04.06.10
10:30 Uhr

Apples Strategie der kleinen H-Appchen

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Das Internet ist ein gigantisches (soziales) Netzgebilde, kaum zu überschauen, schier endlos und komplex in seiner Angebotsstruktur und seinen Anwendungsmöglichkeiten. Hinzu kommt der gestalterische Variantenreichtum von Millionen von Websites, die sich nicht an starre Navigations- und Präsentationsmuster halten, sondern so vielfältig sind wie die kreativen Köpfe ihrer Macher. Mal ist das Navigationsmenu links, mal rechts, mal horizontal, mal vertikal, mal mit Pulldown-Menus, mal als losgelöste Flash-Animation. Der Browser bzw. der „Rahmen“ hat zwar ein stabiles Interface, Websites selbst müssen aber auf eine Art immer wieder neu „gelernt“ werden. Für die Avantgarde, die Neugierigen und Unbefangenen der Netzwelt liegt oft genau darin der Reiz. Herantasten, Ausprobieren, Eintauchen, Austauschen. Da capo! Der Nutzen ergibt sich ggf. erst später. Das Web ist wie eine fortlaufende Expedition bei der eher die Reise als das eigentliche Ziel im Mittelpunkt steht.

Nicht jeder Mensch ist so gepolt. Nicht jeder Mensch hat dazu die Zeit und den Willen, diese Expedition täglich erleben zu wollen. Sicher, 70% der Deutschen sind im Netz, aber was heißt das schon?! Die entscheidende Frage ist eher: Warum und zu welchem Zweck nutzen sie das Web?!

Sehen wir einmal von den Digital Natives ab, die mit allen neuen Technologien, Gadgets und „always online“ aufwachsen, gibt es eine nicht kleine Anzahl an Menschen, die das Web sehr zweck- und zielgebunden einsetzen. Da wird bei Amazon geshoppt, eine Online-Überweisung bei Hausbank getätigt, das Wetter gecheckt, die Lieblings-Nachrichtenseite gelesen. Es werden ggf. E-Mails abgerufen und beantwortet, Börsenkurse gesichtet, vielleicht wird auch noch die nächste Urlaubsreise geplant und nach Flugpreisen oder Pauschalangeboten geforscht. Und es wird natürlich gesucht, vornehmlich bei Google und hauptsächlich zählen die ersten 10 Treffer der SERPS (Search Engine Result Pages).
Hinzu kommt, je nach Interessenlage, die (Offline-) Verwaltung des eigenen digitalen Musik-, Bild- oder auch Videofundus. Manche nutzen sogar Skype als kostenlose Internettelefonie. Twitter, Facebook, RSS, Blogs? Keine Spur. Flickr, Flattr, Digg? Böhmische Dörfer.

Das weiß auch Steve Jobs. Und er presst diese Hauptanwendungen des potenziellen Massenmarktes in handhabbare Apps, kapselt sie als in sich funktionale Mini-Anwendungen und integriert sie in ein Benutzerinterface, welches einfach Spaß macht und intuitiv ist.

Wenn das Web ein gigantische Supermarkt ist, dann ist die App das kleine Spezialgeschäft, übersichtlich und sehr zweckgebunden. Die eingeschränkte Freiheit und das enge Funktionskorsett der App wird dabei oft als angenehm empfunden, weil es die Anwendung deutlich vereinfacht. Und genau aus diesem Grund ist das Konzept des iPads ein Erfolg, dem sich selbst die Avantgardisten nicht entziehen können. Apple macht aus der großen weiten Webwelt ein individuelles Buffet der kleinen Anwendungshäppchen, aus einem Überangebot an Zugangsmöglichkeiten und Optionen eine kleine, heile Welt, beherrschbar und schick.

Es würde mich nicht wundern, wenn diese schmucke Parallelwelt eines Tages ganz ohne Browser auskäme, dessen Inhalte als Einziges nicht von Apple kontrolliert werden können und bei iPad und Co. heute schon den einizigen Zugang in die „offene Welt“ darstellen.

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15 Kommentare

  1. Falk Ebert

    Wenn das Web ein gigantischer Supermarkt ist, dann ist die App Aldi.

  2. Thorsten

    Sollte der Fall eintreten, ganz ohne Browser auszukommen, ist es Zeit den Stecker zu ziehen. Lieber gestern als heute. Verkapselung ist brutalste Kontrolle. App gleich Korsett und das zwickt nach einer Zeit.

