12:10 Uhr
Viel Rauch um nichts. Brot und Spiele für die Demokratie.
Es gibt da übrigens so eine Grobeinschätzung, eine wabernde Meinung, dass Kreative tendentiell eher zum Glimmstengel greifen als andere Berufsgruppen. Dass Musiker, Künstler und andere Freischaffende mit individueller schöpferischer Kraft ihre Leidenschaften auch gerne einmal auf “bewusstseinserweiternde Laster” mit Suchttendenz ausdehnen. Dass z.B. Ernest Hemingway oder auch Heinrich Böll Prototypen einer tendenziell selbstzerstörerischen Kreativelite sind, bei der die Kombination aus Weltschmerz, Kreativität und Einsamkeit gepaart mit einer gehörigen Portion Hedonismus einen großen Teil der Faszination ausmacht.
Bei Musikern nicht anders. Janis Joplin, Kurt Cobain oder Frank Zappa rauchten sich in Grund und Boden und blieben auf eine Weise Helden für mehrere Generationen. Eine Vielzahl von darstellenden und bildenden Künstlern des alten Jahrhunderts sowie Intellektuelle und diverse “elder statesmen” von Winston Churchill bis zu Helmut Schmidt komplettieren das Bild.
Die “Vernunft”, gesellschaftliches Engagement und soziale Verantwortung spielte und spielt bei diesen Menschen eine wichtige Rolle, aber sicher nicht im Kontext ihrer eigenen Gesundheit.
Das Image der Zigarette hat sich zwischenzeitlich komplett gewandelt. Und das ist auch gut so, wie einige Politiker in anderem Kontext postulieren. Wir brauchen die Zigarette nicht mehr als “Kulturgut” und äußerliches erkennbares Bindeglied von bestimmten Gemeinschaften. “Freiheit und Abenteuer” gibt es vermutlich an jeder Ecke des Lebens einfacher, wenn man nicht raucht.
Denn Zigaretten und Raucher sind schlicht “out”, gesellschaftlich in die Nischen des Alltags verdrängt. Als Füllthema zwischen Präsidentenwahl, Sommermärchen und politischer Sommerpause ist es allerdings ideal. Mit dem Thema kann endlich mehr Demokratie in Deutschland geübt werden, mit großem Ablenkungspotenzial von den wirklichen Herausforderungen in unserer Gesellschaft.
Nicht die großen Fragen der Politik stehen zur Disposition und motivieren zur Wahlbeteiligung, nein, dem Volk gibt man Brot und Spiele bzw. wirft ihnen das Thema Rauchen und Plebiszit als Alibifeld demokratischer Klimmzüge vor die Füße. Nicht die Finanzmärkte werden reguliert, nein, wir stimmen darüber ab, ob nicht 80% sondern 100% der Gastronomie rauchfrei sein sollte. Absurd.
Disclosure: Ich rauche seit Jahren, verzichte darauf aber -wie es die bestehende Bestimmung vorsieht- in Restaurants, Bars und anderen öffentlichen Einrichtungen. Ich gehe vor die Tür. In Hamburg, meiner Heimatstadt, kenne ich ein paar wenige “Raucherkneipen”, die ich an zwei Händen abzählen kann. Der Rest und damit der weit überwiegende Anteil an gastronomischen Einrichtungen ist rauchfrei. Ich kann jedenfalls für Hamburg nicht erkennen, dass der Nichtraucherschutz “durch die Hintertür” in breiter Form ausgehöhlt wird. Im Gegenteil. Die Raucher gehen vor die Tür. Zum Teil in größerer Zahl, aber ist das nicht ein anständiger Kompromiss?! Als Willy Brandt aufforderte “Mehr Demokratie wagen!” hat er sicherlich etwas anderes im Kopf gehabt als diese “Volksentscheide”.
9 Kommentare
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 6. Juli 2010 um 17:15 Uhr
In Köln ist es genau andersrum: Die Kneipen (nicht Restaurants), die ich kenne und die zu Nichtraucherlokalen geworden sind, kann ich an einer Hand abzählen.
Am 6. Juli 2010 um 17:27 Uhr
@drikkes. Verstehe. Dann dürfte der nächste Volksentscheid in NRW ja spannend werden. Ob Volkes Meinung bei ggf. anderen Mehrheitsverhältnissen dann genauso respektiert und von den NR akzeptiert wird?
Am 6. Juli 2010 um 18:07 Uhr
Die Raucher können auf lange Sicht gar nicht gewinnen. Schau dich um in der westlichen Welt. Deutschland ist nunmal funktionierendes Lobbyland, da dauert alles etwas länger. Aber ewiges Bollwerk? Eher nicht.
Am 6. Juli 2010 um 19:00 Uhr
Für mich stellt es sich so dar, dass anscheinend die große Front der Raucher den Volksentscheid irgendwie verpennt haben…dachte Nikotin putscht auf…! Anyway….Fakt ist..Volksentscheide wären doch in anderen Themen sinnvoller als solch ein “Schmarn”.
Ich bin Nichtraucher…nie geraucht aber solange mir mit dem Stengel keiner zu nahe kommt passt es doch….aber das ganze pipapo ist dochn Witz…!
Am 6. Juli 2010 um 19:52 Uhr
Genau: entweder wir dürfen über alles abstimmen oder wir verzichten vollkommen. Schwarz oder weiß. Alles oder nichts. ;-)
Am 7. Juli 2010 um 01:03 Uhr
Heute ist ein guter Tag. Habe gerade diesen Blog entdeckt und gleich danach, also jetzt, um 00.47 Uhr, qualmend vor dem Rechner diesen Beitrag. Natürlich bin auch ich nicht ganz gescheit. Es bleibt aber die Frage, ob in der Vergangenheit vielleicht wirklich Raucher den größeren Anteil an großartigen, kreativen Ideen hatten. Wär ja auch mal ‘ne nette neue Positionierung für so ‘ne Fluppe. Ganz nach dem Motto “Camel – macht Tot, aber kreativ.
Am 7. Juli 2010 um 10:20 Uhr
Die Deutschen wissen doch garnicht mehr was direkte Demokratie ist, das muss man ihnen in ganz kleinen Schritten beibringen.
Wär schlimm wenn so eine Fehlentscheidung wie in Bayern bei einer wichtigen Wahl passieren würde.
Am 7. Juli 2010 um 13:12 Uhr
@ Christian: Wieso Fehlentscheidung?
Rauchen gehört nicht zu unserem biologischen Programm. Es ist eine Sucht und es schadet der Gesundheit. Da ist es doch nur natürlich und sinnvoll, dass sich die Leute inj überwiegender Mehrheit dagegen entscheiden.
Ich für meinen Teil bin Gelegenheitsraucher, Gelegenheit ist eher ganz selten. Somit bin ich nicht fanatisch gegen das Rauchen. Nur ist es so, dass 99% der Raucher suchtkrank sind und, wenn man sie nicht einschränkt, sich einen Glimmstengel am anderen anzünden. Ein paar erzieherische Maßnahemne können da nicht schaden :-)
Komisch, dass die Leute beim Thema Rauchen am lautesten über Freiheit reden, die man sonst nie auf einer Demo sieht…
Am 7. Juli 2010 um 14:01 Uhr
@Christian: Passiert doch ständig. Kommt eben immer auf die Sichtweise an. Mich persönlich stimmt es eher zuversichtlich, dass die Mehrheit der Abstimmenden sich für den Nichtraucherschutz ausgesprochen haben.