15.01.10
14:32 Uhr

Medienkompetenz. Werberfrühförderung. Media Smart.

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Eigentlich dürfte sich die Frage gar nicht stellen, ob wir in den Schulen ein Unterrichtsfach bzw. Schwerpunktthema zu Fragen der Medienkompetenz insgesamt und Internet im besonderen bräuchten. Das Internet hat bei den Schülern und Jugendlichen Jahren schon längst den Stellenwert eines “Leitmediums” und ist somit gelebter Alltag für Kinder und Jugendliche.

Damit sind die meisten Schüler ihren Lehrern um Welten voraus, was die Nutzung des Webs betrifft. Wie aber kann ein Lehrer und “Nichtschwimmer” als “Schwimmlehrer” funktionieren?! Wie erstellen Lehrer ein Unterrichtskonzept für ein Thema, das ihnen persönlich nicht nahe ist? Wie sieht es ggf. dann in der Praxis aus, wenn Schüler Rückfragen haben, die Themen mit ihren praktischen Erfahrungen abgleichen wollen und die Lehrkraft beginnt-diesmal in einem anderen Bedeutungskontext- zu “schwimmen”?!

Als weiteres Hemmnis zeigt sich auch das Problem der fehlenden aktuellen Hard- und Softwareausstattung in Schulen. Am Ende geht es einmal mehr um das liebe Geld und die Frage, wie sich Schulen mit ihren sehr eingeschränkten finanziellen Mitteln und Handlungsspielräumen überhaupt noch den aktuellen Lehr- und Lernanforderungen neuerer Zeit anpassen können.

Dieses Vakuum erkennt natürlich auch die Wirtschaft. Schüler und Jugendliche stellen durchaus eine interessante Zielgruppe für die Medien- und Werbewirtschaft dar und es gäbe für die Schulleitungen ggf. durchaus “Angebote”, in Kooperation mit der Wirtschaft wenigstens teilweise bestimmte Projekte, Bauvorhaben aber auch Lerninhalte zu finanzieren. Die Gefahren liegen dabei allerdings auch auf der Hand, denn jedes ökonomisch handelnde Unternehmen verspricht sich von einem “sozialen” Engagement auch eine bestimmte Form von “Benefit”. Ich jedenfalls will mir nicht vorstellen, welche Auswirkungen es hätte, wenn sich einzelökonomische Interessen prägend in der Schulpädagogik festsetzten.
Andererseits kann Schule aber kein rein “akademisches Paralleluniversum” mehr sein, welches die mediale und konsumorientierte Lebenswirklichkeit ihrer Schüler nicht hinreichend berücksichtigt bzw. pädagogisch aufnimmt.

Seit dem 06.10.2009 existiert eine neue Initiative von “Mediasmart e.V.“, einem Verein, dessen grundsätzliche Struktur durchaus kontrovers diskutiert werden kann. Die teilnehmenden Mitglieder repräsentieren Marken wie Burger King, Hasbro, Kellogs, Mattel, McDonalds oder Nokia. Vorsitzender des Vereins ist Claude Schmit, hauptberuflich Geschäftsführer von Super RTL. Mediasmart sagt über sich selbst:

Media Smart e.V. ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung von Medien- und Werbekompetenz bei Kindern. Die Initiative möchte Kinder dazu anregen, Werbebotschaften und – absichten kritisch zu hinterfragen und mit ihnen umzugehen.

Mit dem Kampagnennamen “Augen auf Werbung” stellt die Initiative von Mediasmart nun für Schüler und Lehrer von Grundschulen in NRW ein didaktisches Lern- und Lehrkonzept in diesem Themenfeld zur Verfügung, inkl. der Möglichkeit für Schüler, ihre Spotideen und Konzepte bei Mediasmart einzureichen.

