08.03.10
14:31 Uhr

Professionelle Vermarktung von Blogs. Das schnelle Geld gibt es nicht.

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Roma-mendicante
(Bildquelle: milena)

Was an jeder Web-Ecke bereits für lau geschrieben steht, lässt sich nur schwer vermarkten. Aus diesem Grund muss ein Tech- oder News-Blog schon ziemlich früh aufstehen, ja eher gar nicht mehr schlafen, um irgendwie immer „first“ zu sein. Mit flatterndem Multitasking und schweißgetränkter Umtriebigkeit rennt der rasende Blogreporter des Web 2.0 der ständig tickenden News-Uhr hinterher, die Tastatur am Anschlag für das omnipräsente „High Noon“ und den medialen Showdown an der Statistikfront. The (Web-)City never sleeps. Das Weblag zehrt mehr und mehr an der körperlichen Substanz. Und an den Nerven.

Warum also diese ganze Mühe, wenn es doch so wenig gedankt wird? Geld für die viele Arbeit würde ja ein bisschen trösten, aber auch daran fehlt es. Was tun?! Öffentlich jammern und hadern? Das wirkt wenig professionell und steht eher dem eigenen Anspruch entgegen…

Wenn wir schon bei bestimmten Blogs von einer Professionalisierung sprechen wollen, dann sollten wir einmal genauer auf die ökonomischen Wirkungszusammenhänge schauen. Die Leserschaft ist zunächst -ökonomisch betrachtet- das wesentliche Fundament. In den allerwenigsten Fällen (paid content) ist sie aber auch die (Geld)-Quelle und damit nicht Kunde im wirtschaftlichen Sinn.

Die Leserschaft ist ebensowenig eine karitative Subventionsgemeinschaft, die sich in großer Zahl und Leidenschaft mit Vermarktungsproblemen der Blogbetreiber auseinandersetzen will. Die Leserschaft nutzt vielmehr das inhaltliche Angebot (Produkt) neben vielen anderen Angeboten und will selbst bestimmen, wie und wo das Kernprodukt gesichtet bzw. gelesen wird. Eine Leserschaft lässt sich in ihrem Mediennutzungsverhalten nicht bevormunden oder erziehen. Es wäre zudem auch reichlich unprofessionell, ein „running system“ von Lesern zu erschüttern und am vitalen Blog-Fundament offene Herz-OPs von Hobby-Chirurgen auszutesten.

Die Hausaufgaben des Publishers sind woanders zu erledigen -professionell, strategisch und im geschlossenen Raum, ohne die Leserschaft mit seinen Problemen zu behelligen und sie im Zweifel noch wegen ihres Mediennutzungsverhalten zu verurteilen. Dabei sollte sich jeder Publisher folgende Frage stellen:

Differenzierung

1. Was habe oder biete ich, was andere nicht haben?
Es ist zwar banal, aber wer sich professionaliseren will (und nicht jeder Blogger will oder muss das), der unterwirft sich auch marktwirtschaftlichen Regeln und Verpflichtungen bei der eigenen Markenentwicklung und -führung.

Mehrwert

2. Welchen besonderen oder gar exklusiven Nutzen kann ich dem Markt und/oder meiner Leserschaft eröffnen?
Bevor Publisher sich Sponsoren, dem Werbemarkt oder dem Merchandising bestimmter Produkte zuwenden, ist es notwenig, den individuellen Mehrwert der eigenen Marke (Habe ich überhaupt eine Marke?) durch individuelle und auf die eigene Marke zugeschnittene Angebote außerhalb des statistischen Mainstreams zu formulieren, die sich nicht nur in der Alternative Paid-Content vs. Anzeigen erschöpfen. Media-Agenturen und Vermarkter nutzen außerdem „Standards“; diese werden aber einer Nischen- oder Blogpublikation bei weitem (noch) nicht gerecht.

