29.04.10
17:36 Uhr

WirtschaftsWoche: Wen juckt das Image, wenn es dafür Abonnenten hagelt?

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Roland Tichy, der Chefredakteur der WirtschaftsWoche, hat mir geschrieben. Ich möchte ihm dafür auf diesem Wege danken und ihn fragen: Was soll das?

„Sehr geehrter Herr Schwartz,“ schreibt Roland Tichy, „mit großer Spannung erwartet Deutschland den Ausgang der Landtagswahl am 09. Mai in Nordrhein-Westfalen. Wird der amtierende CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sein Amt behalten oder nicht – was meinen Sie?“

Weil nicht nur Roland Tichy, sondern die ganze „Redaktion der WirtschaftsWoche“, meine Antwort darauf interessiert, lädt er mich ein und bittet „als Chefredakteur“ mich „heute ganz besonders herzlich, gleich den beiliegenden Fragebogen“ auszufüllen.

Und weil er ja weiß, daß niemand mehr etwas umsonst macht, bietet er mir direkt mal das „Hyundai Mini-Handy oder die Samsonite Geldbörse“ als „einmaliges Dankeschön“.

Nicht nur das, ich kann auch die WirtschaftsWoche „mit 35% Ersparnis für 10 Ausgaben“ beziehen. Kündigen muß ich aber dann dieses Mini-Abo doch noch, sonst läuft es zu einem höheren Preis weiter. Hm.

Der anliegende doppelseitige ‚Fragebogen‘ namens „Von Wirtschaftskrise bis Elektroauto – Ihre Meinung zählt“ besteht zu 5(!) Sechsteln aus Abonnenten-Werbung und zu 1 Sechstel aus dem eigentlichen Fragebogen, dem ‚Kern‘ des Anschreibens des Chefredakteurs der WirtschaftsWoche Roland Tichy.

Ich kann dann noch den Mini-Hubschrauber, das 3-teilige Kofferset in Braun, und natürlich den Black&Decker Stabschrauber – bei Online-Bestellung – abräumen. Etc.

Wie seriös möchte Roland Tichy die WiWo rüberbringen? Wie wichtig ist ihm das Image als seriöse Wirtschaftszeitschrift? In den Argumenten pro-Abo bezieht er sich schließlich immer wieder auf „Wissensvorsprung“, „umfassende Wirtschaftsinformation“, „investigativen Wirtschaftsjournalismus“, etc.

Was aber soll ich davon halten, wenn der Aufmacher im Brief-Betreff zwar lautet: „Exklusive Umfrage der WirtschaftsWoche -Ihre Meinung ist uns wichtig!“, ich jedoch totgeschmissen werde mit Abo-Gesuchen?

Was soll ich davon halten, wenn ich dann überlegen soll 01 – ob Rüttgers bleibt, 02 – die Wirtschaftskrise überstanden ist, 03 – ich meinen privaten Konsum aufgrund dessen einschränken werde, 04 – ich wohl eine Inflation von mehr als 2% für möglich halte, 05 – die Hartz-IV-Leistungen … aufgebessert werden sollen und ich mir 06 – ein Elektroauto kaufen werde, wenn die Akkuladung für 120km reicht?

Ist das Ihr Ernst, lieber Roland Tichy? Diese Fragen wollen die Kompetenz Ihres Magazines demonstrieren? Hm. Da bin ich eher froh, daß ich das Abo vor einiger Zeit gekündigt habe.

… Was mich zu einer weiteren Frage bringt: Wieso nutzt die WiWo noch meine persönlichen Daten, obwohl ich längst nicht mehr Abonnent bin? Sei es drum.

Viel spannender ist aber die Frage, was die WiWo wohl mit diesen Ergebnissen, dieser umfassenden Befragung machen wird.

Höchstwahrscheinlich entsteht daraus ein investigativer Artikel im Vorfeld der Wahl am 09. Mai, der zeigt, mit welchem „richtungweisenden Agendasetting“ und welcher „höchsten Glaubwürdigkeit“ die WiWo aufwarten kann.

Die WiWo wird ihre Leser binden, die Politik das Fürchten lehren, die Zukunft positiv beeinflussen, wenn sie sich bemüht, mit den kritisch gesetzten Tönen auf Basis des Fragebogens und der elaborierten Ja/Nein-Antworten den Ausgang der Wahl am 09. Mai zu einem positiven Ausgang für uns alle in NRW zu bringen.

Nun, sollte dies der Plan sein, wird die Realisierung sehr schwierig – denn zurücksenden muß man diese „Exklusive Umfrage der WirtschaftsWoche –
Ihre Meinung ist uns wichtig!“
erst „zum 19. Mai portofrei“! Also erst 10 Tage nach dem Ende der Wahl!

Nachtrag, 30. April:

Bei solch einer spannenden WirtschaftsWoche-Aktion kann natürlich der neue Chefredakteur des Handelsblattes, Gabor Steingart, nicht hintan stehen.

Hier also die (von mir verkürzten) Um-Fragen der WiWo-identischen HB-Aktion:

01 – Hatte schwarz-gelb einen guten Start?
02 – Wie stehen Sie zur Gesundheits-‚Kopfprämie‘?
03 – Ihre erste Bilanz zu Barack
Obama?
04 – Glauben Sie an einen baldigen Aufschwung?
05 – Überlebt die Währungsunion die Krise unbeschadet?
06 – Ihre Erwartungen an die Börse?

