20:53 Uhr
Verkehrssicherheitswerbung: Schock und Emotion
Klassischerweise zielt PSA-Werbung aus dem Bereich Verkehrssicherheit darauf ab, mit Schockelementen Angst und Schrecken und oft genug auch Ekel zu verbreiten. Das Ziel ist Abschreckung. Die Inszenierung der blutigen und emotionalen Konsequenzen soll Menschen von einem bestimmten Verhalten abschrecken: Fahren unter Drogeneinfluß, fehlende Gurte, Ablenkung beim Fahren durch SMS und Telephone. Wie wirksam diese Werbestrategien sind, ist umstritten — und angesichts der desolaten Datenlage wird die Antwort auf diese Frage auch weiter auf sich warten lassen.
Sind die schockierenden Bilder der gewohnten PSAs in dem Moment tatsächlich abrufbar und wirksam, wenn wir nach ein paar Bier oder ein, zwei Joints ins Auto steigen, uns für die paar Blocks nicht extra anschnallen oder mit nur einer Hand am Steuer im Ausgehsack hinter dem Sitz nach dem beharrlich klingelnden Telephon suchen? Ich denke nicht, denn ich halte die schockierenden Bilder weder für kontextualisiert genug, um in diesen echten Situationen wirklich abgerufen zu werden, noch für konditionierend genug, um den Handlungsanweisungen automatisch zu folgen.
Als Beispiel diese mehr als fünfminütige “Retrospective Montage” aus TV Spots für die TAC 2009 Campaign der australischen Transport Accident Commission:
TAC 2009 Campaign TV Ad—Everybody Hurts
Gerade anhand dieser “Retrospective” wird deutlich, wie weniger oft mehr sein kann, was bei PSAs recht häufig ist: Wenn nach einem durchaus mit Bedacht aufgebauten, mehr als dreiminütigen Spannungsbogen plötzlich dramaturgisch unmotiviert wieder das Gaspedal durchgetreten wird. Aber wie tief gehen alle diese Bilder wirklich? Nicht allzu tief, vermute ich. Wem zwischendurch die Tränen kamen, möge es einmal mit der folgenden, nicht autorisierten Variante versuchen, in der “Everybody Hurts” ersetzt wurde durch das, was sich am ehesten als “generic period music” bezeichnen ließe (vermutlich, um einer Takedown-Notice vorzubeugen):
TAC 2009 Campaign TV Ad-Everybody Hurts (without the song)
Musik spielt hier eine entscheidende Rolle: Sie springt als Stand-In für den fehlenden Kontext ein, um emotionale Bezüge zu den Charakteren zuzulassen. Dies ist eine Scheinkontextualisierung. Und die anderen Mittel sind es ebenfalls, wenn klassisches Shockvertising versucht, durch das Ansprechen primärer Lebenssituationen den Anschein von Kontext zu erwecken: Verlust von Familienmitgliedern, engsten Freunden, Leib und Leben. Das funktioniert bis zu einem gewissen Grade, aber eher wie eine schnelle Droge, die auch schnell wieder verfliegt. Denn der maximale Wiedererkennungswert wird bezahlt mit maximaler Beliebigkeit, die dem A und O wirksamer Werbung, be specific!, zuwiderläuft.
Und warum nicht konditionierend genug? Shockvertising versucht, bestimmte Bilder in unserem Gedächtnis — am liebsten gleich im limbischen System — so zu verankern, daß wir sie in ähnlichen Situationen automatisch abrufen und uns auf die gewünschte Weise verhalten. Aber Konditionierung funktioniert nicht auf diese „indirekte“ Weise. Konditionierung funktioniert „direkt“ durch Eindrillen der gewünschten Verhaltensmuster selbst. (Und sogar die prinzipielle Abrufbarkeit dieser Bilder würde ich in Frage stellen, da Menschen extrem gut darin sind, gerade die unangenehmen Dinge zu verdrängen.)
Aber es gibt Alternativen, und zu denen gehört auf jeden Fall der halbstündige walisische PSA-Film COW, den ich bereits mehrfach | ansprach. In COW wird mittels Storytelling echter Kontext geschaffen mit Identifizierungsstrukturen für Konflikte und Charaktere.
Aber es geht tatsächlich auch ganz anders, wie der phantastische PSA-Spot “Embrace Life—Always Wear Your Seatbelt” von der Sussex Safer Roads Partnership beweist, ein echter „Ausreißer“ im Shockvertising-Genre, der bereits nach wenigen Wochen auf zweieinhalb Millionen YouTube-Views zusteuert. Rudimentärster Kontext, kein Schock, kein Horror, keine Konditionierung. Aber jede Menge Emotion:
Sussex Safer Roads Partnership—Embrace Life
Hier die vollständigen Credits für “Embrace Life” und hier ein Interview mit Neil Hopkins, Communications Manager der Sussex Safer Roads Partnership.
