30.07.10
12:21 Uhr

Schirrmachsche Utopien sind bei Strato Realität

“Wir müssen die Kontrolle über unser Denken und die Maschinen wiedererlangen.” So oder zumindest ähnlich höre ich im Hintergund noch den Aufruf von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmmacher aus seinem Buch “Payback”, als sich kürzlich mit unserem (Ex-)Provider Strato die Auflösung einer langjährigen Kundenbeziehung anbahnte.

Kurz zum Hintergrund: werbeblogger.de wurde seit Jahren von Strato-Servern gehostet. Ein externer Strato-Reseller und Serverbetreuer, der stets gute Arbeit leistete, kümmerte sich dabei um das Servermanagement. Zum 12.07.2010 haben wir beschlossen, dass wir den Server und Vertrag direkt von unserem Reseller übernehmen. Vorsorglich kündigte der Reseller bereits Ende 2009 zum 12.07.2010 den Vertrag. Rechtzeitig Anfang Juli haben wir dann mit Strato die Vertragsübernahme und Fortführung des Vertrages formal abgewickelt. Diverse Papiere werden dabei unterzeichnet, sowohl vom Alt-, als auch vom Neuinhaber des Vertrages und alles schien in Butter. Strato bestätigte uns die Übernahme und begrüßte uns mit den üblichen “Welcome-Worten” via Mail als “neuen” Kunden. Zuvor hatte ich noch einmal schriftlich die Bestätigung angefordert (Zitat:)

[...]sowohl von mir (werbeblogger.de) als auch vom alten Vertragspartner [...] liegt Ihnen alles vor. (2x Firma/Geschäftspapier) sowie der von beiden Parteien unterzeichnete und ausgefüllte Bogen der Vertragsübernahme. Ich bitte um Bestätigung und Sicherstellung, dass am kommenden Montag -und darüber hinaus- die Domain werbeblogger.de online ist.

Am 13.07.2010 war dann plötzlich der Werberblogger-Server down. Mein Anruf bei der kostenpflichtigen Hotline bestätigte mein ungutes Gefühl. Strato hat es tatsächlich fertiggebracht, den Vertrag mit “Kündigungskennzeichen” zu übernehmen, womit ich faktisch einen Serververtrag für einen Tag hatte. “Und nun?” fragte ich? “Ich kann nichts tun”, sagte der Servicemitarbeiter, “die Bots und Jobs sind angeschmissen und löschen irgenwann selbstständig den Server.” Wann das genau passieren würde, könne er nicht sagen, aber ich solle doch schon einmal schnell eine aktuelle Sicherung machen. Solange könne er den Server temporär wieder freischalten. Ich müsse aber schlimmstenfalls damit rechnen, dass auch schon während dieser Sicherungszeit die Platte gelöscht wird. Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich sagte: “Aber der Server läuft doch jetzt wieder. Wollen Sie mich als Kunden nicht? Wollen Sie den Umsatz nicht, der (bei treuen Serverkunden) ja schonmal einige Tausend Euro bedeutet?!” Der Servicemitarbeiter sagte: “Wollen schon, aber können nicht. Ich kann den Prozess nicht stoppen.”
Nichts zu machen, also. Die Maschinerie ist angeschmissen, der Mensch, der Kunde, selbst der Mitarbeiter des eigenen Ladens ist hilflos. “Ihnen ist schon klar, dass ich keinen neuen Vertrag bei Strato abschließen werde unter diesen Umständen?!”, fragte ich. “Ja”, sagte er, das könne er verstehen, auch habe er diesen Fall als strukturelle Schwäche des Systems erkannt, er könne aber eben nichts mehr für mich tun.

Ok, dann eben nicht. Wer nicht will, der hat schon. Aufgelegt.

In den folgenden Tagen lief der Werbeblogger-Server überraschenderweise weiter. Hatte sich Strato doch eines Besseren besonnen und eine kundfreundliche Lösung gefunden? Ich traute dem Braten nicht. Nachdem das aktuelle Backup der Datenbank und der gesamten Platte (ca. 30 GB) gesichert waren, schaute ich mich parallel nach Alternativen um. Außerdem hatte ich eine kurze Urlaubsreise in der Folgewoche fest eingeplant und sagte mir innerlich: Strato blockiert mir den Urlaub nicht.

Bei Antritt des Urlaubs lief der Server immer noch. Ich fing an, an das Gute zu glauben und zu hoffen, wissend, dass ein kompletter Serverumzug eben mal locker 1-2 ganze Tag braucht, bis alles wieder so läuft, wie es soll.

