06.01.10
15:15 Uhr

Schirrmachers kalkulierte Abrechnung

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Wenn ich ein Buch mit dem Titel “Payback” im eingeschränkten Urlaubsgepäck mit mir trage (und mich sowieso an der Grenze des erlaubten Bordgepäck-Gewichts großer deutscher Airlines befinde), dann ist daraus zu schließen, dass ich das neue Druckerzeugnis von Frank Schirrmacher auch lesen will. Es ist nämlich durchaus nicht so, dass Schirrmacher mit vielen seiner Beobachtungen bezüglich des medialen Kommunikationswandels gänzlich falsch liegen würde. Alleine seine Schlussfolgerungen, welche er im Ursprung aus seiner ganz persönlichen mentalen Irritation im Umgang mit der beschleunigten Medien- und Computertaktung ableitet, wirken befremdlich. Der Untertitel des Buches bringt sein Leitmotiv präzise zum Ausdruck:

Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.

Arzt oder Patient?

Der Medienmacher Schirrmacher begibt sich also in eine andere Rolle. Er stellt sich dem Leser gleich zu Beginn als „medialen Leidensgenossen“ einer omnipräsenten Informationsbeschleunigung zur Verfügung, als Bruder im Geiste derer, die zunehmend auch das Gefühl haben, durch das Informationszeitalter überfordert zu sein. Hier schreibt scheinbar nicht mehr der Arzt einen Ratgeber sondern ein Patient für Patienten. Persönliche Schwäche zu zeigen und Fehlbarkeit einzugestehen dokumentiert auch der allererste Satz des Buches:

Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin.

Dieser Einstieg schafft Grundsolidarität mit dem Autor. Wer hat nicht selbst schon einmal dieses Gefühl gehabt, genervt zu sein von dem laut tickenden Realtime-Web und Lifestreams von hunderten von Followers und Friends, die unsere ständig anwachsende und nicht enden wollende sozial-informativ-werbliche Timeline füllen.

Aber Moment… Wer spricht hier eigentlich (und wer liest hier)?! Der schreibende Patient (Schirrmacher) ist Medienprofi und der lesende Patient (in diesem Fall ich selbst) ist ebenfalls in der Kommunikationswirtschaft zu Hause. Es treffen sich also zwei Menschen, die sich in der Tat aktiv und intensiv mit neuen Technologien, Filtertechniken, Recherchetools, neuen Medienformen und Angeboten beschäftigen -zwei „Kranke“ mit einer mehr oder minder ausgewachsenen „Déformation Professionnelle“.

Wer ist hier krank?

Wie sehr Schirrmacher (und auch ich) sich aber in seinem Mediennutzungsverhalten von der Mehrzahl anderer Menschen unterscheidet, wird klar, wenn man alleine den Freundeskreis beobachtet, der nicht aus der Branche kommt. Unabhängig vom Alter kann ich zumindest in meinem erweiterten persönlichen und familiären Umfeld feststellen, dass der von Schirrmacher beschriebene informative Overflow durchaus nicht so ausgeprägt und verbreitet ist, wie es das Buch zu vermitteln versucht.

Viele der „Patienten“, die er solidarisch in seine Selbsthilfegruppe holen möchte, haben gar keine Befunde dieser Art. Aber es ist durchaus nachvollziehbar, wenn er als Arzt einen breiten Patientenstamm kultivieren will, auch wenn dieser sich der Droge „Social Media“, „Web 2.0“ und mobiler Dauererreichbarkeit durch bewussten Entzug bzw. eigene Filter durchaus wirksam zu entziehen vermag und daher übrigens gerne bei Bedarf auch auf Print-Medien wie die FAZ, Zeit, Süddeutsche und andere zurückgreift. Ohne diese große Gruppe wäre der wirtschaftliche Schaden bei den Verlagen noch ungleich größer.

Kontrolle, Macht und Herrschaft

Schirrmacher will dennoch seine Kontrolle zurück. Nur was bedeutet „Kontrolle“ in diesem Kontext und für einen Medienmacher klassischer Prägung? Kontrolle bedeutet Macht, auch die Macht und Herrschaft über die Informationen und Filter, die Schirrmacher noch vor einer Dekade als Teil der alten und linearen Medienzeit inne hatte. Letztlich stellen sich die „Schwächen“ Schirrmachers als Parabel für die Schwächen des alten Medienapparates dar, der seine Informationshoheit verloren hat. Der Untertitel seines Buches könnte also auch als selbstreferenzieller Aufruf für seine eigene Branche lauten:

Warum wir Zeitungsverlage im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unseren Markt zurückgewinnen.

Die Ubiquität von Information, Wissen und Nachrichten abseits klassischer Kanäle ist allerdings nicht mehr kontrollierbar und das ist auch gut so. Für Medienmanager alter Schule ist das natürlich ein Albtraum, für die meisten Menschen aber eine Entwicklung, die deutlich mehr Vorteile als Nachteile bringt, auch wenn die „Unruhe“ mitten in einer Revolution nicht jedem direkt schmeckt und die sich verändernde Mediennutzung fortlaufend gelernt werden muss. Pathologische Symptome in dieser Zeit des Medienwandels sind jedenfalls weniger bei der breiten Masse an Menschen erkennbar als bei Teilen eines veralteten Mediensystems, welches sich in Auflösung befindet.

