10.05.10
13:58 Uhr

Facebook, Jeff Jarvis und die Erbsünde in der Share Economy

{lang: 'de'}

Jeff Jarvis, Blogger, Journalist und College Professor, ist nicht gerade bekannt dafür, Bedenkenträger und Kritiker der neuen sozialen Netzwelt und aktiver Datenschutz-Verfechter digitaler Öffentlichkeiten zu sein. Vielmehr wird er gerne und oft als “Speaker” eingeladen der die Chancen und Möglichkeiten des Social Web pointiert hervorhebt.
Erst kürzlich machte er seine Prostata-Erkrankung öffentlich und unterstrich in der Nachbetrachtung die positiven Effekte, die die Publikmachung seiner persönlichen und eigentlich sehr “intimen” Angelegenheiten für ihn auslöste.

In Begleitung von Nudisten ist niemand mehr nackt (“In the company of nudists, no one is naked“), formulierte er als Erkenntnis seiner persönlichen “Entblößungserfahrungen” und thematisiert gerade die Deutschen, die eine “spezielle” Beziehung zu ihrer Privatsphäre pflegten, was sich in diversen aktuellen Datenschutzdebatten zeige.

As a group, Germans are more private than anyone I know. My German grandfather-in-law used to lecture me: “People do not need to know that.” Germans complain about Google Streetview taking pictures of them … in public. They’re going after Facebook on privacy. They say that Google Analytics violates privacy. They even enable convicted killers to expunge their names from Wikipedia out of privacy. And now they’re up in arms about airport body scanners.

Digitale Zeiten ändern sich allerdings schnell und offensichtlich auch Jarvis´Haltung im Kontext der jetzt in den USA intensiv geführten Datenschutz-Diskussion über Facebook, die “Like-Buttons” und die Überzeugung von Facebook-Chef Zuckerberg, dass das Zeitalter der Privatsphäre (wie wir es kannten) vorbei sei.

Jarvis führt in seinem aktuellen Artikel auf, dass einflussreiche Meinungsführer in den USA mittlerweile Facebook die Freundschaft bzw. Mitgliedschaft kündigen und diese Entscheidung auch weitreichend erläutern und verbreiten.

Three heavier heavyweights in our world it’s hard to find and when they lose trust—which is what happened—that’s a big deal, bigger than Facebook seems to realize.

Auch wenn sich in Deutschland ebenfalls wieder kritische Stimmen zu Facebooks aktueller Strategie mehren (und wir das Thema “Facebook”  im Werbeblogger auch immer einmal wieder auf die Agenda setzen), so stellt Jarvis doch (fast ein wenig überrascht) fest, dass nun die eigenen Landsleute an vorderster medialer Front kritisch agieren.

Das dauernörgelnde Deutschland mit seinem “paradoxen Verständnis von Privatsphäre” irritierte ihn noch; jetzt holen ihn seine eigenen Landsleute, digitalen Meinungsführer und Publisher mit einer Vielzahl von kritischen Artikeln zu Facebook ein. Die Zeit scheint nun offensichtlich für Jarvis gekommen, eine Relativierung des eigenen Credos zu veröffentlichen.

Seine aktuellen Einschätzungen über Privatsphäre und “Öffentlichkeiten” sind hochinteressant und mit dem letzten Artikel deutlich gereift. Die eher plakative und hinkende Metapher von “Nackten unter Nackten” weicht einer differenzierteren Analyse der verschiedenen Arten und Ausprägungen von “Öffentlichkeit” im digitalen Raum. Jarvis belegt damit, dass auch er “grenzüberschreitende Handlungen” bei Facebook erkennt, die mit seinem Verständnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit nicht mehr vereinbar sind.

Facebook and Mark Zuckerberg seem to assume that once something is public, it’s public. They confused sharing with publishing. They conflate the public sphere with the making of a public.

