18:21 Uhr
Wenn Duisburger Marketingsprüche purer Zynismus werden
Bevor ich in etwas ausführlicherer Art über die Geschehnisse berichte, die den Werbeblogger für die vergangenen vier Tage offline stellten, möchte ich im Zusammenhang mit der unfassbaren Tragödie rund um die Loveparade 2010 noch einen speziellen Gedanken teilen:
Zur Zeit wird in den Medien intensiv die Schuldfrage diskutiert.Was haben Oberbürgermeister, Veranstalter und städtische Ordungsplaner über die potentiellen Sicherheitsrisiken wissen können und möglicherweise dennoch andere “Prioritäten” gesetzt? Wie ist es zu erklären, dass die Stadt Duisburg und auch der Veranstalter bzw. Hauptsponsor der Loveparade “McFit” derart offensichtliche Planungsmängel zulassen konnten?
So traurig es ist, aber beide hauptverantwortlichen Stellen haben das Marketing und die positiven medialen Effekte aus einer Großveranstaltung offensichtlich in den Mittelpunkt ihres Interesses gestellt. Aus Sicht der Stadt Dusiburg sollte die Loveparade vor allem endlich wieder eine positive Stimulanz für das Stadtmarketing erzeugen, nachdem es mit der Finanzsituation und dem Image der Stadt in den letzten Jahren nicht nur zum Besten stand. Für McFit erklärt der Chef Rainer Schaller seine Motivation:
[....]Wir wollten mit einem relativ kleinen Budget einen hohen Bekanntheitsgrad erzielen. Ich war bei renommierten Werbeagenturen, die mir sagten, dass man im Jahr zwischen acht bis zehn Millionen Euro braucht, um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Und das war einfach damals vom Budget nicht möglich. Wir haben uns lange überlegt, was wir denn Verrücktes machen können, um bekannter zu werden. Wir haben uns für die Love Parade entschieden. Das war ein Himmelfahrtskommando.
Was nun heute bleibt, ist eine McFit-Website, die -zumindest korrekt- auf überbordendes Werbe-TamTam in eigener Sache verzichtet und eine große Kondolenzbekundung veröffentlicht.
Der Leitspruch der Duisburger Marketing GmbH ist allerdings angesichts der tragischen Ereignisse nur noch mit Zynismus zu ertragen (“Duisburg is the place, where things really happen.“), vor allem wenn die Website so tut, als wenn nichts geschehen sei und auf jegliche Stellungnahme verzichtet (das stadteigene Portal “duisburg.de” zeigt sich allerdings den Umständen angemessener).
Es ist wirklich keine gute Entwicklung, wenn das Marketing und letzlich die Gier nach positiver Öffentlichkeit und Markenaufwertung den Nährboden für so viel Fehlverhalten und Unglück bilden. Und es ist sehr bedauerlich, dass es insbesondere die Duisburg Marketing GmbH nicht fertig gebracht hat, inne zu halten und für einen Moment die jetzt so zynisch wirkenden Worte in den Hintergrund treten zu lassen.
Update 29.07.2010: Die Duisburg Marketing GmbH hat bereits gestern Abend auf ihrer Website reagiert und das Werbebanner gegen eine Trauerbekundung ausgetauscht.
7 Kommentare
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 29. Juli 2010 um 11:43 Uhr
Sehr geehrter Herr Kühl v. Puttkamer,
inhaltlich kann ich Ihren Beitrag nachvollziehen, möchte jedoch für die Duisburg Marketing GmbH gerne Stellung dazu beziehen.
Seit dem 24.07.10 ist nicht nur die Weltöffentlichkeit, sondern sind auch gerade die Mitarbeiter der Duisburg Marketing in einem Zustand tiefer Trauer und Betroffenheit.
Ich möchte hier nicht um Mitleid werben, aber wenn Menschen mit sehr viel Engagement und Idealismus über Jahre daran arbeiten, das Image ihrer Stadt zu verbessern, dann ist mit dem tragischen Ereignis über die persönliche Betroffenheit hinaus auch erst einmal die Arbeitsgrundlage entzogen und mit einem schmerzhaftem Vakuum verbunden.
Nur wenige Stunden nach ihrem Beitrag waren alle Portale, hierzu zählt auch duisburgnonstop.de, mit der gebührenden Trauerbekundung online. Wir müssen bei sehr vielen Medien nunmehr beachten, wie sie angesichts der tragischen Ereignisse angenommen- oder verstanden werden können. Was vorigen Freitag noch als positive Imagewerbung galt, muss nun eine neue Sprache finden. Andererseits können wir auch nicht alles vorherige Löschen, ebensowenig wie wir die Veranstaltung als nicht geschehen löschen könnten.