Am Donnerstag, 22.07.2010 war es dann soweit. Mitten im Urlaub wird der Server gelöscht. Rien ne va plus. Womit klar war, dass ich den Server erst am folgenden Montag nach meinem Urlaub neu aufsetzen kann und werbeblogger.de vier Tage nicht online sein wird.

Am Montag und am Dienstag war dann Goßeinsatz. An dieser Stelle noch einmal ganz persönlich herzlichen Dank an @crasch, der mir zur Seite stand und unseren großartigen neuen Server-Provider Hosts 4 You und seinen Betreiber Rouven, der bis in die späte Nacht erreichbar war und äußerst pragmatisch den Serverumzug begleitet hat. Mit Rouven hat man stets das sichere Gefühl, dass ein Mensch seine Maschine beherrscht und nicht umgekehrt. Und dass die Maschine nicht sein Denken und Handeln vorgibt.

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15 Kommentare

  1. Vroni

    Ich kapier das inhaltlich nicht.
    Laut denic seid ihr doch bei Domainfactory gehostet, oder?

    _________________________________
    Zum Thema Mensch und Maschine fällt mir auch allerhand ein.
    Deswegen wechsle ich schon nimmer. Keinen Bock mehr.
    (Das wird auch der sinn solche Umzugspolitik sein… sinnier… tolle Kundenbindungsmaßnahme…)

    Denn selbst bei Resellern kann man schon mal ein A++loch erwischen, das sich sogar zu Beginn des Vertragsverhältnsses weigert, die obligatorischen Umzugsanträge zu erledigen. Die Serverordner grundsätzlich falsch einstellt (waren ALLE auf PHP) und sich aufregt, wenn mann deswegen seine HTML-Sachen nicht uploaden kann. Um es dafür am Schlus des Vertrgsverhältnisses richtig krachen zu lassen: sich mit einem vorzeitigen sofortigen Löschen aller Daten zu bedanken (wofür, habe ich ihn doch da ganz Jahr hindurch höflich “in Ruhe gelassen”, ahnend, dass er jeglichen Kunden als lästig empfindet. Gottsedank hat man alles nochmal auf Platte und kanns grade wieder zusammenfuddeln. Schönen Dank auch. Die Krönung war ein Schreiben dieses Resellers, dass ich als Kunde jederzeit wieder willkommen wäre.

    Also son Mist geht auch mit Personen, da brauchts gar keinen anonymen Goßhoster. Obwohls bei dem sicher noch 10 Gramm leichter passiert. ^^

    Ansonsten:
    Schön dass ihr wieder da seid.

  2. Smila

    Oh…strato…das war ich auch. Wäre ich auch geblieben, aber ich bin ins Nachbarland Österreich gezogen, da geht das nicht… von wegen EU und Internetzeitalter und so. Als ich mich darüber mokierte, wurde mir gesagt, das stünde in den AGBs, die ich ja wohl akzeptiert hätte. Auf meine Frage, WO in den AGBs, ich könne den Passus nicht finden, bekam ich die Antwort: äh, steht auch nicht mehr drin, wir haben die AGBs geändert. ??????? Da musste ich mir dann einen anderen Anbieter suchen.

    Achja…fein, dass es wieder bei euch läuft! :-)

    Viele Grüße, Smila

  3. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Vroni: Die Domain wird bei Domainfactory verwaltet. Der Hoster des Servers ist Hosts4you. Das Vorgehen, die Domains und Provider zu trennen, macht übrigens grundsätzlich Sinn, sonst hätten wir noch mehr Probs durch Strato gehabt. So brauchten wir “nur” die DNS Einträge bei domainfactory zu ändern auf den dann neuen, fertigen Server und feddich.

  4. Vroni

    Verstanden, Domainverwaltung und Hosting zu trennen gibt sicher Sinn, sehr vernünftig.

    Um aber zurück zum Mensch-Maschine-Thema zu kommen:
    Das ging doch schon mit dem Festnetz-Telefon los. Wer zu alten, Non-Internetzeiten umzog, weiß was ich meine, wochenlanges Warten auf die neue Nummer oder den Techniker, oder beides. Und Handy gabs noch nicht, also war man tot, nicht erreichbar. (Soll sich bis aufs Handy -gottseidnk – bis heute auch nicht großartig geändert haben, wie ich so höre…)

