14:59 Uhr
YouTube: „Viacoms Marketing-Agenturen laden heimlich Viacom-Material auf YouTube hoch“
Mit welchen Mitteln globale Medienkonzerne ihre Kunden und Einzelhändler terrorisieren, kriminalisieren und mit kapriziösen Takedown-Notices epidemischen Link-Rot erzeugen, ist fast schon keine Meldung mehr wert.
Bekannt sind mittlerweile auch deren zahllose Fälle kafkaesken Rechtsgespürs. Wie beispielsweise von Warner Music Group, die mit einer Takedown-Notice eine Präsentation zum Thema Fair Use von Larry Lessig (!) herunternehmen ließen. Oder Universal Music Group, innerhalb deren unverbaubarem Gierhorizont das gesetzlich verankerte Recht auf Fair Use prinzipiell erst dann gelten soll, wenn es gerichtlich eingefordert wird — um a) sich ohne jede Prüfung der aktuellen individuellen Rechtslage hemmungslos in Takedown-Notices ergehen zu können und b) Menschen das Recht auf ihr Recht zu nehmen, indem dieses Recht uminterpretiert wird zu einem Recht auf gerichtliche Auseinandersetzungen mit einem Mega-Konzern. Fast schon als Kollateral findet sich dazu noch eine Umkehr der Beweislast als Appetithäppchen am reich gedeckten rechtlichen Bizarrerie-Buffet, auf dem das britische Libel Law zur Zeit die kulinarische Hauptattraktion darstellt. Ich kann nur immer wieder empfehlen, mit dem Portemonnaie darüber abzustimmen, ob dieses Verhalten belohnt werden sollte, und zum Beispiel vor dem Neukauf eines Albums erst einen RIAA-Check durchzuführen (wer meine Twitter-Updates verfolgt, kennt vielleicht auch meinen Slogan zu diesem ehrenwerten Verein) und mal bei unabhängigen Labels reinzuhören. RIAA ist nicht die Welt.
Generell gilt, daß für Medienkonzerne keine Chutzpah zu hoch aufgehängt ist, um nicht von zukünftigen Schamlosigkeiten getoppt werden zu können. Die auch täglich neu & verbessert aus den korporierten Böden sprießen wie Regeln bei einer Kombination von Calvinball und Jewish Poker. Und das gilt ebenso für deren Igors wie der GEMA und ihrer Replikanten — höchste Zeit also, noch eine weitere Verwertungsgesellschaft Presse ins Leben zu rufen! Und auch wenn die außer Konkurrenz stehende GEZ mit ihrem aktuellen Versuch, die Gebührenpflicht auf Registrierkassen auszudehnen , ihre eisigen Finger dehnt und reckt, wird der Wanderpokal „Top–Schamlosigkeit der Stunde“, den sich laut YouTube die Klagemaschinerie Viacom gerade verdient, sicherlich für eine gute Weile Viacoms Vitrine zieren.
YouTube Chief Counsel Zahavah Levine in “Broadcast Yourself”:
For years, Viacom continuously and secretly uploaded its content to YouTube, even while publicly complaining about its presence there. It hired no fewer than 18 different marketing agencies to upload its content to the site. It deliberately “roughed up” the videos to make them look stolen or leaked. It opened YouTube accounts using phony email addresses. It even sent employees to Kinko’s to upload clips from computers that couldn’t be traced to Viacom. And in an effort to promote its own shows, as a matter of company policy Viacom routinely left up clips from shows that had been uploaded to YouTube by ordinary users.
“Marketing Agencies” — ein schöner Euphemismus.
Und der Nachtisch: Viacoms Takedown-Notices und Copyright-Infringement-Klagen gegen eingestellte YouTube-Videos richteten auch sich gegen Clips, die im eigenen Auftrag hochgeladen worden waren:
Viacom’s efforts to disguise its promotional use of YouTube worked so well that even its own employees could not keep track of everything it was posting or leaving up on the site. As a result, on countless occasions Viacom demanded the removal of clips that it had uploaded to YouTube, only to return later to sheepishly ask for their reinstatement. In fact, some of the very clips that Viacom is suing us over were actually uploaded by Viacom itself.
Es lohnt sich, den gesamten Blogeintrag von Zahavah Levine zu lesen. (Miniaturinfo am Rande: Viacom versuchte bereits mehrfach, YouTube zu kaufen.)
Fazit: Lieber Piraten als Banditen.
Apropos: Auch bei den Medienkonzernen sprach es sich nun herum, daß der Begriff „Piraten“ zu positiv besetzt ist, um weiterhin in Anti-Download-Feldzügen eingesetzt zu werden; näheres dazu bei Nate Anderson auf ars technica in “‘Piracy’ Sounds too Sexy, Say Rightsholders”. Dazu Cory Doctorow:
After years of trying to cloud the public mind by calling it “piracy” instead of “unauthorised downloading,” key copyright industry reps are starting to realize that “piracy” actually sounds kind of cool. So now they’re lobbying for the even less intellectually rigorous term “theft,” which describes an entirely different offence, enumerated in an altogether different section of the lawbooks.
This has all the dishonesty of calling everything you don’t like “terrorism” (or as my friend Ian Brown says, it’s like rebranding jaywalking as “road rape”).
Exactly. Ein solches “Rebranding” wird sicher dabei helfen, das beklagenswert piratisierte Rechtsbewußtsein vieler aus seiner virtuellen Schieflage zu befreien. Das schlürfende Geräusch, das dabei zu vernehmen ist, kommt aus der Richtung der „Marketing-Agenturen“ von Viacom und all der anderen medialen Verwertungsrechtskonzerne, die bereits ihre Speicheldrüsen hochfahren aus lauter Appetit auf diesen Job.
2 Kommentare
Einen Kommentar schreiben
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
- Ralf Hillmann: Da kann ich nur sagen, die Bezeichnung Video-Perle passt einfach perfekt. Da soll noch einmal jemand behaupten Werbung habe nichts...
- ralf schwartz: @Gerry K. Ich selbst rege mich immer am meisten über irgendwelche Tricks der Agenturen und Werbungtreibenden auf, aber die Angabe...

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Am 21. März 2010 um 18:42 Uhr
[...] [...]
Am 24. September 2010 um 17:41 Uhr
[...] aber ebenso oft und vermutlich öfter mit Geschäftsmodellen und Machtstrukturen und/oder korporiertem Banditentum und natürlich generell mit nackter Gier. Ein System, das Verwerter und Verwertungsrechte [...]