03.05.10
12:30 Uhr

Damn Good Coffee! — Commercials vs. Product Placement

In den Kommentaren zur Frage des kuriosen (Nicht-)Marketings von David Lynchs “Signature Cup” Organic Coffee & Organic Espresso Whole Bean in meinem Damn Good Coffee!-Post mußmaßte Patrick, daß Lynch absichtlich keine Werbung mache, weil „guter Kaffee kein Massenprodukt sein kann/darf“ und verlinkte zu einem sehr interessanten Clip, in dem Lynch, der auch zahlreiche Werbeclips drehte, sich zum Thema Werbung äußert.


David Lynch on Product Placement (2008)

Was Lynch vehement ablehnt, ist nicht Werbung, sondern Product Placement:

I do sometimes commcercials to make money. But I always say, every time I learn something. Efficiency of saying something, and new technologies. But product placement in a film putrefies the environment. It’s so absurd, but it’s happening more and more. What kind of a world is this?

Lynchs ursprüngliche Bemerkung zum Thema Product Placement, von der im Clip die Rede ist, ist hier:


David Lynch on Product Placement (2007)

Aber ist Brand/Product-Placement wirklich so schrecklich, wie wir meinen?

Ich persönlich habe zu Product Placement eine pragmatischere Einstellung. Nicht nur Filme, sondern Fiktionen generell als „Welten“, die vollständig produkt- und markenfrei sind, sind grundsätzlich stilisierte Welten. Ich sehe da eine Skala: Am einen Ende der Skala finden sich hyperstilisierte Filmwelten wie die von David Lynch, in denen Brand/Product Placement in der Tat absurd wäre. Am anderen Ende der Skala finden sich Period Pieces, die ohne Brand/Product-Placement absurd wären. Und zwischen diesen Extremen gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, sich für oder gegen Brand/Product-Placement zu entscheiden.

Absurd finde ich darüber hinaus, wie „Schleichwerbung“ in der Fiktion vehement bekämpft wird, während der Kampf um die Trennung von journalistischen/redaktionellen Inhalten und PR nur noch für gelegentliche Alibi-Scharmützel taugt — vermutlich, weil niemand zugeben will, daß dieser Krieg längst verloren gegeben wurde und das eigentlich bereits obsolete System nur noch ums nackte Überleben kämpft. Und so richtig absurd finde ich es dann, wenn Design-Schmieden fiktive Marken und Produkte für TV-Serien entwerfen und realisieren, weil eine produkt- und markenlose Welt natürlich absurd wäre, aber echte Produkte und Marken nicht gezeigt werden dürfen.

Warum sollte Brand/Product-Placement keinen Mehrwert haben können?

Zwei Dinge finde ich in diesem Umfeld wichtig. Das eine ist das hundertprozentige Disclosure darüber, welche von den in der Fiktion plazierten Marken und Produkte gesponsort wurden und welche nicht. Das zweite ist der Mehrwert von Brand/Product Placement. Mit „Mehrwert“ meine ich dabei nicht vermehrte Produktionsmittel, sondern den Mehrwert, den das Brand/Product Placement für die Fiktion selbst und für ihre Rezipienten hat.

Wenn die Frage nach dem Mehrwert schlüssig beantwortet werden kann, wenn es absolut klar ist, ob und wo Geld wofür geflossen ist, und wenn die Fiktion auf der genannten Skala in einem Bereich angesiedelt ist, der dies überhaut sinnvoll erscheinen läßt, dann sehe ich absolut keinen Grund gegen Brand/Product-Placement in Fiktionen.

Werbung macht David Lynch für seinen Kaffee übrigens schon, und seit letztem Jahr gibt es den “David Lynch Signature Cup” auf Amazon.com zu kaufen (ich las auch von einem UK-Retailer, aber ich kann ihn nicht mehr wiederfinden). Hier ein Promo-Clip, aufgenommen bei Book Soap in Los Angeles, die außer Büchern auch Lynchs Kaffee führen.


David Lynch Signature Cup

Enjoy!

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6 Kommentare

  1. Patrick Breitenbach

    Ich vermute mal Lynch findet es absurd, dass man sich als Marke/Produkt einkauft und dann bestimmt wie die Platzierung aussieht. Aus Sicht eines Regisseurs ist das natürlich extrem ätzend, weil er natürlich in seiner Gestaltungsfreiheit behindert wird. An und für sich sehe ich das ähnlich wie du. Product Placement ist noch eine der effektiveren Arten seine Marke in einen bestimmten Kontext zu stellen und auch entsprechend Begehrlichkeiten zu wecken. Problematisch ist jedoch das alte Anzeigenmodell, welches anscheinend für PP adaptiert wurde (man korrigiere mich wenn ich falsch liege). Also ich buche mir quasi einen Anzeigenplatz in einer Produktion. Das kann natürlich nicht optimal funktionieren.

    Also am Ende muss mal wieder Google ran?! ;-)

  2. J. Martin

    @Patrick :-) d’accord!

  3. Six

    David Lynch weiß wenigstens, wovon er spricht. In Blue Velvet kommen mehr Heineken-Flaschen als abgeschnittene Ohren oder Inhalatoren vor.

    youtube.com/watch?v=...

  4. Six

    und:

    youtube.com/watch?v=...

  5. J. Martin

    @Six *slap forehead* Unabhängig davon, wie das im Kontext zu beurteilen ist — daß ich daran nicht mehr gedacht habe, natürlich!!!

  6. Six

    Ich schätze, das überbordende Product Placement in Blue Velvet war einfach eine Trotzreaktion. Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr sich Lynch gegiftet hat, dass seine Figuren Heineken trinken müssen, ein Eingriff in die künstlerische Freiheit!

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Eure Kommentare

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  • ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
  • Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
  • ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
  • ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
  • ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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