch in der offenen Thematisierung etwaiger Konsumentenbedenken. Die Windel wird ständig weiterentwickelt und ist natürlich Vorreiter in Umweltschonung und Nachhaltigkeit:

“Procter & Gamble versteht die neue Windel auch als umweltschonenden Beitrag: In der Herstellung werden 10 Prozent weniger Material verbraucht, 11 Prozent weniger Energie eingesetzt und 13 Prozent weniger Müll produziert. „Die neue Version von Active Fit ist auch eine Nachhaltigkeitsinitiative“, betonte Austin Lally, Vice President Baby & Toddler Care Western Europe, bei der Vorstellung des Produkts in Schwalbach.” (Quelle: horizont.net)

Ist das nicht wundervoll? Eine “Nachhaltigkeits-Initiative”! 10% weniger Material, 11% weniger Energie, 13% weniger Müll! Wow! Aber ist das wirklich beeindruckend? Vor 10 Jahren vielleicht!?

Wo sind die Pampers-Entwickler wohl in diesen letzten 10 Jahren gewesen? Warum hat ihnen niemand gesagt, daß 10-13% weniger von allem nicht ausreichen? Warum verstecken sie sich hinter ihrer blauäugigen Heile-Welt Website, statt sich mit den Problemen der Welt und ihres Produkte in ihr auseinanderzusetzen? Warum gucken die Procter-Jungs nichtmal über den Tellerrand ihres Geschäftes(!)?

Ein Kind verbraucht 1800 Kunststoffwindeln pro Jahr (Quelle, ab Minute 3:10), ein immenser Müllberg. 13% weniger? Von 1800 Windeln pa.? Hm.

13% ist doch wohl kein herausforderndes Ziel für einen Konzern wie Procter. 100% weniger Müll ist das einzige Ziel, was ich heute noch gelten lassen würde.

Also da hätte ich mir wirklich einen kreativen Unternehmensberater gewünscht, der angeregt hätte, doch mal bei CATSAN reinzuschauen, die sich “seit über 25 Jahren” mit dem Thema Hygiene befassen. Der angeregt hätte, die Saugkraft der Windel mit “naturbelassenem Weichholz” zu optimieren, um natürlich “biologisch abbaubar” zu sein: “Catsan® Naturelle plus ist ist darüber hinaus biologisch abbaubar.”

Womit wir das Problem im Innern gelöst hätten. Und außen herum? Nun, auch dort gibt es längst Lösungen:

“Mit den Swirl® Bioabfall-Beuteln sammeln Sie einfach und hygienisch alle Bio-Abfälle, trockene wie feuchte. Um sie genauso einfach und hygienisch danach in die Biotonne zu bringen. Die Swirl® Bioabfall-Beutel sind aus veredeltem, stabilem Nassfest-Papier und besitzen einen praktischen Standboden. Und weil sie vollständig kompostierbar sind, dürfen sie natürlich in die Biotonne.”

Liebe Pampers-Kreateure, da hätte ich mir in 10 Jahren Entwicklungszeit ein wenig mehr Breakthrough, ein wenig mehr Disruption, ein wenig mehr vorbildlicher Antizipation der wahren Bedürfnisse der Menschen gewünscht. Ihr mögt über meine Lösungen schmunzeln, eines aber zeigen sie: daß es längst Lösungen gibt!

Mit dem jetzt vorgelegten Produkt seid Ihr gerade mal auf dem Fortschritt-Vermeidungs-Level der Autoindustrie angelangt. Da müßt Ihr wohl nochmal ran!

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15 Kommentare

  1. Peter

    Sehr schöner Beitrag, ich habe mit Vergnügen gelesen.

  2. Thea

    Wir haben die wahrscheinlich abfallsparendste Version: Waschbare Höschenwindeln. Zu benutzen wie Pampers, und dann ab in die Waschmaschine. Am Öko-Rad lässt sich da sehr leicht drehen – und mit Wasch- und Stromkosten eingerechnet ist die Lösung etwa 100€/Jahr billiger als Wegwerfwindeln. Zusätzlich entfällt der Sprit zur Beschaffung von Pampers…

    –Thea

  3. Ralf Schwartz

    @thea
    Hört sich gut an, ist aber wohl der natürliche Feind der Pampers.
    Wenn Du 100€ sparst, was kostet dann 1 Jahr Pampers?
    Und wenn die Teile so teuer sind, warum schreit dann niemand nach einer wirklich guten Lösung?

  4. Calima

    Danke für den Beitrag und die kreative Catsan-Swirl-Lösung! Vielleicht waren ganz ähnliche Überlegungen auch bereits in Forschung, Entwicklung und Marketing von Pampers auf dem Tisch und irgendwann hieß es dann doch: “Wir machen das mit den Fähnchen.”?!

