23.03.10
14:27 Uhr

Social Media. Die selbst inszenierte Marginalisierung der Netzkultur.

Nicht erst seit des letzten durch die Netzgemeinde organisierten Politcamps werden Stimmen lauter, die sich kritisch über die immer wieder auftauchenden gleichen Podiumsteilnehmer, “üblichen Verdächtigen” und dauertwitternden Zaungäste der “Camp-Szene”  äußern. Verständlich. Denn es gibt eine natürliche Ermüdung, wenn man als Camp-Besucher auf Interviewgäste oder auch Moderatoren trifft, bei denen voher schon ziemlich klar ist, was sie wie sagen werden. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Auch meine Meinung zu bestimmten Entwicklungen im Social Web -und mein Berufsumfeld- ändern sich nun einmal nicht täglich fundamental, aber was viel wichtiger ist: die Mehrheit der Kanzelszene hat eine kommerzielle Absicht -nicht unbedingt der eine oder andere Initiator eines Camps, wohl aber etliche im Web sichtbare Protagonisten. Und immer wieder steht der Begriff “Social Media” im Raum, oft gepaart mit einer Berufsbeschreibung auf den Visitenkarten der Wortführer, die als “Berater” ihr Geld damit verdienen (wollen). Versteht mich nicht falsch, das ist völlig legitim, aber wir dürfen uns nicht wundern, wenn die Tendenz zur Selbstreferenzialität und -bestätigung innerhalb dieser Veranstaltungsformen damit eher zu- als abnimmt.

So wohltuend es gelegentlich sein kann, sich in kognitiver Konsistenz immer wieder mit Spezialisten in einem bestimmten Fachthema endogen zu baden, so unergiebig ist auch zunehmend der substanzielle Erkenntnisgewinn in einem erweiterten Kontext. Wenn der soziologische Diskurs einer wachsenden “Netzkultur” also mehr sein soll als eine für Berufskommunikatoren willkommene Präsentationswiese oder ein Arbeitsbeschaffungsumfeld in eigener Sache, müssen wir umdenken.

Es gilt, wie Nico richtig schreibt, eigene Themen für das Gros von Menschen interessant zu machen. Nur müssen wir uns dafür eher zurücknehmen, Menschen aus völlig anderen Bereichen zum Diskurs bitten, zuhören und akzeptieren, dass für die allermeisten Menschen das Web nicht ihren praktischen Lebensmittelpunkt darstellt. Schon gar nicht das vielzitierte Web 2.0.

Für die Kommunikationsbranche und das als Fachkonferenz geplante Remixcamp (remix10) ist es konkret meine Absicht, Wissenschaftler und Markenführer bzw. -inhaber zu Wort kommen zu lassen, die dem ganzen Socialmediagedöns allenfalls als Teil einer ganzheitlichen Markenkommunikation etwas abgewinnen können. Ich erwarte von diesen Gästen eine harte Gegenrede zu dem ganzen Marketinghype rund um Social-Media, um damit die Bedeutung von Social-Media richtig “erden” und einschätzen zu können. Ich erwarte, dass die anwesenden Online-Marketers inkl. mir sich ganz bewusst auch einmal den Spiegel vorhalten, um zu sehen, wo ihre potenziellen Kunden und vor allem die Kunden ihrer Kunden stehen.

Es ist kein Geheimnis, dass ich mich nicht für einen “Social-Media-Berater” halte. Ich wüsste auch gar nicht, was das wirklich sein soll. Es ist auch kein Geheimnis, dass ich -trotz beruflicher Verbundenheit zur Kommunikationswirtschaft und als langjähriger “Netzbewohner”- kritisch einer allzu kommerziell gedachten und geprägten Netzgesellschaft gegenüberstehe. Ein Grund liegt eben auch in dieser Endlosschleife selbstreferenzieller Themensättigung bei bestimmten Versammlungen. Ich will im Kontext von Camps und Veranstaltungen nicht wissen, welches Geschäftsmodell Twitter bald haben könnte. Oder welches Werbemodell bei Facebook zum Erfolg führt. Oder welche Firmen Blogs brauchen und welche nicht.

