31.05.10
13:35 Uhr

Darf es noch etwas mehr sein? Zwischen Aufmerksamkeit und Spam.

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Ich bin also wieder einmal einkaufen beim lokalen „Supermarkt“ meines Vertrauens, der sich bewusst von den üblichen Discountern absetzt. Es gibt dort Einzeltheken für Käse, Frischfleisch, Wurst oder auch eine ansprechend präsentierte Salatbar mit Menschen dahinter, die einem bald schon vertraut sind, weil sie teilweise über Jahre ihren Arbeitsbereich pflegen und als Bedienung besetzen. Überall liegen kleine Appetizer zum Probieren aus, nicht aufdringlich in den Mund geschoben durch geschulte Promotionteams sondern dezent verteilt in der Nähe der jeweiligen Theken.

Ich probiere hier und da und komme gelegentlich auch mit anderen Kunden ins Gespräch während die Münder sich genüsslich auf und ab bewegen. „Kennen Sie schon den Schweizer Heidi, sehr lecker auch zum Frühstücksbrötchen…“ Ich suche den entsprechenden Probierteller, zunächst vergeblich. Schon reicht mir ein aufmerksamer Mitarbeiter von der anderen Seite der Theke ein kleines Stück Käse entgegen. Er hatte meinen kleinen Austausch mit der anderen Kundin bemerkt und prompt reagiert. Heidi schmeckte wunderbar.  Ich kaufe übrigens jetzt regelmäßig Heidi. Sehr zu empfehlen…

Als ich von meiner kleinen Einkaufstour zurückkomme, öffne ich wie immer den Briefkasten. Das Hamburger Abendblatt faltet sich unfreiwillig auf und ein halbes Duzend eingelegte „Schweinebauch-Prospekte“ fallen direkt in einen Papierkorb, der sich seit einiger Zeit im Eingang neben den Briefkästen unseres Mehrfamilienhauses befindet. An der Falz des Abendblattes schüttle ich noch ein wenig, weitere kleinformatigere Werbeeinlagen lösen sich und flattern in den Entsorgungsbehälter, der schon wieder fast voll ist. Ich war wohl nicht der erste heute…

Das teilentleerte Abendblatt und ein paar übliche Briefumschläge verbreite ich auf meinem Küchentisch. Behörden- und Rechnungsumschläge sind irgendwie immer bereits von außen als solche zu erkennen. Die Ausnahme bildet das Couvert von Kabel Deutschland. Da ich aber für die Kosten des digitalen Kabel-TVs eine Einzugsermächtigung vereinbart habe, wird auch dieses Schreiben wieder das beinhalten, womit ich nun schon regelmäßig über Jahre! torpediert werde, nämlich Werbung für die KD Providerdienste, inkl. Leporello und standardisiertem Anschreiben. Das geschätzt fünfzigste Exemplar landet dann wieder prompt im Müll. Vor gut einem Jahr hatte ich bereits Kabel Deutschland darauf hingewiesen, dass sie doch bitte ihre Tele-Marketing Aktivitäten in gleichem Kontext bei mir streichen sollen. „Don´t call me, I call you!“ Die Dame am anderen Ende der Strippe bestätigte mir damals auch, meinen Datensatz mit dem Vermerk zu versehen, mich aus dem postalischen Werbeverteiler herauszunehmen. Klappt allerdings offensichtlich bis heute nicht.

Kurze Zeit später klingelt ein Paketdienst. Er überbringt ein Päckchen, das verdammt nach einer neuen Viral-Aktion aussieht, die ich öfter erhalte und mittlerweile auch schon gegen den Wind erschnuppern kann. Das Paket beinhaltet dann tatsächlich neben Füllmaterial einen billigen Kleintierkäfig, dazu den Hinweis auf eine Youtube-Website und die Aufforderung, doch an der Suche nach einem Hamster namens „Derrick“ teilzunehmen. Warum? Steht da nicht. Nö, sorry, ich steh nicht so auf Hamster…

Ich mach mir also erst einmal ein Käsebrötchen, genieße „Heidi“ und denke über das viele Marketing-Geld nach, welches oft genug einfach so sinnlos verbrannt wird.

6 Kommentare

  1. Christian

    Sehr schön geschrieben und wohl realität bei etwas anspruchsvolleren Leuten.
    Aber Marketinggeld ist immer gut ausgegeben, auch die “Schweinebauch-Prospekte” bringen Kunden und haben ihre Liebhaber. Welcher Markt voller ist und mehr Geld abwirft ist auch relevant.

    Aber sehr schön geschrieben.

  2. Nicole Haase

    Das Rausschütteln der Anzeigenfolder kann ich mir bei meinem neuen Briefträger nicht mehr erlauben. Der steckt nämlich einfach auch meine wichtige Korrespondenz in die gefaltete Zeitung, so dass ich die Werbung durchblättern MUSS.
    Andererseits will ich das aktuell auch gern, denn jedes Baumarktangebot interessiert mich zur Zeit brennend. Mal schauen, wie ich das empfinde, wenn die Gestaltung des Neubaus abgeschlossen ist ;)

  3. Raoul

    Habe deine Schilderungen mit Freude gelesen. Ja, so geht es mir auch. Gut, die eine oder andere Beilage lass ich noch gefallen, jedoch keine Mailings oder gar Anrufe. Dein Beispiel an der Käsetheke ist doch exemplarisch für Real-Life Kommunikation. Dir schmeckt Heidi und schreibst sogar hier darüber. Was für eine Werbung ;-) Werde jetzt auch mal nach Heidi an der Käsetheke Ausschau halten.

  4. Alex

    Ich finde diesen riesigen Edeka neben Toys (in Eidelstedt) – grandios… so sollten alle Lebensmittelläden aussehen… am Samstag stehen da bis zu 14 Personen hinter der Wurst und Käsetheke.. Man kann Weine probieren und hat eine riesige Auswahl – klasse Laden…

  5. BrothelPianist

    @ christian hat natürlich total recht (obwohl auch ich den artikel als sehr schön geschrieben „empfinde“ – so drücken sich doch glaub‘ ich „anspruchsvollere“ leute aus;). wie war der alte spruch doch gleich? sinngemäß: 50% meines werbudgets ist rausgeschmissenes geld, wenn ich nur wüsste welche 50%… (jajaja, gilt natürlich nicht für online).
    wünschte mir auch so nen supermarkt in der berliner servicewüste – umgekehrt, bin oft ganz froh, TOTAL unbeästigt von aufmerksamkeiten einkaufen zu können – großstadtneurotiker…

  6. Falk Ebert

    Ich mag Käse. Und ich mag den Artikel. Vielen Dank.

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