    Die neue Pampers-Kampagne ist mal wieder ein Paradebeispiel für P&G. Den Konzern, der uns abwechselnd Me too-Produkte als Innovationen und den berühmten Tropfen auf den heißen Stein als Welle der Nachhaltigkeit verkaufen möchte…

  5. Thea

    @Ralf Schwartz:
    Wir haben vor der Geburt unseres Sohnemanns nicht mit Pampers, sondern mit billigeren NoName-Wegwerfwindeln gerechnet (5000 Windeln im Kinderleben, 50ct pro Windel) – gegenüber der billigen Windelvariante sparen wir etwa 100€/Jahr, wenn man wirklich alle unsere Ausgaben gegenrechnet – Abschreibung der Waschmaschine inklusive. Gegenwärtig waschen wir alle zwei Tage eine 60°C-Wäsche Windeln. 90°C mit Bleiche, wenn mich der Rappel packt und ich es steril haben möchte.

    Mein Mann schaut mir gerade über die Schulter und meint, er wäre bei seiner Berechnung auf etwa 500€ Ersparnis pro Jahr gekommen – allerdings bei weniger Posten in der Rechnung.

    Pampers sind nicht billig – sie verkaufen sich über eine gut etablierte Marke und “das Beste für’s Kind”. Zusätzlich wickelt jedes Krankenhaus mit Pampers, das ist vor allem für “unvorbereitete” Jungmütter sehr werbewirksam: Was im Krankenhaus verwendet wird, kann nicht schlecht für’s Kind sein.

    Product Placement scheint mir im Windel-Bereich wichtiger zu sein als die oben genannte Werbekampagne. Von den zwei bis vier Tonnen Müll, die ein Haushalt mit Pampers verursacht, spricht P&G ja auch nicht, nur von den wunderbaren Vorteilen für dem Nachwuchs. Diese sind erfahrungsgemäß gar nicht so toll, da vor allem Pampers auch Windelneurodermitis mitverursachen.

    Die Hackschnitzel-Windel gefällt mir auch sehr gut.

  6. Markus Roder

    @Ralf:

    So sehr ich Deine disruptive Denkweise schätze, cih denke hier übersimplifizerst Du dein wenig :). Das ganze muss ja auch noch hautverträglich, haltbar, lagerbar, etc. sein.

    Überdies bin ich nicht überzeugt, ob die von Dir bevorzugten Materialien (inklusive Effekte wie evtl.höheres spezifisches Gewicht und/oder Volumen… und damit höherer Pro-Stück-Spritverbrauch beim Transport!) tatsähclich einen bessere Öko-Bilanz aufweisen würden.

    Ohne allzu krass durch die rosa Brillengläser zu schauen: Ich vertraue den Windel-Wissenschaftlern bei P&G (von denen ich einen, nämlich @cacheng, auch persönlich kenne), dass sie sich über genau solche Fragen JEDE MENGE Gedanken gemacht haben. Und auch nicht rein profitgierig oder straight-up-evil sind.

    @Thea: Komisch, auch wir haben Stoff- und Plastikwindeln gegeneinander gerechnet und sind in der Ökobilanz auf ein Untentschieden gekommen. Aufgrund der doch deutlich besseren Convenience-Eigenschaften des Wegwerfprodukts (gerade auf Reisen ;) haben wir uns dann für die Pampers entschieden. Muss da mal beim Umwelt-Mega-Experten (facebook.com/thculha...) anfragen und drüber-rechnen lassen.

  7. ralf schwartz

    Wenn man Hackschnitzel-Windel googelt, findet man ua. dies:
    “Familien mit Kleinkindern und Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen in der Gemeinde erhalten hierdurch die Möglichkeit, ihre Windelabfälle kostenlos zu entsorgen. Welche enormen Mengen an zusätzlichem Müll in einem Haushalt anfallen, wo Kinder oder pflegebedürftige Angehörige mit Wegwerfwindeln gewickelt werden, weiß jeder, der damit zu tun hat. Wenn diese Mengen wegfallen, können über die Reduzierung der Mülleimergröße Müllgebühren gespart werden.”
    horgenzell.de/gemein...

    Schon seltsam, welche fast kafkaesken Probleme durch die Bequemlichkeit der Menschen bzw. fehlende Imagination von Unternehmen entstehen.

  8. webfraggle

    Hiho

    Also wir sind eigtl. auch von Pampers überzeugt gewesen. Hatten aber schon welche von der neuen Serie mit dabei. Haben die aber zurück gebracht, weil die 10% wahrscheinlich am Rücken eingespart worden sind. Das Fließ geht nicht mehr bis zum Rand. Dadurch ist die Windel ausgelaufen. Ich kann nicht genau sagen, wieviel wir im Jahr für Windeln ausgeben. Aber mit Gutscheinen und Sonderangeboten kann man auch eine Menge sparen. Und auf den Luxus von Wegwerfwindeln will ich persönlich nicht verzichten.

    Viele Grüße
    Christoph

  9. ralf schwartz

    @Markus
    Diesmal war es eher der ironisch-satirische Finger in der Wunde als der disruptive Geist.
    Die Art und Weise der P&G-PR fordert einfach diese Erwiderung heraus – ua. auch wg der Horizont-Claqueure wollte ich mal einen Kontrapunkt setzen.

