12.03.10
17:42 Uhr

Logophilia

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Zu diesem Eintrag gibt es auf between drafts einen Tandem-Eintrag in englischer Sprache mit dem Titel “Logophobia”.

Den frisch Oscar-prämierten animierten Kurzfilm Logorama des französischen Regie-Kollektivs H5 hatte ich hier am Dienstag vorgestellt, zusammen mit einem Interview der französischen Zeitung Le Monde mit den H5-Regisseuren. Dazu stellte ich ein Zitat vor, welches dieses französischsprachige Interview auf englischsprachigen Blogs zumeist begleitet. Roland ergänzte dies in den Kommentaren mit einigen von ihm selbst übersetzten Zitaten aus dem Interview, die ein etwas anderes Bild von Logorama zeichnen.

Das englischsprachige Zitat:

“Logorama presents us with an over-marketed world built only from logos and real trademarks that are destroyed by a series of natural disasters (beginning with a hurricane, cyclone, tidal wave…). Logotypes are used to describe an alarming universe (similar to the one that we are living in) with all the graphic signs that accompany us everyday in our lives. this over-organized universe is violently transformed by the cataclysm becoming fantastic and absurd. it shows the victory of the creative against the rational, where nature and human fantasy triumph.”

Die von Roland übersetzten Zitate:

Ein absolut grandioser Film, der, wie Francois Alaux bestätigt, den Ronald McDonald als Bösewicht inszeniert, weil so schöne Parallelen aus dem psychpathischen “Joker” von Batman gezogen werden können.
Auf die Frage, ob der Film eine Kritik auf unsere überkommerzialisierte Gesellschaft sei bzw. eine „Rache an den Marken“ sagt Francois, dass sie eher durch die Faszination der Markenfiguren und starken Codes inspiriert wurden.

Roland kommentierte, „Hätte ich jetzt auch gesagt ;-)“, und auch mir kam es so vor ;-). Aber es ist ja nicht ausgeschlossen, daß Elemente beider Sichtweisen in einer Interpretation ihren Platz finden können: Die „logophile“ Interpretation, in der Logorama spielerisch unsere Faszination mit Marken aufarbeitet, und die „logophobe“ Interpretation, in der „Natur und Kreativität“ sich gewaltsam vom Markenterror befreien.

Verschiedentlich erwähnte ich bereits unsere Diskussionen zur „zunehmenden menschlichen Verinnerlichung von Marken und Maschinen“. Je nach Disposition und Weltsicht kann diese Verinnerlichung von Marken zur logophilen oder zur logophoben Interpretation gehören, genau wie die Verinnerlichung von Maschinen. Meine Wortwahl „verinnerlicht“ läßt natürlich bereits erkennen, daß ich eher der ~philen Interpretation zuneige, in der Marken und Maschinen ein Teil unseres eigenen Selbstverständnisses geworden sind; dazu auch das Zitat von William Gibson (“You know people always say, well, is it going to be man or the machine? And I’m always left speechless because they’re already the same thing…” etc.), das ich in diesen Zusammenhängen erwähnte. Die ~phobe Interpretationsvariante dagegen postuliert die „Fremdbestimmung“ durch externe Marken und Maschinen, oft mit einem sentimentalen Blick zurück auf eine Zeit, in der der „Sieg der Maschinen“ noch keine gefühlte Wirklichkeit war, sondern lediglich ein Topos in der SF-Literatur.

So ganz paßt das englischsprachige Zitat und seine eher logophobe Interpretation aber auch nicht zu Logorama selbst. Wo gewinnt hier „menschliche Kreativität”? Nicht auf der Plot-Ebene, so viel steht fest — höchstens auf der Meta-Ebene durch den spielerisch-kreativen Umgang mit der Thematik von Logorama selbst als Antidot. Dann aber ist es nicht schlüssig, diesen „Sieg der Kreativität“ mit dem „Sieg der Natur“ zu parallelisieren, denn Filme wachsen nicht auf Bäumen. Überhaupt habe ich Zweifel, ob dieses „Sieg der Natur“-Motiv auf Logorama überhaupt anwendbar ist. In Filmen, wo dies tatsächlich als ein Hauptmotiv erscheint wie in James Camerons Avatar, lädt es eher zur Kritik ein als zum Lob und überdies auch zu folgender Frage:

[W]hy does [this] movie portray technology as mostly destructive? A little funny for a film that was made using cutting edge digital techniques, right?

Dieses Problem sehe ich bei Logorama schon allein deswegen nicht, weil die „Natur“ hier keineswegs „gewinnt“. Zum einen würde ich die apokalyptische Zerstörung von Zivilisation und Natur nicht gerade als einen Sieg der Natur (und der Kreativität) empfinden, zum anderen ist diese „zerstörte Welt“, wie die herauszoomende „Kamerafahrt“ deutlich macht, eingebettet in ein ganzes Marken-Universum! Hier scheint mir eher Ironie im Spiel und auch jene oft benutzte filmische Logik, wenn die Protagonisten in Horrorfilmen „das Böse“ besiegt zu haben glauben — das Publikum es aber besser weiß, weil die Kamera kurz vor den Credits mit einem „Spitze des Eisbergs“-Effekt auszoomt wie in From Dusk Till Dawn.

Aber nicht nur „Verinnerlichung” wäre für mich ein Grund, eher einer ~philen Interpretation zuzuneigen; auch die zunehmende Beteiligung an Produktentwicklung und Markenwelten im Rahmen von Share Economy und Collaboration (ein Thema, über das ich nächste Woche noch ausführlich bloggen werde), ist ein Weg, der nicht in Richtung Fremdbestimmung, sondern in Richtung Internalisierung führt.

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Ein Kommentar

  1. Logophobia | between drafts

    […] Short. I posted it at werbeblogger.de here and sketched a few thoughts in my follow-up article Logophilia (in German language). Since this is all about logos, and “Bibendum” plays a major part in […]

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