14.04.10
16:04 Uhr

iPad, shmiPad (Update): Die Welt als Mogelpackung

Rolands ohnehin schon harsche Worte zum iPad als iGeschäftsmodellklitterer für Verlage wären sicher noch harscher ausgefallen, hätte er bereits die iPad-Ausgabe von Springers Die Welt gekannt.

Roland schrieb:

Ist es nicht einfach unfassbar traurig, dass die unternehmerische „Medienelite“ unseres Landes wie ein pubertärer Jünglingsclub nun dem erotischen Vortänzer der digitalen Avantgarde mit dem Apfel im Namen fast anbiedernd nachläuft um das nachholen zu wollen, was sie selbst über Jahre versäumt haben?!

Alles absolut richtig, bis auf eine Phrase. Wer erkennt sie? Genau: „nachholen zu wollen“. Laßt mich erklären.

Im Charlie-Rose-Interview mit Springer-CEO Mathias Döpfner, das ich in meiner Momentaufnahme der iPad-Diskussion zitierte (Abschnitt „Restauration“), pumpte Döpfner sich und den Springer-Verlag — mit der iPad-App für Die Welt als Blasebalg — traditionsgerecht auf und erklärte Charlie Rose, wie im Zeitalter der Neuen Medien erfolgreich Zeitungen produziert werden. Das Interview ist leider nicht einbettbar (die an sich einbettbare Hulu-Version ist geo-restricted), aber es lohnt sich, zur Charlie-Rose-Website zu gehen und es sich dort anzusehen.

Wie Magazine und ein News-Magazin, trotz aller Schwächen, auf dem iPad bereits aussehen können, hatte ich ebenfalls vorgestellt (im Abschnitt „Progression“). Welche Figur nun Die Welt auf dem iPad macht, beschreibt Andreas Göldi auf Netzwertig.com mit aller gebotenen Ausführlichkeit. Das wichtigste in Stichpunkten:

· Es gibt keine Hyperlinks direkt zu den Inhalten. Seitenzahlen merken und — blättern.
· Jeder Seitenwechsel dauert mit einer „Aufbereiten“-Wartemeldung gut 2–3 Sekunden.
· Bilder pixelig, Typo unschärfer als bei anderen iPad-Apps, Bedienung umständlich.
· Von Interaktivität, Videos oder anderen mediengerechten Inhalten keine Spur.
· Drei Seiten lang in winziger Schrift die Börsenkurse vom Vortag.

Im Interview erklärt Döpfner Charlie Rose und allen Amerikanern über das Führen einer Zeitung hinaus auch, daß das iPad im Gegensatz zu allen herkömmlichen Computern und Notebooks ein “Laid-Back Device” ist. Die Welt-App jedoch (mit Namen „iKiosk“) sieht sich offenbar schon bei der geringsten Berührung zum Kippen und Auszoomen veranlaßt, was Andreas Göldi wie folgt beurteilt:

Damit wird die ganze Sache komplett unbrauchbar, ausser wenn man das iPad auf dem Tisch liegen lässt und so wenig wie möglich berührt. Und das ist wohl eher nicht so im Sinne des Erfinders. Insgesamt muss man der „Welt“-App in der heutigen Form leider das Prädikat „unbrauchbar“ verleihen.

Wir erinnern uns an Döpfners Worte: “We were proud to present with the American start of the iPad also at least one of our German newspapers, Die Welt [W]e will offer it at a price that is only 10% below the price of the print product.”

Ich laß das mal so stehen und zitiere statt dessen folgendes von welt.de, eingebettet zwischen Klickstrecken mit iKiosk- und iPad-Werbung:

Für das iPad wurde die Darstellung der Inhalte weiter verbessert und eine einfache, benutzerfreundliche Navigation durch die einzelnen Seiten entwickelt. Der Bildschirm ist dabei deutlich größer als beim iPhone, er entspricht etwa Din-A4-Format.

Bei der „iKiosk“-App wird es allerdings nicht bleiben. „Wir arbeiten an weiteren innovativen Produkten, die die besonderen multimedialen Möglichkeiten des iPad aufgreifen“, so Bayer. Denkbar sind etwa Videos oder vertonte Beiträge.

Denkbar sind Videos oder vertonte Beiträge? Auch das laß ich mal so stehen.

Ist dies die schöne neue Verlags- und Pressewelt, die wir zusätzlich demnächst noch öffentlich-rechtlich im Rahmen des ReichsLeistungsschutzgesetzesrechts, für das Döpfner ebenfalls ein führender Propagierer ist, finanzieren dürfen sollen? Dann kann ich nur hoffen, daß unsere Enkelinnen und Enkel ihre Lehren daraus ziehen, wenn in ihrem maßgeschneiderten, distribuierten eLearning-Curriculum der Große Verlags- und Presse-Crash von 2017 an die Reihe kommt.

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2 Kommentare

  1. ralf schwartz

    @Jay
    Das iPad offenbart die Schwächen der Verlage im Erkennen menschlicher Bedürfnisse und Sehnsüchte und der Nutzung technischer Potentiale natürlich besonders drastisch. Und dies obwohl sie Heerscharen organisierter Berater durch ihre Flure schleichen lassen.

    Mit 2017 bist Du ja noch sehr nett. Ich alter Heißsporn sehe ja 2010 als den Beginn des Niederganges der ‘etablierten’ Presse an (Link via meinen Namen) – auch wenn ich dafür ‘Kretin2.0′ benamst werde.

    iPad, wikileaks und Social Media (allesamt als pars pro toto!) sind die 3 shakespeare’schen Hexen, die der Presse den Garaus machen.

  2. Wäschekorb

    Hauptsache die Kasse klingelt :-P

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Eure Kommentare

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
  • Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
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