    Der Kontrollverlust, die Ohnmacht unter der Maschine ist also älter als das Internet-Ding. Auch wenns Schirrmacher sicher nicht wahrhaben will, weils nicht in seine Internet-Ohnmacht-Kontrolle-Theorie passt. Hätte er besser schon mit der Telefon-Ohnmacht-Kontrolle-Theorie angefangen, oder noch grundsätzlicher: mit einer Bürokratie-Ohnmacht-Kontroll-Theorie, dann wärs glaubwürdiger gewesen … :-)

  5. Maschinist

    Standortbedingt ist mein Access-Provider Primacom. Der Service ist lausig und die “Flatrate” hat ein Trafficlimit aus der Vorkriegszeit.
    Aber ich bin ja kein Unmensch und dachte ich buche einfach noch ‘ne zweite Flatrate. Ich fand das sehr fair von mir. Der lakonische Kommentar vom Hotliner: “Das sieht das System nicht vor”.

    Sobald die Telekom hier gebuddelt hat sieht mein System Primacom nicht mehr vor.

    Und die wundern sich dass sie pleite sind…

  6. Erich

    Ja die Welt ist ein Karussel…

  7. Vroni

    “Das sieht das System nicht vor”.

    Mit Franz Kafka durchs Jahr.

  8. Frank

    Wie die können einen Prozess nicht stoppen? Also entweder war da bei Strato jemand zu faul oder die haben das Software und Technik stehen, die nicht durchdacht ist. Aber scheinbar seit ihr ja nun wieder gut versorgt und Strato hat einen Kunden weniger. Also Service sieht anders aus. Ich habe sowieso dass Gefühl, je größer das Unternehmen umso unflexibler werden die bei Herausforderungen.

  9. J. Martin

    Strato is Hell.

    Ganz zu Anfang um 2000 herum, als wir das Sinnflut Projekt-Netzwerk gründeten und noch jung & arglos waren, hatten wir unseren Webspace auch bei Strato (aber unsere Domains ebenfalls bei einem Domain-Hoster, zum Glück).

    Never, never, never again.

  10. Joachim

    Wir sind bei 1&1. Auch da gibt es immer wieder Probleme.
    Wir hatten vor ca. einem Jahr einen Server Absturz.
    Unser Onlineshop war einen halben Tag nicht zu erreichen.
    Der Supergau. Dann wurde ein 5 Tage altes Update eingespielt.
    Automatisch wurden die Kundennummern und Auftragsnummern neu vergeben.
    Danach hat natürlich das Warenwirtschaftssystem verrückt gespielt.
    Und natürlich auch meine Mitarbeiter.
    Wir überlegen jetzt auch einen Umzug zu jemandem, der ein Mensch ist und
    die Maschine beherrscht.
    Dann schläft man besser!

  11. Raoul

    Eine derartige Situation hatte ich bis dato noch nicht, aber stundenlange Ausfallzeiten wegen fehlerhafter neuer Software und Festplattencrash waren auch schon dabei. Wir wechseln in Bälde den Hoster und wenn er auch ein paar Euro mehr kostet wiegt das Gefühl der guten Betreuung den Mehrpreis locker auf.

  12. Providerhölle > Datenhimmel: Verlorene Kommentare | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR

    [...] Cache rekonstruieren, die während unserer Backups und dem unberechenbaren Herunterticken der Strato-Zeitbombe angefallen waren, und zumindest zu meinen eigenen Einträgen konnte ich über die [...]

  13. Beobachter

    Ma soll ja nicht abergläubisch sein, aber an einem 13.07. würde ich die Finger von sämtlichen laufenden Systemen lassen. ;-)
    Im Zweifel ist halt Murphy schuld.

  14. Enrico

    Jaja, die Jungs bei Strato. Was ich mit denen schon erlebt hat erzähle ich hier lieber nicht – aber empfehlen würde ich diesen Anbieter definitiv nicht.

    Dein Vorgehen sehe ich übrigens als sehr mutig an – mit etwas Pech wäre Euer Blog dann ja locker eine Woche offline gewesen…

  15. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Enrico: Stimmt. Das wäre der maximale Ausfall gewesen. Allerdings geht meine Liebe zum Blog und zu Strato nicht soweit, dass ich auf den wenigen Urlaub verzichte und dauernervös die F5-Taste des Browsers drücke und die Familie in Sippenhaft nehme ;-)

    Um ähnlichen Konflikten für die Zukunft vorzubeugen, habe ich übrigens ab sofort einen gespiegelten Backup-”werbeblogger” auf einem anderen Server eingerichet, der einfach via DNS Switch im Domainmanagement aktiviert werden kann, wenn mal der aktuelle Server ausfällt. Das ginge dann auch aus dem Urlaub heraus.

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