19.04.10
18:23 Uhr

Nike: Schuhplattler in Shibuya


Nike Music Shoe

Zwar habe ich diesen Spot gestern bereits in meiner “Things why I love Japan”-Rubrik getwittert, aber ich denke, er ist auch einen Werbeblogger-Beitrag wert. Es handelt sich um das Tôkyôer Breakbeat Duo Hifana, Sound Programming von DJ Daito Manabe, Hardware von 4nchor5 la6. Seit letztem Mittwoch auf YouTube, zur Zeit über 300K Views. Die Musik gefällt mir, die Schuhe an sich auch — allerdings kann ich keine Nike tragen, weil sie nicht zu meinen Füßen passen (die leicht inwendig orientiert gerne nach außen knicken wollen).

Nur ein Werbegag, allerdings, wenn auch ein gelungener. Denn mit Musik haben die Schuhe eigentlich gar nichts zu tun. Daher am Schluß auch der Disclaimer:

The NIKE FREE RUN+ is absolutely a running shoe.
Shoes sold at retail will NOT make music when bent or twisted.

Was Nike mit richtig guter Werbung oft einfährt, fährt Nike mit richtig schlechter PR oft auch wieder raus (wir erinnern uns an Exploitation-Gate). So auch hier: Die Proteste gegen die „feindliche Übernahme“ von Miyashita Park im Tôkyôer Distrikt Shibuya ist mittlerweile auch international geworden. Hier eine Minidoku (via @pinktentacle):


“Our Park”—A Documentary on Tôkyô’s Miyashita NIKE Park

Daraus ein Zitat:

But American corporate giant Nike is trying to put an end to that. Secretly, and without any public hearing, they have signed an agreement with the local city government that allows them to expel the inabitants of Miyashita Park and transform it into a Nike park, a skateboard and rollerskate area and a huge commercial opportunity for Nike in one of Tôkyô’s most attractive public places.

Mehr englischsprachige Informationen zu dem Thema in der Japan Times, bei Global Voices und Habitat International Coalition.

Nicht ganz leicht, sich hier ein Bild zu machen. Auf der einen Seite scheint das Vorgehen der Stadt nicht vollständig koscher, auf der anderen Seite (siehe Japan Times-Artikel) sind die Behörden ausgesprochen unaggressiv, was den Umgang mit den Obdachlosen betrifft und deren Verbleib in anderen Bereichen des Parks; ich stelle mir gerade vor, wie lange es dauern würde, bis eine ähnliche Kolonie am Düsseldorfer Kö-Graben polizeilich ausgehoben würde. Mein Tip: 5–10 Minuten. Dann scheint mir, auf der einen Seite, daß diese „Kommune aus Obdachlosen, Künstlern und Jugendlichen“ nicht ganz so grandios ist, wie dargestellt, aber auf der anderen Seite ist es schon ein starkes Stück, wenn Obdachlose mitten in Tôkyô von einem U.S.-Konzern „entsorgt“ werden.

Das Problem, denke ich, liegt wieder einmal nicht am „was“, sondern am „wie“. Natürlich würde ich mir an Nikes Stelle eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen — aber welchen Grund gibt es, dabei die Evil-Corporation-Kappe aufzusetzen? Als gäbe es kein Internet, das dafür sorgt, daß die daraus entstehende unterirdische PR mal wieder um die Welt geht? Für die Obdachlosen-Kommune hätte Nike nicht nur locker eine Lösung finden können, die im Vergleich zu den Gesamtkosten, mitten in Shibuya einen Park zu branden und als Erlebnispark auszubauen, nicht mal Wechselgeld gewesen wäre, sondern hätte damit auch PR-mäßig richtig punkten können.

So jedoch bleibt in erster Linie hängen, daß Nike nicht bloß mit seinen Laufschuhen die Leute auf die Straße bringt.

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3 Kommentare

  1. Frank

    Wirklich cool. Ich war selbst vor einem Jahr in Shibuya/Tokio.

  2. Tim

    Ahja ich finde das nicht so cool, gut ich war noch nie in Shibuya/Tokio aber das sieht doch schon ernst aus.

    Mfg

  3. Arne

    Das meiner Meinung nach arrogante Auftreten von Nike hat anscheinend System. Wenn ich an meinen ersten (und gleichzeitig definitiv letzten) Besuch im Flagship-Store in von Nike in Berlin denke, wo man als Kunde vom Personal grandios ignoriert wurde, welches sich hinter den iMacs versteckte oder betont übertrieben lässig mit sich selbst beschäftigte… Übrigens finde ich den Spot mit den musikalischen Schuhen einfach nur platt und erneut werden Apple-Rechner genutzt, um von “fremder Coolness” zu partizipieren. Oder warum sonst sind die MacBooks so betont deutlich im Bild?

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Eure Kommentare

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  • ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
  • Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
  • ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
  • ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
  • ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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