18.01.10
10:56 Uhr

Die Retweet-Generation. Kollektivismus vs. Individualismus.

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Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der FAZ und Autor des kürzlich erschienenen Buches „Payback“, meint es ernst. Kaum ein Tag vergeht, an welchem die FAZ nicht die digitale Debatte befeuert.
Was macht das Web bzw. universelle Softwarealgorithmen mit unseren Hirnen?
Wie begegnen wir der Informationsflut in einem wachsenden „sozialen Raum“ auf digitaler Ebene, der gepflegt werden will, immer und überall?!
Was bedeutet es, wenn unser Leben für die (Computer-) Systeme von Regierungen, der (Werbe-) Wirtschaft oder  Gesundheitssystemen mehr und mehr auf digital gesammelten Informationen beruht, mit denen umfangreiche menschliche Vorhersagemodelle auf Basis von Rechenmodellen erzeugt werden?

Gestern folgte ein weiterer Artikel, der der sogenannten (von mir aber nicht wirklich als Gruppe identifizierbaren) „digitalen Avantgarde“ den Spiegel vorhalten will. Das Bemerkenswerte an Artikeln dieser Art ist, dass die FAZ ihr Thema immer wieder einmal mit Beiträgen von Personen unterfüttert, die sich selbst (auch) in der digitalen Welt heimisch fühlen, zugleich aber mittel- oder unmittelbar Schlüsselthesen in Frank Schirrmachers Buch stützen.

Konkret äußert sich nun Jaron Lanier, der den Begriff des „digitalen Maoismus“ schuf und bekennender Kritiker von Anhängern der sogenannten „Schwarmintelligenz“ ist, die den (intellektuellen) Kollektivismus über den Individualismus stellen wollen.

In einem längeren Abschnitt beschäftigt er sich auch mit der Werbung, die in der Tradition der frühen Netzhippies zwar mehrheitlich Ablehnung erfuhr, heute aber in ihrer Bedeutung durch die „digitalen Maoisten“ und Anbeter der Bit-Illusionen“ zur einzig anerkannten kommerziellen Währung im Netz erhoben wird.

Ironie des Schicksals: Heute hat sich die Werbung zur einzigen Ausdrucksform gemausert, die in der kommenden neuen Welt echten kommerziellen Schutz verdient. Jede andere Ausdrucksform soll bis zur Bedeutungslosigkeit neu durchgemischt, anonymisiert und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Anzeigen jedoch gestaltet man immer kontextbezogener, und ihr Inhalt ist absolut sakrosankt.

Ohne es wörtlich zu formulieren, stellt Lanier natürlich auch das (Verlags-) Thema „Paid Content“ in den Mittelpunkt indem er unterstellt, dass andere Refinanzierungsformen für individuelle, kreativ-intellektuelle Leistungen im Zuge reflexartiger Ablehnung der digitalen Netzjünger keine Lobby hätten. Damit würde sich letzlich das ganze System in die Fänge und Abhängigkeiten der Werbung und ihrer kommerziell impliziten Verzerrungen begeben. Nanier schlussfolgert:

Ein funktionierendes, auf ehrlicher Schwarmintelligenz aufbauendes System müsste der bezahlten Überredung überlegen sein. Wenn der Schwarm so viel weiß, sollte er jedem einzelnen von uns zu optimalen Entscheidungen verhelfen können, ob es um häusliche Finanzen, weiße Zähne oder unser Liebesleben geht. Die ganze bezahlte Überredung sollte zur Disposition stehen. Jeder Penny, den Google verdient, und das sind eine Menge, spricht dafür, dass der Schwarm versagt hat.

Das ist schon ein weiter Sprung, den Nanier dort vollzieht. Ich kann nicht erkennen, dass Schwarmintelligenz als intellektuelle Größe überhaupt exisitert. Der Schwarm im Sinne einer gesammelten geistig-kulturellen Reflexion stellt sich eher als eine Vielzahl von einzelnen und damit individuellen Überlegungen, Ausführungen und Einsichten dar,  die im Netz archiviert sind.

Der Arktikel, den ich hier gerade verfasse, trägt nicht zur Schwarmintelligenz bei, weil es sie so gar nicht gibt. Im Gegenteil: Durch das Netz beschleunigt sich exponentiell die sichtbare Meinungs- und Intepretationsvielfalt unterschiedlichster Individuen. Was früher durch Medienoligopole nur wenigen Künstlern, Autoren oder Journalisten ermöglicht wurde, kann heute theoretisch jeder tun. Tatsächlich erhöht sich also die Angebotsvielfalt und ihr Variantenreichtum. Der Mensch ist deutlich stärker gefordert, sein Meinungsbild durch technische Filter und vor allem mit seinem eigenen Kopf zu entwickeln. Diese Anforderungen verändern zweifellos unsere Hirne und Wahrnehmungsrezeptoren. Aber sind wir dabei tatsächlich alle Teil einer „Retweet-Generation“, die sich durch die kollektiv beschleunigte aber unreflektierte Weitergabe von Informationen in der Suppe des irrlaufenden Schwarms verliert?

Sind wir alle Nachplapperer einer digitalen Maoismus-Doktrin, die mit falsch verstandenem Gemeinschaftsdenken ein „Werbe-Web“ kultiviert? Ist wirklich niemand bereit, für einen inhaltlichen oder Produktmehrwert zu zahlen? Bleibt als letzter Tauschhandel die Werbung mit „Predicitive Behavioral Targeting„? Verkaufen wir uns am Ende gar alle freiwillig selbst an die Daten- und Werbewirtschaft?

Lanier sieht es wohl so. Wenn seine Studenten über neue Geschäftsmodelle nachdenken, dann interessiert sie offensichtlich nur die Netz-Wolke, der Ort und die Masse, das Steuern des Schwarmgeistes.

An unseren Studenten können wir die Folgen der entstehenden Gesellschaft, in der der Gewinner alles bekommt, bereits beobachten. Die gescheitesten Informatikstudenten wenden sich von den intellektuell tiefgründigen Aspekten des Felds ab und hoffen stattdessen, sich einen Platz in dem neuen Königreich im Zentrum der Wolke zu erobern, indem sie vielleicht einen Hedgefonds programmieren. Oder die besten Studenten brüten über Pläne für ein soziales Netzwerk für reiche Golfer.

In düster gefärbter medialer Retroromantik sieht er schließlich Kreativität, Qualität, Tiefgang und Anspruch eher im alten Mediensystem.

Währenddessen gleichen die wirklich kreativen Menschen, die neuen Proleten, Tieren, die in einer ausgelaugten Wüste alle an den gleichen schrumpfenden Oasen der alten Medien zusammenkommen.

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