Mein Wissensdurst liegt woanders und ich weiß von zahlreichen persönlichen Gesprächen, dass es  vielen von euch auch so geht. Dafür müssen wir aber deutlich stärker andere Menschen mit anderen Blickrichtungen zu Wort kommen lassen. Wir müssen begreifen, dass es einen Großteil der Menschen “da draußen” einen feuchten Kehricht schert, welche tollen neuen Webtools und Plattformen es gibt, egal ob als Marketingchef oder als Mensch aka Konsument. Das einzige, was sie interessiert und damit das Feld wirklich öffnet, ist der praktische Nutzen.

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12 Kommentare

  1. vera

    Jajah, aber -

    Das mit dem praktischen Nutzen ist so eine Sache. Nebelkerzen – im wörtlichen Sinn der Vernebelung – kommen ja nicht nur aus der Marketing- und Mediaecke oder von den immer gleichen Podiumsbesetzern. Diese Gruppen werden vom Konsumenten eher nicht oder doch nur am Rand wahrgenommen.
    Dagegen sind Zeitungsmacher, bei denen der Normalverbraucher nicht unbedingt zwischen Verleger und Journalist unterscheidet, schon präsenter, allein dadurch, daß die Menschen ihre Erzeugnisse lesen. Auch die paar Fernsehjournalisten, die ins Bewußtsein dringen, gehören dazu.
    Die dritte wahrnehmbare Gruppe sind die Politiker, die mit ihrer Strategie der ständigen Wiederholung ihre Aussagen an den Mann bringen.

    Was haben die drei Gruppen gemeinsam?

    Mit ihrer Präsenz sorgen sie dafür, daß Geschriebenes, Abgebildetes und Gesagtes irgendwann haften bleibt. Alle drei Gruppen zeichnen sich im Augenblick durch Nichtwahrnehmung von Chancen, übertriebenes Sicherheitsbedürfnis (in mancherlei Hinsicht) und eine anscheinend verbreitete Technologiefurcht aus. Diese Themen werden quer durch alle Medien immer wieder von allen betont, und so nehmen Petra und Otto Mustermann die Entwicklungen durch deren Brillen wahr, übernehmen, da sie selbst in diesen Dingen eher nicht urteilsfähig sind, Phobien und Vorurteile.

    Ich nehme seit einigen Wochen (in etwa beginnend mit Schirrmachers Veröffentlichung von “Payback”) die Tendenz der genannten Gruppen wahr, sich mit fragwürdigen Argumenten und Maßnahmen des Internets zu bemächtigen. Dabei finden die Gruppen zwar unterschiedliche Ansätze, das gewünschte Ergebnis ist das gleiche. Es geht vordergründig um durchaus berechtigte wirtschaftliche Interessen oder Sicherheitsaspekte; Argumente, die eingängig sind und plausibel klingen. In der Tat geht es aber um die Deutungshoheit, was immer auch heißt, daß die Vielfalt in Gefahr ist.

    Das wollen die Netzbewohner nicht, die Marketer, die Medialeute, die Datenschützer nicht. Das würden auch Petra und Otto nicht wollen, wenn sie in die Lage versetzt würden, sachlich fundiert zu urteilen. Leider liegt niemandem wirklich daran, für dieses Fundament zu sorgen. Jede der Interessengruppen sieht durch den Fokus der sehr verbreiteten Betriebsblindheit. Alle diskutieren auf ihren Podien.
    Niemand – uns Netzbewohner nicht ausgenommen – hat großes Interesse daran, ‘die anderen’ mitzunehmen. Niemand fördert eine breit angelegte Diskussion, in der es um die Sache, nicht: um meine oder deine Sache, geht. So kann kein Konsens erreicht werden. Letztlich werden einige wenige irgend einen merkwürdigen ‘Sieg’ erringen, viele fantastische Möglichkeiten auf der Strecke bleiben, und die Meisten werden tief bedauern, daß, und sich fragen, wie es so weit kommen konnte.