Unter dem Motto „Augen auf Werbung“ kann ab sofort kreativ getüftelt werden! Alle Grundschulklassen in NRW sind aufgerufen eine Werbeidee für ein “selbst ausgedachtes Produkt” zu entwickeln! Dabei kann eure Klasse zwischen Radio-, Fernseh-, Plakat-, Internetwerbung oder Anzeigen in Zeitschriften wählen und euren Werbeentwurf bis zum 12.02.2010 bei Media Smart einsenden! Die besten Entwürfe werden gemeinsam mit Fachprofis in der Klasse produziert und – wie bei jedem Wettbewerb – kürt zum Finale im Sommer 2010 eine Fachjury (bestehend aus Medienpädagogen, Werbeprofis und Redakteuren des Onlinemagazins spinxx.de) die Gewinner!

Als Lehrer hätte man nun eine perfekte Möglichkeit, den Schülern schon anhand dieser Mediasmart-Initiative zu erklären, wie Interessen der Wirtschaft auch in Schulen lanciert werden. “Augen auf Werbung” eben und das gleich zu Beginn.
Es wäre für die wirksame Nutzung dieses zur Verfügung gestellten Programms im Unterricht wesentlich, wenn die Lehrkraft bereits einleitend vermittelt und sensibilisiert, dass die Schüler an einem Programm eines Vereins teilnehmen, der mehrheitlich durch die Werbe- und Kommunikationswirtschaft getragen wird.
Vielleicht finden sich ja dann schon in der dritten oder vierten Schulklasse ein kreatives Kind als geeigneter Werbernachwuchs oder für die nächste Texterschmiede…

Über die auch bei der ARD Monitor-Sendung vom 23.Februar 2006 geäußerte Kritik, dass Mediasmart via Lehrmaterialien Werbung in die Schule tragen wolle, äußert sich auf der Mediasmart-Website Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Medienpädagoge an der Uni Mainz:

Da ich an dem Projekt maßgeblich beteiligt war, kann ich versichern, dass dies nicht der Fall war und ist. Da wären andere Wege sicher erfolgreicher. Dass Firmen, die durch ihre Werbung bekannt sind, sich im Bereich Werbeerziehung engagieren, mag auf den ersten Blick verwundern. Da aber Werbung ein Teil unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems ist, sehe ich nichts Problematisches daran, wenn diese sich für Werbeerziehung engagieren.

Und Mediasmart selbst erklärt:

Bei den Unternehmen, die das Projekt unterstützen, handelt es sich darüber hinaus nicht um eine undurchsichtige Organisation mit „geheimen“ Mitgliedern. Alle Förderer sind namentlich im Lehrerbegleitheft und auf der Internetseite gut sichtbar aufgeführt. Somit ist für jeden Nutzer transparent, wer hinter dem Verein „Media Smart“ steht. Um sich vom kommerziellen Schulsponsoring klar abzugrenzen, verzichteten die Unternehmen bewusst darauf, mit Logo oder Markennamen genannt zu werden.

Also, macht sich hier der Bock zum Gärtner oder bereichert gerade das Unterrichtsmaterial “aus erster Quelle” den “medienkompetenten Lehrplan”? Was meint ihr?

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13 Kommentare

  1. Thomas

    Ich würde die Diskussion gerne mit einem Zitat von Prof. Dr. Dieter Baacke bereichern, das aus dem Infoset „Medienkompetenz und Medienpädagogik in einer sich wandelnden Welt“ des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest stammt:

    Werbung ist nicht „gefährlich“. Unsere Binnenmärkte leben auch vom Konsum, und davon hängt ein Teil des Wohlstands unserer Gesellschaft ab. Werbung ist Bestandteil dieses Systems. Sie beschönigt manchmal und verschweigt die Schwächen eines Produkts. Sie kann uns eine Scheinwelt schöner machen und Menschen zeigen, die nicht in unseren Alltag passen. Damit müssen auch Kinder umzugehen lernen. In der Regel wissen sie sehr wohl, was etwas kostet, wo etwas preiswerter zu finden ist, was sie sich und ihren Eltern (vom Preis her) zumuten können. Elternhaus, Kindergarten und Schule können helfen, dass Kinder „mündige Verbraucher“ werden: Kinder müssen immer wieder lernen und erfahren, dass die Qualität von Werbung wie die Qualität von Produkten unterschiedlich ist. Kinder sind Werbekenner, wir müssen sie nur dazu erziehen, auch kritische Werbekenner zu werden.
    Quelle: mpfs.de/fileadmin/In...