Dass mit dieser „Auflösung“ auch der so oft zitierte „Qualitätsjournalismus“ untergeht, ist hingegen überhaupt noch nicht ausgemacht, auch wenn mit alternativen Existenzmodellen in dieser Phase des Umbruchs erst weiter experimentiert werden muss.

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17 Kommentare

  1. Medienwandel: Vom Filtern und Finanzieren » 50hz - Werkstatt für Netzkommunikation

    [...] geworden auf Martins Beitrag bin ich übrigens durch diese ebenfalls lesenswerte Kritik über Schirrmachers Payback von Roland im [...]

  2. Vroni

    Ohne den Wälzer jetzt gelesen zu haben. (Wer hat ihn gelesen?):
    Ich sehe beim Großen Schirrmacher – Kotau, verbeug – große Unlogik.

    Dein persönlich gehaltenes Exzerpt sagt mir (ich kann mich irren und das fehlinterpretieren), dass Schirrmacher einmal als Betroffener redet und versucht Gleichgesinnte um sich zu scharen und einmal dann aber wieder als als “wir, die Verlage”.

    Clever: die allseits vermutete Ohnmacht des Einzelnen (identisch mit Verlust der Kontrolle) erfreut (Strohmann-Argument) gleichsetzen mit dem erlittenen Verlust der Kontrolle der Verlage. Sollte so etwas jemand als Diplomarbeit abliefern, wäre das klar eine unsaubere Arbeit.

    Funktioniert sicher bei vielen, gerade konservativen, Lesern. Weil die über das Einfallstor “Internet ist unüberschaubar, wild und frisst mich auf” gut zu erreichen sind. Und die – einmal damit clever abgeholt – die Unlogik seiner unredlichen Argumentation nicht mehr bemerken.

  3. Tim

    Kann mich dem Schluss durchaus anschließen; keiner verlangt von Dinosauriern, geräuschlos Auszusterben. Der Unterschied zwischen den Mediendinos von heute und den Tyrannosauri von “damals” ist halt nur, dass die heutigen Riesenechsen vor einem Freitod stehen. Wodurch auch wieder verständlich wird, wenn die medialen Säugetiere etwas gelangweilt und zwischendurch genervt dreinschauen*

    Sehenswert ist die Aufbereitung bei EDGE (inkl. Video-Interview mit Schirrmacher): tinyurl.com/ykwpz9r

    Dort antwortet zum Beispiel Steven Pinker: tinyurl.com/ykyaov3
    Und lesenswert ist auch Nick Bilton: tinyurl.com/ydnap8a

    —–
    * Nein, ich glaube nicht, dass “sie alle” aussterben werden. Aber nach den wilden 80ern und den toften 90ern tut ein wenig Unkraut jäten ganz gut. Und schließlich gilt auch hier: Die Protagonisten spielen keine Rolle. Dieses Thema wird systemisch gelöst werden. Ein evolutionäres Weltbild wird jedem Beteiligten beim Überleben behilflich sein.

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Vroni: Payback behandelt eigentlich NICHT den “Qualitätsjournalismus”, das Verlagswesen etc. Das macht es ja so anders. Auch stellt FS immer wieder heraus, dass es ihm nicht um die Verteufelung der neuen Technologie im Grundsatz geht. Die von mir formulierten Ableitungen sind also meine ganz persönliche Lesart und Interpretation ;-).

  5. Vroni

    Das habe ich ja grade gesagt (dass ich deine persönliche Lesart als Grundannahme nehme).

  6. Lesetipps für den 7. Januar | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

    [...] Roland Kühl-v. Puttkammer zum gesammelten Leiden des Frank Schirrmacher an der Explosion der Signifikanten im virtuellen Raum. [...]

  7. ramses101

    @Roland: er schreibt ja unter anderem, dass es sich negativ auf das Denkvermögen auswirkt, wenn man permanent zwischen verschiedenen Informationsquellen hin und herspringt. Er lässt also nach seinen “Informationen” den Leser den entscheidenden Schritt selber gehen, ohne von sich aus zu sagen: Papier gut. Von daher dürfte deine Interpretation durchaus gewollt sein – wenn auch unter anderen Vorzeichen.

    Wenn man das ausklammert, finde ich das Buch aber durchaus lesenswert und auch nicht uninteressant. Mit seinen Gedanken zum Information-Overflow hat er zum Beispiel m.E. völlig recht – wenn da nur seine implizierte Lösung “Journalisten als Filter” nicht wäre.

