07.06.10
11:08 Uhr

#Next10 Conference — Machtkampf und die Wahl des richtigen Kanals: Stefana Broadbent

Next10

An English language version of this post is available over at between drafts.

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Die Postproduktion nimmt sich Zeit dieses Jahr, und die Videos von der #Next10 Conference tröpfeln langsamer herein als erwartet. Während ich dies schreibe, haben gerade mal neun Präsentationen und Panels den Weg ins Web gefunden.

Wenn ich die Wahl hätte, würde ich über die Sprecher und Sprecherinnen und ihre Panels und Präsentationen lieber in halbwegs chronologischer Reihenfolge schreiben und mit den Eröffnungspräsentationen von Peter Lovatt und Jay Rogers beginnen. Nicht deswegen, weil die Präsentationen und Panels aufeinander aufbauen würden. Soweit ich weiß, war Andrew Keen auch diesmal wieder der einzige Sprecher, der sich tatsächlich Notizen machte und die Argumente vorangegangener Präsentationen in seinem Vortrag aufgriff. (Social—Mobile—Real Time, anyone?) Nein, vielmehr deswegen, weil eine Konferenz auch ein Ereignis ist, das erlebt wird, und die zeitliche Abfolge der Präsentationen prägt dieses Erlebnis entscheidend mit.

Leider habe ich aber wohl keine Wahl, da ich auch nicht zwei weitere Wochen oder länger warten will. Daher beginne ich mit der ersten Sprecherin des “Social Media”-Tracks vom zweiten Tag, Stefana Broadbent. Ein kurzer Ausschnitt aus ihrem Next10-Profil: “All of her projects had in common an ethnographic approach to capture evolving social practices and a design intent to inform and support the conception of new tools and services.”

Hier ist ihr Vortrag:

Besonders interessant in diesem Zusammenhang erscheint mir, daß wir in den letzten zwanzig Jahren mit neuen Kommunikationskanälen fast erschlagen wurden. Kommunikationskanäle, welche dem allgemeinen Hype zufolge gerade dabei sind, fundamental die Art und Weise zu verändern, wie wir miteinander kommunizieren. Aber was heißt „verändern“ in diesem Kontext? Klar, sowohl beruflich wie privat war meine internationale Festnetz-Flatrate in dem Moment veraltet, in dem sie bezahlbar wurde. Skype und Twitter, um nur zwei Kanäle zu nennen, sind wesentlich bequemer. Aber auch diese rein praktischen Veränderungen sind von Bedeutung: sie üben einen erheblichen Einfluß aus auf die ökonomischen Bedingungen und darauf, wie wir unseren Arbeitstag gestalten, verbringen und erleben. Langfristig steht zu erwarten, daß diese Entwicklungen dazu noch wesentlich dramatischere, systemische Auswirkungen haben werden; wer sich dafür interessiert, wie ein Medienwechsel ein vormals stabiles ökonomisches System vollständig aufribbeln kann („stabil“ im erweiterten, systemischen Sinn), möge Elizabeth Eisensteins The Printing Press as an Agent of Change lesen.

Nein, das ist nicht der „Hype”, den ich meine; es gibt genügend Hinweise und Befunde, um Zukunftsspekulationen dieser Art zu unterfüttern. Ich meine vielmehr den Hype darum, wie all diese neuen & verbesserten Kommunikationskanäle „uns selbst“ und unser Sozialleben verändern, wie wir uns innerhalb unserer sozialen Netze definieren, sogar wie wir denken — und genau an diesem Punkt beginnt der Woo, der vielerorts die Diskussionen dominiert.

Beginnen wir mit der “Does the Internet Make You Smarter?” vs. “Does the Internet Make You Dumber?”-Debatte, zwei sich gegenseitig ausschließende Argumente, wie es scheint. Aber in dieser Debatte kämpfen Äpfel gegen Birnen, was manchmal schwer zu erkennen ist, obwohl es so offensichtlich ist.

Das “smarter”-Argument läuft in der Regel darauf hinaus, daß uns diese neuen & verbesserten Kanäle “smarter” machen, indem sie „unsere Kultur bereichern“. Eine These, die sich eigentlich ohne weiteres nachvollziehen läßt mit Ausnahme von jenen, die sich noch an Adorno klammern. Das ist kein Woo, und wo sich echter Woo auf dieser Seite der Debatte findet, dazu komme ich in Kürze.

Das “dumber”-Argument dagegen entfaltet sich auf einem völlig anderen Level. Es blendet das entscheidende, wenn auch triviale Problem des „Filterversagens“ vollständig aus und argumentiert aus der “information overload”-Perspektive: daß all diese neuen & verbesserten Kanäle uns in der Tat “dumber” machen auf einem persönlichen, individuellen Level. Warum? Weil sie uns fortwährend unterbrechen und ablenken. Zu den sichtbarsten Vertretern gehören Nicholas Carr und Frank Schirrmacher. Ihr Argument baut auf einem kleinen Kern solider und unwiderlegbarer Beweise auf, daß 1) ständige Unterbrechungen und Ablenkungen die Entwicklung behindern und 2) die neuen Kanäle dazu neigen, uns ständig zu unterbrechen und abzulenken. Aber im Verlauf des Arguments werden diese Beweise unter einem Apparat fadenscheinigster Fußnoten begraben und mutieren in eine gewundene und als These völlig überzogene Inkarnation des Argumentum ad populum. Und wie populär es ist! Nichts ist einfacher, als den Finger auf verschiedene Behauptungen zu legen und entgeistert auszurufen, “Warte, genauso geht es mir immer! Ist das nicht verblüffend!,” überlistet und in die Irre geführt von denselben Mustern von „gesunder Menschenverstand“-Taschenspielertricks, wie sie in der Astrologie- oder in der Männer vom Mars/Frauen von der Venus-Abteilung angewendet werden.