Genau das ist auch der Grund, warum z.B. wir als Werbeblogger noch ein wenig Zeit brauchen und uns diese auch nehmen. Wir sind nicht mit allen eigenen Hausaufgaben durch und noch nicht mit jedem Produkt zufrieden, auch wenn bestimmte Ansätze wie das Remixcamp andeuten, wohin u.a. die Reise geht. Bildlich zusammengefasst:

Stelle ich mich also auf den Markt und biete Äpfel gegen Geld, dann nur, wenn ich überzeugt bin und nach reiflicher Prüfung weiß, dass diese Äpfel besser schmecken, regional geerntet sind, schöner aussehen und sympathischer präsentiert werden können. Im Volumenmarkt kann ich als Preisführer sowieso nicht mithalten und will es auch gar nicht.

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13 Kommentare

  1. Sachar

    Grundsätzlich stimme ich in allen Punkten zu, glaube aber, dass der von BT eingeschlagene Weg, klassisch Werbung zu schalten, mitnichten falsch sein muss. Wir reden immer von der Zukunft der Werbung und Methoden, die sich langfristig durchsetzen werden. Nur: Auch die müssen sich erst einmal am Markt beweisen. Zumal glaube ich nicht, dass ein Vergleich Werbeblogger- BT statthaft ist. So professionell das Angebot hier auch ist, niemand muss davon leben. Das ist im Fall von BT anders.

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Sachar Es muss absolut nicht falsch sein, klassische Werbung zu schalten. (siehe unsere Banner rechts in der Sidebar ;-)) Mich irritiert eher das Vermarkter-Modell, welches BT dazu bringt, am RSS zu schrauben, um mehr TKP auf die Site zu ziehen. Ich störe mich persönlich auch nicht so sehr am Kürzen, sondern an der Überzeugung, dass dadurch mehr PIs und zugewandte Leser entstehen. Hey, wir reden alle über die Share Economy, wissen, dass wir die Leser in ihrem Mediennutzungsverhalten nicht zu etwas „zwingen“ können und fangen dann an, linear wie die Oldschool-Medien zu denken, allerdings ohne das Volumenmodell oder (noch) funktionierende Print-Produkte als Querfinanzierung im Rücken.

  3. Sachar

    Wie gesagt: Grundsätzlich gebe ich Dir recht. Nur ist die Zeit (noch) nicht so weit fortgeschritten, dass sich die Modelle der Oldschool-Medien nicht rechnen. Vielmehr ist es bisher kaum einem Online-Medium in Deutschland gelungen, ein neues Modell aufzusetzen. Und: Wird es jemals gelingen? Daher halte ich es nicht für unvernünftig, auch weiterhin auf alte Modelle zu testen – ohne die neuen zu ignorieren.

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Sachar: Kein Widerspruch. Beides ist parallel ggf. sinnvoll. Aber das „alte“ Modell sollte nicht für neue Modelle die „Tür zuschlagen“. Dafür ist das „alte Modell“, besonders mit einem Volumenvermarkter, zu ertragsarm.

  5. Sachar

    Richtig.

  6. Vasco

    Die klassische Displayvermarktung funktioniert entweder ueber automatisierte Systeme fuer low-TKP oder Vermarkter, die dem Kunden etwas besonderes bieten, z.B. Zielgruppe, Format oder Umfeld. Blogs als Umfeld sind vielen deutsche Marken immer noch zu gefaehrlich (Kontrollverlust). Gravierender ist aber, dass noch viel zu wenig Blogs sich professionell vermarkten lassen, denn damit bringen Blogs immer noch zu wenig Reichweite auf die Waage und das kann ein echter Neckbreaker sein. Fuer 1M UU nimmt kein Planer den Hoerer in die Hand – es sei denn, er muss. Also Reichweite aufbauen, als KOLLEKTIV. Denn dann sind auch die Channels gross genug.

    Dann Buttons – das buchen nicht die Weltmarken, aber kleine Firmen, die die Spitze Zielgruppe schaetzen.

    Letztendlich finde ich persoenlich ein Sponsoring/Spendenmodell durch Leser auch pruefenswert. Vielleicht sogar gesteuert durch einen Vermarkter wie uns. Das Schiene an der Sache ist der Konjukturunabhaengige Cashflow.

    Und AdSense fuer Searchtraffic.

