25.01.10
12:06 Uhr

Lizenzgebührendiabolo: Leno, CoCo, ein Bugatti Veyron und die Rolling Stones

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Conan, Bugatti Veyron und die Rolling Stones

Für diejenigen, die es nicht oder nur halb mitbekamen: Die traditionsreiche Tonight Show, eines der stärksten Formate und Marken des amerikanischen TV Networks NBC, liegt zur Zeit in Trümmern. Der Grund: Nachdem Jay Leno die Tonight Show 17 Jahre moderierte, wurde Conan “CoCo” O’Brien, der vorher NBCs Late Night-Format leitete, sein Nachfolger. Jay Leno bekam dafür eine neue, eigene Show vor dem Slot für die Tonight Show. Als nächstes passierte folgendes: 1) Conan hatte quotenmäßig mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen. Nichts ungewöhnliches, denn seinen Vorgängern erging es ähnlich — speziell auch Jay Leno, nachdem er damals die Show von seinem legendären Vorgänger Johnny Carson übernahm. 2) Die Quoten für Lenos eigene Show waren bedrückend schlecht. Daraufhin entschied das NBC Universal-Management, vermutlich nicht ohne Placet von Präsident und CEO Jeff Zucker, Jay Lenos neue Show nachtwärts und Conans Tonight Show auf den alten Late Night-Slot zu verschieben.

Zu verwirrend? Wartet! Hier, trotz Mandarin-Chinesisch, eine klare und verständliche Aufbereitung aus dem taiwanesischen Fernsehen vom Hongkong-basierten Dienstleister NMANews (die schon mit ihrem Tiger Woods-Clip Internet-Geschichte schrieben):


NBC—In the News

Die Folge: Chaos, böses Blut, aufgelöste Verträge, ruinierte Marke.

Conan O’Brien wurde aus dem Vertrag entlassen und satt abgefunden, die meisten Entertainer stehen auf seiner Seite und jede Menge Häme fliegt umher auf Lenos Kosten, dessen neuem Format — und NBC — das alles gewiß nicht guttun wird. Aber Conan, als guter Entertainer, setzte dem noch einen drauf mit dem folgenden “comedy bit” :


The Late Night Show with Conan O’Brien—Bugatti Veyron-cum-Rolling Stones

Ich weiß nicht, wie lange der Link am Leben bleibt (ich habe ihn seit gestern abend drei Mal ausgewechselt), da NBC Universal die Clips überall herunternehmen läßt (wahlweise “This video is no longer available due to a copyright claim by NBC Universal” oder “This video contains content from NBC Universal, who has decided to block it”), einschließlich von NBCs eigener Website und dem (ebenfalls NBC-eigenen) Hulu. Deswegen eröffnete ich den Beitrag nicht mit dem Video, sondern mit einem Screenshot, und transkribierte die Sequenz wie folgt:

[Conan:] The good news is, that until NBC yanks us off the air, we can pretty much do whatever we want, and—this is the best part—we can do whatever we want, and they have to pay for it.

So, for the rest of the week, we’re going to introduce new comedy bits that aren’t so much funny as they are crazy expensive.

With that in mind, say hello to our new Tonight Show character, the Bugatti Veyron Mouse!

Here it is, ladies & gentlemen, there it is: the most expensive car in the world dressed up like a mouse.

And, as you can hear, the mouse’s theme song is the original master recording of the Rolling Stones’ classic, “Satisfaction.”

So let me ask you a question.

Is this appropriate music for a car that looks like a mouse?—No!!
Does it add anything at all to this comedy bit?—No, it doesn’t!
Is it crazy expensive to play on the air, not to mention to re-air this clip on the Internet?—Hell, yes!!

That’s right, ladies & gentlemen, total price tag for this comedy bit: $1.5 million!

Sorry, NBC! We take a break and we’ll come back…

Das sah zunächst nach dem teuersten Comedy-Skit seit Bestehen des Fernsehens aus: Über $1.5 Millionen, die sich zusammensetzen aus der Miete des Bugatti Veyron (dessen aktuelles Modell $2 Millionen kostet) und den Lizenzzahlungen für “Satisfaction.” Aber ganz so war es gar nicht. Zum einen ließ das Petersen Automotive Museum in Los Angeles verlauten, daß das verwendete 2006er-Modell ohne Gebühren an die Tonight Show verliehen worden war. Zum anderen mußte der Löwenanteil, die Lizenzzahlungen für “Satisfaction”, wohl ebenfalls nicht auf den Tisch gelegt werden:

New York-based entertainment lawyer Steve Gordon says that existing agreements between NBC and music licensing companies would allow the “Tonight Show” to play “Satisfaction” at no additional cost for a live or time-delayed performance.

If the show were to be rerun, he said, NBC might have to pay $25,000 to $50,000 for the song’s use to its owner, Abkco, which owns much of the Stones‘ early work.