    Vorher das Nachher bedenken. Noch ist Zeit.

  2. Vorher das Nachher bedenken « …Kaffee bei mir?

    [...] März 2010 von opalkatze Eine Antwort auf Roland Kühl-v.Puttkamers Social Media. Die selbst inszenierte Marginalisierung der Netzkultur. Darin beklagt er, auch im Nachgang zum Politcamp (#pc10) am Wochenende, die selbstreferenziellen [...]

  3. erz

    Ich glaube, der Denkfehler vieler Netizens besteht darin, dass die Avantgarde, also die Vorbeter der Netzkultur, ihre Erkenntnisse über das Netz als “richtig” fehlinterpretiert. Dass sie glaubt, ihre Art der Mediennutzung sei logische Konsequenz der Auseinandersetzung mit dem Netz. Dabei wiederholt sich im Netz nur, was in anderen Medien wieder und wieder vorexerziert wurde: Eine Gesellschaft einigt sich erst auf Konventionen über die Nutzung eines Mediums.

    In Spanien versteht mittlerweile fast jeder ein einfaches Handyklingeln als Bitte um Rückruf. Weil es die Konvention gibt. Für das Internet gibt es noch keine Konventionen, die auch für Nichtmitglieder der Avantgarde offensichtlich wären. Diese Form der Medienkompetenz muss sich erst entwickeln und geht, auch das zeigt uns die Geschichte anderer Medien, immer mit einer Polarisierung in der Debatte über die Technologie einher.

    Ich versuche gerade, eine medientheoretische Bewertung dieses Prozesses vorzunehmen. Eine Einführung findet sich in Teil 2 der Reihe über Medienkompetenz: kontextschmiede.de/v...

    Wenn sich eine Gruppe von der gesellschaftlichen Diskussion abkoppelt und in ihrem eigenen Saft kocht, wird sie sich natürlich marginalisieren. Allerdings können deren Mitglieder dann kaum noch für sich beanspruchen, Vertreter der Netzkultur zu sein. Da werden von weniger technikaffinen Nutzern einfach nach und nach Fakten geschaffen, wie das Netz “funktioniert”.

  4. Matthias Schwenk

    Da ist was dran. Die Selbstreferentialität mag zum Teil aber auch daher kommen, dass die Early Adopters jetzt im Social Web “sitzen” und erwarten, dass der Rest einfach nachkommt. Das aber passiert so nicht, zumindest nicht so schnell.

    In der Folge fehlt es an einem einheitlichen Diskursraum, denn Blogs, Twitter und selbst die einschlägigen Konferenzen sind nicht allgemein bekannt und das alles wird praktisch nur von Insidern frequentiert.

    Was wirklich zu tun wäre: Der Marsch durch die Institutionen und Instanzen. Das Web als Thema muss dorthin gebracht werden, wo die Menschen wirklich sind, also in Verbände, zu den IHK’s usw.. Zum Teil wird das auch schon gemacht, es ist nur nicht so sichtbar (und ein beschwerlicher, langsamer Weg obendrein).

  5. Man muss ja nicht gleich Seiltanzen. « Social Media Strategy Lab

    [...] Lumma und Herr Kühl-v. Puttkamer haben sich übrigens auf ihre Art und Weise mit dem Thema befasst. Noch keine Kommentare [...]