  8. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @ramses101: Das Buch gibt richtige Denkanstöße im Hinblick auf das breite Thema Konzentration und Flüchtigkeit. Gerade aber seine Schlussfolgerungen, dass Softwarefilter als maschinenbasierte und damit intuitionsentkoppelte Dienste eher gefährlich denn tauglich wären, halte ich für falsch. Werkzeuge bleiben Werkzeuge und der entscheidende Filter ist das menschliche Hirn – wenn man denn nicht vergisst, es einzuschalten. “If all you have is a hammer, everything looks like a nail” ;-).

  9. Stefan

    @Roland: Und wenn diese Filter von Entscheidungsträgern benutzt werden? Krankenkassen, Ärzten, Profilern, Arbeitgebern? Darum gehts in dem Buch.

  10. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Ja, darum geht es -auch. Und das ist eine hier im Werbeblogger immer wieder thematisierte Diskussion um Fragen des Datenschutzes und Datenauswertung, auch übrigens bei Mafo und werberelevanten Statistiken. Ich stimme FS übrigens ausdrücklich zu, dass wir eine breite Diskussion über die Kontrolle unserer Daten und den sich anschließenden Auswertungen brauchen. Den Anfang könnten die Nutzer selbst machen, indem nicht alles, was “Suche” heißt, automatisch auch “Google” bedeuten muss. Oder ein medienkompetentes Bewusstsein über das, was wir überall freiwillig an Daten preisgeben.
    Ich zitier mich da mal selbst:
    “Wer also so bereitwillig über sich und sein Privatleben Auskunft gibt, hat schon längst freiwillig mit allen Grundsätzen gebrochen, die Datenschützer immer wieder anmahnen.
    Es wundert daher eigentlich überhaupt nicht, dass Facebook nun auf die Idee kommt, diese “Auskunftsbereitschaft” zu monetarisieren. Den Pfad zu diesem neuerlichen Geschäftsmodell haben die Nutzer selbst gelegt, mich eingeschlossen.”
    werbeblogger.de/2009...
    Was die Gesundheitskarte betrifft und den “gläsernen” Patienten, liegt der Fall wieder etwas anders und vor allem bei Vater Staat, der vermeindliche Sicherheit über die Freiheit stellt.

  11. ramses101

    @Stefan: Das ist aber nicht das Kernthema des Buches. Wäre doch auch langweilig, zu der Frage, was es bedeutet, wenn Maschinen und Daten mein Leben bestimmen, kann es eigentlich keine zwei Meinungen geben. Die Frage, wie das Internet unser Denken verändert, finde ich hingegen nach wie vor hochgradig interessant. Wem das ähnlich geht, dem sei folgender Link ans Herz gelegt, bei em es genau darum geht:

    edge.org/q2010/q10_1...

    Gefunden übrigens auf FAZ-Online ;-)

  12. Wie hat das Internet mein Denken verändert? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Wie hat das Internet mein Denken verändert?

    [...] Sie ist für mich das höchste Gut. Freiheit bedeutet für mich aber auch, mich befreien zu können von Dingen, die mich überfordern. Konkret: Wenn mir die Lifestreams, Feeds und Mails aus dem ganzen Socialmediadingens auf den [...]

  13. Mensch. Maschine. Musik. Voice Band für das iPhone. Genial. | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Mensch. Maschine. Musik. Voice Band für das iPhone. Genial.

    [...] zur Verfügung stellen, generell eher überfordert sind. Damit meine ich nicht so sehr die Schirrmachsche Flut von Informationen, sondern die schlichte Funktionsvielfalt an Software-Programmoptionen. Da ist in der PC-Welt noch [...]

  14. Clay Shirky: “It’s Not Information Overload. It’s Filter Failure.” | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Clay Shirky: “It’s Not Information Overload. It’s

    [...] prinzipiell uninteressant fände: Gerne las ich Rolands Einträge zu dem Thema (aktuell hier und hier und hier) und empfehle sie als Lektüre zum aktuellen Stand der [...]

  15. Deutsche Post erklärt die Welt: Postwurf interessanter & nützlicher als das Internet | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Deutsche Post erklärt die Welt: Postwurf interessanter & n

    [...] Ein weiteres wichtiges Ergebnis: “Durch das große Medien-Angebot fühlten sich außerdem 29 Prozent der 16-29-Jährigen und 51 Prozent in der Generation 60plus überfordert.” Überfordert! Frank Schirrmacher ist überall. [...]

  16. United Internet vs. Microsoft: Ist Spam-Menge eine geeignete Meßgröße für Mailkonten-Qualität? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » United Internet vs. Microsoft: Ist Spam-Menge eine ge

    [...] ist ein hervorragendes Beispiel dafür, warum die von verschiedenen Buchautoren bejammerte digitale Disruption kein Problem von “Information Overload” ist, sondern [...]

  17. Das Leben im Flow. Selbstbestimmung statt Körperverletzung. | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    [...] ausgelöst. Vor allem der FAZ-Mitherausgeber und Buchautor Frank Schirrmacher steht mit seinem Titel “Payback” im Mittelpunkt, eine Gegenthese stellt u.a. Clay Shirky auf und das “Slow Media Manifest” greift das [...]

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