  7. cleev

    Auch ich stimme da in allen Punkten zu und wundere mich doch, dass das Thema überhaupt derartig aufgeschaukelt wird. In der Charakteristik war und ist ein Blog doch ein sehr subjektives Ding. Der Betreiber verarbeitet in den allermeisten Fällen seine Perspektive. Und wer versucht mit seiner Meinung Geld zu verdienen, der braucht – wie schon beschrieben – ein sehr gutes Konzept. Speziell BT wird zwar mit einer Blogsoftware betrieben, entspricht in meinen Augen aber eher einem (Online-)Magazin und steht jetzt vor der gleichen Mauer, wie auch die Tageszeitungen. Beschäftigt sich also auch damit, wie man im Netz den Inhalt gegen Bezahlung vertreiben kann. Alleine mit Werbung wird es jedenfalls nicht funktionieren.

  8. Raoul

    Es braucht vor allem ein langen Atem, denn auch eine klare Positionierung, Zielgruppe und ein „einzigartiger“ Content brauchen in der heutigen Zeit der Blog -und Siteschwemme einfach Zeit. Ein ehemaliger Chef von mir drückte dies so aus:“Sie brauchen Zeit und/oder Geld“. Die Frage nach der Finanzierung eines Projektes muss sich natürlich stellen, ob am Anfang eines solchen auch das gleiche Modell zum Tragen kommt wie in weiteren Phasen, wage ich jedoch zu bezeifeln. Werbung, Merchandising, Paid-Content, zuweilen kommt es dann doch anders, weil die Nutzer andere Bedürfnisse haben.

  9. Martin Meyer-Gossner

    Die Kunst der Social Media Vermarktung liegt in der Bündelung bekennender Brand Fans zu ihrer Marke. In Social Networks zeigt bereits Facebook wie das geht http://bit.ly/dwSb7d und vielleicht gibt es ja mal eine Steigerung http://bit.ly/a4bLOW .

  10. webSimon

    Finde es gut, dass der Artikel mal eine andere Stimmung vermittelt, als die armen leidenden Blogger dies normalerweise tun. Bloggen ist nunmal ein Geschäft wie jedes andere, wer nicht durchkommt, scheitert. Da gibt ´s nichts zu weinen. Lösungsansätze zu suchen sollte deutlich effektiver sein.

  11. Patrick Breitenbach

    Social Media als Phänomen steht im krassen Widerspruch zur klassischen Werbung.
    Wann kapiert das endlich mal einer?

    Top-Down vs Bottom-Up
    One-to-many vs. one-to-one bzw. many-to-many

    Das eine ist Werbung – das andere Empfehlungsmarketing.
    Je mehr Werbung desto weniger Empfehlungskraft. (Credibility war mal früher so ein Begriff)

    Was sollen Unternehmen dann mit Social Media anfangen?
    Ganz einfach: Sie sollen anfangen ihre Mitarbeiter damit kommunizieren zu lassen und zwar im Sinne ihrer Kunden. Stichwort: Customer Care oder kommunizierbare Dienstleistung.

    Alles andere funzt nicht – sieht man ja.
    Weil beide Modelle von unterschiedlichen Grundannahmen ausgehen.

    Werbung braucht Masse und Reichweite.
    Social Media setzt auf Netzwerk, Multiplikatoren und dessen Überzeugungskraft (Ansteckungspotenzial)

    Natürlich kann man beides parallel laufen lassen, aber dann muss man sich nicht wundern wenn man am ende nicht die Durchschlagskraft beim Empfehlungsmarketing erfährt.

    Anonsten erinnere ich immer wieder an das damalige alte Bloggertreffen bei Edelman: The products are crap. Make better products. Das gilt halt auch für den Service und die Dienstleistung. Da gibt es in Deutschland noch jede Menge Land zu gewinnen.

  12. Rene Walter

    In einem klassischen Blog ist es sicher schwerer, Geld zu verdienen als mit einem speziellen Thema z.B. Online Marketing, in dem man gute WordPress Themes, Plugins oder SEO Tools vorstellen kann. Klassische Blogger müssen sich wohl mit Amazon und themenrelevanten Partnerprogrammen begnügen.

  13. Daniela Opster

    Das mit dem schnellen Geld übers Internet ist schon lange nicht mehr möglich, leider

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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