Aber das “smarter”-Argument, um darauf zurückzukommen, hat einen dümmeren, „vulgären“ Cousin. Oder vielmehr zwei Cousins, einen „starken“ und einen „schwachen“. Mit dem starken gehen die üblichen Woomeister hausieren, mit dem schwachen bestimmte Sorten von Social Media-Consultants. Alles verändert sich. Wir verändern uns. Die neuen Kanäle verändern unser Sozialverhalten, wie wir uns innerhalb unserer sozialen Netze definieren, wie wir denken.

Gibt es eine gute, solide Beweislage für solche Behauptungen? Nein.

Stefana Broadbents Forschungsergebnisse deuten in eine ganz andere Richtung. Wiederum trivial, fast schon langweilig, aber tatsächlich sehr interessant. Wenn wir uns ansehen, wie Menschen diese Kanäle nutzen, mit wem sie kommunizieren und unter welchen Umständen, zeigen sich die wichtigsten Parameter nach wie vor unverändert: mit wievielen Menschen wir kommunizieren im allgemeinen, und für welche Kanäle wir uns entscheiden im speziellen.

Die Zahlen, die Broadbent anführt, sollten uns zu denken geben. Insbesondere deswegen, weil diese Zahlen über Kulturgrenzen hinweg stabil sind — daß z. B. 80% aller privaten Telephongespräche mit 4–5 Menschen aus dem innersten konzentrischen Ring aus ihrem Diagramm geführt werden, oder daß unsere Kanalnutzung immer „monokanaliger“ wird, je weiter wir uns in Richtung des äußersten konzentrischen Rings bewegen, den “weak ties”. Welche Menschen wir auf welchen Kanälen ansprechen, ist dagegen kulturell unterschiedlich. Aber wenn Machtstrukturen und Hierarchien in die Betrachtung einbezogen werden, und wie der Status der kontaktierten Person sich zu dem eigenen verhält, wird es wieder zu einem kulturübergreifenden Phänomen. Erfordert der Kanal eine unmittelbare Antwort und volle Aufmerksamkeit wie das Telephon? Oder läßt der Kanal die Wahl, später zu einem passenderen Zeitpunkt zu antworten, wie SMS? Oder ist der Kanal sogar frei von der Obligation, überhaupt zu antworten, wie ein Tweet oder ein Facebook-Update? Wir treffen solche Entscheidung ohne Mühe, geleitet von unserem „intuitiven“, aber hochentwickelten Sinn für Status, Hierarchien und Machtstrukturen. Und all dies ist erschreckend stabil, über Kulturgrenzen und lange Zeiträume hinweg.

Werden diese neuen Kanäle also, natürlich gemeinsam mit vielen anderen Faktoren, unsere Kultur fundamental verändern, ästhetisch und ökonomisch? Auf jeden Fall. Werden sie fundamental die Art und Weise verändern, wie wir denken und handeln auf dem individuellen Level, besonders gesetzt den Fall, daß unsere Sozialsysteme mittel- oder langfristig dramatischen Veränderungen unterworfen werden? Unwahrscheinlich. So sehr es mich schmerzt, das sagen zu müssen, aber so, wie es zur Zeit aussieht, deutet unser Kommunikationsverhalten in diese Richtung: Singularity Can Wait.

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5 Kommentare

  1. Birger Hartung

    Sehr inspirierender Artikel. Vielleicht ändern die neuen Kanäle unser Kommunikationsverhalten, nur anders als wir denken. Heute dreht sich doch ein großer Teil der Kommunikation um die Erweiterung der menschlichen Existenz. Was ist, wenn die Versprechen nicht eingehalten werden? Entwickelt sich unsere Kommunikation zu dem der Saamen? Die Zukunft schweigt sich darüber aus.

  2. #Next10 Conference—Power Struggle and Choosing the Right Channel: Stefana Broadbent | between drafts

    [...] Die deutsche Version dieses Eintrags gibt es drüben beim Werbeblogger. [...]

  3. Die Ästhetische Gesellschaft — Session.Eight: Ein Wavetank VideoCast (I) | between drafts

    [...] in Netzwerken gleich hier auf between drafts (Englisch) und drüben beim Werbeblogger [...]

  4. Mein Netzwerk… « Herr Krueger's Weblog

    [...] Group – für seinen Podcast Folge 57 von Guerilla FM und an Stefana Broadbent für Ihren tollen Vortrag auf der NEXT10 die diesen Artikel angeregt haben sowie an Hans-Jürgen Becker für das Bild [...]

  5. In eigener Sache: Praxisworkshop: „Facebook & Co. in der Corporate Communication“ bei der Akademie des Deutschen Buchhandels | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    [...] (siehe dazu Stefana Broadbents Next10-Präsentation, mit Blogeintrag wiederum auf Englisch oder Deutsch). Auf der anderen Seite, wenn Netzneutralität fällt, Zensurwälle hochgezogen werden, [...]

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Eure Kommentare

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  • ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
  • Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
  • ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
  • ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
  • ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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