11:40 Uhr
E-Mail: Filterstrategien & Social Media-Integration
(Das Thema dieses Posts, den ich gestern vorbereitete, ist zufällig thematisch verwandt mit Ralfs Post von heute morgen.)
Als ich letzte Woche darüber schrieb, ob das Spamaufkommen eine geeignete Meßgröße für die Qualität von E-Mail-Konten sei, ging es mir vor allem um Disruptivität und die Frage nach den Filtern. Völlig unabhängig von Spam und Filtern ist E-Mail bekannterweise selbst längst zu einem ausgesprochen disruptiven Medium geworden, und speziell Lawrence Lessigs E-Mail-Bankrott ist ein gutes Beispiel nicht für Information Overload, sondern für Filter Failure.
Wie sollte ein E-Mail-Bankrott erklärt werden? Lessig in Wired:
1) Collect the email addresses of everyone you haven’t replied to. Paste them into the BCC field of a new message you’ll send to yourself.
2) Write a polite note explaining your predicament. Apologize profusely—Lessig managed five mea culpas in as many paragraphs-and promise to keep up with your email in the future. Try to sound credible.
3) Ask for a resend of anything particularly pressing, and offer to give such messages special attention.
Diese Anstandsregel ist Teil eines längeren Wired-Artikels mit dem Titel “How To: Be More Productive”, gefolgt von der Notiz “Editor’s note: Lessig replied to our email query for this story in 20 minutes.”
Drei technische Entwicklungen in letzter Zeit haben sich für mich als exzellente Filter in Sachen E-Mail erwiesen. Der erste Filter besteht darin, daß E-Mail mich überall erreicht und nicht mehr nur dann, wenn ich vor dem Computer sitze. Was mir zum Beispiel die Freiheit gibt, mich mit bestimmten Kategorien von E-Mails an Orten zu beschäftigen, an denen ich andernfalls gar nicht produktiv wäre. Der zweite Filter ist die allgemeine Tendenz zur Integration von E-Mail-Nachrichten in eine Sammel-Inbox; die Idee dahinter ist, daß mich nur die Nachricht interessiert und nicht, auf welchem Kanal sie zu mir gefunden hat. Der dritte Filter schließlich ist das Bündeln zusammengehöriger Nachrichten in „Konversationen“ wie z. B. Googlemail es für E-Mails und WebOS es für seinen integrierten SMS/Chat-Client vorbildlich umsetzt. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, daß nicht jede E-Mail oder jede SMS/Chat-Nachricht einen Slot in der Inbox belegt, sondern nur jede zusammenhängende Konversation, wird sich schon nach wenigen Tagen fragen, warum niemand früher auf diese simple und geniale Idee gekommen ist.
Ein weiterer Aspekt ist Social Media. Social Network-Nutzung hat E-Mail-Nutzung schon lange überholt, siehe diese Folie aus dem Morgan Stanley-Report “Internet Trends” vom 12. April 2010 (PDF Direktlink):
Diese Graphen sind aber nur die halbe Geschichte, denn alles spricht für eine zukünftige Integration von E-Mail und Social Media. Dies wurde bislang nur halbherzig verfolgt — zwar können z. B. E-Mails über den Facebook-Messenger versendet werden, aber es wird nicht die Message selbst an den E-Mail-Empfänger ausgeliefert, sondern nur eine Notifikation. Trotzdem ist abzusehen daß diese User/Usage-Werte für E-Mail und Social Media sich früher oder später nicht mehr so klar voneinander trennen lassen werden.
Und dann gibt seit Februar noch Gerüchte, daß Facebook sein Messenger-System durch ein vollwertiges E-Mail-System ersetzen will. Dies hätte nicht nur erhebliche Konsequenzen für E-Mail-Anbieter, sondern — abhängig von der tatsächlichen Integration — vielleicht auch für das Medium E-Mail selbst, wie wir es kennen. Und diese Entwicklung wird auch ganz neue und andere Filterstrategien von uns verlangen.
17 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 4. Mai 2010 um 11:52 Uhr
Ich dachte, zum Anmelden bei einem Social Network benötigt man eine Emailadresse?
Am 4. Mai 2010 um 11:57 Uhr
@Alphager Schon, aber traditionell erschöpfte sich der Gebrauch der E-Mail-Adresse mit der Anmeldung und der Zustellung von E-Mail-Notifikationen aus dem Netzwerk.
