18.05.10
13:06 Uhr

Du bist, was Du trägst: Blogwerbung

Natürlich sind wir nicht immer was wir tragen, denn es gibt „markierte“ und „unmarkierte“ Kleidung. Niemand schert sich darum, ob ich an einem Sommertag am Rhein ein grünes oder blaues T-Shirt trage. Aber wenn ich in diesem T-Shirt dann am Abend in die Oper gehe, egal ob grün oder blau, sieht das schon anders aus. Im Berufsleben und abends im Club achten wir überwiegend auch darauf, mit unserer Kleidung den Eindruck zu vermitteln, den wir von uns vermitteln wollen. Zu diesem Spiel gehören natürlich und ganz besonders auch die Marken. Selbst wenn wir die heftigsten Marken-Exzesse aus den 80ern hinter uns gelassen haben (American Psycho von Bret Easton Ellis vermittelt von diesem und anderen Exzessen einen lebhaften Eindruck), sind wir doch zumeist wandelnde Markendisplays, oft ganz bewußt. Und wenn wir vor eine Kamera oder ein anderes Medium treten, achten wir schon darauf, ob und welche Markenlogos unsere Kleidung zieren.

Wie kommt es also, daß so viele Menschen aus der Blogsophäre ihre Blogs mit Anzeigen- und Markenmüll vollstopfen, den wir bei Licht betrachtet weder unseren Großeltern noch unseren Kindern zumuten wollten, und bei deren monumentaler Unverdaulichkeit sich oft sogar die Katze übergibt? Auch wenn ich eine völlig andere Meinung zu dem von Nicole Jones gewählten Positiv-Beispiel auf Off-the-Hoof habe, unterschreibe ich uneingeschränkt die Gesamtaussage:

Anzeigen sind Inhalt. Ads are Content.

Auf einem Blog ebenso wie auf anderen Websites. In den Massenmedien war es einst ganz natürlich, daß Werbung, die sich mit dem Markenimage eines Senders oder einer Zeitung nicht vertrug, auch nicht geschaltet wurde. Bei Magazinen waren die Anzeigen oft ganz bewußt ein Teil der Marke. Im Medium Fernsehen scheint diese Tradition heutzutage am wenigsten sichtbar zu sein, aber es gibt noch ein kleines Häuflein Sender, die nicht jeden angebotenen Dreck schalten, und in der großen Herde der Trash-Sender haben alle exakt die Werbung, die zu ihnen paßt (und von denen sie offenbar meinen, daß ihre Zuschauer sie verdienen). Umgekehrt galt dies auch für die Advertiser selbst, die ebenfalls auf die Verträglichkeit des Mediums mit dem Markenimage achteten. Und das gilt mit Einschränkungen auch heute noch, wenn zum Beispiel AT&T, Holiday Inn, Walmart und viele andere ihre Anzeigen aus Fox News’ Psychopathenstadl abziehen.

Wie kommt es also, daß Blogs sich mit den abartigsten Anzeigen, Bannern und Flash-Hau-den-Affen-Abscheulichkeiten zumüllen und es umgekehrt den Advertisern auch oft völlig egal ist, in welchem Kontext ihre Marke landet — Hauptsache, die Klickrate stimmt?

Auf dem Werbeblogger gehen wir traditionell sparsam mit Anzeigen um und streben generell nicht nur nach Imagekompatibilität, sondern auch nach tatsächlichem Mehrwert für unsere Leserschaft. Um Nicole Jones zu zitieren:

Advertisements and promotions contribute to the experience you provide. Like any other content on your site, ads should be useful, relevant, and current. [...] Your site should help tell your story; any content you publish should speak to your reader and the relationship you want to build with them.

Das sollte die Kernfrage jeder Werbeschaltung sein: Paßt die Anzeige zu mir und meinem Publikum, paßt sie zu meinen Inhalten und fördert sie das Verhältnis, das ich zu meinen Lesern und Leserinnen aufbauen oder aufrechterhalten möchte?

Denjenigen, denen das nach „Luxus“ klingt, kann ich nur sagen: Auch die besten Klickraten gehen früher oder später in den Sturzflug über, wenn der Anzeigenmüll die Marke und das Image ruiniert. Und es spricht ja auch nichts dagegen, ein wirklich lukratives Angebot, das sich nicht abschlagen läßt, auch mal anzunehmen. Aber es sollte, im ureigensten Interesse, die Ausnahme sein.

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15 Kommentare

  1. Albert Warnecke

    >Und es spricht ja auch nichts dagegen, ein wirklich lukratives Angebot, das sich nicht abschlagen läßt, auch mal anzunehmen. Aber es sollte, im ureigensten Interesse, die Ausnahme sein.

    Doch, es spricht alles dagegen! Man kann seine Jungfräulichkeit nur einmal hergeben. Und wenn man es einmal gemacht hat, sitzt man auf der Rutsche nach unten.
    Denn: Einmal ist keinmal, und zweimal ist einmal, ist…
    Auch ein wiklich lukratives Angebot wird die 1000 € nicht übersteigen. Und für 1000 € seine gute Reputation besudeln?
    Das geht nie und nimmer auf.
    The Deck – decknetwork.net/ macht es richtig:

    “We won’t take an ad unless we have paid for and/or used the product or service.”