Dass wir diese Sprache nicht sofort und nicht zeitgleich überall finden, gestehen Sie bitte einfach nur dem Umstand zu, dass wir – bei aller Professionalität – ebenfalls trauernde Menschen sind.
Am 29. Juli 2010 um 12:33 Uhr
Es gibt sogar leider Blogs, die mit den Ereignissen noch viel weniger pietätvoll umgehen, als die (sehr wahrscheinlich) Verantwortlichen: bielefeld-blog.de/26... Die Bildunterschrift hies übrigens “Tunnelfreie Zone”.
Und DAS ist leider nicht mehr mit Zynismus zu ertragen. Genau so wie das Verhalten der Verantwortlichen im Allgemeinen. Wobei es ja zu erwarten war, dass jeder die Verantwortung von sich und auf jemand anderen schiebt. Und so wird es wohl Monate bis Jahre dauern, bis wir in einer Randnotiz lesen werden, dass Herr Schaller mit einer Geldstraße wegen einer “Ordnungswidrigkeit” davon kommt.
Der Stadt Duisburg kann man sicher eh nichts wollen. Die ist Pleite. Aber nun nicht nur finaziell….
Am 29. Juli 2010 um 12:51 Uhr
also entschuldigung, aber hier von zynismus zu sprechen finde ich schon etwas arg konstruiert … es updatet nicht jeder täglich seine website, seinen twitteraccount etc. – und die ganze website wegen solch eines ereignis umgestalten lassen wäre zwar ein gutes signal, es vergessen zu haben oder auch nicht zu tun aber meines erachtens verzeihbar. zumal duisburg.de der wesentlich wichtigere platz dafür ist – welcher privatmensch schaut auf die instiutionellen websites eines stadtmarketings? doch nur presseleute.
selbst die menschen des stadtmarketings werden geschockt sein -
ein dezenter hinweis privat ans stadtmarketing schreiben wäre angebrahter gewesen, als hier in der öffentlichkeit einen skandal aufzubauschen.
Am 29. Juli 2010 um 13:16 Uhr
@Petra Schröder Liebe Frau Schröder, vielen Dank für Ihre Ausführungen. Es ist gut zu sehen, dass ja schon gestern Abend -soweit ich es bemerkt habe- eine entsprechende Reaktion auf Ihrer Website stattfand. Auch Ihre folgenden Schilderungen kann ich nachvollziehen.
Am 29. Juli 2010 um 13:17 Uhr
@till1: Das kann man so sehen. Ich sehe es anders.
Am 29. Juli 2010 um 17:48 Uhr
Dass “auch gerade die Mitarbeiter der Duisburg Marketing in einem Zustand tiefer Trauer und Betroffenheit” sind, versteht sich von selbst. Wer ist das nicht? Ich hätte nur gern von Ihnen erfahren, ob es stimmt, dass der Geschäftsführer der Duisburg Marketing GmbH, Herr Gerste, nach der Loveparade-Katastrophe zu einer Kreuzfahrt(!) aufgebrochen ist. Ob er den beschriebenen Seelenzustand der Mitarbeiter teilt, brauchen Sie selbstverständlich nicht zu beantworten.
Am 30. Juli 2010 um 09:27 Uhr
Junge junge wenn ich das höre “Planungsmängel” – hier ging es meiner Meinung nach nicht um Mängel sondern um ein komplettes Versagen der technischen Leitung. In unserer Werbeagentur, wie auch als Technischer Leiter für viele Groß- und Größt-Veranstaltungen, habe ich viele Produktion in dieser Größenordnung betreut, zuletzt Teile der Fanmeile in Berlin und war auch als TL für einige Hauptkundgebungen der Loveparade in Berlin zuständig. Die Besucher Logistik ist so mit das Erste um was man sich bei der Planung einer Veranstaltung kümmert.
1. Wie kommen Besucher auf die Veranstaltung?
2. Wie kommen Sie weg?
3. Wir schnell läßt sich ein Gelände entfluchten?
Eine Trichtersituation, wie durch die Treppe, zu schaffen ist absolutes NoGo, gleiches gilt dafür Menschenmassen durch überdachte Wege (da panikfördernd) zu leiten.
Mein Beileid gilt den Angehörigen und auch den Verletzt – die für die Besucherlogistik zuständige technische Leitung wird aber wohl hier sicher nicht um einen Strafprozess herumkommen.
Volker Berlin / Werbeagentur Berlin