Jarvis unterscheidet zwischen der Öffentlichkeit im “offenen Web” und einer Sub-Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken. Ein Blogpost z.B. sei bestimmt für die gesamte (Welt-)Öffentlichkeit. Je mehr Leser, je mehr Aufmerksamkeit, desto besser. In Facebook aber existiere eine Art “private Öffentlichkeit”, entwickelt und kontrolliert durch den Facebook-Nutzer selbst.

But when I put something on Facebook my assumption had been that I was sharing it just with the public I created and control there. That public is private.

Zuckerberg sei dem Irrtum erlegen, dass auch diese “private” Öffentlichkeit vollständig für die “Weltöffentlichkeit” bestimmt sei und er daher frei damit umgehen könne und dürfe. Die ansteigende Kritik am System Facebook sei vor allem an diesen fehlgeleiteten Schlussfolgerungen festzumachen. Facebook unterscheide nicht mehr zwischen einer Öffentlichkeit und der Öffentlichkeit.

Making that public public is what disturbs people. It robs them of their sense of control—and their actual control—of what they were sharing and with whom (no matter how many preferences we can set). On top of that, collecting our actions elsewhere on the net—our browsing and our likes—and making that public, too, through Facebook, disturbed people even more.

Die Erkenntnisse von Jarvis berühren eigentlich erst nachrangig den Datenschutz und die Privatsphäre. Sie berühren einen zentralen Punkt im amerikanischen Wertesystem: Die Freiheit. Und wer diese Freiheit in Herrscher-Manier einschränken will, erfährt plötzlich nicht nur eine deutsche oder europäische sondern ganz besonders auch eine US-amerikanische Gegenöffentlichkeit. Offensichtlich hat wohl auch die von Jarvis hoch geschätzte “share economy” ihre Grenzen da, wo die Freiheit des Einzelnen eingeschränkt wird.

Zugleich ist mit dem “Sündenfall” von Zuckerberg ein Wirkungsprinzip der “share econmy” gefährdet, vielleicht ist es aber auch nur die wirtschaftsromatische Wunschvorstellung einer besseren Welt: “Je mehr ich gebe, desto mehr bekomme ich zurück.

Schlagworte (Tags): , , ,

4 Kommentare

  1. Nicole Haase

    Solange man “mehr” nicht zwangsläufig mit positiver Rückmeldung gleichsetzt, sollte das Prinzip weiterhin Bestand haben.

  2. Reinhardt

    Hallo,

    Jeff Jarvis versucht also, eine soziologische Debatte zu eröffnen. Verwunderlich nur, dass er dabei anscheinend die konstruktivistische Perspektive nur “teilbetont”. Öffentlichkeit, sociale Realität usw. sind per se Konstrukte. Die Debatte um eine “falsche” und “richtige” Öffentlichkeit also eine Scheindebatte. Die richtige Diskussion heißt meiner Meinung noch immer “Öffentlichkeit vs. Privatsphäre”.

  3. Armin

    Wo versucht er da eine Debatte zu eroeffnen? Die Debatte gibt’s doch schon lange, er steigt nur jetzt erst zu.

    Und nein, das ist keine Scheindebatte. Es geht sehr wohl um verschiedene Stufen der “Oeffentlichkeit”, dabei insbesondere wie Facebook im Nachhinein den “Vertrag” mit den Nutzern nach und nach veraendert. Den Nutzern wird die Kontrolle ueber das was sie bei Facebook eingeben und insbesondere wer dies einsehen kann nach und nach entzogen.

  4. Google ist keine Öffentlichkeit sondern Veröffentlichung. | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    [...] Gerade als Autor von “What would Google do?” wäre Jarvis gut beraten, in seinem Fachumfeld zu bleiben, denn dort kann er weiterhin nachvollziehbar ableiten, wie kommerzielle (Medien)-Unternehmen erfolgreich “Share Economy” zum eigenen wirtschaftlichen Nutzen einsetzen. Alternativ könnte er auch seine gereiften Erkenntnisse aus der Facebook-Debatte vertiefen und auf die eigenen Landsleute schauen, die das Thema “Privacy” vs “Public Sphere” auch ohne “German Angst” kritisch begleiten. [...]

Eure Kommentare

Feed
  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop