08.01.10
17:19 Uhr

Wie hat das Internet mein Denken verändert?

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(Hier nun mein Beitrag zu den konstruktiven Aspekten von Frank Schirrmachers Buch „Payback“, die er sowohl in der Printausgabe der FAZ als auch online auf die Agenda gesetzt hat.)

Mein Vater war Pauker, Philologe. Meine Mutter auch. Beide, aber vor allem in operativem Mandat mein Vater, haben sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir Kinder etwas auswendig lernen. Sei es ein Gedicht zu Weihnachten, unregelmäßige Verben oder ganze Textabschnitte, um sie vor versammelter Familienmannschaft zu rezitieren. Ähnlich wie beim Sport die Muskeln trainiert werden, muss das Hirn sich regelmäßig einer konzentrierten und nicht abgelenkten Gedächtnisaufgabe widmen, um fit zu bleiben. Davon waren meine Eltern überzeugt und praktizierten diese Übung auch regelmäßig in den Klassenzimmern mit den ihnen anvertrauten Schülern.

Es versteht sich von selbst, dass ich damals als Schüler ganz andere Interessen hatte. Aber ich ertappte mich auch dabei, dass mir die Aufgaben zunehmend leichter fielen, je öfter ich mich mit ihnen beschäftigen musste. Und ich wurde irgendwie ruhiger. Das Training wirkte also ganz offensichtlich.

Mit den heute verfügbaren Wissensquellen und den Webtechnologien ist es eigentlich völlig überflüssig, auswendig zu lernen. Es steht doch überall geschrieben, nur einen Klick entfernt. Ist es da nicht viel sinnvoller und effizienter, den Schülern beizubringen, wie sie schnell und gezielt etwas finden können?

Wie sinnvoll sind außerdem Kopfrechenaufgaben, wenn die Verfügbarkeit von Rechenwerkzeugen allgegenwärtig ist? An die Debatte damals, ob man bei Klassenarbeiten der Oberstufe einen Taschenrechner zur Verfügung stellen sollte, erinnere ich mich noch sehr gut.

Und heute? Warum sollte nicht jeder Schüler bei seiner Abschlussprüfung einen Netbook mit Internet-Zugang zur Verfügung gestellt bekommen?! Schule soll doch auf das Leben vorbereiten und das Internet ist nun einmal fester Bestandteil des Lebens…

Meine persönliche Freiheit des Denkens

Ich liebe die Freiheit. Sie ist für mich das höchste Gut. Freiheit bedeutet für mich aber auch, mich befreien zu können von Dingen, die mich überfordern. Konkret: Wenn mir die Lifestreams, Feeds und Mails aus dem ganzen Socialmediadingens auf den Zeiger gehen, ist es höchste Zeit, aus- und abzuschalten. Nicht für Wochen, aber eine Stunde oder zwei bewirken schon Wunder. Ich konzentriere mich dann bewusst auf eine Sache. Das kann das Verfassen eines Artikels sein oder das Lesen in einem Buch, das Blättern in einer Tageszeitung oder einfach ein kleiner Spaziergang. Kein iPhone meldet sich dann, kein Mail-Programm ertönt und meldet die neuesten Mails, kein Skypechat unterbricht diese Pause. In einer (selbst-)bestimmten Form bin ich also mit mir und meinen Gedanken alleine. Telefon leise, Computer aus. Offline. Andere nennen es „Internetdiät„, aber im Prinzip ist es der bewusste Rückzug in die Entschleunigung und Konzentration. Und in den Genuss.

Es ist der Rückzug in das, was in meinem eigenen Kopf liegt und sortiert werden will, ohne der verführerischen Ablenkung durch den nächsten Hyperlink zu erliegen. Kein weiterer Verweis kann mich entführen in die Untiefen der selbstreferenziellen eigenen Wissenssuppe oder der sozialen Neugier und Eitelkeiten. Mein Denken setzt tiefer und nachhaltiger ein, wenn die mediale Rauschmachine ausgeschaltet ist.

Wenn Frank Schirrmacher in seinem Buch einen wichtigen Aspekt thematisiert, dann ist es in der Tat, wie selbstbestimmt wir noch mit unserem Denken umgehen. Im Kommentarstrang meines letzten Artikels zu diesem Thema schrieb ich:

Das Buch gibt richtige Denkanstöße im Hinblick auf das breite Thema Konzentration und Flüchtigkeit. Gerade aber seine [Frank Schirrmachers] Schlussfolgerungen, dass Softwarefilter als maschinenbasierte und damit intuitionsentkoppelte Dienste eher gefährlich denn tauglich wären, halte ich für falsch. Werkzeuge bleiben Werkzeuge und der entscheidende Filter ist das menschliche Hirn – wenn man denn nicht vergisst, es einzuschalten. “If all you have is a hammer, everything looks like a nail”.

Wir beherrschen Technologie nur, wenn sie nicht unser Denken bestimmt oder gar abnimmt. Und wir sollten uns im Klaren sein, dass wir das Wissen dieser Welt eben nicht beherrschen können. Im Gegensatz zu Schirrmacher halte ich aber die meisten der Menschen für reflektiert genug, sich nur dem auszusetzen, was sie für sich verarbeiten und nutzen wollen. Ich sehe eben nicht die tendentiellen pathologischen Züge des Informationsjunkies, der sich gegen seinen Willen weiter einer Informationsflut aussetzt, die er gar nicht will. Wie viele Menschen nutzen das Web im Schwerpunkt nur, um mal eine Reise zu buchen, bei Amazon ein Geschenk zu bestellen oder Homebanking zu nutzen?! Wie viele Menschen haben „nur“ ein Handy und kein Smartphone?! Von Social Media, RSS, Twitter oder Facebook-Lifestreams keine Spur.

Allerdings gilt für mich als Intensivnutzer des Web, dass ich meine eigene Denkmaschine eben auch einmal offline trainiere. Ich bin dann mit mir alleine, aber durchaus nicht einsam. Und ich bin ganz sicher, dass Frank Schirrmacher es auch tut.

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12 Kommentare

  1. Björn

    Standardsituationen der Technologiekritik
    Von Kathrin Passig

    hier zu finden: online-merkur.de/sei...

    wer braucht schon feuer. früher haben wir das fleisch auch roh vom knochen gerissen…

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Björn. Ja, schöner Hinweis. Allerdings geht es mir überhaupt nicht um Kritik am Web bzw. neophobe Neigungen. Ich selbst bin ein leidenschaftlicher Nutzer neuer Webtools, Gadgets etc. Aber ich klinke mich eben bewusst auch einmal aus. Und genau da setzt die Frage an, die FS stellt.

  3. Björn

    und mir geht es nicht um das loben von allen neuen spielzeugen auf der welt. ich hab nur ein handy und kein smartphone. fernsehen ertrag ich beispielsweise überhaupt nicht. das hat sich schlimmer entwickelt als alle skeptiker jemals voraus gesehen haben. und werbung wird auch immer blöder und seichter finde ich. aber das ist meine unbedeutende meinung.
    nur schirrmacher ertrag ich ebenso wenig. einer der alten und hochgespülten, der angst hat seine felle könnten ihm davon schwimmen. der sich (wahrscheinlich zu recht) überholt und überrollt fühlt. von menschen die sich um etwas kümmern, das ihm fremd ist. das blitzt für mich immer wieder durch.
    ob das auswendiglernen von schillers glocke einen menschen besser/moralischer/wertvoller macht kann ich nicht beantworten. sicher ist, dass jemand dessen hirnstrukturen für diese lernaufgabe trainiert wurden sich mit entsprechenden vernetzungsaufgaben schwerer tun wird. da werden andere muskelbereiche beansprucht (wie ein diskurswerfer, der mal eben die hundert meter laufen soll).
    ich persönlich finds gut, wenn sich erstsemester mehr gedanken drüber machen wie man aktuelle probleme anpacken kann (vielleicht sogar lösen mit vernetzung und neuer technologie) statt der bibliothek noch eine durchschnittliche arbeit über goethes osterspaziergang hinzuzufügen (come on, 200 jahre her, let go).
    beim ausklinken bin ich übrigens ganz deiner meinung, das ist unendlich wichtig und notwendig.

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Björn: Schöner Kommentar. Danke.
    Nur zur Klärung: Das mit dem gedrillten Auswendiglernen hab ich schon länger komplett abgelegt. Ich steh heute mehr auf „standup“ und vertrau auf das, was ich noch im Kopf behalte, wenn es denn los geht. ;-)

  5. Vroni

    Ja, da Internet verändert das Denken.

    Man will schnell aufs schnelle Lesen hergerichtete Info-Brocken, die häufig nur beliebte Phrasen dreschen, schweift rascher ab und weg. Die verschiedenen Bedeutungs-Ebenen, die ein guter Text haben kann, interessieren dann schon nicht mehr, man ist ja längst woanders. Texte werden nicht mehr erarbeitet, sondern konsumiert. Man wird schlau in „wie klicke ich schnell noch das an“ und im Bedienen der bunten Buttons und Funktionen, das ja. Reicht aber diese technisch sicher gewachsene Intelligenz aus? Ist das alles, was wir bei uns schulen können? (wenn man althergebracht Intelligenz gleichsetzt mit Schnelligkeit im Denken, das ist jedoch überholt).