  6. Timo

    Mich interessiert momentan (d.h. in den letzten zwei Jahren, Gedanken brauchen nämlich zeitlichen Raum) das sog. Social-Web in kulturphilosophischer Hinsicht. Für die heutige Kulturwissenschaft (darunter zähle ich vor allem die kombination aus Medienwissenschaft, Kommmunikationswissenschaft, Soziologie, Geschichte aber auch Literaturwissenschaft und Philosophie) ist das Social-Web als Phänomen begriffen ein unglaublich ergiebiges Themenfeld. Ein Freund von mir im Bibliotheksdienst benutzt Tools wie Twitter oder Social-Bookmark-Systeme vor allem zur national übergreifenden Vernetzung von Forschenden im Diskurs. Vor allem aber in der kritischen Ausprägung der Kulturtheorie, die ich im Kern immer noch als philosophische Disziplin verstehe, sehe ich noch ein großes Nachholbedürfnis. Kennt hier jemand relevante Arbeiten?

  7. erz

    @Matthias
    Grundsätzlich gebe ich dir Recht, allerdings habe ich zwei Anmerkungen:

    1. Findet ausgerechnet der Artikel, auf den ich bislang die meiste Mühe in der Literaturrecherche verwendet habe, überhaupt keine Resonanz bei den einschlägigen Medienmultiplikatoren unter den early adopters. Ich muss also vermuten, dass es am Inhalt liegt und tröste mich, dass ich sicher eine super Schreibe habe, aber die confirmation bias der Netzbewohner Beiträge ignoriert, die dem eigenen Selbstverständnis zuwiderlaufen. (Bitte eine ordentliche Prise Selbstironie dazudenken – natürlich ist mein Artikel kein guter Indikator, aber das Problem der confirmation bias sehe ich zusätzlich zum “Warten” schon, unabhängig von offeneren Diskursräumen)

    2. Der Marsch durch die Instanzen ist immer noch kein Ersatz für gesellschaftliche Teilhabe. Es ist sicher eine gute Idee, abseits des Netzes über das Netz zu reden. Aber den entscheidenden Impuls sehe ich eher in trickle-down Effekten abseits von Instanzen, die kaum zu steuern sind. Wenn eine homogene Gruppe einen Nutzen für sich entdeckt, der jenseits meines Aufmerksamkeitshorizontes oder gar Interesses als Sender liegt (hypothetisch gesprochen, ich bin kein PRler), werde ich da kaum gegen ankommen.

    Trotzdem finde ich das Thema so spannend, dass ich mich daran abarbeiten möchte, egal, wie klein der Einfluss ist. Gerade auch in offline Diskursräumen, wie du es vorschlägst.

  8. erz

    @Timo
    Eine sehr empfehlenswerte Einführung habe ich für den zweiten Teil meiner Serie verwertet: “Computer Mediated Communication: An Introduction to Social Interaction Online”. Je nachdem, was dein Forschungsschwerpunkt ist, gibt es natürlich ein unglaublich reichhaltiges Feld an Fragestellungen. Für die Computervermittelte Kommunikation (CMC) würde ich dir empfehlen, mal mit dem Journal of CMC anzufangen und dich dann anhand der Literaturangaben in für dich interessanten Artikeln entlang zu hangeln.

    Mir ist allerdings aufgefallen, wie einfach es ist, in noch jungen Forschungsgebieten Artikel zu platzieren. Gerade die A-Journals sind für Qualität in diesem Bereich noch keine Garantie. Und dass ausgerechnet David Crystal die erste Monographie zu “Language on the Internet” verfasste… Aber diese Kritik nur am Rande ;-)

  9. Timo

    @erz Klasse, vielen Dank! Mein Ansatz ist eher die Verbindung älterer Theorien, wie zum Beispiel Hedegger, Novalis, Canetti mit neueren Entwicklungen. Interessant sind die Gedankengänge solcher Autoren als “äußerer” Punkt, um aus dem teilweise sehr selbstreferentiellen und sich in Redundanz verlierenden Diskurs herauszutreten. Aus der Kombination im Sinne des Denkens in Analogien kann hier sehr viel entstehen. Ich freue mich auch, dass ich mittels deines Kommentars auf deinen Blog aufmerksam geworden bin. Diese Art der Herangehensweise ist nämlich immer noch viel zu selten.
    Liebe Grüße, Timo

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