Am 4. Mai 2010 um 14:19 Uhr
Interessanter Ansatz und ein klasse Artikel. Wir haben letztens im kleinen Kreis darüber diskutiert wo der Unterschied zwischen Email und Social Media überhaupt liegt.
Letztendlich waren wir uns einig, dass Email ebenfalls Social Media war und ist. Nur haben sich eben heute die Geschwindigkeit und die Tools geändert. Dementsprechend gehöre ich auch zu denen, die Mail und Social Media im Zusammenspiel sehen. Dabei sind o.g. Technologien natürlich genau der richtige Weg.
Am 4. Mai 2010 um 14:22 Uhr
@Stefan „Letztendlich waren wir uns einig, dass Email ebenfalls Social Media war und ist.“ Exzellenter Punkt.
Am 4. Mai 2010 um 14:51 Uhr
@Stefan/Jay
Eben! Deshalb auch mein Post “MfG – Nach Diktat verreist”
werbeblogger.de/2010...
Irgendwie kapriziert sich jeder (Social Medianer) auf die Tools wie Twitter, FB, Blogs, etc. – aber keiner sieht das Naheliegende, die eMail (geschweige die reale Welt der zwischenmenschlichen Kommunikation jenseits des Netzes).
Am 4. Mai 2010 um 15:09 Uhr
Ich persönlich werde mich einer Zusammenlegung von Email und Social Media möglichst lange widersetzen, weil ich nicht will, dass meine Mails bei einem Fremdanbieter lagern. Die sollen über meine eigene Domain reinkommen und auf meinem eigenen Server liegen, nirgendwo sonst. Wieso wir jenen Diensten vertrauen sollten, die alle unsere Aktivitäten unter ihrem Dach bündeln wollen, habe ich noch nie verstanden.
Am 4. Mai 2010 um 15:14 Uhr
@ralf schwartz Genau! Aber wenn wir darüber hinaus auch die reale Welt in die Diskussion mit einbeziehen, wird der Social Media-Begriff doch ein bißchen diffus … ;-)
@Mark S Das stimmt, und in Unternehmenszusammenhängen ist es meines Wissens nach deutschem Recht auch gar nicht gestattet, Firmendaten — und dazu gehört natürlich die Firmenkommunikation — auf ausländischen Servern abzulegen. Das ist ein Faktor, der berücksichtigt werden sollte.
Am 4. Mai 2010 um 15:30 Uhr
Social Media ist nichts anderes als Kommunikation. Der Unterschied zwischen Mail und Tools wie Facebook und Twitter liegt halt in der Öffentlichkeit bzw. Präsenz.
Um Social Media in Unternehmen richtig einzusetzen brauchen wir dann wohl auch eher “Future Piloten” die uns sicher mit den richtigen Tools in die nächste Generation der Kommunikation führen.
Oha, so geschwollen wollte ich das gar nicht ausdrücken. :-)
Dennoch wird die klassische Mail für mich dabei immer noch eine große Rolle spielen, wir werden sie nur anders zu nutzen wissen.
@Mark S: Natürlich möchte ich meine Mails auf keinem anderen Server sehen. Ich sehe da auch eher eine direkte Kommunikation per Facebook Connect o.ä.
@ralf schwartz: Da sind wir uns einig. Social Media gab es schon immer, nur halt nicht online. Heute schicken wir unserem Kollegen von gegenüber lieber eine Mail, obwohl wir ihm direkt in die Augen sehen können.
Am 4. Mai 2010 um 15:47 Uhr
@Jay
“die reale Welt in die Diskussion mit einbeziehen, wird der Social Media-Begriff doch ein bißchen diffus … ;-)”
:) Ja, das ist schlecht vor allem für die, die verzweifelt versuchen, mit immer neuen Begriffen (für die alten Weine) Geld zu verdienen.
Für das, was wir heute Social Media nennen, brauchts auch nicht viel mehr als Gesunden Menschenverstand und ein wenig Courage.