    Albert

  2. erz

    Sind denn die meisten Beispiele der Art, dass auf Anfrage Werbefläche vermietet wird und dabei einfach jeder genommen wird, oder ist es nicht vielleicht der Automatismus der kontextsensitiven Werbung, der verantwortlich ist für unpassende Einblendungen?

    Im letzteren Fall, wo die Faulheit (oder auch das unverschuldete Unvermögen mangels williger Werbepartner) für solcherlei Anzeigenmüll verantwortlich ist, bin ich angesichts der offensichtlichen Schwächen der Algorithmen von großem Verbesserungspotential semantisch intelligenterer Heuristiken überzeugt. Vor allem, wenn solche automatischen, kontextsensitiven Werbeeinblendungen mit einem personalisierbaren Filtersystem verbunden werden. Also Einstellungen, an denen jeder Anbieter von Werbeflächen schrauben kann, bis die Werbeinhalte den Inhalten der Seite besser gerecht werden.

    Barsalou-Frames to the rescue!

  3. J. Martin

    @erz Absolut!!

    So lange diese Heuristiken noch vor sich hinschwächeln wie zur Zeit, sollten kontextsensitive Anzeigen wirklich nur gestalterisch dezent (z. B. Google Ads) und unaufdringlich plaziert geschaltet werden.

    Barsalou-Frames, genial :-)

  4. erz

    Falls dir der Ansatz gefällt – ich kann mir gut vorstellen, da nach solider theoretischer Vorarbeit irgendwann ein Startup draus zu machen ;-) Irgendwofür muss diese Wissenschaft ja gut sein, von der man immer so viel hört. Obwohl da ja weniger Geld für ausgegeben werden soll, wenn es nach manchen Landesfürsten geht…

  5. Raoul

    Die eigentliche Frage ist doch: Welcher Blog erreicht denn überhaupt eine Werberelevante Größe, dass sich Bannerschaltung auch monetär auszahlt und zumindest einen Teil der Kosten trägt? Ich gehe mal davon aus, dass dies die wenigsten Blogs von sich behaupten können und diese werden dann ohnehin auf Bannermüllhalden verzichten, da sie sonst nicht diesen Zulauf hätten. Alle anderen handeln wider besseren Wissens oder aber aus Unwissenheit und könnten auch komplett auf Werbung verzichten. Das wäre den Blogs zuträglicher als die geringen Einnahmen.

  6. J. Martin

    @erz Der Frame-Ansatz gefällt mir, aber bei allen Modellen zur Repräsentation von Wissen führt die solide Vorabeit letztendlich doch nie an den Punkt, an dem ein Modell sich mit dem erwarteten Ergebnis tatsächlich in der Praxis konstruieren ließe. Ein bißchen wie mit AI, und die Probleme sind verwandt. Rekursivität und Lernfähigkeit reichen irgendwie nicht, und meine Vermutung ist, daß an beiden Enden etwas fehlt, was wir noch nicht kennen — nicht nur beim Nachbauen, sondern bereits bei der Beschreibung der Repräsentation von Wissen.

    @Raoul Ja, das wundert mich auch immer: große Blogs mit Werbemüll, die das eigentlich nicht nötig haben, und kleine Blogs mit Werbemüll, die davon gar nicht ausreichend profitieren können.

  7. Patricia

    Ich wunder mich, wenn ich Werbeanfragen für mein Modeblog bekomme. Teils genügt den Marken, dass sie nach Eingabe des Suchwortes “kurze Hose” bei mir auf der Seite landen, um ihre Anzeige zu Bauarbeiterkleidung bei mir unterzubringen zu wollen.

  8. ralf schwartz

    Also ich mag diese gespielte Naivität von Patricia :)

  9. Armin

    Ich habe eher das Gefuehl dass viele einfach nicht nachdenken wenn sie sich z.B. die Google Ads einbauen. Vielleicht ist da auch einfach ein bisschen unbewusste Gier dabei.

    Zumindest bei den Google Ads kann man ja waehlen ob man nur reine Text ads oder auch die bunten Bilder- und Video- Ads geliefert bekommt (oder sogar nur die bunten Ads, weiss nicht ob das geht?). Bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube die bunten Bilder und Videos zahlen besser.

    Als ich vor einiger Zeit den Code bei mir eingebaut habe, habe ich mich ganz bewusst fuer reine Textanzeigen entschieden, aus zwei Gruenden:
    1) Ich wollte (und will) nicht dass meine Besucher von zappelnden Bildern genervt werden. Die Text Ads sind da unaufdringlicher, wer die nicht sehen will kann sie relativ problemlos ignorieren (auch weil ich sie recht klar gekennzeichnet habe)
    2) Mein Thema ist relativ speziell (oder anders gesagt ich habe ein Nischenblog bzw die anderen Sites wo ich die Google Ads habe sind ueber Nischenthemen), die potentiellen Werbekunden sind eher kleine Firmen die sich nie eine bunte animierte Anzeige leisten koennten/wollten. Durch die Beschraenkung auf nur Text bekomme ich inzwischen meistens recht themennahe Anzeigen und sehr oft sogar perfekt passende Anzeigen von lokalen Firmen.
    Gross Geld verdienen tue ich damit nicht (will ich auch gar nicht), aber die Hostingkosten deckt es im grossen und ganzen ab. Und ein oder zwei Flaschen Whisky im Jahr sind vielleicht auch noch drin.