Aber:

If a clip of the song were used on the Internet, he said, a similar or greater fee could apply, assuming Abkco allowed permission for its use.

Kein Wunder also, gerade bei der hohen Viralität des Clips, daß NBC Universal seine DMCA-Schocktruppen über YouTube ausschwärmen läßt.

Conan O’Briens Bugatti Veyron Mouse-Skit war also eine Art “Double Prank” und empfindliche Kosten entstehen erst durch die rege Verbreitung des Clips im Internet. Angenommen aber, der Preis wäre echt gewesen: Läge dann nicht der Einwand nahe, so viel Geld für eine „Racheaktion“ auszugeben sei ethisch bedenklich oder zumindest diskutabel? Im Lichte des Erdbebens auf Haiti und anderer, teilweise dauerhafter Katastrophen rund um den Erdball?

Von relationalen Einwänden mal ganz abgesehen: Eher nein. Denn Copyright-Lizenzgebühren sind, nicht anders als Patentgebühren, rotierendes Kapital. „Geld“ mit tatsächlicher Kaufkraft aus Lizenzgebühren kommt in lediglich homöopathischen Dosen bei den Kreativen an, auch wenn diese infinite Verdünnung vom Verwertungsrechte-Mob zur gigantischen gesellschaftlichen Wirkkraft aufgeblasen wird. Die tatsächlichen Unsummen aus Lizenzgeschäften dagegen werden von den Verwertern untereinander wie rotierende Diabolos in der Luft gehalten und sich gegenseitig zugeworfen — etwas „kaufen“ können diese Spieler sich damit genausowenig wie mit den munter rotierenden “bad bank assets”, die ebenso wertlos sind und deren ebenso unproportional starke gesellschaftliche Wirkkraft wir unlängst ebenso deutlich zu spüren bekamen. Insofern hielte ich Conans Aktion abseits aller theoretischen Überlegungen selbst dann nicht für unethisch in der Praxis, wenn das Preisschild echt gewesen wäre. „Echt“ in diesem Sinne sind vielmehr die sechs- und siebenstelligen Gewinne aus dem Krieg, den die Rechtewerter über die Köpfe der Kreativen hinweg nicht nur mit deren Kunden, sondern auch mit deren Händlern online und offline führen — ob die Kreativen das wollen oder nicht. Um es aus der Perspektive von Entropie und Ektropie in Unternehmensorganisation, Markenführung und Produktinnovation zu formulieren: In dem Maße, in dem Lobbying, Lizenzgeschäft und Klagemaschinerie der Verwerter sich zu immer komplexeren, aberwitzigen, borgesianischen Labyrinthen organisieren, sterben Marken, Produkte und Dienstleistungen allmählich den Gleichförmigkeitstod durch die Abwesenheit von Innovation. Die Diabolos bleiben in der Luft mit immer aufwendigeren und kapriziöseren Figuren, während um die Spieler herum alles mehr und mehr verwildert, einschließlich der Spieler selbst.

Update 25.10.2010 16:55
Dank an Jan in den Kommentaren für den Link zu einer Dokumentation von CoCos letzter Show auf gawker.tv und für den Hinweis, daß CoCo mittlerweile deutlich werden mußte: “There was an outrage on the internet that we’re wasting all this money. IT’S NOT REAL!” Eben. Auf mehr Weisen, als den meisten klar ist.

4 Kommentare

  1. Markus Roder

    Grossartiger Kommentar.
    BTW, I’m with CoCo ;).

  2. J. Martin

    THX! :-)
    BTW, me too ;-)

  3. Jan

    Auf tv.gawker.com kann man sich durch alle Videos der Tonight Show und der Konkurrenz-Shows der vergangenen Tage klicken, auch von dieser Seite des Atlantiks aus.

    An dieser Stelle gibt es die kompletten Mitschnitt aus seiner allerletzten Sendung:
    tv.gawker.com/545513...

    Der Bugatti war ja erst der Anfang, der letzte „Prank“, mit dem man NBC „schaden“ will, besteht daraus, dass ein fossiles Skelett(!) Beluga-Kaviar(!) auf einen Original-Picasso(!) sprüht; die Aktion kostet angeblich 65 Mio. Dollar(!).
    Klingelt’s?
    Und denjenigen, die es bis dahin noch nicht begriffen haben, teilt Conan wörtlich mit: „There was an outrage on the internet that we’re wasting all this money. IT’S NOT REAL!“

    Da das Ganze so dermaßen „over the top“ ist, finde ich es etwas unglücklich, hier extra nachzuweisen, dass das Geld dafür gar nicht ausgegeben werden musste. :o)

  4. J. Martin

    @Jan Super, danke! Hab Deinen Link und das Zitat als Update in den Beitrag aufgenommen.

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