  3. Roland

    @Falk Naja, ich meinte das Bild des Supermarktes jetzt weniger kommerziell im Sinne von e-commerce etc. Der Supermarkt steht eher für das allumfassend Verfügbare, für riesen Angebotsvielfalt und Präsentationsfläche. Der Nachteil: Je größer die Fläche und das Angebot wird, desto mehr fehlt die Orientierung und Übersicht.
    werbeblogger.de/2008...
    In diesem eher „elitären“ Sinn kapselt Apple das vermeintliche Wichtigste für den Konsumenten heraus und macht eine App draus.

  4. Armin

    Also wenn ich immer wieder so sehe was fuer Leute alles Bloggen, auf Facebook zu finden sind, mit Skype telefonieren und noch viel mehr, dann habe ich so arge Zweifel an Deiner Analyse.

    Diese Leute sind alles andere als Digital Natives, aber sie haben Neugierde, sind aufgeschlossen und haben dann sehr viel Spass daran es zu nutzen.

    Von verschiedenen Leuten die ein iPad benutzen habe ich inzwischen gelesen dass sie nur recht wenige Apps benutzen, sondern vielmehr hauptsaechlich den Browser. Ganz einfacher Grund: Auf dem kleinen Bildschirm eines iPhone ist die App besser weil man Menus und anderes besser „verstecken“ kann und so den Bildschirm besser ausnutzen kann. Das ist aber auf dem grossen iPad Bildschirm nicht mehr notwendig, es ist eher sogar hinderlich.

    Das Ende des Browsers ist noch lange nicht gekommen, ich vermute sogar eher das Gegenteil. Solange naemlich die Apps ueber lauter verschiedene Plattformen verteilt sind (soll ja auch noch anderes geben als iApple, z.B. Android …) kostet es ein Vermoegen Apps fuer all diese Plattformen zu entwicklen und zu betreiben. Eine Website die auf allen Browsern die Standards unterstuetzen laeuft duerfte da einiges guenstiger sein. Mal davon abgesehen dass sie weitaus mehr Kunden erreichen kann.

  5. Marco

    Sorry, aber bei der Vorstellung dieser Vorstellung bekomme ich das Grausen. Vor allem vor dem Hintergrund der appleschen Zensur-Politik. Da fühle ich mich plötzlich so fremdbestimmt.
    Ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten, um der Kirche aus Cupertino beizutreten. Gelle. ;)

  6. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Armin Ja, die Menschen kenne ich natürlich auch und Neugier generell will ich auch nicht nur der Avantgarde unterstellen.

    Und deine Beobachtung, dass das iPad den Sinn vieler Apps (siehe auch die Verlags-Apps) in Frage stellt, weil die Website oft viel funktionaler ist, sehe ich ebenso.
    Aber das muss ja noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, speziell wenn die Zahl der auf das iPad angepassten Apps zunimmt und den bequemeren Nutzern damit wieder etwas „abnimmt“ ;-)

  7. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Noch was: Ganz interessant, was dort diskutiert wurde…
    isarrunde.de/isarrun...

  8. Daniel (Werbeagentur Berlin)

    Ich schließe mich Armin an. Der Mensch ist ein Kind welches gerne spielt, welche Techniken Bestand haben werden und weitere genutzt werden entscheidet sich zumeist erst nach 10 Jahren – und wenn ich mir da das Alter der meisten Web-Companies ansehe ist da bei beinahe allen das letzt Wort noch nicht gesprochen.

    Aber zu Apple: So spannend ich (natürlich auch aus Sicht einer Werbeagentur) die Möglichkeit finde welche Apples mobiles Internet bietet (gezielte Auslieferung von Information & Werbung, Integration von Werbekampagnen, mobiles Viral Marketing, Flash Aktionen etc.) – die Tendenz dass hier so nach und nach ein geschlossenes Web geschaffen wird finde ich beängstigend. Apple täte gut daran die Philosophie zu überdenken und die eigenen Plattformen auch für alle Drittanbieter (wie z.B. Adobes Flash) zu öffnen.

    Daniel / Werbeagentur Berlin

  9. Steve

    Man muss schon sagen, das Web ist gigantisch, die Vielfalt ist echt groß, dennoch wird es irgendwann so Ausmaßen annehmen, dass man es nicht mehr kontrollieren kann.