  2. Florian

    Wenn ein von Unternehmen finanzierter Verein Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung nimmt, dann wird das also kritisch gesehen.

    Was genau ist aber der Unterschied zur Einflussnahme durch sonstige Lobbygruppen?
    Ein mir bekannte Grundschullehrerin bringt ihren Kindern die Solartechnik mit Hilfe “gesponsorter” Unterrichtsmaterialien näher.
    Ist es aber etwa kein Eigeninteresse bestimmter Gruppen, das dahinter steckt?

    Und ist das etwa ein Problem?
    Es ist doch nicht verwerflich, dass jemand ein Anliegen, das ihm am Herzen liegt unterstützt. Das für sich genommen ist ja wohl unproblematisch.
    Das Kriterium darf nicht sein, ob jemand anderes davon auch profitiert.
    Das Kriterium darf nur sein, ob der Unterrichtsinhalt die Kinder weiterbingt.

  3. hobbywerber

    Sehe ich nicht so. Unternehmen haben sich werblich aus der aktiven Gestaltung von Unterrichtsinhalten draußen zu halten.

    Denn sie können längst was tun:
    Spenden (und zwar ohne Gegenleistung, nicht so, wie sich das häufig Großunternemen unter “Pflege” der Parteienlandschaft vorstellen.

    Was ihnen keiner verwehren wird. Fast jede Schule hat einen Fördererverein, wo man sich finanziell austoben kann. Wenn ihnen CSR wirklich am Herzen liegt und es nicht nur ein verblasen-firmlierter Eigenkobhudel-Menüpunkt ist auf ihrer Site.

  4. Bernd

    @hobbywerber
    Das ist aber eine sehr spezielle Sicht auf CSR. Die Verantwortung eines Unternehmens geht m.E. über rein finanzielle Wohltaten hinaus und beinhaltet die Teilhabe an der gesellschaftspolitischen Entscheidungsfindungen sowie die Übernahme konkreter Positionen in einer Debatte. Anders: Zum Geburtstag Geld schenken ist eins, mit Bedacht etwas auswählen etwas anderes.

  5. Dirk

    @Florian: Du lässt aber einen Bogen in der Argumentation außer Acht: Die wirtschaftlichen Ziele unterscheiden sich. Klar will auch ein Solarunternehmen Profit machen. Aber ich sehe noch einen Unterschied darin, wenn man den Gewinn macht, indem man ökologischen Strom verkauft, oder ob die Werbung in der Schule dazu dient, dass man Jugendliche animiert, fettige Burger und braunes Zuckerwasser zu konsumieren.

    Zum Tenor des Artikels insgesamt noch zwei Anmerkungen:
    1. Es gibt deutlich mehr internetkompetente Lehrer, als man glaubt. Dass die Jugendlichen da voran wären, halte ich auch für eine Mär. Die können idR besser die Maus schubsen als ältere Lehrer, aber sie verstehen nicht, was sie da tun. Wie oft muss ich monieren, dass mir als Quelle für ein Referat ‘Google’ angegeben wird!

    2. Aus 1. folgt natürlich auch, dass wir mehr Medienkompetenz ausbilden müss(t)en. Aber wo? Wie? Was streichen? Wir müssten auch mehr Wirtschaftswissen vermitteln, sagt die Wirtschaft. Und Jura müsste schon an der Schule gelehrt werden, sagen die Juristen. Außerdem brauchen wir ein Fach ‘Höflichkeit’, mehr Musik- und mehr Sportunterricht und überhaupt mehr medizinische Grundbildung…
    Wird das Problem klar?
    Ich persönlich versuche, möglichst viel Internetproblematik (und -chancen) zu behandeln, wenn es um konkrete Methodenkompetenz fürs Recherchieren und Referieren geht. Und die obligatorische Einheit ‘Fernsehen’ im Fach Deutsch habe ich für meine Klasse deutlich zusammengestaucht und durch Internet ergänzt – das kommt meiner Erfahrung nach der Lebenswelt von Jugendlichen näher.

