11:44 Uhr
Die fünfte Wand: Straße in Straße, Welt in Welt
Street Art als Welt in der Welt, zu der ich auch hin und wieder tweete, fasziniert mich auf ähnliche Weise wie Ubik oder Time Out of Joint von Philip K. Dick oder Filme wie Jacob’s Ladder von Adrian Lyne: Der existentielle Horror, wenn sich in der vertrauten Welt Fenster öffnen in eine zumeist bedrohliche fremde Welt. Zum einen sind solche Fenster oder Tore dabei gleichzeitig „Einstieg“ in den dramatischen Konflikt, indem Elemente der einen Welt die jeweils andere Welt aus dem Gleichgewicht geraten lassen. Zum anderen eröffnen solche Fenster oder Tore in der Regel parallel dazu den Zugang zu fremden Territorien jenseits der bewußten Teile der eigenen Persönlichkeit, die gewöhnlicherweise ebenfalls als bedrohlich empfunden werden. Zu den Genre-Klassikern gehören nicht zuletzt Lewis Carrolls Alice’s Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass, und eines meiner All-Time Favorite Games ist American McGee’s Alice, in dem die Wiederherstellung des Gleichgewichts der fremden Welt gleichbedeutend ist mit der Wiederherstellung der eigenen geistigen Gesundheit.
Auch Werbung kann prinzipiell verstanden werden als „Fenster“ zu einer alternativen Welt, die durch Produktversprechen und Markenimage sowohl ein praktisches als auch ein psychologisches Ungleichgewicht einführt in die aktuelle Kunden- und Konsumentenwelt. Wie in anderen Fiktionen auch treiben Inhalt und dramatische Struktur dabei gezielt in Richtung der Wiederherstellung des Gleichgewichts. Ein Gleichgewicht, das — hier in Form eines Happy Ends — wiederhergestellt werden kann durch den Kauf des Produkts. (Innerhalb dieses Beschreibungssystems ist das von Konkurrenzprodukten aufgebaute, weiterhin anhaltende Ungleichgewicht mitverantwortlich für die Post-Purchase-Dissonanz; ein Faktor, den ich generell bei der Konzeption von Produkt- und Markenstory zu berücksichtigen versuche.)
Die im oben eingebundenen Video vorgestellte Street-Art-Aktion für Activisions Racing Game blur verdreifacht dieses Fenster im Sinne jener losen Sammlung von Phänomenen, die ich gewöhnlich unter dem Begriff der „Fünften Wand“ zusammenfasse. Das Berliner Straßenbild stammt von Graco, Berlin:
Die Verdoppelung besteht darin, daß das Werbe-Fenster zur Produkt- und Imagewelt von blur als Simulation eines „echten“ Fensters in der Welt inszeniert wird. Die Verdreifachung besteht darin, daß das Motiv selbst wiederum das Öffnen eines solchen Fensters zu einer fremden Welt inszeniert: Die Rennwelt von blur dringt in die Lebenswelt der — über einen Zaun kiebitzenden — Charaktere einer Mario-Kart-artigen Spielwelt ein. Wir sehen durch ein Fenster in eine fremde Welt, in der jemand durch ein Fenster in eine fremde Welt blickt. Mit diesen (von uns beobachteten) Beobachtern sollen wir uns natürlich auch identifizieren, was das zu schaffende Ungleichgewicht intensiviert. Ich mag solche rekursiven Stimmigkeiten in der Konzeption.
Die Street Art für blur in London stammt vom Londoner Künstler Gavin Nolan, in Madrid vom Londoner Künstler Chu.
Zum Schluß noch ein bißchen Street Art in Form zweier Links zu den 3D-Welten von Kurt Wenner (u. a. mit Gears of War-Motiven) und von Julian Beever sowie dem Making Of zum “The Crevasse”-Motiv vom Festival of World Culture 2008 in Dun Laoghaire.
Festival of World Culture 2008—“The Crevasse” (Making-Of)
Enjoy!
Ein Kommentar
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 1. Juni 2010 um 19:02 Uhr
[...] Jay hat die Thematik der Street Style Art in einem sehr ausführlichen Post “Die fünfte Wand: Straße in Straße, Welt in Welt” auf seine Weise, sehr schön und interessant [...]