Am 4. Mai 2010 um 16:46 Uhr
Also in dem Werbebloggerpodcast über Social Media wurde ich noch etwas belächelt, als ich bemerkte dass die E-Mail für mich ganz stark Social Media ist, aber egal ;-)
Die E-Mail wird nicht totzukriegen sein, genauso wenig wie ein Telefongespräch. Wir sehnen uns nach Simplizität und das bedingt wiederum eine Bündelung der Kanäle. Ich sehe den E-Mail-Account als großen Trichter. Jedenfalls versuche ich alle wichtigen Benachrichtigungen auch gleichzeitig per Mail zu bekommen. Facebook und Twitter und “derderdanachkommt” sind in Hypezeiten wunderbar, aber lange nicht so beständig und userzentriert wie die E-Mail. Die E-Mail ist sozusagen die langjährige Ehefrau – vielleicht nicht mehr besonders frisch und aufregend, aber dafür treu, zuverlässig und man kennt sich schon so gut und so lange.
BTW: Guter Artikel der dazu anregt über Filter und andere Simplifizierungsmechanismen nachzudenken. Das wird für mich die Zukunft sein. Geld macht derjenige, der den ganzen web 2.0 Produktionsmüll zu ordnen weiß.
Am 4. Mai 2010 um 18:30 Uhr
Simplicity ist ein gutes Stichwort – vor allem wenn am anderen Ende des Kontinuums Mirko Lange im talkabout-Creek versucht, Social Media zu dreiteilen …
(vielleicht aber auch nur, damit er sich wieder auf PR konzentrieren kann:)
“Jedenfalls versuche ich alle wichtigen Benachrichtigungen auch gleichzeitig per Mail zu bekommen.”
Und interessanterweise bieten ja alle Dienste diese Funktion an – sollte man mal drüber nachdenken (daran kann man sie nämlich am einfachsten erkennen, die Relevanz der eMail).
Am 5. Mai 2010 um 19:18 Uhr
@Patrick THX :-) Zur E-Mail — oder auch der Ehemann oder einer der Lebenspartner, gell? ;-)
Ich sehe das durchaus ähnlich, würde es aber anders beschreiben. Nicht, daß E-Mail „nicht mehr besonders frisch und aufregend“ ist, sondern, daß E-Mail als Medium so transparent geworden ist, daß es als „Technik“ bzw. Interface für die Kommunikation gar nicht mehr auf unserem Radar auftaucht. (Siehe dazu auch den hervorragenden Vortrag von Esposito.) Außer natürlich, wenn sie gerade mal nicht funktioniert — als Googlemails launisches Web-Interface zwischendurch nicht erreichbar war, schlug das enorme Wellen auf allen Kanälen.
@Ralf Nur wenige Dinge fürchte ich mehr, als den „gesunden Menschenverstand“ :-) Außerdem denke ich nicht, daß aus der Masse der Social Media-Scharlatane geschlossen werden kann, daß die neuen Medien bloß alter Wein in neuen Schläuchen sind. Nicht nur Menschen formen die Werkzeuge, sondern Werkzeuge formen die Menschen. Das gleiche, im größeren Rahmen, gilt für Produktionsmittel und Gesellschaft.
Am 5. Mai 2010 um 20:18 Uhr
@J. Ja klar, natürlich gilt das für beiderlei Geschlecht in beiderlei Konstellationen ;-)
Übrigens wurde mir kürzlich bewusst wie sehr E-Mail mittlerweile zum Echtzeitmedium geworden ist. Unser Team lief letzte Woche fast Amok, als die jeweiligen Mails nicht binnen Minuten ankamen, die man sich gegenseitig schickte. (oder man denke an die Bestätigungsmails bei Registrierungen, die nicht ankommen wollen) Auch ein klares Signal. Irgendwie.
Am 10. Mai 2010 um 17:16 Uhr
[...] zusammenlaufenden Über-Trends zu finden, alles miteinander zu vernetzen und alles zu integrieren. E-Mail wird bald ein Bestandteil von Facebook, Twitter-Streams nerven als Hauptbestandteil von Buzz. Jede [...]
Am 19. Mai 2010 um 10:50 Uhr
[...] sein kann. Eine sehr interessante Diskussion mit weiteren Informationen findet Ihr auch beim Werbeblogger, der befasst sich ebenfalls mit einem zukünftigen Zusammenspiel. Für den Marketer ist der Ansatz [...]
Am 7. Juni 2010 um 11:06 Uhr
[...] different level. It fails to take into account the important, but nevertheless mundane, problem of “filter failure” and argues instead from an “information overload” perspective: all these new & shiny [...]
Am 7. Juni 2010 um 21:14 Uhr
[...] auf einem völlig anderen Level. Es blendet das entscheidende, wenn auch triviale Problem des „Filterversagens“ vollständig aus und argumentiert aus der “information overload”-Perspektive: daß all [...]