Marc vom Osocio Weblog, der das Interview führt, nennt den Spot “beautiful and meaningful”. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
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7 Kommentare
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- Roland Kühl-v.Puttkamer: Hey Boogie, ja Fourtrack wird auch noch gefeatured hier. Klar. Gehört zum Westentaschenstudio absolut dazu.
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Am 3. März 2010 um 21:57 Uhr
sehr schöne analyse!
und genau den spot zu embrace life hab ich seit tagen gesucht ;)!
merci alors…
Am 3. März 2010 um 22:00 Uhr
THX! :-)
Am 4. März 2010 um 08:37 Uhr
Ich selber bin eine Zeit lang auf der B4 in Niedersachsen gefahren. Die B4 ist zwei-spurig führt durch Wälder. LKWs befahren auch die B4 für die meisten Autofahrer kann es nie schnell genug zugehen.
Shockvertising ist die Antwort auf die Fassungslosigkeit wie (meist junge) Menschen ihren Wagen um den Baum “wickeln”. Ein Menschenleben ist fortgegangen und das bedeutet tatsächlich was für ganze Familien. Dörfer haben Anteilnahme wenn sich ein Mensch aus der Gemeinschaft verabschiedet.
Shockvertising ist als Reaktion auf den Schock und die Trauer wie so etwas jederzeit passieren kann.
Und genauso wie schockierend sodas sein kann, genauso ausblenden kann man das auch.
“Wird mir schon nicht passieren!”
“Das war ein Kleinwagen. In meinem Combi/Jeep passiert mir nichts.”
“Ich hab den Überblick weil ich höher Sitze als alle anderen.”
Und ich sage mal: Es sind diese Gedanken, die Leute dazu verleiten
1. grössere Autos zu kaufen (auch zum Wohle der Industrie) und
2. schneller zu Fahren, weil es ja den anderen Treffen könnte.
Vielleicht müsste man bei der Werbung noch stärker Informieren:
+ Ein NCAP Sicherheitstest wird bei 64 km/h gemacht
+ Die Gesetze der Fahrpyhsik werden nicht durch den Kauf bestimmter Fahrzeugmodelle ausser Kraft gesetzt.
+ Einen Unfall überleben ist eines. Wie das leben danach weiter geht, ist eine andere Sache.
Am 4. März 2010 um 09:01 Uhr
Merkwürdigerweise kann ich relativ ungerührt einen Splatterquatsch angucken, während es mir schon vor 15 Jahren bei den australischen Spots den Magen umdrehte: In einem dieser Spots sieht man eine Mutter den Namen nach ihres tote Kindes rufen, sie wird von Beamten zurückgehalten, rennt dann aber doch hin, um es in den Arm zu nehmen. Diese Bilder hatte ich lange im Kopf und erkannte sie sofort wieder, als ich eben den Zusammenschnitt sah. Und, ja, mir kamen die Tränen. Vielleicht bin ich ja auch gar nicht die Zielgruppe, weil ich eh eher zaghaft und übervorsichtig Auto fahre. Und entweder was trinke ODER fahre. Aber mich fassen diese Spots an, und ich glaube auch, dass dieser Schock durchaus heilsam sein kann.
Embrace Life ist wunderschön. Und hat eine faszinierende Idee. Und kriegt bestimmt Cannes-Metal (wie vor Jahren der oben erwähnte Mamaschreit-Spot). Aber Papas Grinsen am Anfang ist fürchterlich – und schon bin ich nicht mehr richtig bei der Sache.
Insofern halte ich aus ganz persönlichen Gründen die Diskussion für durch: Beide (und andere) Wege dürften funktionieren. Für mal diesen, mal jenen, mal andere.
Also hat jeder seine Berechtigung. Oder?
Am 4. März 2010 um 12:52 Uhr
[...] LIFE 4. März 2010 \ Sehenswertes, Werbung \ von Damian \ 0 Kommentare Beim Werbeblogger gibts einen äusserst interessante Beitrag zum Thema Shockvertising und dessen Wirksamkeit. Ich [...]
Am 5. März 2010 um 08:57 Uhr
Hallo,
ich habe mir die Videos angesehen und sie haben mich nachdenklich gemacht. Zuerst haben mich die Filmszenen an meine Jugendzeit erinnert: Ich denke jeder kann sich hier an die eigene Nase fassen und hat selbst schon die ein oder andere Situation von verantwortungslosen, angeberischen Verhalten erlebt. Und wie war es dann, hatte man den Mut einzugreifen und demjenigen ein Taxi zu bestellen?
Dann habe ich mir Gedanken über die Wirkung dieser Clips gemacht: Die Zielgruppe ist breit in unserer Gesellschaft verteilt, die Botschaft soll daher auch breit ankommen.
Ob dies dann auch der Fall ist, ist schwer zu messen.
Gruß
Am 7. März 2010 um 14:35 Uhr
[...] (Direktumarmung, via Werbeblogger.de) [...]