    Wie Ihr bin ich aber auch immer wieder ueberrascht was da teilweise fuer Anzeigen auf den Blogs von Leuten auftauchen die sich als “Social Media Experts” und aehnliches ausgeben, Beratungsleistungen anbieten und weiteres. Quick Fat Loss, Teeth whitening (mal sehen ob das durch den Spamfilter kommt ;-)) und all so ein Muell. Das wirft fuer mich nicht gerade ein gutes Licht auf deren Kompetenz und Erscheinungsbild…

  10. Nici

    Ich verstehe die Gleichung nicht:

    Ware von einer Marke, für die wir selber geld bezahlen müssen, muss zu uns passen = Anzeigen von einer Marke, die UNS bezahlt, muss zu uns passen.

    Ich komme aus dem Printbereich und sehe das schlicht folgendermaßen:

    Der Endkunde kauft unser Magazin wegen des redaktionellen Inhalts, NICHT wegen der Anzeigenkunden.

    Für mich ist ein Ad kein Content.

  11. Nici

    Im Umkehrschluß bedeutet das für mich auch – Wenn meine Lieblingsblogs vernünftigen Inhalt liefern – darf um den Text herum auch gern großflächig für Damenbinden geworben werden – stört mich nicht. Dafür bin ich dankbar, dass qualitativ hochwertige Inhalte kostenfrei abrufbar sind.

  12. Werbeunterbrechung | Medienbeckerei Blog

    [...] mal um über ein leidiges spannendes Thema zu sprechen – Blog Werbung. Inspiriert durch den Artikel vom Werbeblogger habe ich mich dazu entschieden mal etwas an meiner (doch recht großen) Werbefläche zu ändern und [...]

  13. Amadeus Wustlich

    Haloo,

    Sie haben es absolut auf den Punkt gebracht. Viele Webmaster scheinen zu vergessen, Ihren Besuchern echten Mehrwert zu bieten, und begnügen sich damit, diese mit scheinbar unterhaltsamer Werbung zu befriedigen. Banner zu schalten ist schließlich viel einfacher, als guten Content zu erstellen…

    Viele Grüße und weiter so,

    Amadeus Wustlich

  14. Thomas

    Dazu fällt mir nur folgende gern und womöglich zu Recht gebotene Antwort eines Entwicklers ein: “It depends”. Generell würde ich sagen, dass heutzutage die meisten statischen Werbeanzeigen- und Banner, die um einen Artikel platziert wurden, gekonnt von den Lesern ausgeblendet werden. Sobald jedoch viel klicki-bunti-Animation oder ein POP UP Layer die Seite “schmückt” leidet die Authentizität des Blogs darunter. Studien haben herausgefunden, dass der Besucher die Störung durch einen Banner nicht etwa auf das umworbene Produkt, sondern auf den Anbieter der Webseite projiziert. In puncto „it depends“ ist folgender Blogartikel ganz interessant: blog.rebellen.info/2...
    Gruß
    Thomas

  15. J. Martin

    @Thomas: thx für den Link, weitgehend d’accord.

    Als Ergänzung: in Ländern wie Deutschland, in denen “free speech” weder starke Tradition hat noch hohen Stellenwert genießt, gibt es auch für vielgelesene Blogs gute Gründe, vollständig auf Werbung zu verzichten. Mein persönliches Blog zum Beispiel halte ich strikt werbefrei, weil dies das Risiko von Abmahnungen bzw. deren Durchsetzung deutlich vermindert — von gefühlten „Markenverletzungen“ bis zu gefühlten „Beleidigungen“ bei kritischen oder satirischen Einträgen. Auch die (in der Rechtspraxis aber ohnehin komplett bedeutungsfreie) Gebührendeckelung von Abmahnungen auf 100 Euro gilt z. B. nur für „Rechtsverstöße außerhalb des geschäftlichen Verkehrs“, und Gerichte stufen ein Blog bekanntermaßen auch schon dann grundsätzlich als „kommerziell“ ein, wenn es als Amazon- oder AdSense-Partner ein paar Groschen für Server- oder Domainkosten wieder hereinholen will.

    Und die Abmahn-Goldgruben um lächerliche Spam- und Datenschutz-Klamauke im Umfeld von Kommentar-Benachrichtigungen oder das Setzen von “Like”- und “Share”-Buttons zu Sozialen Netzwerken haben wir dabei noch nicht einmal berührt …

    Im Rahmen der aktuellen deutschen (Un-)Rechtssprechung ist das Schalten von Werbung in Blogs ein bißchen so, als würde man sich vor dem Eintauchen ins Haifischbecken noch mit einer Blutkonserve einreiben :-)

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Eure Kommentare

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
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