    Das Auswendiglernen schulte zumindest in Rhythmus und Klang (das sind Dimensionen, die wir heute schon verloren haben, außer wir sind Musiker…), denn nur der merkte sich seine Lieder und Gedichte gut, wenn er sie sich selbst vorsagte. Was für ein verlottertes^^ Kulturvolk wir geworden sind, fällt mir immer wieder auf Feiern auf, wenn gängige Lieder gesungen werden sollen. Über die erste Strophe oder den „smashin'“ Refrain kommt oft keiner raus. Im empfinde solche Situationen als peinlich. Oft passiert auch, dass beim Hymnenabsingen die Leute nicht wissen, das nur die dritte Strophe von Hofmann von Fallersleben aktuell unsere Hymne ist und singen die falschen Strophen :-), wenn sie sie überhaupt können. Man kann halt nicht in jeder Situation schnell auf dem iPod im Wikipedia nachschauen und dann wirds eben peinlich.

    Ob der Verlust der im Kopf verankerten Kultursäulen wie Lieder und Gedichte mit dem Internet zusammenhängt, weiß ich nicht, ich glaube das war schon vorher. (Dann ist es noch schlimmer… :-))

    Das Abendland geht damit nicht unter, ich empfinde halt die Ungeduld und Hektik und die bunten herumirrenden Infobrocken als eher unangenehm und möchte mich damit nicht länger als nötig aufhalten. Jeder kann ja im Internet dahin wo er möchte, er kann die Klickstrecken von STERN besuchen, er kann aber auch auf Perlentaucher gehen. Nur befürchte ich, dass der STERN (et alii) einfach bekannter ist und in der Menge das Rennen gewinnt :-)

    welt.de/wissenschaft...

    Buchempfehlung: Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit.

  6. Björn

    da sprichst du noch etwas wichtiges an, roland, früh gelernte strukturen halten offensichtlich. umso wichtiger also, dass eltern ihre sprösslinge nicht nur mit videospielen und fernsehen ruhig stellen sondern vielleicht auch mit einem buch füttern.
    sollte übrigens gar kein angriff sein.

  7. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Schön, dass die FAZ heute das Thema auch an Blogger und Netizens weitegereicht hat. Don hat sich auch schon geäußert…
    faz.net/s/RubCF3AEB1...

  8. ramses101

    @Vroni: Mein Reden. Ich bin außerdem der Meinung, dass Auswendiglernen durchaus noch Teil im Deutschunterricht sein sollte. Es schult sprachlich und es schult das Denken. Kann ja beides nicht schaden.

    Ich bin natürlich auch der Meinung, das Medienkompetenz geschult werden sollte. Wenn ich bei der Jugend von heute(TM) in Hausarbeiten als Quelle permanent Wikipedia präsentiert bekomme, dann ist das nämlich medieninkompetent.

    Aber ich merke das bei mir selbst: Im Studium (Internet gab es zwar in Ansätzen, aber mehr als technisch-akademisches Ding) hatte ich kein Problem, mich 3 Tage in der Bibliothek durch Tonnen von Büchern zu wühlen, auf der Suche nach einer (!) Information. Heute bin ich genervt, wenn ich diese Information nach 3 Minuten nicht im Netz gefunden habe.

    Natürlich verändert das Internet das Denken. Das haben aber das Buch und das Fernsehen auch getan. Die Frage ist also, was man daraus macht und wie man die negativen Aspekte kompensiert. Und das kommt mir in Payback einfach zu kurz.

    Auch wenn es durchaus thematisiert wird, aber eben erst nach dieser Larmoyanzwelle, die dann auch eine gewisse Reaktanz hervorbringt.

  9. ramses101

    (Und ich kaufe ein „s“. Warum gibt es hier eigentlich keine Editiermöglichkeit?)

  10. Roland

    @ramses101: Kütt Weil, kütt Edit. ;-)

  11. Dominik Wagner

    Hauptproblem ist aber, dass das Wissen im Netz nicht immer richtig und wahr ist. Auch bei Wikipedia kommen Fehler dieser Art vor. Und was soll dann der Schüler der Zukunft können? Sachen effizient und schnellstmöglich im Netz suchen?

  12. Clay Shirky: “It’s Not Information Overload. It’s Filter Failure.” | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Clay Shirky: “It’s Not Information Overload. It’s

    […] uninteressant fände: Gerne las ich Rolands Einträge zu dem Thema (aktuell hier und hier und hier) und empfehle sie als Lektüre zum aktuellen Stand der […]

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