Wohlgemerkt, diese Fragen stellt das Handelsblatt seinen Lesern.
Was nutzen mir „die besten deutschsprachigen Wirtschaftsjournalisten“, wenn denen nur solch profane Fragen einfallen?

Will man überhaupt einen Titel lesen, der seine eigenen Leser auf Stammtisch-Niveau abqualifiziert, nur um ein Trojanisches Abo-Pferd durch den Briefkastenschlitz zu bekommen?

Bei „exklusiven Inhalten, Interviews, Kommentaren und Hintergrundinformationen“ erwarte ich ein wenig mehr, lieber Gabor Steingart.

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10 Kommentare

  1. JMK

    die Wiwo ist seit Jahren nicht mehr lesbar. Mein Abo habe ich auch vor Jahren gekündigt, zu tendenziös, schlecht recherchiert, teilweise miserabel geschrieben ist das Ganze geworden.

  2. ralf schwartz

    Ich hatte mich beim letzten Mal noch damit getröstet, daß man beim Abo-Preis von 168,50Euro genau 150Euro als Gutschrift bekam! Und für schlappe 18Euro50 konnte man die 50(!) Ausgaben mal 1 Jahr lesen.

    Mit welcher Begründung auch immer kostet 1 Jahr nun 198Euro und Cash gibt es yearround nur noch 150Euro.

  3. Mario

    So ein Abo nehme ich gar nicht an. Bei diesen Bedingungen schließe ich kein Abo ab.

  4. Mario

    ich bin zur Brandeins geschwenkt.

    Meinungen haben mich immer mehr interessiert als Kurse.

  5. Dennis

    BrandEins ist in der Tat ein Tipp, das gute Magazin habe ich schon 2-3 Jahren abonniert und ich freue mich jeden Monat auf die aktuelle Ausgabe, weil es eben kein klassisches Wirtschaftsmagazin ist und mitunter ganz abstruse, aber lesenswerte Einblicke und Sichtweisen herstellt. Im reinen Wirtschaftsbereich würde ich vermutlich auf Handesblatt / FinancialTimes setzen.

  6. JMK

    Brandeins ist durchaus eine Bereicherung der Printlandschaft, aber die Unternehmenslobhudeleien gehen mir zunehmend auch gegen den Strich.
    Wobei das aktuelle Heft bspw. ist wieder mal ausgezeichnet ist.

  7. Andre.k.

    Da kann man doch wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln.

  8. ralf schwartz

    Der liebe Herr Tichy kann es nicht lassen:

    „Sehr geehrter Herr Schwartz,
    heute wende ich mich als Chefredakteur der Wirtschafts-
    Woche per E-Mail an Sie und möchte Sie erneut herzlich einladen, an unserer exklusiven Umfrage „Von Wirtschaftskrise bis Elektroauto“ teilzunehmen. Denn Ihre Meinung interessiert meine Redaktion und wird selbstverständlich belohnt!

    Freuen Sie sich auf dieses einmalige Dankeschön – Sie erhalten
    – eine Prämie gratis: z. B. das HYUNDAI Mini-Handy
    oder die Samsonite Geldbörse,
    – die WirtschaftsWoche mit 35 % Ersparnis: 10 Ausgaben für nur 2,80 €/Woche,
    – einen entscheidenden Wissensvorsprung: Abonnenten lesen die WirtschaftsWoche schon am Samstag und damit 48 Stunden vor ihrem
    Erscheinen im Handel

    Die Teilnahme an der exklusiven Umfrage dauert nur wenige Minuten: ein kleiner Zeitaufwand, der sich für Sie lohnt.

    Ich freue mich auf Ihre Antwort!

    Mit besten Grüßen
    Ihr

    Roland Tichy
    Chefredakteur der WirtschaftsWoche“

    … und dann geht es eben zu obiger Umfrage, diesmal online.

    Ich habe aber ‚hier‘ geklickt: „Sollten Sie keine weiteren Informationen der Verlagsgruppe Handelsblatt wünschen, klicken Sie bitte hier.“

  9. ralf schwartz

    Nach dem Klick (siehe oben) landet man hier:

    „An dieser Stelle können Sie unseren Newsletter schnell und einfach abbestellen:

    Wir bedauern, dass Sie unseren Newsletterservice nicht mehr nutzen wollen. Um unseren Service für die anderen Interessenten weiter verbessern zu können, bitten wir Sie, uns einige Informationen über Ihre Gründe zu geben:
    – Technische Probleme, und zwar: …
    – Ich habe generell kein Interesse an Ihren Themen
    – Die bisher angebotenen Themen sind für mich nicht interessant
    – Mein Interessengebiet hat sich geändert
    – Die Benachrichtigungen kommen zu häufig
    – Ich informiere mich bei Bedarf über Ihre Homepage
    – Ich möchte nur auf dem Postweg Informationen erhalten“

    Da mir diese Gründe nicht reichten, habe ich im Feld

    „Andere Gründe: …“

    mal den Link zu diesem obigen Artikel hinterlassen…

  10. M

    Man muss seine Leser wirklich für beschränkt halten, um so etwas zu senden. Gleichzeitig schadet man der seriösen Umfrageforschung gleich mit. Ich habe denselben Brief schon bei zwei anderen Printprodukten erhalten – die übrigens beide damit werben, eine überdurchschnittlich gebildete Leserschaft zu haben. Es ist also nicht nur die WiWo.

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