  10. grom

    Zum ersten Teil wollte ich noch folgendes sagen: Eigentlich sollte es bei Webseiten zwei „Frontends“ geben:

    1. Für Menschen. Dieses kann so gestaltet sein, wie die Designer sich das wünschen.
    2. Für Maschinen. Dieses ist speziel für Spider gedacht und entspricht normierten Vorgaben. Im Moment hat man dafür die Möglichkeit das aus dem html-code rauszulesen oder wenn es eine api gibt, damit anzusprechen. Aber alles apis sind unterschiedlich aufgebaut. Ein wenig mehr Normierung würde echt nicht schaden.

  11. Icke

    Ist der Beitrag jetzt pro oder contra Apple ausgelegt? Daß Apple uns vorgibt, was wir gut finden und verstehen können, kann ja kein halbwegs gesunder Geist befürworten ;).
    Daher setze ich – auch wenn es da sicher Makel gibt – mobil auf Android und seinen Market als auf Apple und seine Appstore Kontroll-Kosmos (von der Hardware-Verarsche mal ganz abgesehen).

  12. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Icke: „Ist der Beitrag jetzt pro oder contra Apple ausgelegt?“ Die einen sagen so, die anderen so ;-). Jedenfalls kenne ich eine Reihe von Menschen, die „bequem“ wollen und dafür auf „Freiheit“ verzichten…
    Für mich persönlich ist es wirklich ein ambivalentes Gefühl: einerseits kann auch ich mich der Faszination des iPad nicht entziehen, andererseits sehe ich bestimmte Tendenzen, dass Apple den Konsumenten igendwann selbst als App versteht und ihn zugunsten von Usability und konsistentem Design kapseln will.

  13. Icke

    Das Gerät liegt schon gut in der Hand und macht was her, aber wegen ein bißchen Technik-Schnickschnack die Vernunft runterzufahren halte ich für kritisch ;D. Alles schön und gut, was Apple (und Google und alle bösen Megamächte) da anbietet (anbieten), aber hinterfragen und zeigen, daß man immer noch derjenige ist, ohne den der Rubel auf Unternehmensseite nicht rollen würde halte ich für ne gute Idee. Wir haben ja gestern auch ganz gut gelebt, ohne unser Leben „verappt“ zu haben.

  14. epospecht

    Man muss sich vor Augen halten warum Apps so ein großer Erfolg wurden:

    – Sie sind an die Displaygröße sowie das Touch Interface angepasst
    – Sie sind (größtenteils) Offline bedienbar
    – Sie haben den Look einer ausgewachsenen Anwendung
    – Sie erweitern die Funktionen des Phones
    – Sie könne auf alle (beim iphone nicht wirklich) gerätespezifischen Features zugreifen (Beschleunigungssensor etc.)
    – Apps bieten ein einfaches Payment-System

    Das war damals. Heute sieht es folgendermaßen aus

    – Websites können spezielle Layouts für unterschiedliche Geräte ausgeben (gut, wird kaum benutzt und ging damals auch schon. Wird aber an Bedeutung gewinnen)
    – Offline Funktionalität wird durch Datenflats zunehmend unwichtiger. Zudem können durch Google-Technologien Websites immer besser offline benutzt werden.
    – Der Look wird mittels Ajax, Gpu-Beschleunigung, Fullscreen-Modus etc. immer mehr in Richtung professionelle Anwendung gehen. Durch immer stärkere Hardware stimmt zusehends auch die Performance
    – Siehe Punkt 2
    – Google hat schon den Zugriff auf die Kamera via Browser demonstriert. Man kann davon ausgehen dass zukünftig alle Funktionen direkt im Browser benutzbar sein werden
    – Es gibt zwar Payment-Systeme (Google Chekout, Paypal) die in ihrer Präsenz und Einfachheit aber noch lange nicht mit den App-Systemen konkurrieren können. Hier besteht noch Verbesserungsbedarf.

    Insgesamt sehe ich Apps als notwendigen Zwischenschritt für mobile Anwendungen. Auf längere Sicht wird der Browser aber DAS universelle Tool auf allen Geräten. Auch wenn das Apple nicht schmecken wird.

  15. Internet-Convenience. Der bequeme Knopfdruck auf Kosten der Freiheit | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Internet-Convenience. Der bequeme Knopfdruck auf Kosten der Freiheit

    […] beobachten Anderson und Wolff exakt das, was auch ich in verschiedenen Artikeln im Werbeblogger feststelle: As much as we love the open, unfettered Web, […]

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