    Darüber, welche wirklichen Probleme der Welt man mit diesem Braintrust der letzten 10 Jahre hätte lösen können, möchte ich lieber nicht nachdenken ;)

  10. Megan

    Habe deinen Artikel schmunzelnd gelesen, gebe dir in letzterem Punkt auch Recht – würde man so viel Geld, Zeit und Energie in existenziellere Probleme stecken, wäre die Welt “a better place”. Verwenden tu ich seit Jahren trotzdem die Pampers Windeln, ganz einfach, weil es die Besten auf dem Markt sind und ich für Qualität gerne mehr bezahle. Ja, vielleicht hätten man anstatt der 13% weniger Müll auch 25% erreichen können, aber mal ehrlich, was machen denn die ganzen anderen Windelkonzerne währenddessen? Niet. Fakt ist, Pampers haben mit ihren Windeln ein gutes Produkt geschaffen und wären sie ein paar Euro billiger, würden alle zu der Marke greifen – davon bin ich überzeugt!

  11. ralf schwartz

    @Megan
    Bezogen auf den Wettbewerb hast Du recht.
    Und nichts gegen Pampers. Ich denke aber, daß sich Unternehmen grundsätzlich nicht mehr leisten können, sich auf Leistungs-Niveau des Wettbewerbs/Marktes ‘auszuruhen’.
    Wer in Zukunft Erfolg haben will, muß nicht nur im eigenen Konkurrenzumfeld/Markt Maßstäbe setzen, sondern auch soweit dem Konsumenten vorangehen, daß der beeindruckt zum Botschafter der Marke wird – weil er voll und ganz, mit gutem Gewissen, stolz hinter der Marke stehen kann. Da wäre die 100% natürlich eine tollere Geschichte als die 13%! Über den Markt hinaus zum Gespräch werden und Maßstäbe setzen – das wünsche ich mir von unseren Marken und Markenverantwortlichen!

  12. Sind Printmedien in der heutigen Gesellschaft out? | Net Whisperer /beta

    [...] Um nicht gleich mit der „schweren Kost“ anzufangen, las ich zuerst einen Artikel über ein Thema dem ich recht skeptisch gegenüberstand. Nicht das Thema an sich („Maximale Beladung“) machte mir Sorgen, sondern dass eine neue „Pampers“-Windel die die größte Errungenschaft seit 25 Jahren in der Windel-Forschung sei. Dieser angeblicher Fortschritt wird auch dementsprechend beworben und von vielen Zeitungen abgedruckt. Recht fragwürdig. (Guter Beitrag hier) [...]

  13. Montagspredigt: Pampers – Wenn das große Geschäft ein klein wenig zum Himmel stinkt | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    [...] 01 – Mit “lebensrettend” kann man eindrucksvoll von jeder Müllproblematik ablenken. Denn wer Leben rettet, kann doch nicht am anderen Ende der Welt diese absichtlich zumüllen, oder? Oder doch, wie 2010 hier im werbeblogger beschrieben? [...]

  14. Micha

    Also das mit den Stoffwindelnn ist der größte Schwachsinn überhaupt. Die saugen viel weniger. Man braucht im Verhältnis mehr als von den Wegwerfwindeln.
    Keiner weis, wie die Umweltbilanz der Herstellung der Stoffwindel, des verwendeten Waschmittels etc. ist.
    Dazu kommt pro Waschladung 40-50 Liter Wasser 2-3KW/h Strom.
    Und die besten Ökos, die sich hier wichtig tun, haun die Dinger danach natürlich in den Trockner und verbraten noch mal 5 Kw/h Strom. Dazu kommt, dass man die Pampers mit Kaki drin einfach die Tonne wirft, während man da bei der Stoffwindel noch eine zusätzliche Vlieseinlage braucht, die auch ein wegwerfprodukt ist, danach kommt der Haufen ins Klo und wird mit 5 Litern Wasser weggespült. Wo ist jetzt da die tolle Ökobilanz???

    Der beste Kommentar war ja dann noch hier, dass der Sprit zur Beschaffung der Pampers entfällt. Wer nur losfährt, um Pampers zu holen, der ist so dumm, dass er bitte keine Kinder in die Welt setzen soll, die brauchen wir dann hier in Zukunft bestimmt nicht um die Welt zu retten.

    Und zum Ursprungsschreiber des Artikels:
    Wenn du 100% Reduzierung der Öko Werte hinbekommst, warum schreibst du dann ellenlange Artikel, anstatt entsprechende Alternativen auf den Markt zu bringen? Veilleicht weil das Großkotzlatein an der Stelle schon zu Ende ist?

  15. ralf schwartz

    @micha Ich habe mir ja keine 100% gewünscht, sondern mit Beispielen angedeutet, dass es bereits weiterentwickelte Lösungen auf dem Markt gibt …

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