    Dirk
    PS: Bin übrigens Lehrer für Deutsch und Reli am Gymnasium

  6. Bernd

    @ Dirk
    Ob der aktuell in Deutschland produzierte Solarstrom so ökologisch ist, sei mal dahingestellt. Eine Diskussion darüber führt an dieser Stelle sicher zu weit.

    Aber dass die Zielsetzung von Media Smart ist, “dass man Jugendliche animiert, fettige Burger und braunes Zuckerwasser zu konsumieren”, halte ich für eine, nunja, gewagte These. Das Projekt ist international anerkannt und wird z.B. in England und Holland nicht allein durch Unternehmen, sondern insbesondere durch Politik und Wissenschaft unterstützt.

  7. hobbywerber

    Unternehmen habe nicht in Bildungsinhalte hineinzufuhrwerken.
    Egal ob Solarstromer(wirklich die “Guten”?) oder Junkfoodfirmen.

    Bildung darf nicht dem Kommerz anheimfallen, egal welchem. Genauo wenig wie das Zurverfügungstelsen von Wasser in dem Kommunen (private Investoren sind da von Übel, weil sie kein echtes Intesse an der Allgemeinheit haben, sondern am Gewinn). Bildung und Wasser sind “Grundnahrungsmittel”, die nicht von ökonmischen Interessen gesteuert werden dürfen

  8. Bernd

    @ hobbywerber

    Ihre Position suggeriert eine theoretische Wahlmöglichkeit, die in der Praxis nicht existiert.
    Was ist besser? Eine schöne Turnhalle mit Sponsorlogo des lokalen Energieversorgers oder keine?
    Gute PCs mit Sponsorlogo oder keine?
    Zudem scheint mir im Falle der MediaSmart-Materialen die Situation noch eine andere, da wohl auf Logos und Markennamen verzichtet wird.

  9. hobbywerber

    Doch, wir haben die Wahl:
    Einfach bei der Wahl die wählen, die nicht nur Bildung blubbern (sie nahc der Wahl aber regelmäßig zusammenstreichen), sondern auch machen: für die Jugend mehr ausgeben anstatt Banksterversager zu stützen.

  10. Dirk

    @Bernd:
    “Was ist besser? Eine schöne Turnhalle mit Sponsorlogo des lokalen Energieversorgers oder keine?
    Gute PCs mit Sponsorlogo oder keine?”
    Besser wäre: Firmen, die so viel Steuern zahlen, dass der Staat seine Bildungsverpflichtung auch wirklich umsetzen kann.
    Aber vermutlich bist du ja FDP-Wähler und siehst das anders.

  11. Bernd

    @Dirk

    Ich bin realistisch bzw. pragmatisch.

    Wie lange willst du der Politik geben? Welche Partei setzt deiner Meinung nach deine Pläne um?

    Mir geht es um konkrete Lösungen zum Wohl der Schüler. Parteipolitik und Lamentieren gerne parallel dazu.

  12. Arne

    Von den letzten Regierungen hat jede in Bezug auf den OECD-Vergleich viel zu wenig Geld in die Bildung investiert und es ist keine wirkliche Besserung in Sicht. Ich finde es zwar bedenklich, wenn hier die Privatwirtschaft einspringt, aber aus pragmatischer Sicht unumgänglich. Allerdings hoffe ich, dass die Lehrer insbesondere gesponsortes Lehrmaterial kritisch hinterfragen und ihre Schüler für die Problematik sensibilisieren.

  13. Eatofid

    Der Stellenwert des WWW sollte in den Schulen noch viel höher geschrieben werden wie ich finde. Klar, es ist schon erstaunlich, dass die 10 jährige Knirpse ihre Hausübungen schon am Pc machen müßen, aber das ist eben die Zukunft und auch gut so. Irgendwann wirds mal den Fernseher auch nicht mehr geben. Denke ich mir zumindest. Das WWW siegt eben. :-)

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