26.04.10
11:16 Uhr

United Internet vs. Microsoft: Ist Spam-Menge eine geeignete Meßgröße für Mailkonten-Qualität?

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Vorletzte Woche machte die Nachricht die Runde über den Test des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie (SIT) zum Spamaufkommen bei kostenlosen Webmail-Konten. Der Test war mit finanzieller Unterstützung von Microsoft durchgeführt worden und sorgte, wie zu erwarten, für Verstimmung auf allen Seiten. In der linken Ringecke Microsoft, denen das Ergebnis nicht zusagte, weil Hotmail schlechter abschnitt als erwartet. In der rechten Ringecke United Internet (Web.de, GMX), die die Studie als Microsoft-Propaganda bezeichneten. Das Dokument zur Studie hier als PDF. Was lehrt uns das?

Unmittelbar natürlich, daß es immer eine schlechte Idee ist, sich auf die Durchführung von interessenfinanzierten Studien einzulassen. Wo das Geld herkommt und wo es hinfließt ist immer eine Meßgröße bei der Beurteilung der Ergebnisse. Aber es lehrt auch noch etwas anderes, wenn auch mittelbar zwischen den Zeilen:

Spam-Menge ist nicht wirklich eine gute Meßgröße für guten Service.

Denn Spam ist nicht gleich Spam. Bei der engen Definition – an der United Internet stark interessiert ist aus Gründen, die gleich offensichtlich werden – ist die Spam-Parade nicht viel mehr als ein Streit um des Kaisers Bart. Im Testzeitraum bekam ein Testkonto bei Yahoo 8 Spam-Mails, bei Hotmail 10, Google 18, Web.de 21, GMX 36. Der Unterschied zwischen Spitze und Tal scheint zunächst hoch, ist aber aus mehreren Gründen nicht signifikant. Dazu ein Beispielabsatz aus dem oben verlinkten PDF des SIT:

Allgemein ist festzustellen, dass die Anzahl der je Testperson bei einem Dienstanbieter empfangenen Spam-Nachrichten sehr niedrig ist. Dies ist wahrscheinlich darauf zurück zu führen, dass die für die Testpersonen angelegten Email-Konten allesamt noch ziemlich neu und somit noch nicht in vielen bei den Spam-Aktionen berücksichtigten Adresslisten enthalten waren. […] Das bedeutet, dass selbst im schlechtesten Fall durchschnittlich noch knapp weniger als eine Spam-Nachricht pro Tag empfangen wurde.

Interessant wird es, wenn die intern versendeten Werbemails hinzugerechnet werden, die das Fraunhofer-Institut – meiner Ansicht nach völlig zu Recht – in die Definition von Spam miteinbezieht. Dann steigt nämlich der Spam-Empfang im Testzeitraum bei Hotmail von 10 auf 13, bei Web.de von 21 auf satte 57 und bei GMX von 36 auf sagenhafte 116.

Die Stellungnahmen dazu von United Internet und dem SIT, zitiert nach Golem:

[D]ies will [Web.de- und GMX-Sprecher] d’Aguiar nicht gelten lassen. Derartige Newsletter seien per Definition kein Spam, sagte der Sprecher. Die Wissenschaftler gingen dagegen nicht davon aus, dass Mailnutzer von dem eigenen Dienstanbieter lieber oder häufiger Werbung empfangen möchten als von anderen.

Ich hatte bis vor kurzem einen kostenpflichtigen Web.de-Club-Account und empfand – unter anderem – bereits die für zahlende Clubmitglieder reduzierte Menge von ein bis zwei täglichen internen Spam-Mails als unzumutbar. Sie lassen sich weder abstellen noch automatisch vermüllen, weswegen sie grundsätzlich via Weiterleitung auch andere Postfächer und Endgeräte kontaminieren.

Ein weiteres Wiesel-Argument von United Internet kommt ebenfalls ins Spiel: Daß Spam-Mails, die im Spam-Ordner landen, nicht zum Spam-Aufkommen zu zählen wären. Wieder zitiert nach Golem:

Für die Nutzer zähle einzig, wie viele Spams tatsächlich im Posteingang landen, so [Web.de- und GMX-Sprecher] d’Aguiar. Die tatsächliche Zahl unerwünschter E-Mails sei nicht von Belang, wenn diese im dafür vorgesehenen Spamordner landeten. Beim Fraunhofer-Institut halten die Forscher dagegen, dass fast jeder E-Mail-Nutzer seinen Spamordner kontrolliere, um fälschlich dort gelandete Post zu retten.

Der Spam-Ordner muß kontrolliert werden, keine Frage. Dabei spielt die Zahl der tatsächlich dort eingehenden Mails theoretisch eine Rolle, praktisch aber gleich auf zweifache Weise nicht:

1) Die Zahlen der im Spam-Ordner auflaufenden Spam-Mails liegen, wie oben ausgeführt, so dicht beieinander, daß es vielmehr auf die Technik ankommt, mit der dieser Ordner gesichtet und entmistet werden kann. Und mit moderner AJAX-Technik (z. B. Google) geht das eindeutig fixer, als wenn jede Seite bei jeder Aktion neu ausgegeben werden muß (z. B. Web.de).

2) Die intern vom Anbieter versendeten Spam-Mails, die eben gerade nicht im Spam-Ordner landen, machen bei United Internet das größte Spam-Aufkommen aus und kehren d’Aguiars Argument gegen sich selbst – sogar dann, wenn es valide wäre.

Um nun zur Frage zurückzukehren, was uns diese Studie mittelbar lehrt:

Es kommt nicht darauf an, wieviele Spam-Mails ich empfange, sondern darauf, wie disruptiv sie sind.

Spam, als ein Strom von Botschaften ohne Informationswert, ist ein hervorragendes Beispiel dafür, warum die von verschiedenen Buchautoren bejammerte digitale Disruption kein Problem von “Information Overload” ist, sondern ein Filterproblem, dessen Relevanz weit über technische (Spam-)Filter hinausgeht und bei der Auswahl der benutzen Services in Betracht gezogen werden sollte.

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2 Kommentare

  1. Christian

    Das schlimmste ist ja, dass man interne „Spam“ Mails bei GMX (und wohl auch bei Web.de) nicht mal als solche markieren kann, der Button dazu wird einfach ausgeblendet.

    Auf Nachfrage von mir hat mir der Support nur geschrieben, dass diese Funktion nur für Spam gedacht sei und die internen Mails von United Internet kein Spam sind.

  2. E-Mail: Filterstrategien & Social Media-Integration | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » E-Mail: Filterstrategien & Social Media-Integration

    […] darüber schrieb, ob das Spamaufkommen eine geeignete Meßgröße für die Qualität von E-Mail-Konten sei, ging es mir vor allem um Disruptivität und die Frage nach den Filtern. Völlig […]

Eure Kommentare

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